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Marshal Crown – Band 52

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Atlantis Teil 2

Gerade als die beiden Hamburger sich von ihren Plätzen erhoben, trat ein anderes weißes Paar in eine schräg gegenüberliegende Loge ein. Ein Herr und eine Dame, beide in großer Abendtoilette. Der Herr, Ende der Dreißiger, eine hochgewachsene Gestalt, groß und mager, mit einem schmalen, langen Gesicht. Die dünnen, rotblonden Augenbrauen wölbten sich über hellgrauen Augen. Ein nervöses Blinzeln ließ die Augen sich häufig schließen. Um die schmalen, dünnen Lippen lag ein leises Lächeln.

An den Börsen von New York und Chicago kannte man dieses stete Lächeln, und man fürchtete es. Auch Klaus Tredrup wäre nicht so seelenruhig, wie er es jetzt tat, aus dem Zirkus geschritten, wenn er diese Züge noch erkannt, seinen alten Widersacher und Rivalen Guy Rouse hier gesehen hätte.

Aber Guy Rouse sah den Hamburger, drehte sich blitzschnell um und flüsterte dem Logendiener ein Wort zu. Dann eilte er zu seiner Dame, die, unbeirrt von den vielen Gläsern und Blicken, die sich auf sie richteten, an der Brüstung stand, und half ihr aus dem Abendcape.

Das Aufsehen, das sie erregte, war wohl berechtigt. Juanita Alameda war in der Tat eine blendende, eine vollkommene Schönheit. Die tadellose Figur mit höchster Eleganz gekleidet.

Als Guy Rouse sich eben setzen wollte, trat ein schwarzer Gentleman in unauffälliger Kleidung an ihn heran. Ein paar geflüsterte Worte vonseiten des Amerikaners, ein kurzes Nicken des Schwarzen, der sich daraufhin sofort wieder entfernte.

Guy Rouse ließ sich nieder und nahm das Opernglas vor die Augen. Er richtete es auf die Vorgänge in der Manege. Aber hinter den Okularen des Glases wandten sich seine Augen scharf zur Seite, zu seiner Nachbarin hin. Die schien interessiert den Jockeikünsten dort unten zu folgen.

»Findest du nicht auch, Juanita, dass der Besuch hier außerordentlich lohnt? Man sieht doch recht Interessantes!«

»Wie meinst du das?«

»Nun! Ist denn nicht der Anblick des Zuschauerraums allein den Besuch wert? Sieh nur die Loge des Kultusministers mit Familie. Die Dame neben dem Minister … der tiefe Rückenausschnitt der hellroten Seidenrobe kontrastiert doch recht eigenartig mit der schwarzen Haut … Das Girl vor ihr, ihre Tochter, hat wenigstens zwei Töpfe Pomade aufgewandt, um ihr Kraushaar zu dieser Glätte zu zwingen. Ihr Schmuck genügt übrigens, um zehn Amerikanerinnen aus der 5th Avenue reichlich zu versorgen … Der junge Gent an ihrer Seite, dem der weiße Kragen die Ohrläppchen wundscheuert, wird demnächst Legationssekretär in Washington. Ist ihr Bräutigam. Du wirst Gelegenheit haben, das junge Paar wiederzusehen. Übrigens trotz seiner Jugend ein kolossal gewandter Bursche. Er hat drüben bei uns in New Orleans seine Studien absolviert. Beherrscht ein halbes Dutzend Sprachen. Findest du nicht auch, dass …«

»Wie meintest du eben? Sagtest du etwas, Guy?«

Er biss sich auf die Lippen, und ein unbestimmter Ausdruck trat in seine Züge.

»Oh! … Ich sagte dir etwas von dem Spaß, den ich hatte, als ich hier eintrat.«

Jetzt wandte sie sich ganz zu ihm hin und sah ihn forschend an.

»Du amüsierst dich?«

Er nickte.

»Gewiss, ich habe mich gefreut!«

»… gefreut?«

»Aber ja! Es macht doch Freude, wenn man einen alten Bekannten wiedersieht.«

»… einen alten Bekannten?«

»Wozu noch die Fragen? Lassen wir das Spiel. Ich bewundere dich. Ich gratuliere dir zu deiner Selbstbeherrschung. Sie war meisterhaft! Nur wer dich so kennt wie ich … so in deinen Augen lesen kann wie ich, konnte bemerken, dass du ihn auch gesehen hast.«

»Wen meinst du?«, kam es schwach, fast tonlos von Juanitas Lippen.

»Well! Unseren gemeinsamen Freund, deinen speziellen Jugendfreund … Mr. Tredrup.«

Juanita zerknitterte nervös das Programm. Minutenlang starrte sie geradeaus.

»Was hast du mit ihm vor?«

»Ich? Mit ihm? Ich glaube, du überschätzt mein Interesse an Mr. Tredrup.« Er lächelte müde und grausam zugleich.

»Ja! … Ich schätze, dass dein Interesse an Tredrup … Du weißt … wie du mich kennst, kenne ich dich auch … Wer war der Mann, der hier vorhin zu dir in die Loge trat?«

»Ein Kriminalbeamter! Das letzte Zusammentreffen mit Mr. Tredrup war, wie du weißt, nicht ganz ohne Gefahr für mich. Gefahr gehe ich, wenn es sich machen lässt, aus dem Wege. Ein nochmaliges Zusammentreffen mit ihm könnte wieder gewisse Gefahren mit sich bringen. Für mich … vielleicht auch für ihn. Wir bleiben noch einige Tage hier. Der Herr von der Polizei wird mir Nachricht geben, wie es um Mister Tredrup hier steht.«

»Guy!« Fast flehend hatte es geklungen.

»Bitte, Juanita!«

»Guy! … Ich bitte dich!«

»Du bittest, Juanita? Um was?«

»Schone ihn! Schone sein Leben!«

Er sah geradeaus an ihr vorbei. Das stete Lächeln um seine Lippen war geschwunden.

»Guy!«, kam es nochmals dringend, »schone ihn um der Liebe willen …«

»… die du einst für Mr. Tredrup empfandest und vielleicht heute noch …«

»Guy!«

»Oder meinst du die Liebe … unsere Liebe?«

Das alte, harte und lüsterne Lächeln spielte wieder um seinen Mund.

»Oder meinst du unsere Liebe?«

»Guy! Ich weiß, ich gehöre dir … du verfügst über mich, wie es dir gefällt. Du weißt, wie oft ich dir nützlich war … und noch sein werde. Du weißt auch, dass das glänzende Leben, das ich an deiner Seite führe, dass das nicht … aber …«

»Aber? Juanita! Du beliebtest soeben aber zu sagen?«

»Ja! Aber … es gibt Grenzen! Grenzen, wo mein Herz …«

»Dein Herz? Gehört dein Herz nicht mir, Juanita?«

»Guy, hüte dich!«

»Du scherzest, Juanita!«

In diesem Augenblick kam der Kriminalbeamte wieder zurück, trat zu Guy Rouse in die Loge, übergab ihm einen Zettel mit der gewünschten Adresse und flüsterte ihm einige Worte zu.

Sorgfältig barg Rouse den Zettel in seiner Brieftasche.

Dann klatschte er mechanisch Beifall, denn soeben erschienen die Mitglieder der Anaconda-Tauchertruppe wieder über der Wasseroberfläche, nachdem sie allerlei Wasserkunststücke gezeigt hatten.

»Köstlich! Köstlich, diese schwarzen Stielaugen, wie sie die weißen Wasserweiblein beinah verschlingen! Allerdings, wunderbare Körper haben diese Taucherinnen! Na, sie werden hier sicherlich hoch bezahlt werden.«

Die Vorführungen der Tauchergruppe waren beendet. In der nun folgenden Pause flammten neue Nachrichten des Pressedienstes an der Decke auf.

Panama, den 18. März, abends 6 Uhr 45 Min. Ortszeit.
Die Minen von Kilometer 60 bis 70 sind geladen. Die Bohrlöcher der Schlussstrecke von Kilometer 70 bis 73 sind mit Erreichung einer Tiefe von 1,5 Kilometern vollendet. Die Ausmeißelung der Sprengkammern auf diesem letzten Teil der Strecke hat begonnen. Die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten ist durchaus für die gleichzeitige Sprengung sämtlicher Minen.

Oslo, den 17. März, abends 6 Uhr 30 Min. Ortszeit.
Die aus allen Teilen des Landes gesammelten Resolutionen sind soeben an die europäische Zentralregierung in Bern abgegangen. Norwegen verlangt von Bern nochmals energischen Protest gegen gleichzeitige Sprengung aller Panamaminen.

Timbuktu, den 18. März, abends 7 Uhr 30 Min.
Die Kaiserliche Regierung hat beschlossen, die Anfahrung des sechsten Kilometers im Kaiser-Augustus-Schacht durch einen feierlichen Akt zu begehen. Seine Majestät allerhöchst wird selbst geruhen, an der bedeutungsvollen Feier teilzunehmen.

Als die letzte Nachricht erschien, durchbrauste mächtiger Applaus den ganzen großen Zirkus. Aller Blicke richteten sich auf die Hofloge. Es lebe der Kaiser!

Als die spontane Kundgebung verrauscht war, begannen die Reihen sich langsam zu leeren. Die große Pause hatte begonnen und lockte einen erheblichen Teil des Publikums in das Foyer.

Guy Rouse wandte sich an Juanita.

»Ich verlasse dich für einen Moment. Ich habe ein paar dringende Fragen an unseren Botschafter zu richten.«

Als Guy Rouse gegangen war, verließ auch Juanita die Loge und trat in den Rundgang, um sich in das Foyer zu begeben. Da erblickte sie den Kriminalbeamten, der vor Kurzem die Adresse Rouse gegeben hatte. Im Augenblick zog sie einen goldenen Bleistift aus der Tasche, schrieb in aller Eile auf die Rückseite des Programms ein paar Worte und winkte dem Beamten gleichzeitig mit den Augen. Dann drehte sie sich zur Loge zurück und ließ dabei wie unabsichtlich den Fächer fallen.

Der Kriminalbeamte verstand im Augenblick, sprang hinzu und überreichte ihr den verlorenen Fächer.

Während sie ihn entgegennahm, reichte sie dem Beamten das zusammengefaltete Programm.

»Von Mr. Rouse für Mr. Tredrup.«

Kaum hatte der Beamte sie verlassen, als Rouse zurückkam.

Als er Juanita außerhalb der Loge traf, warf er einen misstrauischen Blick um sich.

»Wo wolltest du hin, Juanita?«

»Ich wollte ins Foyer. Die Luft hier ist entsetzlich … aber das unverschämte und zudringliche Anstarren da draußen ist mir noch mehr zuwider. Ich möchte nach Hause. Mein Kopf schmerzt.«

»Ich habe soeben von unserem Botschafter erfahren, dass der Kaiser den Zirkus verlässt und mich um 9 Uhr 30 im Schloss erwartet. Wir kehren sofort ins Hotel zurück.«

 

***

 

Sie saßen beim Obermoser und waren nicht mehr beim ersten Glas.

»Wie ist’s, Herr Uhlenkort, wollen wir die Kalebassen noch einmal volllaufen lassen?«

Klaus Tredrup, der alte Wittweidaer Studiker, schwenkte seinen leeren Krug nach dem Büfett hin.

»Meine drei Tage sind bald rum. An dem Teufelsloch am Tschadsee gibt’s solchen Stoff nicht!«

Ohne die Antwort abzuwarten, hob er seinen Krug hoch.

»Noch zwei Volle, Herr Obermoser aus Minka!«

Walter Uhlenkort nickte belustigt.

»Der Stoff ist tadellos. Der könnte sich am Stachus in München sehen lassen. Die verwöhnteste Zunge kann damit zufrieden sein.«

Der dicke Obermoser kam und setzte zwei schäumende Krüge vor die beiden hin.

»Wohl bekomm’s! Dös is eaner a Bier! Dös haben’s net glaubt, dos dös in Timbuktu finden täten, Herr Uhlenkort!«

»Na, wie mundet denn das den Schwarzen, Herr Obermoser?«, fragte Uhlenkort. »Ich habe da im Vorbeigehen Ihren schwarzen Stammtisch nebenan bewundert.«

»Ja, Herr Uhlenkort«, schmunzelte der dicke Wirt, »das hätt’ ich selber zu Anfang net geglaubt, daß sich die schwarzen Brüder so an den Stoff gewöhnen würden. Ich hatte nur weiße Gäste erwartet. Aber jetzt habe ich hier einen schwarzen Stamm, der ist auf den Geschmack gekommen. Es sind Leutchen dabei, die ihre zehn Maß hintereinander auslecken, und zwar Exportbier, Herr Uhlenkort … Wollen die Herren die neusten Nachrichten lesen? … Na, das mit dem Teufelsschacht, das wissen Sie ja schon, Herr Tredrup.«

»Was denn?«

»Na, die große Einweihungsfeier.«

»Nein, davon wissen wir ja noch gar nichts! Her mit den Nachrichten.«

Obermoser lief, so schnell es seine Rundlichkeit erlaubte, in den Nebenraum.

Durch die offene Tür hörte man das polternde Treiben am schwarzen Stammtisch.

»Wie im Münchner Brauhauskeller«, gab Uhlenkort lachend von sich.

Der Wirt kam zurück und legte die letzte Abendausgabe des Zentralafrikanischen Reichs- und Staatsanzeigers auf den Tisch.

»Da unten, da können Sie’s lesen«, sagte er.

Tredrup überflog das Blatt und las die Notiz, dass Seine Majestät entschlossen wären, selbst zur Einweihungsfeier des sechsten Kilometers des Tschadsee-Schachtes nach Mineapolis zu kommen.

»Donnerwetter noch mal! Das ist ja eine nette Überraschung. Dieser Entschluss muss sehr plötzlich gefasst worden sein. Unser Oberbonze in Mineapolis wusste noch nichts davon, als ich abfuhr. Da mag es ja da unten munter zugehen. Alle Wetter, da werde ich wohl schon morgen telegrafisch zurückgerufen werden.«

Er setzte seinen Krug an und tat einen gewaltigen Zug.

»Dann ist das hier sicherlich nicht mein letzter Krug heute gewesen. Jetzt ist Tied, Tredrup … Obermoser, noch einen … Herr Obermoser!«

»Halt mal! Herr Uhlenkort, jetzt böte sich auch für Sie vielleicht Gelegenheit, an den Schacht zu kommen. Sicherlich werden die europäischen Diplomaten eingeladen werden. Ich sagte Ihnen vorhin, dass man kaum einen Schwarzen, geschweige denn einen Weißen, der nicht direkt mit den Bauten zu tun hat, in die Baustelle einschmuggeln kann. Es heißt hier wie im alten Europa: Das Betreten der Baustelle ist Unbefugten strengstens verboten. Aber wenn Sie in Begleitung Ihres Botschafters hinkommen, ließe sich die Sache am Ende machen.«

»Der Gedanke ist gut, Herr Tredrup. Ich werde mich morgen früh bei unserem Botschafter melden lassen und hoffe bestimmt, auf diese Weise den Bau zu sehen. Wir sind doch in Europa recht neugierig. Sie wissen ja, dass solche Projekte auch bei uns aufgetaucht sind … besonders als sich die Erdölvorkommen dem riesig angestiegenen Bedarf nicht mehr gewachsen zeigten und man zur Ausbeutung der mächtigen Kohlenlager Spitzbergens überging … Aber alle diese Projekte sind ihrer Sinnlosigkeit wegen immer wieder verworfen worden.

Das letzte Mal hatte der amerikanische Ingenieur Grimmaud dafür Propaganda gemacht. In Europa hat er kein Glück gehabt, aber Augustus Salvator ist seiner Beredsamkeit unterlegen … wie es scheint … oder sollte er doch mal wieder schlauer gewesen sein als alle anderen?«

»Wie meinen Sie das, Herr Uhlenkort?«

Dabei betrachtete er Uhlenkort mit aufmerksamen Blicken. Der zuckte die Achseln.

»Nun, ich denke mir, dass der Plan, einen tausend Meter weiten Schacht so tief in die Erde einzubringen, das man die Erdwärme technisch im größten Stil ausnutzen und viele Hunderttausend Pferdestärken … nein, Millionen von Pferdestärken damit gewinnen kann, ein Plan, der von den Fachleuten der ganzen Welt als töricht und unmöglich und nicht lohnend verlacht wird – dass ein solcher Plan kaum geeignet ist, einen Mann wie den Kaiser Augustus, einen genialen, scharfsinnigen, überlegenen Mann, zu veranlassen, Staatsgelder im Betrag vieler Milliarden hineinzustecken, um sich schließlich zum Gespött der Welt zu machen.«

»Hallo, Herr Uhlenkort! Wie kommen Sie darauf? Was meinen Sie?«

Uhlenkort schaute prüfend in das Gesicht seines Gegenübers und lächelte leicht.

»Nun, mein lieber Herr Tredrup, ich denke vielleicht genau dasselbe, was Sie auch denken.«

»Deubel noch mal! Können Sie Gedanken lesen? Woher wissen Sie, ob ich denke und was ich denke?«

»Herr Tredrup, zum Diplomaten sind Sie nicht geboren, die verschiedenen Krüge Pschorr nicht zu vergessen. Ihr Gesicht sagt mir, dass Sie was denken, und ich glaube auch zu wissen, was Sie sich denken.«

Einen Augenblick saß Tredrup stumm. Dann tat er einen tiefen Atemzug und rief:

»Prost, Herr Uhlenkort! Dass ich nicht zum Diplomaten geboren bin … große Schmeichelei … diese Bande ist mir alles andere als sympathisch … Hol’s der Teufel … aber trotz der verschiedenen Krüge halte ich Sie doch für einen der schlauesten … Burschen, die unter Gottes Sonne herumlaufen. Denn … was ich vermute, will ich gar nicht sagen. Sie scheinen’s ja zu wissen. Wird es aber Wahrheit, dann hat der Kaiser Augustus, dieser schwarze Augustus, einen Erfolg, der ihm eine Handvoll starker Trümpfe gibt. Aber zur Sache! Woher kommt Ihnen dieses Wissen? Oder vielmehr, was wissen Sie denn eigentlich? Wozu wollen wir unter uns Hamburgern noch weiter Versteck spielen?«

Statt Antwort zu geben, benetzte Uhlenkort seinen Zeigefinger in dem Untersatz seines Glases und malte auf die Eichenplatte des Tisches die chemische Formel CaC2 und wischte sie sofort wieder weg, sobald Tredrup einen Blick darauf geworfen hatte.

»Karbid! Damn me! God bless your nose! Ihr Riecher ist nicht schlecht!«

»Ich sagte Ihnen bereits, dass Sie zum Diplomaten keine besonderen Talente haben. Wände haben Ohren! … Überall in der Welt. Sie schreien ein Wort in die Landschaft, Herr Tredrup, das heute vielleicht noch bedeutungslos, morgen, aus Ihrem Mund gesprochen, Verletzung eines Staatsgeheimnisses ist.«

Tredrup schlug sich mit der Hand auf den Mund.

»Die vielen Biere! Sonst hält Klaus Tredrup besser dicht. Sie werden die Bedeutung vielleicht noch höher einschätzen als ich. Sie haben recht, die Sache ist nicht ganz ungefährlich. Aber heut’ Abend wollen wir nicht mehr davon sprechen. Nein! Lieber irgendwo anders, in Gottes freier Natur, wo keine Wände und keine Ohren zu fürchten sind. Auf alle Fälle werde ich Ihnen vor meiner Abreise noch Nachricht geben. Eine Aussprache über diese Frage ist unbedingt notwendig. Auch darüber, wie man den Schwarzen diesen Trumpf aus der Hand nehmen könnte.«

»Wie? Wie meinen Sie das!«, rief Uhlenkort erregt.

Tredrup warf einen Blick in die Runde und drückte den Finger auf den Mund.

»Nun, Herr Obermoser«, wandte er sich an den eintretenden Wirt, »wollen Sie frischen Anstich melden?«

»Nein, Herr Tredrup«, sagte der Wirt, »es ist jemand draußen, der Sie sprechen möchte.«

Bei diesen Worten machte er ein kaum merkliches Zeichen … Polizei.

Tredrup stutzte einen Augenblick, dann ging er mit dem Wirt zur Tür.

Durch die geöffnete Tür trat jener schwarze Gentleman, der mit Guy Rouse und dann später mit Juanita gesprochen hatte. Er murmelte ein paar undeutliche Worte und fragte dann: »Sind Sie Herr Klaus Tredrup?«

»Klaus Tredrup! Sie wünschen?«

»Ich bin beauftragt, Ihnen dieses zu überreichen.«

Mit einer leichten Verneigung verließ der Beamte den Raum.

Verwundert betrachtete Tredrup den zusammengefalteten Zettel. Ein Zirkusprogramm? Er trat unter die Lampe, entfaltete das Papier und begann zu lesen, was auf der Rückseite geschrieben stand. Es war eine kurze Notiz, in spanischer Sprache geschrieben.

Tredrup wendete das Blatt hin und her. Es zitterte in seiner Hand. Er besah es von allen Seiten, und seine Augen kehrten zu den wenigen Zeilen zurück. Wieder glitten seine Blicke über den Text. Dann ließ er das Blatt sinken und stand starr, wie geistesabwesend.

Bilder schienen an ihm vorüberzuziehen. Der Kanal … der Kanal von Panama … das kleine Montegna … Juanita … und da war Guy Rouse … Guy Rouse …

Seine Rechte ballte sich zur Faust. Ein tiefes Atemholen, dann gab er sich einen Ruck. Mit langsamen Schritten kehrte er an seinen Platz zurück.

Uhlenkort hatte mit Staunen und Teilnahme die kurze Szene beobachtet.

»Bekamen Sie eine unangenehme Nachricht, Herr Tredrup?«

Tredrup schob ihm das Blatt zu.

Die wenigen auf der Rückseite des Programms gekritzelten Worte lauteten:

Hüte dich! Denke an Montegna! Ein einfaches J war die Unterschrift.

»Ihnen droht eine Gefahr, Herr Tredrup. Kann ich Ihnen nützlich sein? Soweit es in meinen Kräften steht, stelle ich mich Ihnen zur Verfügung.«

Tredrup richtete sich auf, wie aus einem schweren Traum erwachend.

»Eine kurze Geschichte … wie sie in der Welt tausendmal passiert. Ich war bei den Arbeiten am Panamakanal tätig. Ich war wie hier Ingenieur … Mineningenieur bei den großen Bohrungen.«

Uhlenkort merkte auf und sah ihn mit gesteigertem Interesse an.

»Sie waren auch bei den großen Bohrungen am Panamakanal mit tätig?«

Tredrup nickte. »Zwei Jahre war ich da unten und wäre heute noch da, wenn nicht eben diese kleine Geschichte seinerzeit passiert wäre.«

Er schob seinen Krug beiseite und rückte näher an den Tisch heran.

»Ja, da war ich … und da war ein alter Mann, ein Mexikaner … ein Bohrmeister aus meiner Abteilung, und da war dessen Tochter … Juanita. Auch außerhalb der Arbeitsstunden kam ich häufig mit dem alten Alameda zusammen. Kam auch in sein Häuschen, das ein paar Kilometer von der Kanalstrecke landeinwärts lag und das er mit seiner Tochter Juanita zusammen bewohnte.

Juanita war damals achtzehn Jahre … Was soll ich Ihnen weiter sagen … Schön und rein wie der junge Morgen. Wir liebten uns! … Ja, wir liebten uns …«

Ein kurzes ironisches Lachen verzerrte seinen Mund.

»Liebten uns, bis er kam … er … dieser Rouse. Der große Rouse! … Sie kennen ihn …«

»Mr. Guy Rouse!« Walter Uhlenkort beugte sich weit vornüber … »Rouse, der Präsident der neuen Kanalgesellschaft?«

»Derselbe … Seine Leidenschaft beschränkt sich nicht auf seine Milliarden allein. Sie kennen ihn? … Seine faszinierende Person! Seine Gabe, sich jedes Wesen gefügig zu machen, das er irgendwie zu gebrauchen gedenkt, versagte auch hier nicht. Wie er es fertigbrachte …?

Er brachte es fertig … Eines Tages war Juanita verschwunden, ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Alle, die sie kannten, waren ratlos. Ihr Vater, der alte Pedro Alameda, war verzweifelt. Man dachte an einen Unglücksfall. Es bot sich damals in den Sprengfeldern des Kanalgebietes mehr als eine Gelegenheit dazu.

Ich allein ahnte sofort, was geschehen war! Die Nachforschungen, die ich im Geheimen anstellte, bestätigten es. Sie war ein Opfer von Guy Rouse geworden.

Ich versuchte zu ihm vorzudringen. Es gelang nicht. Ich stellte ihn auf der Straße, als er in seinen Kraftwagen steigen wollte. Ich sagte ihm die Wahrheit ins Gesicht. Er leugnete … lächelnd.

Dies Lächeln brachte mich zur Raserei. Ich schlug zu, mitten in das Lächeln hinein. Er taumelte.

Ich floh! … Nicht aus Furcht … Juanita wollte ich suchen … Ich fand sie bald, er hatte sie nicht versteckt, wie ich glaubte … nein! Ich fand sie an seiner Seite als große Weltdame. Seine Geldmacht genügte auch hier, um alle Mäuler verstummen zu lassen. Ich sah sie als seine Begleiterin bei Festen, umschwärmt von einer Schar von Verehrern aus den besten Kreisen … lachend und froh …

Ich gab sie auf … Weg von allem, was an Juanita erinnern konnte … Am Tschadsee konnte man Leute wie mich gebrauchen, und mir kam es gelegen. Ich war der Welt reichlich müde. Die Enttäuschung war zu niederschmetternd gewesen.

Seit drei Jahren sitze ich nun an dem verteufelten Schacht, komme selten mal weg von da, nach Timbuktu meistenteils … glaubte vergessen zu haben, glaubte auch mich vergessen … und jetzt. Da!«

Er schlug auf das Blatt.

Uhlenkort antwortete: »Wenn ich richtig vermute, sind Juanita und Guy Rouse hier in Timbuktu. Sie haben Sie gesehen. Die Warnung kommt von Juanita. Was werden Sie tun?«

»Ich werde … Ich weiß noch nicht! … Erst klaren Kopf … den werde ich morgen früh haben … Gehen wir jetzt?«

»Ich bin bereit! Ich wohne im Hotel Astoria. Und Sie?«

»Nicht weit davon … In dem Millerschen Boardinghouse. Wir haben denselben Weg.«

Draußen empfing sie die Kühle der Nacht. Tredrup zog seinen Hut und strich sich durch das volle Blondhaar.

Ihr Weg führte über die breite Esplanade, die sich vom kaiserlichen Schloss zum Augustus-Park hinzog.

Neue Nachrichten des Pressedienstes. Die Riesenfront des Astoria-Hotels schien in Flammen zu stehen. In allen wichtigen Weltsprachen flackerten die Nachrichten in Leuchtschrift über die Fassade.

Paris, den 18. März, 8 Uhr abends.
Krawalle vor der amerikanischen Botschaft. Polizei vermochte nur mit Mühe die erregte Menge am Eindringen zu verhindern. Deputierte aus der Normandie und der Bretagne halten aufreizende Reden an die Massen. Verlangen Übersendung scharfer Protestnote an die USA wegen der geplanten Sprengungen.

Bern, den 18. März, 8 Uhr 25 Min. abends.
Die Sitzung des europäischen Parlaments beginnt morgen Vormittag um 11 Uhr.

New York, 2 Uhr 30 Min. amerikanischer Zeit.
Die Aktien der New Canal Cy. fielen an der Nachtbörse um zehn Punkte.

Das Licht erlosch.

»Na, allerhand Neues.«

»Aber wenig Schönes.«

»Jedenfalls nichts vom Augustus-Schacht. Vielleicht war es eine Ente mit der Feier des sechsten Kilometers. Gute Nacht, Herr Uhlenkort. Es bleibt bei unserer Verabredung.«

»Jawohl, hier oder in Mineapolis!«

 

***