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Paraforce Band 38

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Der Freibeuter – Unerwartete Verfügung

Der Freibeuter
Erster Teil
Kapitel 7

Unerwartete Verfügung

Als Kapitän Norcroß mit dem geheimnisvollen Fremden Hand in Hand wieder aus der Kajüte trat, war es Abend geworden. Über das leicht bewegte Meer zitterte das Abendrot in tausend und aber tausend reflektierenden Lichtern, der Wind war umgesprungen und kam, obgleich nur in matten Stößen, von Osten. Schlaff hing das Segeltuch an den Masten und Rahen, und die Letzteren klapperten eintönig an den nicht angezogenen Tauen, denn es hatte des Kapitäns befehlendes Wort gemangelt. Lieutenant Gad hatte sich sogleich nach erhaltenem Befehl an Bord des Schoners begeben, um mit demselben nach Nordost zu steuern. Die Verwundeten waren in ihre Hängematten gebracht worden. Juel Swale hatte bereits hier und da auf dem Verdeck vergossenes Blut abgescheuert. Der dritte Teil der Mannschaft war dem Lieutenant gefolgt. Die nicht verwundeten Dänen hatten sich in die Ecken zurückgezogen. Nur die Rekruten, welche nicht Ursache hatten, mit ihrem Los unzufrieden zu sein, hatten sich mit den müßigen Burschen der Graf Mörner um den bejahrten Steuermann versammelt und schenkten seinen klugen Sprüchen und Erzählungen ein aufmerksames Ohr. Ebbe Reetz war das Orakel des Schiffes, und dass man gewohnt war, sich in allen Fällen seine Meinung zu erbitten, bewies jetzt die Anrede des Kapitäns, welcher mit dem Fremden heraufgekommen war.

»Reetz, wann werden wir bei diesem uns nicht günstigen Wind in Stockholm sein?«

»Es kommt allein darauf an, wie Ihr zu fahren gedenkt, ob mit halbem Wind zwischen der Landspitze und Bornholm hindurch an den gefährlichen Ertholmen hin, oder aber direkt gegen den Wind um die bornholmische Sandbank herum.«

»Ich denke, wir tun keines von beiden bei diesem Wind. Was haltet Ihr vom Wetter? Das Abendrot könnte uns wohl sicher machen.«

»Herr«, sagte der Steuermann langsam und nachdrücklich, »ich bin ein geborener Däne und war noch nicht von der Größe und dem Alter jenes flinken Buben, da nahm mich mein Vater, der Unterlieutenant auf dem Linienschiff Die Königin war, schon mit gegen die Schweden, als der holländische Admiral Ruyter den Dänen im Sund zu Hilfe kam. Herr Gott! Das sind 56 Jahre und ich war damals sechs bis sieben Jahre alt und konnte kaum das Geitau am Ende schleppen. Das war bald nach dem schrecklichen Sturm der Schweden auf Kopenhagen in der argen Winternacht des 11. Februar 1659, wo der König Karl Gustav, unseres Königs Majestät Großvater, die Hälfte seines Heeres, seine besten Generäle und seinen hohen Kriegsruhm verlor. Ich war ein Kind, aber ich verstand den Jubel, der damals durch ganz Dänemark schallte. Danach ging ich mit meinem Vater zur See und habe in der Zeit nicht viel mehr Land betreten, als was man mit einem Sechzigpfünder überschießen kann. Ich kenne das Gewässer hierum vom Finnischen Meerbusen bis zum Skagerrak und noch weiter nach Westen, Süden und Norden, wie diese meine rechte Hand, mit der ich nun schon so manches liebe Jahr das Steuer gelenkt habe. Denn ich habe den Russen gedient, seit der Zar Peter sich zuerst aufs Meer gewagt hatte, und bin nun schon wieder, seit des Königs Majestät aus der Türkei zurück ist. Das sind fast zwei Jahre in schwedischen Diensten, gelockt von den schönen Versprechungen, die der König allen erfahrenen Seeleuten machte, die auf seinen Kaperschiffen fahren wollten. Ich habe sechzehn Seeschlachten mitgemacht in diesem Meer. Ich habe unter dem großen Seehelden Juel gedient. Junge, du kannst stolz sein, seinen Namen zu führen. Wenn ich Euch sage, dass ich alle Fahrwasser, Klippen und Sandbänke in diesem Meer kenne, wie die Züge und Linien in meiner Hand, so will ich damit nicht geprahlt, sondern nur so viel gesagt haben, dass ich trotz meines Alters und ziemlicher Kenntnis des Meeres doch den Himmel und das Wetter nicht so weghabe, wie ich oft in meinem törichten Wahn glaubte. Es ist ein schweres Ding um die Kenntnis des Wetters, und ich habe in meinem Leben nur eine Seele gekannt, die sich darauf verstand. Das war ein Orlogschiffsmann und blieb vor Hamburg, als der vorige König von Dänemark dieser Stadt hart zusetzte und die Huldigung von ihr verlangte. Das Wenige, was ich weiß, habe ich von dem braven Kai Lyke gelernt. Gott habe ihn selig.«

Die Gesichtszüge des alten Mannes nahmen einen schlaffen frommen Ausdruck an. Er faltete die Hände und blickte wie gleichgültig zum westlichen Himmel, wo aus dem verschwindenden Abendrot ein weißer gekräuselter Wolkenstreif aufschoss und nach Osten zu immer breiter sich entfaltend hinzog, bis er, im weiten Halbkreis, vom mächtigen Horizont verschlungen wurde.

Der Kapitän hatte die lange Erörterung mit Geduld angehört und dann und wann durch ein freundliches Nicken seine Zufriedenheit mit den Äußerungen des bejahrten Steuermanns zu erkennen gegeben.

Er sagte mit gnädigem Gesicht: »Uns allen, und vorzüglich mir, ist Eure Bescheidenheit wohl bekannt, Meister Reetz. Sagt mir nun, was haltet Ihr vom Wetter nach Eurer schlichten Meinung, und danach wird sich ergeben, wann wir, um Bornholm bei schlimmen und durch die Meerenge bei gutem Wetter steuernd, auf direkter Fahrt in Stockholm sein können. Denn ich leugne nicht, ich sehne mich nach Rast und möchte die Ehre haben, unserem allerdurchlauchtigsten König die allerliebste Prise selbst zu überbringen. Es ist das neunte Schiff auf dieser Fahrt, welches ich aufgebracht und nach Stockholm geschickt habe. Und fürwahr, es ist nicht das Schlechteste. Also, Eure Meinung, wackerer Meister, rund heraus und weiter nichts.«

»Wenn Ihr weiter nichts von mir verlangt, Kapitän, als was ich in meinem alten Kopf aufbringe, so muss ich Euch sagen, dass mir dieser Wolkenstrich nicht sonderlich gefallen will. Ich denke, diese Nacht werden wir noch Ruhe haben, aber morgen Nachmittag kann’s kommen. Es naht jetzt die Zeit der Stürme. Die Monate, welche ein R haben, schnarchen den Schiffsleuten übel in die Ohren. Der Erste fängt sachte an, der Zweite wird schon wilder. Wir haben bald Ende Oktober und der Dritte wird uns sein R durch alle Rippen und Planken pfeifen und der Leinwand und dem Takelwerk manch’ knarrendes Wörtchen sagen. Wenn wir nun auch noch nicht in Ystad anlegen, so wär’s am besten, wir gingen durch die bornholmischen Gewässer und liefen in Kalskrona ein, warteten ab, was der Himmel verfügt, und trieben dann weiter.«

»Schönsten Dank, Meister«, sagte der Kapitän, drückte dem an seiner Lederkappe rückenden Greis die Hand, und wandte sich wieder zu Flaxmann, den unterdessen die Matrosen mit scheuen Blicken gemessen hatten.

Als sie sich einige Schritte entfernt hatten, sagte Norcroß vertraulich: »Ich wollte mir nun den Kopf abschlagen lassen auf die Gewissheit, dass wir morgen Abend Sturm haben. Der Alte ist unser untrügliches Wetterglas, und wie er in allen nordischen Meeren jede Klippe, jedes Fahrwasser, jede Untiefe und Sandbank kennt und selten das Lot zur Hand zu nehmen braucht, um die Tiefe an den Küsten zu erforschen, so kennt er auch jedes Wölkchen am Himmel und weiß, was es zu bedeuten hat. Man muss aber allemal seine ganze Lebensgeschichte in compendio hören, wenn man ihn um etwa fragt. Ich bin das gewohnt und schätze deshalb den mir nützlichen Mann nicht minder. Erlaubt nun, dass ich Euch noch einige Instruktionen gebe. Denn wie ich Euch schon gesagt habe, morgen Abend muss das Werk ausgeführt sein, bevor der Sturm beginnt.«

»Ihr seid mein Engel, Kapitän!«, rief Flaxmann mit einem dankbaren Blick.

Beide standen lange im Hintergrund, über den die Nacht schon ihre Schleier breitete, und sprachen heimlich zusammen, von den Blicken der Schiffsleute beobachtet, die sich über die schnelle Freundschaft der beiden jungen Männer nicht genug wundern konnten und ihre eben nicht scharfsinnigen Bemerkungen meist von der Faselei des Chirurgus erzeugt, laut und leise machten.

Der Kapitän trat heran und sagte zu dem flinken Schiffsjungen: »Juel, ruf’ dem Schoner zu, dass er sich zu uns verfüge. Ich habe dem Lieutenant Gad Notwendiges zu sagen.« Sogleich sprang der Junge an die Kanone, die ihm zur Bedienung anvertraut war, und ehe noch Norcroß zu dem Fremden zurückgekehrt war, flammte die feurige Zunge über das Meer durch die dunkle Nacht, und die düstere Wasserfläche wurde auf einen Augenblick weithin erhellt, und der gewaltige Ruf rollte donnernd darüber hin. Kaum war die Einladung verhallt, so sah man den Schiffsjungen schon wieder auf dem Verdeck mit einer ungeheuren Laterne, in welcher eine ganze Flamme statt Licht brannte. Wie ein Eichhörnchen am Baumstamm kletterte der Knabe in der Finsternis an den Tauen und Rahen hinauf und erreichte bald den Mastkorb, wo die Laterne als Zeichen für das befreundete Schiff aufgehängt wurde. Es war noch keine Viertelstunde vergangen, so hörte man schon am Rauschen des Wassers die Ankunft des Schoners. Der Kapitän ließ die Fallreetreppe auswerfen und befahl dem Führer, sich herüber zu verfügen. Der Lieutenant erschien auf dem Verdeck der Graf Mörner. Beim Schein einiger Laternen, welche in der Nähe am Fockmast befestigt waren, hatte sich die ganze Schiffsmannschaft zusammengedrängt, um zu erfahren, was diese unerwartete Verfügung veranlasst haben möchte.

»Lieutenant Gad«, redete der Kapitän diesen im Angesicht aller an, »es macht sich notwendig, dass ich Euch nicht allein das Kommando des erbeuteten Schoners, sondern auch der Fregatte selbst auf 24 bis 36 Stunden übertrage. Ich bin überzeugt, Ihr werdet mein Vertrauen rechtfertigen. Unser Bootsmann mag unterdessen sich an Bord des Schoners begeben und dort den Befehl haben. Nähert Euch morgen am Tage der schwedischen Küste, und lauft, wenn es dunkel geworden ist und ich noch nicht wieder zu Euch gestoßen bin, in den Ystader Hafen ein. Dort erwartet mich. Sollte Euch morgen etwas auffallen, was unserem König Nutzen oder Schaden bringen könnte, so werdet Ihr dasjenige mit Verstand und Tapferkeit tun, was einem Schweden und treuen Diener seines Königs zukommt.«

»Man soll die Schaluppe herrichten!«, befahl der Kapitän den gaffenden Matrosen, und die Burschen purzelten übereinander, um die erhaltene Weisung zu vollziehen.

»Juel Swale!«, rief der Kapitän dem Schiffsjungen zu: »Du scheuerst dich jetzt von Kopf bis Fuß in Seewasser und fährst dann in deine Livree. Nachher will ich dich noch mit Eau de Lyon einsalben, damit dir der Teergeruch etwas vergehe. Ferner schaffst du meine Staatskleider mit allem, was dazugehört, ins Boot. Vergiss nicht, einige Strickleitern und Waffen für sechzehn Mann mitzunehmen, wir könnten sie brauchen.«

Bald war das Befohlene in der Kajüte des Bootes, und beim Schein der Laternenlampen sah man die nackte Gestalt des Schiffsjungen um das Boot herum sich in die dunklen Gewässer tauchen und trotz der herbstnächtlichen Kälte derselben sich behaglich bewegen. Es verging keine Viertelstunde, während welcher die auf das Boot beorderten Matrosen ihre Vorkehrungen zur Abfahrt machten, als Juel Swale in einen netten Jockey umgewandelt vor seinem Herrn trat.

Der Kapitän lobte ihn und wandte sich zum Steuermann: »Wohlan, Meister Reetz, Eurer Vorsorge wollen wir uns in dieser dunklen Nacht anvertrauen. Ihr sollt uns führen. Euer Dienst soll unterdessen nicht zu Eurer Unzufriedenheit versehen werden. Dafür bürgt Euch Lieutenant Gad.«

Der Steuermann befolgte schweigend den Befehl und begab sich in die Schaluppe. »Lieutenant Gad«, sprach der Kapitän weiter, »Herr Flaxmann hier wird sich an Bord des Schoners begeben. Da er im Seewesen keineswegs unerfahren ist, so werdet Ihr Euch nötigenfalls mit ihm verständigen. Wenn er auch gerade nicht als Kommandeur auftreten will, so werden die Leute des Schoners doch wohl tun, seinen Weisungen zu folgen.«

Der Lieutenant war nicht weniger sowohl über diese neue Verfügung als auch über das ungewöhnliche und vom Kapitän stark betonte Prädikat »Herr« erstaunt, welches der Kapitän dem dänischen Rekruten beilegte. Doch an strengen Befehl gewöhnt, verbeugte er sich, obgleich mit einem leisen Kopfschütteln. Bald darauf ertönte der Ruf des Steuermanns aus dem Boot, dass bis auf den Kapitän alles zur Abfahrt bereit sei, und Norcroß geleitete den geheimnisvollen Fremden höflich an Bord des Schoners. Dort hatten sie zusammen eine lange geheime Unterredung, und der Kapitän schied endlich nach einer von vielen Schiffsleuten bemerkten herzlichen Umarmung und begab sich auf die Schaluppe. Dort hüllte er sich in seinen Mantel. Auch Juel wurde mit einem anständigen Überkleid versehen. Der Steuermann sah den Kapitän fragend an, aber dieser wartete ruhig, bis Schoner und Fregatte so weit entfernt waren, dass das Boot von dort aus nicht mehr gesehen werden konnte.

Dann sagte er laut: »Westsüdwest!« Sogleich strichen die starken Burschen die langen Riemen mit Kraft, und das leichte Fahrzeug flog auf der dunklen Meerflut wie ein vom Bogen abgeschnellter Pfeil dahin.

»Meint Ihr, Reetz, dass wir vor Tagesanbruch in Kopenhagen sein könnten?«, fragte der Kapitän den Steuermann leise.

»Herr Gott!«, versetzte dieser, »so fragte der König Christian V. von Dänemark in dem für Schweden gar bösen Jahr 1677, nachdem er die Insel Rügen eingenommen hatte und wieder nach Kopenhagen zurückfahren wollte. Es war am 16. Oktober, es ist mir noch in Erinnerung, als wenn es vor drei Wochen geschehen wäre. Ich hatte wohl allerlei am Himmel bemerkt, was mir nicht absonderlich gefiel. Aber ich war ein junges Blut, Unterbootsmann und verstand nichts vom Wetter. Als nun der König fragte, stand ich nicht weit davon. Der Kapitän der Fregatte, die bestimmt war, den Herrn zu tragen, antwortete kurz und als hätte er dem lieben Herrgott ins Logbuch gesehen oder wisse um seine Geheimnisse, weil er sich mit ihm duzte. Diese Nacht werden Eure Majestät in Höchstdero Bette schlafen. Ich dachte: Na, Sturm und Wind kehren sich an keines Königs Majestät, und wenn sie daher brausen in ihrer Gewalt, dann müssen die mächtigsten Herren der Erde schweigen. Zehn Schiffe begleiteten den König als Geschwader. Nachmittags blies aber des Herrn Odem und warf uns umher. Die Nacht kam heran und die bösen Anzeichen des Himmels machten uns allen Angst und bange. Die See tobte fürchterlich und warf uns nach Südosten, sodass der König, wenn er noch hätte hoffen dürfen, vom Himmel verschont zu werden, fürchten musste, den Schweden in die Hände zu fallen. Da habe ich erfahren, welch’ ein armseliger Mensch ein König ist, wenn die Hand des wahrhaftigen Königs des Himmels und der Erde über ihm schwebt. Da habe ich einen König beten sehen aus Herzens Grund und ohne Heuchelei, und das ist fürwahr eine Seltenheit. Ich will Euch aber nur das gesagt haben, auf Eure Frage, Kapitän, dass die Antwort nur der weiß, der die Stürme erregt und besänftigt und in dessen Hand das Weltmeer ein Tropfen ist, der vom Hauch seines Mundes erzittert. Denn denkt Euch, Kapitän, der Sturm hielt damals fünf Tage und vier Nächte an, und schon am zweiten Tag frühmorgens, als es hell wurde, sahen wir kein einziges Schiff mehr vom Geschwader des Königs. Wir warfen einen Anker aus, aber das Tau zerriss, als wenn ein Knäblein einen Zwirnsfaden zerreißt. Wir verloren nacheinander die drei großen Anker. Der Sturm zerbrach das Steuer und riss es fort, und schon am dritten Tag hatten wir kein Boot mehr. Da war die Not groß, aber sie sollte noch größer werden. Denn in der dritten Nacht wurden wir an ein Felsenriff, wahrscheinlich an der Küste von Blekinge, geschleudert, welches das Schiff so sehr beschädigte, dass das Wasser so stark wie ein Mann hereindrang und kaum mit vier Pumpen, an welchen die ganze Schiffsmannschaft arbeitete, ausgeschöpft werden konnte. Die Brandung warf uns in die See zurück und wir sahen unserem Untergang jede Minute entgegen. Der König war auf seinen Tod vorbereitet und sah, wie ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat, in den Kampf der Elemente. In dieser äußersten Not befahl der Kapitän den kleinen uns allein noch übrig gebliebenen Anker auszuwerfen – es war zum Lachen. Denn die drei großen waren verloren gegangen, und keiner hatte eine Viertelstunde gehalten. Was sollte uns der kleine nützen? Aber der Herr bedient sich gar oft eines unscheinbaren Werkzeuges, um Wunder damit zu verrichten und sich daran zu offenbaren. Das gute und trostreiche Sprichwort Wenn die Not am höchsten, ist die Hülf’ am nächsten bewährte sich am König von Dänemark. Der Anker – begreife es einer – hielt fest und rettete uns alle vor dem Tode. Als nun am fünften Tag der Sturm nachgelassen hatte und der Himmel wieder blau über uns hing, lichteten wir den Anker. Der König hat ihn nachher vergolden und zum ewigen Gedenken im Zeughaus aufhängen lassen. Aber wir hatten ja keine Steuer mehr und durften nicht wagen, die Segel zu setzen, um nicht an die schwedische Küste geworfen zu werden. So trieben wir denn noch zwei Tage und zwei Nächte kreuz und quer auf der See umher, bis wir endlich auf der bornholmischen Sandbank – Ihr kennt sie, Kapitän, sie läuft wohl an die zwölf Meilen südwestlich von Bornholm und ist an manchen Stellen zwei bis drei Meilen breit – festsaßen, vier Meilen von der Insel. Da hingen wir nun und konnten nicht mehr von der Stelle. Zum Glück entdeckte uns ein bornholmischer Schiffer, und so kam denn das Volk in mehr als dreißig Fahrzeugen und holte uns ab. Der König aber schlief erst in der achten Nacht in seinem Bett.«

»Nun, Ihr wisst ja, Reetz«, sagte Norcroß lächelnd, »dass wir kein Bett in Kopenhagen haben, also sagt nur Eure Meinung. Gesetzt den Fall, es stieß’ uns gar nichts auf, und der Himmel bliebe uns günstig, wann glaubt Ihr wohl, dass wir an der Brücke bei Güldenlund anlegen können? Denn in den Hafen dürfen wir nicht hinein, das versteht sich von selbst.« »Wenn Ihr weiter nichts wissen wollt, als meine Meinung, Kapitän, so denk’ ich, dass wir in der dritten Nachtwache anlegen können.«

»Und Ihr kennt jedenfalls gute Schlupfwinkel in der Nähe von Güldenlund, wo Ihr das Boot ein oder zwei Tage verstecken könnt, bis ich mein Geschäft in Kopenhagen abgemacht habe?«

»Es wäre nicht gut«, entgegnete der Steuermann, »wenn ein Mann, dessen Blick, als er zum ersten Mal die Augen aufschlug, auf jenes Meer fiel, welches zwischen Seeland und Schonen sich ausbreitet, und sein langes Leben meist auf diesem Meer zugebracht hat, nicht alle Buchten und Meerzungen, ja was sag’ ich, alle Gestrüppe und Felsenlöcher kennen sollte. Gebt mir Wind und Wasser, wie ich’s brauche, und es soll kein Strich an der Küste von Seeland sein, so weit man ihn mit einem Vierundzwanzigpfünder bestreichen kann, wo ich Euch, und wären die Klippen noch höher und zackiger, nicht dies Boot drei Tage und noch länger verberge. Da war der große Juel, an dem Tage, wo er die schwedische Flotte zerstörte, in Verlegenheit …«

»Nun wohlan!«, rief Norcroß, und verfügte sich in die Kajüte, um sich dem Schlaf zu überlassen, woran ihn des Steuermanns neue Erzählung mit Gewalt mahnte. Doch dieser wurde dadurch verhindert, seine Fata unter dem großen Juel am selben Tag zu erzählen. Da er aber ein sehr duldsamer Mann war, so war er darüber nicht böse, sondern tat unverdrossen seine Schuldigkeit.

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