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Die sechs schlafenden Jungfrauen 1

Die sechs schlafenden Jungfrauen oder: Der schreckliche Zweikampf
Eine furchtbare Ritter- und Geistergeschichte von Wilhelm Bauberger erzählt
Kapitel eins
Die Erscheinung in der Allerseelennacht

Am späten Abend des ersten Novembers im Jahr 1127 stand Ritter Alfred von Steinkopf am gotischen Fenster seiner hohen Burg und schaute mit ernsten Blicken in die empörte Natur hinaus. Furchtbar heulte der Herbststurm, von dem gepeitscht der Regen in Strömen herabschoss. Riesenhafte Eichen erlagen seinem Ungestüm. Flammen durchzuckten manchmal den sternenlosen und finsteren Horizont, und die hereinbrechende Mitternacht schien alle Schrecken der Elemente heraufbeschworen zu haben.

Ritter Alfred kannte in seiner jugendlich mutigen Seele keine Furcht, und doch schauerte es ihn, als mit verstörtem Gesicht und nicht ohne Zittern sein treuer Leibknappe Wolff in das Gemach trat und dem Ritter meldete, das Schlossgesinde glaube, der Jüngste Tag sei nicht mehr fern, und wolle dem Burggeistlichen in die Kapelle folgen, um im Gebet aus dieser Welt zu scheiden. Nicht so bald hatte Wolff sich wieder hinwegbegeben, als Alfred vor dem Bild des Erlösers niederkniete, das ihm ein teures Vermächtnis seiner frommen Ahnen war, und andächtig betete, während sein Ohr den feierlichen und in diesem Augenblick fast schauerlichen Gesang der Knappen, Knechte und Mägde vernahm, welche, den Geistlichen an der Spitze, zu der Kapelle zogen. Eben hatte er sein Gebet beendet und starrte wieder in die Nacht hinaus, als durch einen furchtbaren Stoß die Burg erzitterte und im Gemach des Ritters die brennende Kerze erlosch. Erschreckt bebte der eisenfeste Ritter in seinem Innern, während plötzlich drei hohe feuerrote Flammen aus dem Boden hervorzüngelten und die hehre Gestalt eines geharnischten Ritters daraus emportauchte. Alfred war indessen mutig genug, die Gestalt anzublicken und zu fragen: »Wer bist du und was willst du von mir?«

»Ein Unglücklicher begehrt deine Hilfe«, versetzte mit hohler Stimme die Erscheinung.

»Dem Unglücklichen beizustehen ist Ritterpflicht«, antwortete Alfred. »Steht es in meiner Macht, dir einen Dienst zu erweisen, so sei meiner Hilfe im Voraus gewiss. Aber womit kann ich dir denn eigentlich helfen?«

»So vernimm denn meine Lebensgeschichte!«, sagte die Gestalt, und in demselben Augenblick schien von einer wiederholten Erschütterung die Burg in ihren Grundfesten zu wanken, wodurch einige an der Wand hängende Rüstungen rasselnd zu Boden fielen. Da erbebte auch der ritterliche Alfred. Aber indes winkte die Gestalt mit einem Stäbchen. Feurige Schlangen fuhren in die Höhe und zerplatzten mit Getöse, wodurch der Sturm allmählich nachließ. Die Gestalt begann: »Ich führte stets ein ruchloses Leben. Wild und grausam war mein Herz, besseren Gefühlen unzugänglich. Erst in meinem vierzigsten Jahr dachte ich daran, mir ein Weib zu nehmen, und vermählte mich mit einem liebenswürdigen zwanzigjährigen Fräulein, welches mich in vier Jahren mit sechs schönen Mädchen beschenkte. Diese liebte ich leidenschaftlich, und in eben dem Grad, als meine Zuneigung zu denselben wuchs, empfand ich auffallenderweise mit jedem Tag tieferen Hass gegen meine Gattin. Auf jede nur mögliche Art misshandelte ich sie, und infolgedessen schwand natürlich ihre Schönheit täglich mehr. Ja, einst ließ ich sie im Taumel zu viel genossenen Weines in das tiefste Burgverlies werfen, wo die Arme deren Körper durch die bereits früher ausgestandenen Leiden allzu hart mitgenommen war, den Eindrücken namenloser Pein erlag.«

»Ha, grausamer Barbar!«, schrie Alfred entrüstet, und von gerechtem Unwillen durchglüht wollte er mit gezücktem Schwert auf die Gestalt einhauen.

»Blinder Eifer!«, höhnte die Erscheinung. »Die Toten sind der Wut der Lebenden entrückt.« Und mit diesen Worten öffnete sich das Visier am Helm, aus welchem dem entsetzten Alfred ein Totenschädel entgegengrinste.

»Von da an«, fuhr der Geist mit hohler Grabesstimme wieder fort, »verübte ich, statt meinen Lebenslauf reuig zu ändern, nur noch mehr Schandtaten und trieb es in meiner blutdürstigen Wildheit so weit, dass ich sogar Kinder auf freiem Feld hinmordete, die mich nie beleidigt hatten. Zum Greis vorgerückt, entbrannte ich noch in sündhafter Liebesglut zu einer holdseligen Jungfrau. Sie spottete meiner Gebrechlichkeit, und so ließ ich sie rauben. Da sie sich entschieden sträubte, meine Wünsche zu erfüllen, so stürzte ich sie vom höchsten Turm in das felsige Burgverlies hinab, wo ihr zarter Leib gräulich an den Zacken des Gesteins zerschmetterte.

Mittlerweile waren meine sechs Töchter zu den schönsten Jungfrauen im Land herangewachsen. Eines Tages, da sie mir wiederholt Vorwürfe über meine Grausamkeit machten, zog ich mein Schwert, um auch sie zu ermorden. Aber der Ewige hatte meinem verruchten Leben seine Grenze gesetzt. Ich stürzte in selbem Augenblick tot zur Erde. Als meine Seele sich wiederfand, umgab mich das Innere einer Höhle, und neben mir schlummerten in voller Schönheit meine sechs Töchter. Noch hatte ich mich nicht völlig von meinem Erstaunen erholt, als ein geflügelter Himmelsbote bei mir erschien, der also anhub: ›Unko von Waldstein! Zur Strafe für deine begangenen Sünden sollst du so lange des ewigen Friedens entbehren, bis sich ein reiner Jüngling gefunden hat, der allen Lockungen der Sünde widerstehen kann, und der für diese edlen Jungfrauen sechs sarazenische Jünglinge, rein und schuldlos wie er selbst, mit hier herbringt, um sie in treuer Liebe fürs Leben zu dauerndem Glück zu verbinden. Aber nur alle hundert Jahre darfst du einen Jüngling dir erwählen, und nicht eher wird dein Geist Ruhe finden, bis diese Bedingungen erfüllt sind.‹

Der zürnende Bote verschwand und fest prägten sich seine Worte in mein Gedächtnis. In den ersten zehn Jahren fand ich Gelegenheit, einen tapferen Jüngling zu wählen, doch widerstand er den Lockungen zur Sünde nicht. Auch der Zweite hielt die Feuerprobe nicht aus, und verzweiflungsvoll irrte ich seit dieser Zeit umher. Endlich ist es mir vergönnt, wieder einen Jüngling zu wählen, und meine Wahl ist auf dich gefallen. Sprich, edler Ritter, willst du meinem Geist Ruhe schaffen und meine Kinder zu neuem Leben erwecken?«

»Ich gebe dir mein Ritterwort, dass ich alles zu deiner Erlösung tun will«, rief Alfred und schlug zur Beteuerung an sein Schwert.

»Jedes Mal zur Stunde der Mitternacht kann ich dir erscheinen«, belehrte ihn der Geist und bittend fügte er hinzu: »Bedenke meine Erlösung und das Glück meiner schlafenden Kinder. Bald sehen wir uns wieder!«

Im Nu waren die drei Flammen und der Geist verschwunden. Die Kerze brannte wieder und verwundert ob dieses Vorfalls starrte Alfred noch zu der Stelle, wo der Geist gestanden hatte, als der Leibknappe Wolff wieder heiter in das Gemach trat. »Alle Heiligen haben unser Gebet erhört«, sprach er freudig, »das schreckliche Unwetter hat sich bereits gelegt. Das war jetzt doch ein Toben und Brausen, als ob der Jüngste Tag im Anzug wäre.«

Alfred öffnete ein Fenster und sah zu seinem Erstaunen die schwarzen Wolken am Horizont verschwunden, und an deren Stelle den freundlichen blauen Himmel, durch dessen unermessliche Räume viele Tausend Sterne ihre blinkenden Lichter sendeten. Auch der wütende Sturm hatte ausgetobt und Stille herrschte über der Gegend, durch welcher die Nachtluft mit herbstlich kühlen Flügeln strich.

Wolff hatte die Rüstungen wieder an ihre Plätze aufgehangen und wünschte, sich entfernend, seinem Herrn eine gute Nacht. Der Ritter aber vermochte noch nicht zu ruhen. Er dachte der gehabten Erscheinung und der übernommenen Aufgabe nach und verzweifelte fast an der Möglichkeit der Ausführung, die endlich die Ermüdung seines Körpers ihre Rechte geltend machte und ein der Betäubung ähnlicher Schlummer seinen aufgeregten Geist bewältigte.