Download-Tipps

Des Teufels Abenteuer …

Archive
Folgt uns auch auf

Wie viel Unsinn ist in einer Story erlaubt?

Wie viel Unsinn ist in einer Story erlaubt?

Heute gehe ich einer Frage nach, die sicherlich schon einige Leser und auch Autoren beschäftigt hat. Wie viel Unsinn ist in einer Story erlaubt, wenn eine Geschichte oder ein Roman der Fantasie des Autors entspringt?

Darf er jede Realität über Bord werfen, nur weil es eine fiktive Geschichte ist?

Oder ist es wichtig, die Realität, soweit es geht, zu achten und nur in den entscheidenden Punkten ins Fantastische abzugleiten?

Ich beginne mit Die Mordfalter, eine Folge der Larry Brent-Serie.

Wie ich schon häufiger schrieb, war diese Serie lange prägend für mich, Dan Shocker ein Vorbild. Ohne ihn und seine Romane hätte ich vielleicht nie begonnen, selbst Horror-Romane zu schreiben.

Vieles, was damals geschrieben wurde, wirkt heute natürlich veraltet oder ist gar obsolet. Würde Dan Shocker die Romane heute schreiben, da bin ich mir sicher, würde manches anders klingen.

In besagtem Roman jedenfalls geht es darum, dass Falter den Menschen durch hauchdünne Stachel das Rückenmark aussaugen, ohne dass diese es merken.

Damals sorgte dies für Grusel, heute könnte man das keinem Leser anbieten; allein schon, weil man solche Dinge heute in TV-Serien aller Art sieht.

Nun hat Shocker seine Romane geschrieben, als die Menschen die Wahl zwischen ARD, ZDF und dem Dritten hatten. Nehmen wir darum ein modernes Beispiel – The Dead Zone, eine kostenfrei erhältliche »inszenierte Lesung«. Und dessen erste Folge strotzt nur so von … Absonderlichkeiten.

Ich zitiere einen Teil der Beschreibung:

Irgendwo in Afrika wird in einem geheimen Labor ein aggressiver Virus herangezüchtet, der die Hungersnot in der Dritten Welt bekämpfen soll.

Die Idee dahinter, dass der Virus das Hungergefühl unterdrückt und die Menschen somit vor einem langsamen qualvollen Tod bewahrt, stößt zunächst weltweit auf positive Resonanz.

Man erhofft sich dadurch genügend Zeit zu gewinnen, um Vorkehrungen zu treffen, den in den Krisengebieten lebenden Menschen beim Aufbau lebenswichtiger Ressourcen zu helfen.

Als der Virus jedoch in die Testphase geht, geschieht etwas Unvorhergesehenes. Er mutiert, verändert die DNA der Betroffenen und verwandelt die Menschen in fleischfressende Bestien.

Innerhalb einer kurzen Zeitspanne breitet sich die gefährliche Infektion auf der gesamten Welt aus.

Doch damit nicht genug.

Der Virus mutiert immer weiter. Er ist darüber hinaus imstande, totes Gewebe zu reanimieren, und macht sogar vor der Tierwelt nicht Halt.

Da haben wir den Salat.

Die gute Idee, das Hungergefühl der Menschen zu unterdrücken, damit diese nicht mehr verhungern, schlägt fehl und das eingesetzte Virus verändert am Ende gar die DNS des Menschen, sodass dieser zu einem Zombie wird. Ja, ja, der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert!

Schauen wir uns das einmal an.

Menschen soll also per Virus das Hungerfühl genommen werden, damit sie nicht verhungern.

Das ist – gelinde gesagt – Unsinn!

Die Menschen in Afrika sterben nicht am Hungergefühl, sondern an massiven Mangelerscheinungen. Angefangen von Vitaminen und Spurenelementen bis hin zu den unabdingbaren Nahrungsbestandteilen Fett, Eiweiß und Kohlehydrate fehlt diesen Menschen alles. Das führt zu Erkrankungen, das Immunsystem bricht zusammen und der Körper beginnt, sich selbst zu verzehren. Eiweiß wird aus den Muskeln abgebaut – am Ende sogar aus dem Herzmuskel. Selbst wenn man den Menschen also das Hungergefühl nehmen würde – was man heute schon einigermaßen durch Serotoningabe kann –, würden sie dennoch sterben.

Auch die Sache mit der DNS ist eher … unwahrscheinlich. Die Gene eines Menschen zu ändern ist hoch komplex. Natürlich kann ein Virus die Zelle angreifen und deren DNS so verändern, dass es Viren produziert. Aber das dürfte hier nicht gemeint sein.

Zumal dieser Vorgang LEBENDE Zellen voraussetzt – das Virus muss in den Körper gelangen. Das ist bei Toten jedoch nicht mehr möglich. Leichen produzieren keine DNS, die ein Erreger verändern könnte.

Aber gut …

Die Story selbst besteht überwiegend aus Radio-Durchsagen und den Reaktionen des Protagonisten dieser Folge auf diese Durchsagen.

Auch hier hätte der Autor ein wenig besser recherchieren sollen. Da die Handlung in den USA angesiedelt ist, sagt der Sprecher, dass der Präsident evakuiert worden sei – und beschwert sich, dass sich das Staatsoberhaupt aus dem Staub machen würde.

Das ist Quatsch!

Natürlich wird die Regierung in Sicherheit gebracht; im Falle einer Krise besteigen der Präsident und die erreichbaren Regierungsvertreter die Air Force One und werden an einen sicheren Ort gebracht, denn auch in Krisenzeiten muss jemand die Kontrolle behalten. Es würde niemandem nützen, hätten sie einen Zombie-Präsidenten. (Nein, das war nun keine Anspielung auf Obama! Obwohl … Wenn ich darüber nachdenke … 😉 )

Ein Beispiel für ein solches Vorgehen ist der 11. September 2001 – als klar wurde, dass weitere Anschläge möglich sind, stieg Bush in die Air Force One und diese hob ab, eskortiert von Kampfjets.

Abgesehen davon, dass solch ein Vorgehen richtig und normal ist, kommt gerade in den USA noch etwas hinzu – in Krisenzeiten schalten sie den Patriotismus-Turbo ein. Die Menschen, und wenn sie sich eine Minute zuvor noch wie räudige Straßenköter gebalgt haben, halten zusammen und arbeiten daran, die Krise zu überstehen. Kein Sprecher würde in diesem Moment auch nur ein schlechtes Wort über den Präsidenten sagen.

Was alles sagt uns das?

Kann man sagen: „Nun ja, es gibt ja auch keine Zombies, also kann auch alles andere Unsinn sein? Scheiß auf Körperfunktionen und Logik, denn mit den Zombies ist der Autor schon so weit außerhalb jeder Logik, dass es darauf nicht mehr ankommt?

Ich denke: NEIN!

Natürlich kann niemand voraussetzen, dass ein Autor in jedem Gebiet, über das er schreibt, bewandert ist.

Das bin ich auch nicht!

Meiner Meinung nach gilt aber hier die Regel: Man muss nicht alles wissen, aber man muss wissen, wo alles steht!

In Zeiten von Internet und Social Media ist es einfach, Fakten zu recherchieren. Man braucht ein paar Minuten, nicht mehr.

Eine Story wirkt in meinen Augen sehr viel mehr, wenn man sich eng an die Realität hält und nur dort davon abweicht, wo es unerlässlich ist (gewisse Genres wie High Fantasy einmal ausgeschlossen, diese müssen nur innerhalb ihrer Welt logisch sein).

Setzt man mir hingegen eine Geschichte vor, die bereits in den Ansätzen jeder Logik entbehrt, ist dies im besten Falle amüsant, im schlechtesten Fall ärgerlich. Denn dann denke ich, dass der Autor keine Lust hatte, seine Arbeit ordentlich zu erledigen.

Aber dies ist meine Meinung. Die Debatte ist eröffnet – wie sehen es unsere Besucher?

Zustimmung?

Widerworte?

Die Kommentar-Felder dürfen befüllt werden J

(ga)

22 Antworten auf Wie viel Unsinn ist in einer Story erlaubt?