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Im Gespräch mit Thilo Corzilius

Im Gespräch mit Thilo Corzilius

Glaubt man den Angaben auf seinem Blog, ist Thilo Corzilius ein »Spinner«, »Traumtänzer« und »Kopfzerbrecher«. Offenbar Eigenschaften, die ihn zum Glück für die Phantastikwelt in eine Schriftstellerkarriere getrieben haben: 2011 erschien sein viel gelobtes und in Rekordzeit bei Agentur und Verlag untergebrachtes Debüt, der Urban Fantasy-Roman Ravinia. Neben einer Fortsetzung (Epicordia) folgten Ausflüge in die romantische Phantastik (Der Herr der Laternen) und die historische Fantasy (Lang lebe die Nacht). 2013 veröffentlichte Piper Corzilius‘ Dorn, einen klassischen High Fantasy-Roman, der insgesamt glücklicherweise mehr auf Atmosphäre als auf Schlachtengemetzel setzt. 2014 folgte im Rhode Verlag die ein wenig an Whedons Firefly erinnernde, sechsbändige Space Opera Foregone. Im neuen Jahr hat der Autor gleich in mehrfacher Hinsicht neue Ufer angesteuert: als frischgebackener Thrillerautor (König Tod) und Selfpublisher.


Geisterspiegel: Hallo Thilo. Ja, du bist also unter die Selfpublisher gegangen, indem du bei Neobooks einen Roman und eine Kurzgeschichte veröffentlicht hast. Wie kam’s? Und wie sind deine bisherigen Erfahrungen mit dieser Art des Veröffentlichens?

Thilo Corzilius: Hallo. Danke für die Einladung zum Interview. Das mit dem Self Publishing kam so: Ich schreibe gerne, was mich gerade interessiert und was ich selbst gerne lesen würde. Und da ich nicht nur gerne Phantastisches lese, kam ich irgendwann auch einmal mit der Idee zu einem Thriller daher. Meine Agentur zeigte sich zwar begeistert, aber alle Angebote, die durch Vermittlungsversuche reinkamen, lauteten ungefähr so: »Wir machen ein E-Book-only draus und zahlen Dir keine Garantiesumme.«

Da war das Manuskript allerdings schon geschrieben. Weil ich den Stoff jedoch trotzdem gut fand, habe ich mich daraufhin kurz sortiert und dann beschlossen, die Do-it-yourself-Schiene zu fahren. Einfach nur um zu wissen, wie es ist. Das gute Stück kann qualitativ wirklich mithalten und die Reaktionen sind bisher durchweg positiv. Ich bin sehr zufrieden, dass das alles so glatt gelaufen ist. Reich bin ich bisher damit nicht geworden aber jetzt kann ich im Selfpublisher-Bereich zumindest mal mitreden und weiß, was Sache ist.

Geisterspiegel: Gehen wir mal zwei Jahre zurück und zu deinem High Fantasy-Roman Dorn. Insbesondere am Anfang des Romans hatte ich ein starkes »back to the roots«-Gefühl: Bedeutungsschwangere Objekte, entwicklungsreiche Reisen und ein Held, dessen größte Verfehlung darin besteht, zu altruistisch zu sein. Wolltest du damit bewusst einen Kontrapunkt zum Grim&Gritty-Trend setzen?

Thilo Corzilius: Nein, Weltenbau und Story stammen ja größtenteils aus meiner Teenager-Zeit und da habe ich mir um so etwas wie Trends offen gestanden überhaupt keine Gedanken gemacht, sondern wollte einfach meine eigene Fantasy gestalten. Als es dann dazu kam, dass ich mit Piper einen High-Fantasy-Roman vereinbart hatte, wollte ich meine Sache vor allem gut machen, ich hatte ja mittlerweile ein paar Bücher weit Erfahrung. Aber von der Story, wie sie grundsätzlich angelegt war, bin ich nicht mehr abgewichen – quasi ein Teenagertraum, den ich mir erfüllen durfte. Wenn die Geschichte als Kontrapunkt zu aktuellen Trends empfunden wird, war sie von mir zumindest nicht so intendiert.

Aber wenn wir von Fantasy-Trends sprechen: Leute wie z. B. Patrick Rothfuss oder Anthony Ryan sind ja zurzeit sehr erfolgreiche Fantasy-Autoren, die ich jetzt nicht unbedingt bei »Grim&Gritty« einordnen würde …

Geisterspiegel: Man merkt Dorn deine Liebe zum Weltenbau an: Die Orte, die du beschreibst, stehen für mehr als die Ereignisse, die dort während des Romans stattfinden und Mythen und Geschichten kreieren eine Atmosphäre, die über die eigentliche Handlung hinausgeht. Außerdem hast du beispielsweise auf der Role Play Convention gemeinsam mit Uwe Reckzeh einen Weltenbau-Workshop angeboten. Ist das allgemein etwas, worauf du viel Wert legst? Oder ist das eher deiner besonderen Liebe zum Kontinent Dorn und seiner Welt gewidmet?

Thilo Corzilius: Dorn nimmt schon eine Sonderstellung ein, weil ich mich damit nun seit über anderthalb Jahrzehnten befasse. Es gibt noch so unendlich viel Material, aus dem man schöpfen könnte – da freut es mich natürlich, wenn man das merkt. Aber generell habe ich eine Vorliebe dafür, Welten zu auszutüfteln – ob jetzt ganze Fantasyreiche oder bloß Mikrokosmen wie eine einzige Stadt. Ich mag es vor allem, das alles so zu entwerfen, dass es nicht nur mich selbst in seinen Bann zieht, sondern auch andere unterhält. Und mit der Zeit beobachtet man viele kleinere und größere Mechanismen, die eine gewisse Glaubwürdigkeit einer erdachten Welt heraufbeschwören. Wenn man einem Fantasyroman anmerkt, dass die Welt links und rechts neben dem Storypfad eigentlich leer ist, empfand ich das noch nie als besonders ansprechend oder gar spannend.

Geisterspiegel: Gibt es eigentlich einen besonderen Grund dafür, dass du dich entschieden hast, dein Elfenvolk als »Elben« zu bezeichnen, was innerhalb der modernen Fantasyliteratur ja doch recht tolkienesk wirkt?

Thilo Corzilius: Ich finde, »Elben« klingt eine ganze Spur eleganter und entsprach in meiner Vorstellung den entsprechenden Wesen der Welt Dorn besser, als wenn ich sie »Elfen« genannt hätte. Eigentlich ganz einfach, der Findungsprozess. Und völlig meinem subjektiven Empfinden geschuldet.

Das Wort ist ja keine Erfindung Tolkiens oder gar tolkienexklusiv, deshalb hatte ich auch kein Problem damit, es zu verwenden. Aber in einer Lesermail habe ich dafür tatsächlich auch mal böse auf die Finger bekommen. Wie ich es angesichts des Großmeisters Tolkien bloß wagen könnte, dieses Volk »Elben« zu nennen … es war wirklich so formuliert, als hätte ich ein Sakrileg begangen. Skurril.

Geisterspiegel: Nach Dorn hast du dich u.a. in Richtung Science Fiction gewagt und im Rohde Verlag die Reihe Foregone veröffentlicht. Gab es hierfür eigentlich externe Exposéautoren wie bei einigen anderen Romanserien üblich oder zeichnest du dich auch für Handlung und Storyidee verantwortlich?

Thilo Corzilius: Auch das war etwas, das ich unbedingt mal schreiben wollte. Eine klassische Space-Opera, die irgendwo zwischen Millenium Falcon, Firefly und Mass Effect pendelt. Die Storyidee sowie der grobe Ablauf kommen von mir. Alle Details habe ich dann in einer sehr langen Nacht zusammen mit Uwe Reckzeh entworfen. Auch die Exposés für die sechs Episoden zu je 100 Seiten. Es schien einfach das passende Format zu sein.

Geisterspiegel: Die Folgen sind ja jeweils im Abstand von nur zwei Wochen erschienen. Hast du sie dann am Stück geschrieben oder nacheinander? Inwiefern hat sich die Arbeit an Foregone überhaupt von der an einem deiner Romane unterschieden?

Thilo Corzilius: Durch den Episoden-Charakter hatte es schon etwas Anderes als das Arbeiten an einem einzigen Roman. Die gesamte Staffel braucht einen Metaplot aber jede Episode braucht auch einen eigenen, interessanten Plot, einen guten Twist und einen eigenen Spannungsbogen. Zudem kann man sich nicht endlos viel Zeit für Nebenschauplätze nehmen, weil die einem die Seiten für das Wesentliche wegfressen. Es galt also, in puncto dramaturgisches Planen und Timen noch mal eine Schippe draufzulegen.
Als das alles stand, habe ich die Episoden nacheinander weggeschrieben, allerdings deutlich vor ihrem Erscheinen. Der Zwei-Wochen-Rhythmus entzerrte vor allem die Arbeit im Verlag, schätze ich.

Geisterspiegel: Gerade im letzten Jahr haben viele Verlage mal mehr, mal weniger erfolgreich den Versuch gestartet, über E-Book-Serien Serienromanen zu einer Renaissance zu verhelfen bzw. sie präsenter zu machen. Wie stehst du solchen Konzepten aus Autoren- oder auch Lesersicht gegenüber? Wo siehst du Vorteile, wo Nachteile?

Thilo Corzilius: Ich war nie ein großer Verfolger von Endlos-Serien – auch nicht im Fernsehen. Ich schätze gute Enden (und gute Plottwists dorthin) einfach viel zu sehr. Nichtsdestotrotz kann ich den Charme hinter einigem nachvollziehen, z. B. bei Perry Rhodan, wo man ein relativ komplexes Universum mit Geschichten und immer neuen Perspektiven füllen kann. Solch lange Serien müssen in meinen Augen entweder einen speziellen Charme besitzen oder aber Glück haben, zur richtigen Zeit die richtigen Leserinnen und Leser zu finden. Und Glück ist am Buchmarkt oft ein immenser Faktor.

Ansonsten finde ich die Entwicklungen im E-Book-Bereich total super. Es gibt tolle Textformate und fantastische Autorinnen und Autoren, die aktuell niemals eine Chance bekommen hätten, wenn der Markt aus Print-only bestehen würde. Es leuchtet mir natürlich ein, dass es für manchen klassischen Verlag äußerst gewöhnungsbedürftig ist, sich dort einzufinden. Wer E-Books nicht mag, hat das Recht sie nicht zu mögen. Aber dass E-Books eine Verrohung oder gar der Untergang unserer Textkultur wären, wie man es manchmal so unken hört, das ist doch ausgemachter Blödsinn. Leute, die so denken und sich so äußern, hätten zu Gutenbergs Zeiten auch geschrien: »Nein, man darf niemals Bücher mit einer Maschine drucken. Die müssen in mühevoller Handarbeit abgeschrieben werden, sonst geht die Kultur dahinter verloren.«

Menschen kaufen, was ihnen gefällt und was sie unterhält. Das haben sie immer schon getan. Und man mag das aus einer gewissen Warte des Hochkulturellen gutheißen oder nicht, aber es ändert nichts.

Geisterspiegel: Dein Debütroman und dessen Fortsetzung waren Urban Fantasy, danach hast du Ausflüge in die High und Historical Fantasy gewagt, es durfte auch mal romantischer werden, du hast eine Space Opera geschrieben und nun veröffentlichst du Thriller. Auf den ersten Blick eine recht heterogene Mischung, auch, was die Inhalte angeht. Siehst du in deinen Werken dennoch ein verbindendes Element, beispielsweise ein wiederkehrendes Motiv?

Thilo Corzilius: So etwas gibt es bei mir zumindest nicht bewusst oder mit Absicht. Sich in dieser Hinsicht allerdings selbst zu analysieren fällt auch schwer bzw. halte ich fast für unmöglich. Selbstverständlich lege ich manchmal Themen, die mich gerade umtreiben in den Subtext meiner Romane (als ich Ravinia geschrieben habe, habe ich parallel sehr viel zum Judentum und zu jüdischer Symbolik gearbeitet, wenn man das herauslesen will, kann man das, wie mir Lesermails attestierten), jedoch wurde davon bislang nie die Handlung oder die Motivation der Figuren bestimmt.

Aber ein wiederkehrendes Grundmotiv gibt es glaube ich nicht.

Geisterspiegel: Welche Veröffentlichungen stehen in nächster Zeit bei dir an?

Es wird voraussichtlich im Herbst einen weiteren Urban-Fantasy-Roman geben, den ich mit meiner (sprachlich unfassbar begabten!) Kollegin Fabienne Siegmund geschrieben habe. Der Arbeitstitel lautet Das Mädchen und der Leuchtturm. Was danach kommt, weiß ich noch nicht genau. Ich denke aktuell an einigen romanfähigen Geschichten herum, die mich brennend interessieren. Konkreteres kann ich aber noch nicht sagen.

Geisterspiegel: Du hast vor, dein Autorendasein demnächst nicht mehr hauptberuflich auszuführen. Was hat dich zu dieser Entscheidung bewogen?

Thilo Corzilius: Ich habe mich ja gar nicht gegen das hauptberufliche Schreiben entschieden. Im Gegenteil: Ich hatte mich nie wirklich dafür entschieden. 2012 war ich fertig studierter Theologe, hatte aber festgestellt, dass ich letztlich doch nicht evangelischer Pfarrer werden wollte. Für ein Promotionsprojekt hatten sich zwar mehr als ausreichend Ideen und Doktorväter gefunden, allerdings keine Geldgeber. Ich hing also ein wenig unentschlossen im Raum. Da ich aber Glück hatte, mit dem Schreiben wenigstens das Niveau meines Studentenlebens weiterfinanzieren zu können, habe ich erst mal das getan. Versteht das bitte nicht falsch, ich habe viele Vorzüge des freien Berufs sehr genießen können – aber letztlich hat es mich in dieser Form nicht so überzeugt, dass ich es den Rest meines Lebens würde tun wollen. Man hat sehr viel Schaffensdruck und außerdem kann es sehr einsam sein. Für jemanden wie mich, der sich ursprünglich vorgenommen hatte, mit und für Menschen zu arbeiten, war das dann doch ein wenig zu viel. Künftig wird Schreiben also wieder zum schönsten Hobby der Welt.

Aber mal ehrlich: Wer hat schon im Lebenslauf stehen, er hätte zwischendurch mal ein paar Jahre als freier Schriftsteller gearbeitet? Das ist schon eine ziemlich coole Sache.

Geisterspiegel: Das ist es. 😉 Danke, dass du dir Zeit für die Fragen genommen hast!

Thilo Corzilius: Ich habe zu danken.


Quellen:

  • Foto des Autors – Copyright Fabian Dombrowski
  • Cover König Tod – Copyright Thilo Corzilius
  • Cover Dorn – Copyright bei Piper
  • Cover Foregone 3 – Copyright bei Rhode Verlag,
  • Cover Lang lebe die Nacht – Copyright bei Feder&Schwert

(ar)

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