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Paraforce Band 10

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Ralf Josten hob seine rechte Hand, die den Stock hielt, und schwang sie über seinem Kopf hin und her. Errol, der fünfjährige Mischlingshund, den Ralf Josten und seine Frau Elke in einem verwahrlosten Tierheim in Griechenland gesehen und schließlich mit nach Deutschland genommen hatten, schaute mit glänzenden Augen und offenem Maul zu ihm hinüber. Was immer der Hund in diesem fürchterlichen Tierheim und auch zuvor erlebt haben mochte, er schien keinen Schaden genommen zu haben. Ganz im Gegenteil war Errol das liebevollste und anhänglichste Tier, das ihnen jemals untergekommen war, als wolle er ihnen beweisen, dass auch Tiere zu Regungen wie Dankbarkeit in der Lage waren. Errol schoss davon, als Ralf den Stock mit aller Kraft fortschleuderte.

Die Sonne schien von einem beinah wolkenlosen Himmel, für April war es außergewöhnlich warm. Die Natur und die Menschen schienen aufzuatmen wie nach einem langen Albtraum, aus dem sie erwacht waren. Der Winter zog sich endlich schmollend zurück, nachdem er bis ins Frühjahr hinein immer wieder Schnee oder eiskalten Regen und böigen Wind ausgespien hatte.

Ein lächelnder Tag, dachte Elke und schmunzelte selber darüber. Aber genauso kam es ihr vor: als lächelte jeder Mensch, der ihnen begegnete, jeder Hund und jeder Vogel, jeder Baum.

»Komm her, Errol!«, hörte sie die Stimme ihres Mannes, und Elke blickte ihn liebevoll an, ohne dass er es bemerkte. Sie empfand eine unendliche Liebe für ihn, ohne dass sie hätte erklären können, was sie in dieser Sekunde zu dieser Einsicht gebracht hätte. Es musste wohl wirklich mit dem traumhaften Wetter zu tun haben.

Langsam schlenderten sie weiter. Der Pfad wurde zu beiden Seiten von Bäumen begrenzt, die Teil eines dichten Waldgebietes waren. Hinter ihnen lag der kleine Ort Fell, in dem sie wohnten, vor ihnen der Nachbarort Thomm, der aber noch ein gutes Stück weg war. Ralf lebte schon sein ganzes Leben hier, er war der erste Josten seit Jahrhunderten, der nichts mehr mit dem Bergbau zu tun hatte, welcher diesen Landstrich einst geprägt hatte. Elke war es nicht leicht gefallen, das bedeutend aufregendere Leben in Trier aufzugeben und im vergleichsweise dörflichen Fell zu leben, aber mittlerweile, nach mehr als drei Jahren, war es ihr gelungen, den Ort und seine Menschen in ihr Herz zu schließen, zumal Trier kaum zwanzig Kilometer entfernt lag, sodass sie mehrmals im Monat dorthin fuhr.

Hätte man Elke gefragt, ihr wäre es nicht schwergefallen, ihr Leben als perfekt einzustufen.

Ralf Josten stapfte über die hohen Farne am Waldrand und suchte den Ast, den Errol nicht in der Lage war zu finden. Mit seinem hellen Hemd, das er sich erst vor wenigen Tagen gekauft hatte, wirkte er wie ein verstockter Waldgeist.

»Such das Stöckchen!«, rief sie laut und lachte, als Ralf und Errol gleichermaßen irritiert zu ihr hinübersahen.

»Sag das deinem unfähigen Hund!«, beschwerte sich Ralf. »Das wäre doch eher sein Job.«

»Mein Hund? Verstehe, wenn er etwas nicht hinbekommt, dann ist es mein Hund. Wenn Leute seinetwegen stehen bleiben und ihn bewundern, dann ist er unser Hund.«

»Falsch«, sagte Ralf und grinste zu ihr hinüber, »dann ist er mein Hund.« Er zögerte kurz, dann rief er mit triumphierender Stimme: »Ah, da ist der verdammte Stock ja.« Er hob ihn auf und ging ein Stück parallel zu dem sonnendurchfluteten Pfad im Wald weiter; nur hin und wieder traf ein Sonnenstrahl seinen kurz geschorenen Kopf. An diesen Anblick musste Elke sich erst noch gewöhnen, da ihr Mann bis vor wenigen Tagen noch halblanges Haar gehabt hatte. Nun wirkte er beinah wie ein ganz anderer Mensch. »Hier ist es schön kühl. Komm doch auch her.«

»Ich gehe ja gerade wegen der Sonne hier. Aber kühl dich ruhig ein wenig ab, wenn du magst.«

Errol rannte zwischen ihnen hin und her, ohne jedoch von dem Stock angelockt zu werden, den Ralf Josten in seiner Hand hielt. Plötzlich blieb der Hund stehen und bellte. Es klang nicht drohend, sondern, so glaubte Elke Josten, eher nach einem ängstlichen Kläffen, doch sie konnte nicht erkennen, wovor der Hund sich fürchtete. Hier war nichts Beängstigendes zu sehen oder zu hören.

»Ruhig, Errol!«, verlangte Ralf, doch das Tier wurde eher noch aufgeregter. Ralf Josten ging auf ihn zu. »Was soll denn das? Mach nicht so einen Lärm!« Er wollte noch etwas sagen, doch plötzlich verlor sein linkes Bein den Halt, und er verschwand bis zur Hüfte im Boden aus weichem Erdreich. Ungelenk prallte er mit dem Oberkörper auf die Erde. Das rechte Bein war nach hinten geknickt; eine unangenehme Haltung, die an Sehnen und Muskeln zerrte. Der Schmerz zog wie ein Stich von der Hüfte bis hinunter zu seinem Bein. Ralf kauerte wie eine betrunkene Balletttänzerin am Boden.

Sein linkes Bein schlenkerte haltlos im Loch, das beträchtlich groß sein musste, da er keinen Grund ertasten konnte. Lediglich gegen dichte, starre Wurzelschlingen stieß er immer wieder. Er verzog missmutig das Gesicht, als er daran dachte, dass seine Kleidung nun mit Gewürm und Dreck Bekanntschaft machte.

»Halt endlich die Klappe!«, rief er seinem Hund boshaft zu, der nun endgültig verrückt spielte und ohne Unterlass kläffte.

»Ralf!«, rief Elke und kam näher, ihre dunkelblauen Augen blickten sorgenvoll. »Hast du dir wehgetan? Mein Gott, wie konnte denn das geschehen? Bist du in einen Kaninchenbau getreten? Hast du dich verletzt?«

Auf all diese Fragen hatte Ralf nur ungenügende Antworten. Er versuchte, sich mit den Armen hochzuhieven, doch es gelang ihm nicht. Sein rechtes Bein, das in schmerzhafter Verrenkung auf dem Boden lag, fand keinen Halt. Mit einem ärgerlichen Schnaufer sackte er wieder zurück.

Er blickte zu Elke hoch, deren Besorgnis gewichen war. Ein leises spöttisches Lächeln deutete sich auf ihrem Gesicht an. »Wie konntest du nur so abstürzen?«

»Sehr witzig«, brummte er, aber auch sein Schreck legte sich nun ein wenig. Nur Errol war noch ein Ausbund an Aufregung, die beinah an Panik erinnerte. »Würdest du mir bitte helfen, aus dem Loch rauszukommen? Vielleicht gibt Errol dann endlich Ruhe. Das Theater, das der Köter veranstaltet, ist ja nicht auszuhalten.«

»Was er nur hat? Ob er etwas wittert?«

»Was weiß ich, was in seinem Hundehirn vor sich geht. Übrigens glaube ich nicht, dass es sich um einen Kaninchenbau handelt. Es ist viel zu groß.«

»Was dann? Ein Bergbauschacht?«

Ralf Josten schüttelte den Kopf. »So nah an der Erdoberfläche sind sie nicht. Aber damit zu tun haben könnte es allerdings schon. Vielleicht handelt sich um irgendwelche Verwerfungen, das mag vorkommen, wenn weiter unten Schächte einstürzen, die in dieser Gegend manchmal mehrere Hundert Jahre alt sind. Wir sollten auf jeden Fall die Behörden informieren. Unter Umständen besteht die Möglichkeit, dass ein weiterer Einbruch bevorsteht. Würdest du also bitte …«

Elke hatte schon ihre Hände unter seine Arme geschoben, um ihm zu helfen, doch als er nicht weitersprach, richtete sie sich wieder auf. »Was hast du?«

Sie schrak zusammen, als sie sein Gesicht sah, das plötzlich vor Angst verzerrt war. »Da … da war etwas.« Er stieß einen hohen Schrei aus, der das Gekläff des Hundes übertönte. »Eine Berührung an meinem Fuß. Da ist wer!«


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