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Das Weihnachtswunder

Das-WeihnachtswunderDas Weihnachtswunder

Wir schreiben das Jahr 1418. Auf dem Feld vor der kleinen Kapelle liegt Schnee. Gern möchte ich ihn mit beiden Händen fassen, in die Luft werfen, jauchzen und dazu tanzen, wie es die jungen Leute im Dorf tun.

Doch ich kann es nicht. Ein Fluch hält mich gefangen. Also ziehe ich mich wieder ins Gebälk des kleinen Heiligtums zurück und warte auf Erlösung. Seit 200 langen Jahren.

Nein, ich habe nicht gesündigt. Man tat es mir an, weil ich menschlich war. Menschlich inmitten der Gräueltaten der Schlacht. Wäre ich ein Sünder, dann böte mir auch diese Kapelle keinen Schutz. Sie triebe mich mit der Kraft des geweihten Kreuzes davon.

Ruhe werde ich erst finden, wenn mich ein Mensch sieht, hört und noch dazu bereit ist, mir zu helfen. Aber das wird wohl nie geschehen. Ich bin körperlos, und meine Stimme klingt für eure Ohren wie das Flüstern des Windes.

Hierher kommt man auch nur, um rasch ein kurzes Dankgebet zu sprechen, oder um Schutz für den Weg zu bitten. Niemand nimmt sich die Zeit, mein Refugium wirklich in Augenschein zu nehmen und somit vielleicht auch mich, den weißlichen Schemen auf dem Dachbalken, zu entdecken.

An den großen Feiertagen kann ich die Glocke der nahen Dorfkirche hören. Was gäbe ich, könnte ich nur noch ein einziges Mal zu Weihnachten den Orgelklängen und Sängerknaben lauschen!

Ach, ihr wollt wissen, wie es zu dem Fluch kam und wer ihn ausgesprochen hat? Dann vertraue ich meine Geschichte dem Wind an, ihr müsst ihm nur lauschen, um sie hören zu können.

Es war im Spätsommer 1217, als wir dem Aufruf Papst Honorius III. zum Kreuzzug nach Akkon folgten. Fast nur Fußvolk und kaum waffengewandt. Die meisten Ritter standen bereits seit 1209 im Albigenserkreuzzug im Felde. Auf sie konnten wir nicht zählen.

Ich war gerade den Kinderschuhen entwachsen und wollte Abenteuer erleben. Solche, wie man von unserem Burgherrn erzählte, der mit einigen Reichtümern aus der letzten Schlacht gekommen war. Wir schlossen uns Thomas Oliver aus Köln an und überwinterten in Portugal. Alles roch nach Abenteuern in fernen Ländern.

Was werde man nicht alles erzählen können, wenn man wieder zu Hause sei. Dass man irgendwo als Leiche enden konnte, kam uns dabei nicht in den Sinn.

Im April 1218 erreichten wir unter Johann von Brienne die ägyptische Hafenstadt Damiette. Die Belagerung war hart. Es gab unzählige Tote auf beiden Seiten. Trotz der Uneinigkeit unser eigenen Anführer, die sich erbittert stritten, wem die eroberte Stadt gehören solle, nahmen wir sie ein.

Die hiesigen Männer waren meist im Kampf gefallen, und wer nicht mehr fliehen konnte oder an Krankheiten litt, wurde getötet oder versklavt. Ich verfolgte eine Gruppe Flüchtlinge, um sie zurückzubringen, weil wir Arbeitssklaven brauchten. Einer blieb immer weiter zurück und ich riss ihn an der Schulter zu Boden, bereit, ihm mit meinem Dolch die Kehle durchzuschneiden, sollte er sich wehren.

Rabenschwarze Augen schauten mich in Todesangst an und auf den zweiten Blick bemerkte ich, dass es eine junge Frau war, die ein Neugeborenes schützend an sich drückte. Ich zog sie auf die Füße und brachte sie auf einen sicheren Weg außerhalb der Stadt …

Es war nicht unbemerkt geblieben, wie ich erst nach meiner Rückkehr aus dem Heiligen Krieg erfuhr. Mich verfluchte gerade einer jener Männer, die lauthals christliche Nächstenliebe predigten, und dass man seinem Feind verzeihen solle. Es war der Seelsorger unserer kleinen Gemeinde. Ein ehrloser, missgünstiger Mensch, der mehr in sein eigenes Säckel als das der Kirche steckte.

Dabei war es nicht mein Tun an sich, sondern seine Gier nach dem Ring, den sie mir zum Dank zugesteckt hatte. Seinetwegen wurde er sogar zum Mörder. Er lauerte mir ein paar Tage vor Weihnachten auf, als ich gerade vom Holzholen aus dem Wald kam.

»Dafür, dass du das Weib hast laufen lassen, sollst du im Höllenfeuer schmoren«, zischte er gehässig, als er mir das Messer in den Rücken stieß.

Er riss den Ring von meinem Hals, den ich stets an einer Kette getragen hatte und niemals ablegte, verscharrte meinen toten Leib gleich hier am Feldrand und rollte Felsbrocken darauf. Meiner Liebsten erzählte er, ich habe sie ohne Gruß verlassen, um wieder ins Gelobte Land zu ziehen.

Am Anfang hat sie um mich getrauert, doch noch schneller aus ihren Gedanken gelöscht.

Wäre ich wirklich ein schlechter Mensch gewesen, hätte mich wohl sein Fluch mit aller Kraft getroffen. So konnte nur meine Seele nicht ins Licht fliegen und wandert seitdem ruhelos zwischen der Stelle, wo er mich verscharrte, und der kleinen Kapelle umher.

Wenn der erste Schnee fällt, glaube ich noch heute, seine Klinge im Rücken zu spüren, obwohl ich keinen Körper habe.

Doch still! Da kommt jemand. Es ist der jetzige Pfarrer. Ein frommer Mann. Aus ganz anderen Holz geschnitzt als sein Vorfahr, der wohl irgendwann an seiner Gier erstickt ist, als eines natürlichen Todes zu sterben.

Pfarrer Wenzel klopfte den Schnee von seinen Stiefeln, ehe er die kleine Kapelle betrat. Er bekreuzigte sich und zog ein Tuch hervor.

»Morgen ist Heiligabend, da soll es auch hier strahlen«, flüsterte er und putzte das geschnitzte Holzkreuz auf Hochglanz. »So, alles sauber und rein, wie es dem Herrn gefällt.« Seufzend schaute er sich um. »Dabei ist mir, als ob ich etwas vergessen habe.« Sein Blick streifte die Stelle, an der sich der einsame Geist fest an den Balken schmiegte.

Er stutzte und schaute genauer hin. Kopfschüttelnd näherte er sich, um sich endgültig zu vergewissern, denn der seltsame helle Nebelschein hatte sich bewegt.

Etwas berührte ihn tief im Inneren. Er glaubte, ein Flüstern zu hören. Dann kam es wie von selbst über seine Lippen: »Hast du Zuflucht vor Eis und Schnee gesucht? Oder ist es anderes, was dich hier hineingelockt hat?«

Der weiße Schemen schwebte herab und Pfarrer Wenzel konnte einen jungen Mann erkennen, der ihn mit großen Augen musterte.

»Ich bin Wenzel«, stellte er sich ihm vor, als sei es das Normalste auf der Welt, mit einem Geist zu sprechen. Er hoffte nicht auf Antwort. Konnten Geister überhaupt sprechen? Gefährlich sah er nicht aus. Eher verzweifelt, verloren. Eine verlorene, ruhelose Seele?

»Ich bin Vincent«, wisperte es in diesem Augenblick.

»Was tust du hier?«

»Warten, hoffen, bangen – seit unendlich langen 200 Jahren.«

»Wer bist du, dass du dich sogar in einer geweihten Kapelle verstecken kannst?«, fragte der Pfarrer erstaunt.

Vincent berichtete über sein Leben. Auch darüber, dass ihn Wenzels Vorfahr vom Leben zum Tode befördert und wie ein Stück Aas vergraben habe.

»Dann weiß ich, was ich tun muss!«, rief der Pfarrer. »Wärst du bereit, mir zu vertrauen?«

»Ja«, entgegnete Vincent. »Ich habe dich oft hier gesehen und auch, wie du den Feldarbeitern stets mit Rat und Tat geholfen hast, wenn sie am Verzweifeln waren. Tu, was du für das Beste hältst.«

»Ich werde jetzt ins Dorf gehen, ein paar Männer holen, deine sterblichen Überreste bergen und christlich begraben lassen. Dann komme ich hierher und bringe dich in meine Kirche. Morgen ist Heiligabend, an dem das ganze Dorf versammelt sein wird. So es der Herr will, dann wird er mich zur rechten Zeit das Richtige tun lassen.«

»Ich bin bereit«, flüsterte Vincent hoffnungsvoll.

Er schaute Pfarrer Wenzel noch lange nach, der sich sehr beeilte, ins Dorf zu kommen. Zwei Stunden später nahte ein Pferdewagen. Vincent schwebte aufgeregt an der Tür hin und her. Besonders, als der Geistliche zielsicher auf jene Stelle zu schritt, an der vielleicht noch ein paar Knochen zu finden waren.

Der Pfarrer schaute sich nach der Kapelle um und glaubte, ein Nicken gesehen zu haben. Also stemmte er sich gegen den ersten Stein. Die anderen halfen sofort mit.

»Mein Gott! Da liegt ja wirklich ein Skelett!«, wunderte sich einer.

»Bringt den Sarg her! Ich bette den armen Kerl allein hinein!« Pfarrer Wenzel hob vorsichtig den blanken Totenschädel hoch. Knochen für Knochen folgte. Zuletzt wischte er sich den Lehm von den Händen. »Wartet einen Moment. Ich möchte für die arme Seele beten.«

Rasch betrat er die Kapelle, wo Vincent sehnsüchtig ausharrte. Pfarrer Wenzel blinzelte ihm zu, sprach ein kurzes Gebet und flüsterte: »Schnell, halte dich an meinem Kruzifix auf der Brust fest. Lass um Himmel willen nicht los, bevor wir in der Kirche sind.«

Der erste Weg führte allerdings zum Friedhof, auf dem bereits ein Grab ausgehoben worden war. Vier Männer ließen den Sarg hinab, Wenzel sprach ein Gebet und ließ sofort, nachdem das Grab zugeschüttet worden war, ein schlichtes Holzkreuz aufstellen.

Er zahlte die Helfer aus und betrat durch eine Seitentür den Altarraum. »So, nun kannst du dir ein stilles Plätzchen suchen. Hoffentlich klappt morgen alles, damit du endlich deinen Frieden findest.«

»Danke. Du hast getan, was in deiner Macht stand.« Vincent huschte zu einer Bank, um stumm und andächtig die Schnitzereien zu betrachten. Damals, als er noch lebte, gab es diese noch nicht.

Wenzel hatte viel für dieses Gotteshaus getan.

Vincent kniete vor dem Altar nieder, faltete die Hände. »Herr, wenn du mich hören kannst, dann bitte ich dich, Wenzel ein langes glückliches Leben zu schenken.«

Die kleine Sternschnuppe am Abendhimmel konnte er nicht sehen. Aber auch Wenzel sah sie nicht. Der flüsterte gerade: »Herr, erhöre meine Bitte, nimm die Seele dieses armen Menschen zu dir.«

Am nächsten Morgen begann der Schnee, in großen dichten Flocken zu fallen. Aus den Kaminen stieg Rauch auf. Alles wirkte still und friedlich. Vincent schwebte am Fenster, um das Dorf zu betrachten, in dem sich so viel verändert hatte. Wo steckten nur die Menschen?

»Es ist Sonntag«, hörte er Pfarrer Wenzels Stimme hinter sich.

»Oh! Für mich ist seit langer Zeit ein Tag wie der andere.« Vincent verstand nun, weshalb niemand zu sehen war.

»In ein paar Stunden werden sie hierher kommen, Lieder singen und zu unserem Herrn beten«, erzählte Wenzel. »Vielleicht gelingt es uns, dir zu helfen.«

»Ja, das wäre schön«, seufzte Vincent. »Wenn es anders kommt, bringst du mich ganz einfach wieder in die kleine Kapelle zurück.«

»Dann darfst du gern hier bleiben, wenn du möchtest. Außer mir kann dich keiner sehen und hören. Wen solltest du stören?«

Mit dem Sonnenuntergang trafen die ersten Kirchgänger ein. Die begüterten Bauern trugen große Wachskerzen herbei, die Pfarrer Wenzel auf einer Steinplatte neben dem Altar entzündete. Das Licht spiegelte sich in neugierigen Kinderaugen.

Wenzel erzählte die Weihnachtsgeschichte so spannend, dass sogar die Ältesten andächtig lauschten. Vincent hockte in der Nähe der Kerzen und strahlte über das ganze Gesicht, als wolle er ihnen Konkurrenz machen.

»Lasst uns beten«, sprach Wenzel schließlich. »Bitten wir den Herrn, uns unsere Sünden zu vergeben und verlorenen Seelen, die noch gerettet werden können, einen Weg in sein Himmelreich zu zeigen.«

Alle falteten die Hände. Das Amen war noch nicht einmal verklungen, als ein kleiner Junge über die Kerzen zeigte und »Da! Da! Da fliegt der Heilige Geist!«, rief.

Doch außer dem Kleinen konnte nur Wenzel die Ursache dieses freudigen Ausrufs sehen. Vincent stieg mit einem dankbaren Lächeln, als goldener Lichtschweif zum Himmel auf.

(rd)

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