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Der Räuber

Georg Keil
Märchen und Geschichten eines Großvaters

Der Räuber

Vor meinem Fenster hängt da ein Blumenbrett und auf demselben stehen immer schöne Blumen, so wie sie die Jahreszeit gerade gibt, im Frühling Hyazinthen, Narzissen, Veilchen und Maiblümchen, im Sommer Rosen, Flieder und Nelken, im Herbst Astern und Levkojen. Im Winter aber steht das Brett leer, weil die Blumen in die Erde gekrochen sind und schlafen. Es war aber jetzt gerade Frühling, und die Blumen waren wieder aufgewacht, und zogen nach und nach ihre bunten Kleider wieder an, und guckten aus der Erde hervor, um sich umzusehen und zu erfahren, ob der Schnee geschmolzen sei.

Eines Morgens ganz früh, als ich noch im Bette lag, wurde ich durch fröhliches Zwitschern und Singen aus dem Schlaf geweckt. Es hatten sich ein Paar Schwalben auf das Blumenbrett gesetzt, welche so fröhlich zwitscherten und sangen. Sie waren eben erst von einer weiten Reise aus einem fernen schönen Land, wo es keinen Winter gibt, zurückgekehrt, und sie sangen mit ihren feinen Stimmchen:

Als ich wegzog,
Als ich wegzog,
Waren Kisten und Kästen voll;
Als ich wiederkam,
Als ich wiederkam,
War alles leer!

Es musste aber auch den armen Schwalben, die aus einem so schönen Land kamen, alles noch leer vorkommen. Es war noch kalt, die Bäume waren noch nicht grün, die Fliegen und Mücken hatten sich noch versteckt und zuweilen tanzten noch Schneeflöckchen in der Luft. In wenigen Tagen wurde es aber wärmer, das Gras und die Bäume färbten sich grün und die Baumblüten blüten auf wie kleine Röschen. Die beiden Schwalben kamen nun alle Morgen und setzten sich auf mein Fensterbrett und sangen mir ein Morgenliedchen. Und dann unterhielten sie sich und sprachen mit einander von dem und jenem. Denn auch die Tiere haben ihre Sprache, aber es verstehen sie nur wenige Menschen, und nur die wissen, was sie sprechen, welche die Tiere recht lieb haben und recht aufmerksam auf das hören, was sie miteinander verhandeln. Ich verstand aber schon vieles von dem, was sie zusammen zwitscherten.

An einem Morgen sagte das Schwalbenweibchen zu ihrem Männchen: »Mein lieber Mann, es ist nun schön warm, und Fliegen und Mücken gibt es in Menge. Wir müssen daran denken, uns ein Nest zu bauen, damit ich Eier legen kann, die du mir dann ausbrüten hilfst, damit wir unsere Kinderchen großziehen, ehe es wieder kalt wird.«

»Du hast recht, meine liebe Frau«, zwitscherte das Männchen, »aber wohin sollen wir das Nest bauen, damit es sicher ist?«

Da sagte das Weibchen: »Das habe ich mir schon überlegt, hier unter dieses Blumenbrett. Dahin kommt kein Regen, und auch keine Katze kann da heraufklettern, uns das Nest zu zerstören und unsere Kinderchen aufzufressen. Der Herr in der Stube ist ein guter Mann. Er sieht uns immer so freundlich an, wenn wir hier sitzen und ausruhen. Er wird es uns gewiss erlauben und uns nicht fortjagen.«

Und dabei sahen mich die beiden Schwalben recht bittend an und zwitscherten: »Bitt, bitt! bitt, bitt!«

Ich nickte ihnen zu, und sogleich flogen sie davon und kamen bald zurück, jede mit einem Klümpchen Lehm im Schnabel, und fingen gleich an, ihr Häuschen zu bauen. Sie mauerten so fest und schön, wie der beste Maurer. Das Mauern ging aber langsam voran, da sie weit zum Lehm fliegen mussten und jedes Mal nur ein kleines Klümpchen tragen konnten. Nach einigen Wochen waren sie endlich mit ihrem Bau fertig, hatten oben ein Fensterchen offengelassen, durch das sie hineinschlüpfen und dann heraussehen konnten, um zu wissen, was draußen vorging. Sie hätten Fensterscheiben eingesetzt, wenn sie welche gehabt hätten. Aber die hatten sie nicht, und so musste das Fensterchen immer offenstehen. Nun fingen sie an, das Nest auszupolstern, und brachten dazu feines Moos, Wolle und kleine Federn herbeigetragen, womit sie es im Inneren belegten und austapezierten, damit ihre Jungen recht weich und warm darin liegen sollten. Ich hätte gleich selbst in das Häuschen ziehen mögen, so nett und sauber war alles!

Die fleißigen, guten Schwalben waren eben fertig mit ihrem künstlichen Bau und hatten nur da und dort einiges nachzubessern, als eines Morgens ein Sperling sich mit großem Geschrei auf das Blumenbrett setzte.

Er schrie immer: »Dieb! Dieb!« Denn so nannte er sich und dachte, das sei ein schöner Name und Ehrentitel für ihn. Er besah sich das Nest von allen Seiten, und es gefiel ihm.

Da sagte er zu den beiden Schwalben, die ganz erschrocken waren: »Euer Häuschen gefällt mir, und Ihr könnt nur gleich ausziehen, da ich es bewohnen will! Ich bin ein vornehmer Mann, und es schickt sich nicht für mich, mir selbst ein Haus zu bauen. Ihr seid aber gemeine Leute und wisst mit solcher schmutziger Arbeit besser umzugehen. Ihr könnt Euch ein neues Haus bauen, was ich Euch nicht verwehren will!«

Die armen Schwalben machten ihm zwar Vorstellungen dagegen und sagten ihm, wie unrecht es sei, ihnen ihr Häuschen zu rauben, und unser Herrgott werde ihn gewiss dafür strafen. Das half aber alles nichts, er fiel über die Schwalben her, hackte und biss sie mit seinem dicken Schnabel, dass sie bluteten. So mussten sie endlich weichen und dem bösen Sperling ihr schönes neues Häuschen überlassen.

Als die armen Schwalben nun traurig weggeflogen waren, schlüpfte der böse Sperling sogleich in das Häuschen, stellte sich an das Fenster und legte sich mit der halben Brust heraus, damit die Leute sehen sollten, was er für ein schönes Haus hätte und wie ihm dasselbe stände.

Er rief dabei immer fort Dieb! Dieb! zum Fenster hinaus, um alle aufmerksam auf sich zu machen.

Nach einigen Tagen holte er auch seine Frau herbei, die mit ihm in dem Haus wohnen sollte. Die Sperlingsfrau war aber ein sehr zänkisches Weib, der das schöne Häuschen nicht gefiel, wenigstens tat sie so. Es war ihr zu eng, das Fenster zu klein und die Stube zu warm. Sie zankte und biss sich deshalb mit ihrem Mann und sagte ihm, sie werde nicht in dem Haus bleiben, wenn das nicht geändert würde. So musste der Sperling, um Ruhe zu haben, ausfliegen und Stroh herbeitragen, das statt des weichen Mooses in das Nest geschafft wurde. Das runde, nette Fensterchen wurde ausgebrochen und vergrößert. Bald erkannte man das schöne reinliche Häuschen gar nicht mehr. Es war voller Schmutz, und zum Fenster hingen lange Strohhalme heraus. Ii! Das sah aber recht hässlich aus!

Die guten Schwalben kamen nun nicht mehr auf mein Blumenbrett und sangen mir kein Morgenliedchen mehr.

Dagegen schrie der Sperling sein hässliches Dieb! Dieb! zu meinem Fenster herein oder er zankte und biss sich mit seiner bösen Frau auf dem Blumenbrett. Wenn ich die Tauben, die mich jeden Morgen besuchten, auf dem Brett fütterte, so waren die beiden Sperlinge so dreist, dass sie nach den Tauben, die doch viel größer waren als sie, bissen und hackten und ihnen die Körnchen und Krümchen wegnahmen, die ich für sie hingestreut hatte. Alles, was sie brauchen konnten, stahlen sie in der Nachbarschaft zusammen, und es war nichts vor ihnen sicher.

Am liebsten flogen sie aber zu meinem Nachbarn. In seinem Garten stand ein großer prächtiger Kirschbaum, an welchem die schönen roten Kirschen zu reifen anfingen. Da saßen sie fast den ganzen Tag, und so wie eine Kirsche rot wurde, zerhackten und fraßen sie diese, und was sie nicht fressen konnten, warfen sie unter den Baum. Wenn dann der Nachbar kam, für seine Kinder ein Paar Kirschen zu pflücken, war keine mehr zu finden.

Der Nachbar versuchte nun, die Sperlinge durch Lärm und Geschrei zu verscheuchen, aber das nützte ihm zu nichts. Sie flogen zwar davon, sobald es aber wieder ruhig geworden war, saßen sie auch wieder auf dem Baum. Jetzt spannte der Nachbar ein großes Netz über die ganze Krone des Baumes und hoffte, dass nun seine Kirschen vor den Dieben sicher sein würden. Das Netz konnte aber nicht so fest angelegt werden, dass nicht hier und da noch eine kleine Öffnung geblieben wäre.

Durch diese schlüpften die Sperlinge hindurch, fraßen nach wie vor die reifen Kirschen und ließen sie sich unter dem Netz gut wohl schmecken. Der betrogene Nachbar wusste gar nicht mehr, was er tun sollte, die unverschämten Diebe loszuwerden.

Eines Morgens saßen die beiden Sperlinge wieder auf dem Baum und stahlen nach Herzenslust. Da knallte es. Piff! Paff! Die beiden Diebe fielen getroffen vom Baum herunter auf die Erde, schlugen noch ein paarmal mit den Flügeln und lagen dann tot da. Der kluge Nachbar hatte sich ganz früh des Morgens mit einer Flinte in die Laube versteckt und von da ungesehen auf die Diebe geschossen, welche dadurch ihren Lohn erhielten.

Als der Schuss fiel, flogen die beiden Schwalben gerade über den Garten hin und sahen, dass ihre Feinde getroffen waren und tot auf der Erde lagen. Sie kamen deshalb gleich zu ihrem Nest geflogen. Aber, Gott behüte! Wie sah das schmutzig und liederlich aus. Sie ließen sich aber die Mühe nicht verdrießen und fingen sogleich an, es wieder herzustellen und auszubauen, so wie es früher gewesen war. Nachdem dies geschehen, legte das Schwalbenweibchen fünf schöne kleine Eier und brütete sie mit ihrem Männchen aus. Als nun die Jungen eines nach dem anderen auskrochen, da hatten die beiden Eltern eine große Freude. Sie setzten sich auf das Blumenbrett und erzählten mir, dass sie fünf Kinderchen hätten.

Ich konnte aber zwischen den Latten des Blumenbrettes hindurch gerade in das Nest sehen und sah da die fünf kleinen Schwälbchen, die noch keine Federn hatten, ganz nackt und blind waren, auf ihrem weichen Bettchen liegen. Sie schienen alle großen Hunger zu haben, denn sie sperrten ihre gelben Schnäbelchen weit auf. Die guten Eltern flogen aus und ein und brachten ihnen kleine Motten und Mücken und Würmchen, sodass die Jungen bald Federn bekamen und groß wuchsen. Als der Herbst kam, wo die Schwalben ihre weite Reise antreten wollten, waren die Jungen schon so groß wie die Alten. Ihre Eltern hatten sie wohl erzogen und zu allem Guten angehalten.

An einem Morgen hatten sich die sieben Schwalben, die zwei Alten und die fünf Jungen, alle nebeneinander auf mein Blumenbrett gesetzt und warteten, bis ich aufgestanden war. Und als ich an das Fenster trat, sangen sie alle zusammen ein schönes Abschiedslied:

Müssen scheiden,
Müssen scheiden,
Da der eisige Winter kommt!
Müssen fort von hier,
Müssen fort von hier,
Weit übers Meer!

Dann erhoben sie sich in die Luft, und fort flogen sie in die weite Welt. Jeden Frühling kehren sie aber zurück, setzen sich, sobald sie angekommen sind, auf mein Blumenbrett und singen mir ein Frühlingsliedchen. Und die beiden Eltern beziehen dann wieder ihr altes Häuschen.