Zweiter Advent

Story-Tipps

Eiszeit

Download-Tipps

Die Waldmühle

Archive

Folgt uns auch auf

Die Elfenkönigin

Georg Keil
Märchen und Geschichten eines Großvaters

Die Elfenkönigin

Vor langen, langen Jahren gab es ein Völkchen, das man Elfen nannte. Diese Elfen waren kleine Geister von reizender, menschlicher Gestalt, zart und von schönem Gliederbau. Ihre Haut war so fein und durchsichtig, dass das rote Blut durch dieselbe wie zarter Schein von roten Rosen hindurchschimmerte. Sie waren aber nicht größer, als der Finger eines Kindes lang ist. Sie trugen Kleider vom feinsten Seidenflor, durch die man ihre schönen Glieder hindurchsah, und lange Schleier von Spinnweben, die wie Silber schimmerten und vom Kopf bis auf die Füße herabhingen. Ihr Gehen war kein eigentliches Schreiten, sondern ein leichtes Gleiten und Schweben. Selbst die feinsten Grasspitzchen bogen sich nicht, wenn sie leise über sie hinglitten und sie mit ihren zarten Füßchen berührten. Am Tage schliefen sie in Blumenkelchen, und des Nachts kamen sie hervor, spielten, tanzten und trieben allerlei Kurzweil.

Dieses Völkchen wurde von einer Königin regiert, die nicht größer, aber viel schöner und zarter war, als die übrigen Elfen.

Ihr Kleid war noch feiner und durchsichtiger, und ihr weißer, mit kleinen goldenen Röschen gestickter Schleier glich einem warmen Hauch, den man in der kalten Luft erblickt. Auf der Stirn trug sie ein goldenes Krönchen, und in der Hand hielt sie ein goldenes Stäbchen, das zugleich Zepter und Zauberstab war; denn die Elfenkönigin war eine mächtige Zauberin.

Ihr Palast hieß Vidblain und war ganz aus dem schönsten, durchsichtigen Kristall erbaut, mit Türen von roten Rubinen und Fenstern von grünen Smaragden. Er stand in den weit ausgebreiteten Ästen eines alten prächtigen Kastanienbaumes, tief im Wald, wohin niemals ein Mensch kam.

Und wäre auch einmal ein Mensch dahingekommen, so würde er ihn doch nicht gesehen haben, da er für menschliche Augen unsichtbar war.

Die Elfenkönigin hielt einen großen Hofstaat und eine zahlreiche Dienerschaft. Ihre Pagen waren schöne Schmetterlinge mit gelben, roten und blauen Flügeln, ihre Kammerfrauen waren Libellen mit feinen Taillen, welche schillernde Florflügel an ihren schmalen Rücken trugen, und schöne, bunte Fliegen waren ihre Lakaien. Glühwürmchen dienten ihr als Fackelträger, und ihre Köche waren Bienen, die für sie süßen Honig zubereiteten. Am fleißigsten unter ihren Dienern waren aber die Ameisen. Sie mussten als geschickte Bergleute, geräumige Keller mit unterirdischen Gängen und Gewölben ausgraben, was gewöhnlich während der Nacht geschah. An jedem Morgen waren sie beschäftigt, die kleinen Blattwürmchen zu melken, welches die Milchkühe waren, und ihre Milch, den süßen Honigtau, zu sammeln, die sie dann in rote Mehlfässchen füllten und in die Keller schafften. Seidenwürmer und Spinnen saßen aber auf ihren Webstühlen und webten Tag und Nacht die feinen Kleider und Schleier für die Königin und die übrigen Elfen.

Die Königin liebte das Vergnügen, vor allem aber Ge sang, Musik und Tanz, und so hatte sie auch an ihrem Hof ein vollständiges Orchester. Die Geiger und Spielleute waren Grillen und Heuschrecken, und die Sänger Hummeln und Singemücken, die die ganze Nacht hindurch zur Belustigung der Königin spielen, zirpen und singen mußten. Lieblicher aber war es anzuhören, wenn ein Chor von Elfen sang:

Wir weben,
Wir schweben
In luftigen Höhen,
Über Bergen und Seen,
Wir weben und schweben im Mondenschein
Waldaus, waldein!

Mit Singen
Und Klingen
Und lustigen Tänzen,
Bei des Feuerwurm’s Glänzen,
Verbringen wir scherzend die laue Nacht,
Bis Tag erwacht.

Am Morgen
Verborgen
In Blumen und Blüten
Entschlummern wir Müden,
Und träumen süßseligen Wonnetraum,
Im duft’gen Raum.

So weben,
So leben
Wir morgen wie heute
In Wonne und Freude.
Wir Elfen, wir kennen nicht Leid und Schmerz,
Nur Lust und Scherz!

Nichts war jedoch prächtiger, als die Bälle, welche die Königin gab, zu denen viele Elfen von nah und fern eingeladen wurden. Der Ballsaal war eine schöne Wiese vor dem Palast, deren Gras so fein und grün war, wie der allerfeinste grüne Samt. Der Tanzplatz war ringsum eingefasst mit Aurikeln und Primeln und Glockenblümchen, deren blaue Glöckchen, wenn der Wind sie bewegte, lieblich wie Silberglöckchen erklangen. Hinter diesen kleinen Blumen standen größere, Rosen, Lilien, Nelken und Jasmin. Diese mussten schöne Wohlgerüche ausatmen die ganze Nacht hindurch. War kein Mondschein, so setzte sich in jede Blume und in jedes Glöckchen ein Glühwürmchen, den Platz zu erleuchten, und auch in jeder Blüte des alten Kastanienbaumes glänzte ein solches lebendiges Flämmchen.

Am Morgen nach einem solchen nächtlichen Ball sah man auf dem Tanzplatz helle Ringe im Gras. Das waren die Stellen, wo die Elfen ihre Ringeltänze getanzt hatten und über die feinen Grashälmchen geschwebt waren, die sie durch ihr Schweben abgeschliffen hatten. Das war nun ein herrliches Leben am Hof der Elfenkönigin!

In einer Nacht jedoch war eine große Unruhe im Palast Vidblain, und vieles Hin- und Herlaufen, Fliegen und Schwirren. Die Königin wollte eine Reise machen zu einer ihrer Muhmen. Deshalb war so vieles Treiben im Palast, und alle hatten alle Hände voll zu tun. Nachdem nun alles vorbereitet war, fuhr der Staatswagen vor und die Königin setzte sich hinein. Der Staatswagen aber war eine prächtige aufgeblühte rote Rose, vor die acht schwarze Rosskäfer gespannt waren. Auf dem Kutschersitz saß der Kutscher, ein Goldkäfer in seiner schönen, goldenen Livree, und hinten stand als Page ein Schmetterling, der seine prächtigen bunten Flügel als Schirm über die Königin hielt, damit die Mondstrahlen ihre zarte Haut nicht verbrennen sollten, denn es war gerade Vollmond. Vor dem Wagen ritten als Vorreiter sechs Goldkäfer auf Maikäfern, und der Zug sah prächtig aus.

Die Königin aber sagte von ihrem Wagen herab zu ihrer versammelten Dienerschaft: »Lebt Alle wohl! Haltet euch aber recht still und ruhig während meiner Abwesenheit und macht keinen Lärm, damit ihr die Menschen nicht herbeilockt, die dann unsere Blumen zertreten und uns am Ende nötigen würden, diesen Ort zu verlassen, der mir doch so lieb ist. Folgt ja meinem Gebot!«

So sprach die Königin und nickte allen zum Abschied zu, und alle neigten sich tief zur Erde. Nun breiteten die Käfer ihre Flügel aus und erhoben sich mit dem Wagen, summ! summ! Summ! und flogen durch die Luft, wohin sie der Kutscher lenkte.

Nun war es so still im und außerhalb des Palastes! Die Köche hatten nichts zu kochen, die Kuhmelker keine Milch zu sammeln und die Diener nichts zu tun. Alle hatten Langeweile und schlenderten müßig umher. So ging es mehrere Tage und Nächte lang. Da sagte ein großer brauner Schröter, der der Königin als Kellermeister diente, und der wohl ein bisschen zu viel getrunken haben mochte, denn er wankte auf seinen Füßen her und hin: »Nun hört einmal, ihr alle! Seit die Königin fort ist, ist es doch recht einsam und traurig hier. Und sie hat eine weite Reise zu machen und kommt sobald nicht zurück. Da kommen wir ja aber um vor Langerweile. Wollen wir uns denn nicht heute eine lustige Nacht machen? Niemand erfährt es ja! Kommt, lasst uns etwas beginnen, die Langeweile zu verscheuchen, lasst uns singen, lasst uns tanzen!«

Alle, die ihn hörten, riefen und summten: »Der hat recht! Ja, ja, das wollen wir!«

Sogleich wurde Anstalt zu einem Fest gemacht. Die Spielleute wurden herbeigeholt. Da es gerade Neumond war, wo der Mond nicht schien, so setzte sich in jede Blume und in jede Blüte des Kastanienbaums ein Glühwürmchen, sodass der Baum prächtig aussah wie ein großer brennender Weihnachtsbaum oder wie ein riesenhafter Kronleuchter. Es war so hell wie am Tag bei Sonnenschein. Der Ball nahm nun seinen Anfang. Ein Schmetterling umfasste eine Libelle und schwebte mit ihr im Kreis herum, ein Käfer eine Biene, eine Fliege eine Ameise. Alles tummelte sich herum, sang und jauchzte. Am lustigsten und ausgelassensten war aber ein Küchenjunge, ein kleiner schwarzer Käfer, den man nur den lustigen Schmied nannte, weil er immer lustige Ränke schmiedete und allerlei Possen trieb. Der legte sich auf den Rücken, und schnellte sich hoch in die Luft, und wenn er wieder herunterkam, fiel er bald diesem, bald jenem auf den Kopf oder einem Schmetterlinge auf die Flügel, dass der bunte Farbenstaub aufstob, worüber dann alle laut lachten. Es war ein solches Zirpen und Singen, Summen und Lärmen, dass man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.

Als nun die Lust aufs Höchste gestiegen war, und Alle im besten Tanzen waren, flog plötzlich ein Käfer herbei und rief voller Angst: »Rettet Euch! Rettet Euch! Die Königin kommt!«

Und so war es auch! Die Königin hatte ihre Muhme, die sie besuchen wollte, nicht zu Hause angetroffen und war deshalb gleich umgekehrt. Als sie in die Nähe ihres Palastes kam, sah sie den Kastanienbaum hell erleuchtet und hörte den lauten Lärm der Tänzer und Tänzerinnen. Ihr Kutscher musste auf ihren Befehl seine Rosskäfer zur Eile antreiben, und der Wagen hielt bald vor dem Palast.

Da war aber alles still und wie ausgestorben. Die Tänzer hatten sich aus Furcht vor dem Zorn der Königin in die Blüten und unter die Blätter versteckt. Nur die Glühwürmchen hatten nicht Zeit gehabt, alle ihre Lämpchen auszulöschen.

Die Königin aber, die zugleich auch eine mächtige Zauberin war, sah recht wohl, wo sich ihr ungehorsames Hofgesinde verborgen hatte. Erzürnt darüber, dass man ihren Befehl so schlecht befolgt hatte, schwang sie ihren Zauberzepter und rief im Zorn: „So bleibt nun auch alle, die ihr mein Gebot übertreten habt, für ewige Zeiten an den Orten sitzen, wo ihr euch versteckt habt! Bleibt ohne Bewegung und werdet ein Teil der Pflanzen und Sträucher, die euch jetzt zum Schlupfwinkel dienen!«

Und so geschah es!

Schon seit vielen, vielen Jahren hat die Elfenkönigin mit ihrem Volk die Gegend, wo sie so lange wohnte, vielleicht auch die Erde, für immer verlassen. Aber ihr mächtiger Zauber dauert noch fort bis auf den heutigen Tag. Ihre ungehorsamen Diener sind noch immer an die Pflanzen gebannt und hängen an ihnen als Blumen und Blüten, obwohl man gleich sieht, wenn man sie genau betrachtet, dass es eigentlich keine Blüten, sondern Schmetterlinge, Käfer, Bienen und Fliegen sind. Das Leben und die Erinnerung an ihre frühere Freiheit ist aber nicht ganz in ihnen erstorben, und sie schlummern und träumen nur. Wenn sie auf Augenblicke aus diesem Schlummer erwachen, dann reißen sie sich los von der Erde und von ihren Wurzeln, kriechen und klettern wurzellos an den Bäumen in die Höhe und streben hinaus in die freie Luft. Sie würden davonfliegen, wenn unsichtbare Zauberketten sie nicht zurückhielten.

Die gelehrten Botaniker nennen aber diese verzauberten Pflanzen Orchideen.