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Slatermans Westernkurier 08/2020

Auf ein Wort, Stranger, was sagt dir der Name Walla Walla?

Wahrscheinlich nicht besonders viel, denn was weiß man schon großartig über diesen kleinen Indianerstamm aus der Sprachgruppe der Sahaptin oder über das gleichnamige Städtchen im Südosten des heutigen Bundesstaates Washington, deren beider Heimat unweit der Grenze zu Oregon am Fuß der nordwestlich abfallenden Berge der Blue Mountains liegt?

Walla Walla ergeht es wie vielen anderen Namen, die zwar eine geschichtsträchtige Vergangenheit aufweisen können, die aber in Vergessenheit geraten sind, weil die meisten der Personen, die damals mit diesem Begriff in Verbindung gebracht wurden, keine allzu große Berühmtheit erlangten oder die damaligen Ereignisse einfach nicht spektakulär genug waren, um von den Medien in alle Welt getragen zu werden.

Deshalb wird die geschichtliche Bedeutung, was es mit dem Namen Walla Walla auf sich hat, bis heute völlig unterschätzt, ja gar oftmals ignoriert.

Eine fatale Fehleinschätzung, denn dieser Indianerstamm und die gleichnamige Kleinstadt, die aus einer von dem amerikanischen Arzt Marcus Whitmann gegründeten Mission hervorging, sind die Eckpfeiler einer geschichtlichen Tragödie, die letztendlich mit der Vernichtung von nicht weniger als neun Indianerstämmen ein unrühmliches Ende fand.

Historiker, Völkerkundler und die meisten Bewohner dieses Gebietes sind sich alle einig, dass die damaligen Ereignisse noch bis heute in den Köpfen der Menschen verankert wären, wenn die Namen der handelnden Personen und Orte Geronimo, Sitting Bull, Custer, die Schlacht am Little Bighorn River, das Fettermann Massaker oder die Comancheria gelautet hätten.

Aber so, und sind wir mal ehrlich, wen interessiert denn schon ein Oberst Wright oder ein Indianer wie Kamiakin, Limpy oder gar Peo-peo-mox-mox?

 

*

 

Um die Ursachen für diese größte indianische Tragödie im pazifischen Nordwesten Amerikas zu verstehen, muss man das Rad der Geschichte bis in das Jahr 1836 zurückdrehen.

Damals überquerte Marcus Whitmann zusammen mit seiner Frau Narcissa, geborene Prentiss, einer Lehrerin für Physik und Chemie, sowie Reverend Henry Spalding, dessen Ehefrau Eliza und mehreren anderen Missionaren und einigen Pelzhändlern die Rocky Mountains. Damit waren Narcissa und Eliza die ersten weißen Frauen, die in das Gebiet des Oregon Country eintraten.

Whitmann hatte sich nach seinem Medizinerabschluss, zu dem man damals nur zwei Jahre benötigte, für ein Studium bei einem evangelischen Missionswerk beworben, war doch sein Wunschberuf Theologe und sein Traum, die Ureinwohner Amerikas zum Christentum zu bekehren. Seine Frau, die diesen Wunsch ebenfalls hegte, begleitete ihn auch deshalb, weil sie allein nicht in der Lage war, diesen auch in die Tat umzusetzen.

Mithilfe von Dr. John McLoughlin ließen sie sich dann trotz dessen Einwände in Waiilaputa nahe Fort Walla Walla nieder und gründeten dort eine Mission.

McLoughlins Bedenken kamen nicht von ungefähr, schließlich befand sich die Mission in unmittelbarer Nähe der Cayuse, Umatilla und Walla Walla Indianer.

Obwohl das Ehepaar Whitmann eine Schule errichtete, Getreide anbaute sowie für Bewässerung sorgte, konnten sie sich gerade so selbst versorgen. Wie auch, eine Physiklehrerin und ein Missionar mit Arztstudium waren alles andere als dazu prädestiniert, erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben.

Die Lage änderte sich erst, als Whitmann im Jahre 1842 das American Board of Commissioners for Foreign Missions um Hilfe bat. Bereits ein Jahr später kamen rund eintausend Siedler ins Oregon Territorium. Die Neuankömmlinge nahmen das Land, von dem sie glaubten, dass es ihnen zustehe, ungefragt in Besitz, pflügten es und machten es urbar. Da die Cayuse ihrerseits glaubten, den Boden zu pflügen, komme einer Entweihung der Erde gleich, waren Streitigkeiten zwischen Rot und Weiß geradezu vorprogrammiert.

Auch weil die Siedler auf die Jagd gingen, weil sie das Wild ebenfalls für sich beanspruchten.

Mehrere Delegationen der Indianer, die den Konflikt auf friedliche Weise beilegen wollten, wurden von den Siedlern als Bettler angesehen und teilweise mit Waffengewalt verjagt.

Die Lage eskalierte schließlich gänzlich, als immer mehr Indianer an den von den Siedlern eingeschleppten Krankheiten wie Cholera und Masern starben.

Whitmann versuchte verzweifelt, die Cayuse gegen die Masern zu behandeln, doch konnte er es nicht verhindern, dass trotzdem fast die Hälfte des Stammes starb. Er ahnte nicht, dass es zu den kulturellen Traditionen der Cayuse gehörte, ihre Medizinmänner oder Schamanen zu töten, wenn deren Patienten starben.

Weitere Faktoren, die zu einem Gewaltausbruch führten, der in dieser Region noch als das Whitmann Massaker bekannt ist, waren die Arroganz und die Abneigung von Narcissa Whitmann gegenüber dem Lebensstil der Indianer und ein schon lange schwärender Glaubenskonflikt zwischen den evangelischen Missionaren und den katholischen Priestern, die mit den Siedlern ins Land gekommen waren. Diese wollten angeblich die Mission übernehmen, die ihnen Whitmann nicht verkaufte.

 

*

 

Am 29. November 1847 überfielen die Cayuse schließlich die Mission Waiilatpu. Häuptling Beardy versuchte zwar, seine Stammesgenossen davon abzuhalten, aber er wurde von den wütenden Anführern der Krieger, Tomahas, Kiamsumpkin, Klokomas und Iaiachalakis förmlich niedergeschrien. Zu viel war geschehen, zu viele Cayuse waren gestorben.

14 Männer und Frauen fanden bei dem Angriff der Indianer den Tod, 54 Frauen und Kinder wurden von ihnen gefangen genommen. Sie kamen erst nach vielen Wochen wieder frei, nachdem es Pete Skene Ogden, einem Pelzhändler der Hudson Bay Company, gelungen war, die Indianer zu überreden, ihre Gefangenen gegen insgesamt 62 Winterdecken, 63 Baumwollhemden, 24 Gewehre, 600 Patronen und sieben Pfund Tabak einzutauschen.

Die Regierung von Oregon handelte umgehend und bereits am 8. Januar 1848 zog eine 500 Mann starke Truppe unter Colonel Cornelius Gilliam gegen jede indianische Gruppe im mittleren Oregon. Aufgrund ihrer waffentechnischen Überlegenheit flohen die meisten Cayuse vor ihnen in das unzugängliche Hochland der Blue Mountains.

Die Cayuse waren gespalten. Ein Teil von ihnen überfiel weiterhin einsam gelegene Gehöfte und kleine Siedlungen, der andere Teil verhandelte mit einer vom Gouverneur eingesetzten Friedenskommission.

1850 schließlich lieferten die Indianer fünf der maßgeblich am Whitmann Massaker beteiligten Anführer den Behörden aus. Am 3.Juni 1850 wurden Tilaukaikt, Tomahas, Klokamas, Isaiachalkis und Kimasumpkin als Mörder Whitmanns von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und gehängt. Scharfrichter war ein Marshal namens Joseph L. Meek.

Zwar war das Massaker in den Augen der meisten damit gesühnt, aber die Konflikte setzten sich nicht nur fort, sondern weiteten sich im Laufe der folgenden Jahre sogar noch aus.

Der Hauptgrund dafür war wieder einmal ein Weißer, sein Name war Isaac Ingalls Stevens.

 

*

 

Am 8. Februar 1853 wurde aus dem nördlichen Teil des Oregon Territoriums das amerikanische Hoheitsgebiet Washington Territory geschaffen, einfach weil dieses Gebiet zu riesig war, um es in jenen Zeiten verwalten und regieren zu können. Zum Oregon Territorium gehörten damals nicht nur die Gebiete der heutigen Bundesstaaten Oregon und Washington, sondern auch fast der komplette Norden von Idaho, weite Teile Montanas und Teile des heutigen Wyomings.

Wir sprechen hier von einer Fläche von etwas mehr als 800.000 Quadratkilometern, also einem Gebiet, das mehr als doppelt so groß ist wie das der Bundesrepublik Deutschland zur jetzigen Zeit.

Nach einem Gesetzesentwurf sollte dieses Territorium eigentlich Columbia Territory heißen, es wurde jedoch auf Vorschlag des Kongressabgeordneten Richard Stanton aus Kentucky zu Ehren des ersten amerikanischen Präsidenten in Washington umbenannt.

Der erste Gouverneur dieses Landes, das 1889 zum heutigen Bundesstaat Washington wurde, war oben genannter Isaac Stevens, der damit auch gleichzeitig zum Beamten für Indianerangelegenheiten wurde. Mit seinen 35 Jahren galt er als ein ehrgeiziger, aufstrebender, aber auch kaltherziger und skrupelloser Politiker, dessen Amtshandlungen noch heute sehr umstritten sind.

Bereits kurz nach seiner Ankunft in der Territoriums-Hauptstadt Olympia ging er mit einer Kombination aus Einschüchterung, Lügen und offener Gewalt gegen die einheimischen Indianer vor, um sie zu zwingen, große Teile ihrer Stammesgebiete an seine Regierung bzw. das Territorium abzutreten. Selbst die in diesen Gebieten lebenden Weißen beschwerten sich ständig über seine Vorgehensweise, doch trotz mehrmaliger Ermahnungen des amerikanischen Präsidenten änderte er seinen Regierungsstil keinen Deut.

Sein Nachfolger im Amt, Fayette McMullen, hatte noch jahrelang damit zu tun, die Scherben seiner Politik zusammenzukehren.

So ist es auch kein Wunder, dass es Stevens zu verdanken ist, dass der Name Walla Walla erneut aus einem traurigen Anlass eine Erwähnung in der Geschichte des Landes fand.

Im Mai und im Juni des Jahres 1855 hielt er im Walla Walla Tal eine Verhandlungsrunde mit mehreren Häuptlingen ab.

Die Nez Percé, die seit ihrem Kontakt zu Meriwether Lewis und seiner Expedition den Weißen immer freundlich gesinnt waren, erschienen als Erste. Sogar ihre Gegner, die Cayuse, reisten an, selbst die Yakimas, Walla Wallas, Umatillas sowie unzählige andere kleinere Stämme und Bands schickten Unterhändler.

Stevens versuchte zuerst sie zu überzeugen, ihre Landgebiete für die Umsiedlung in Reservationen aufzugeben. Er sicherte ihnen zu, dass sie sich diese neuen Siedlungen in der Nähe von Dörfern der Weißen oder Lachsfangstationen sogar selbst aussuchen konnten. Er bot den Häuptlingen sogar jährliche Zahlungen und Verpflegung, neue Häuser, Pferde, Vieh und auch Schulen an, doch die Indianer weigerten sich beharrlich, ihre traditionellen Jagd- und Fischfanggebiete aufzugeben und wollten diese auf keinen Fall gegen die viel zu kleinen Reservationsgebiete eintauschen, die ihnen Stevens anbot.

Allein die Yakimas sollten ihr 10,3 Millionen Acres großes Stammesgebiet gegen eine mehr als zehnmal kleinere Reservation eintauschen.

Isaac Stevens zeigte sich nur kurz von der generellen Abneigung der Indianer ihm gegenüber überrascht. Dann offenbarte er sein wahres Gesicht. Er war nicht nur ein skrupelloser Verhandlungsführer, sondern auch ein kaltblütiger Lügner.

Nachdem er die Indianer unter Androhung offener Gewalt zur Unterschrift auf den Verträgen praktisch gezwungen hatte, versprach er ihnen gleichzeitig, um sie wieder ruhig zu stellen, dass sie erst in zwei bis drei Jahren umsiedeln sollten, da vorher mit einer Ratifizierung der Verträge im US-Senat nicht zu rechnen war.

Vielleicht wurden daraus ja sogar vier oder fünf Jahre.

Als die Indianer derart besänftig wieder nach Hause ritten, war seine erste Amtshandlung, die indianischen Gebiete zur weißen Besiedlung freizugeben.

Bis dato waren da nicht einmal 2 Wochen vergangen.

Was folgte, waren Indianerkriege in allen Ecken des Territoriums, die weit bis ins Jahr 1858 anhielten. Aber das interessierte Isaac Stevens nicht im Mindesten.

Er ließ sich Anfang 1857 als Delegierter in den US-Kongress wählen und überließ es seinem Nachfolger, die Wogen zu glätten.

Nachzutragen wäre noch, dass Stevens bei Ausbruch des Bürgerkrieges in die Nordstaatenarmee eintrat und in Virginia am 1. September 1862 in der Schlacht von Chantilly tödlich verwundet wurde. Er war zu diesem Zeitpunkt vierundvierzig Jahre alt.

 

*

 

Da die weiterführenden Ereignisse so komplex sind, dass sie den Rahmen dieser Kolumne sprengen, werden wir die Geschichte um Walla Walla noch in zwei weiteren Teilen behandeln.

Teil 2 befasst sich mit dem ersten Yakima Krieg und den Kampf und Untergang der Rogue-Indianer.

In diesem Sinne, man liest sich bald wieder.

Euer Slaterman

Quellenhinweis: