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Der Konstanzer Hans Teil 26

W. Fr. Wüst
Der Konstanzer Hans
Merkwürdige Geschichte eines schwäbischen Gauners
Reutlingen, 1852

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Hans’ Verfahren bei seinen Gaunertaten

Der Schauplatz von Hans’ Taten war der südliche Teil Württembergs (die Filder mit eingerechnet), ein Teil des badischen Schwarzwaldes sowie die angrenzende Schweiz bis nach Graubünden hinein. Hans gehörte keiner Bande an, sondern stahl entweder ganz allein oder mit einem, höchstens mit drei bis vier Kameraden, von denen er sich aber gewöhnlich nach vollbrachter Tat wieder trennte. Bei seinen Einbrüchen war es besonders auf die Pfarrhäuser abgesehen. Vom Schwarzwald bis in die Schweiz hinein hat er beinahe alle geplündert oder wenigstens den Versuch gemacht.

Niemals gebrauchte er Gewalt bei seinen Einbrüchen. Nur wo er unbemerkt und in der Stille etwas wegbringen konnte, tat er es, blieb aber weg, wenn er jemanden wach antraf. Hatte er auch, nachdem ein Haus mit Mühe und Gefahr erstiegen war, alle Hoffnung auf eine gute Beute, ergriff er eiligst den Rückzug, sobald er merkte, dass er sein Vorhaben nicht ohne Gewalttätigkeit ausführen könne. So hatte er sich einmal mit dem Hannikel zu einem Diebstahl bei einem Pfarrer verbunden. Da er aber hörte, dass Gewalt gebraucht werden solle, trat er augenblicklich zurück und fand überhaupt an dieser Zigeunergesellschaft kein Gefallen. Seine Waffen trug er daher nicht zum Angriff, sondern zur Verteidigung und Sicherheit bei einem etwaigen Überfall, wobei er es dann freilich wohl aufs Äußerste hätte ankommen lassen und auch ein unschuldiges Menschenleben geopfert haben würde.

Besondere Freude machte es ihm hier und da, nach einem misslungenen Versuch seine Pistole abzufeuern oder die Leute durch Schreien in Schrecken zu setzen.

Nun einige Stückchen, woraus sein Gaunercharakter zu erkennen ist:

In der Gegend von Schaffhausen wollte er ein Pfarrhaus plündern. Als er die Leiter erstiegen hatte und eben eine Fensterscheibe herauszunehmen im Begriff war, klopfte etwas an das Fenster, worauf er schnell den Rückzug ergriff. Der Versuch wurde wiederholt, zum dritten Mal an einem andern Fenster, aber das Klopfen wiederholte sich eben auch. Hans verfehlte in der Eile eine Sprosse an der Leiter, stürzte herab und verrenkte sich. Dies machte ihn zu weiteren Versuchen unfähig und sein Kamerad musste nun die Leiter besteigen. Zum dritten Mal kam dieser zurück mit den Worten: »Ich habe den Geist deutlich gesehen, von dem das Klopfen herkommt.«

Nun schlug Hans auf offener Straße ein Licht an und hinkte die Leiter hinauf. Als der Pfarrer zum Fenster herausschaute, hieß er ihn mit einem fürchterlichen Fluch den Kopf zurückziehen oder er schlage ihm das Hirn ein.

»Wenn es das ist«, sagte der Pfarrer gelassen, »so kann ich ja das Fenster schließen.« Worauf die Diebe unverrichteter Sache abzogen.

In einem anderen Pfarrhaus, das er erstiegen hatte, fand er auf dem Tisch Wein und Käse. Dies schien gerade für ihn hingerichtet und er ließ es sich schmecken.

Zugleich blickte er im Zimmer herum, um einiges zu entdecken, womit er sich etwa beim Abzug bepacken könnte. Da trat der Pfarrer, ein starker Mann, schnell hinter dem Bettvorhang hervor und packte den frechen Gast an der Brust. Dieser kam im ersten Augenblick aus der Fassung; aber mit einer starken Ladung von Flüchen und Drohungen jagte er seinen Angreifer hinter den Vorhang zurück und zog hierauf ab, ohne etwas mitzunehmen.

Bei einem Versuch, ein Haus zu ersteigen, fand Hans keine passende Leiter. Die eine war zu kurz, die andere zu lang. Er wählte die kürzere und ließ sich von seinem Kameraden so weit hinaufschieben, dass er das Fenster erreichen konnte. Glücklich kam er in das Zimmer und plünderte es aus. Ebenso glücklich kehrte er mit seinem Raub auf der Leiter wieder zurück.

Auf dem Schwarzwald brach er auf die verwegenste Weise bei einem katholischen Pfarrer ein. Da die Fenster und Läden gut geschlossen waren, so konnte er nur zum obersten offenen Laden einsteigen. Aber die Leiter reichte nicht ganz hinauf. Schnell zog er den Rock und die Stiefel aus und stellte sich auf die äußersten Spitzen der Leiterbäume. Kaum konnte er sich nun mit seinen Fingern an der Ladenöffnung ein wenig halten, aber er vollführte das Wagnis, schob sich glücklich zum Laden hinein und nahm, was er für des Mitnehmens werthielt.

Gefährlicher war der Rückweg, lief aber ebenfalls ohne ein Unglück ab.

Ein Diebstahl, den er im Kloster Allerheiligen an einem Bauern ausgeübt hatte, war ihm unter allen seinen Taten am schmerzlichsten. Er konnte nie ohne die tiefste Reue an denselben denken. Der Bauer hatte sich nach und nach fünf Gulden sauer erspart. Mit diesen wollte er sich Beinkleider und einige andere Gegenstände kaufen. Hans zog ihm das Geld aus der Tasche und ließ es sich mit dem Schinderpeter im Wirtshause trefflich schmecken. Bald kam auch der Bauer dahin und jammerte über seinen Verlust. Darüber wurde Hans gerührt und bereute seine Tat. Gern hätte er das noch übrige Geld dem Mann wiedergegeben, wenn sich Peter, dem die Hälfte gehörte, nicht widersetzt hätte. Nun ließ er den Bauern mitessen und trinken und bezahlte die Zeche, um den Bestohlenen wenigstens einigermaßen über seinen Verlust zu trösten. Ein Beweis, dass Hans auch als Verbrecher noch edler Herzensregungen fähig war.

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