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Rübezahl, der Herr des Gebirges – Folge 55

Rübezahl, der Herr des Gebirges
Volkssagen aus dem Riesengebirge
Für Jung und Alt erzählt vom Kräuterklauber
Verlag Carl Gustav Naumann, Leipzig, 1845

55. Wie Rübezahl an einem Bauern das Fluchen bestraft.

Das Fluchen konnte Rübezahl in seinem Gebiet gar nicht leiden. Wenn er daher jemanden neckte, und der ließ sich zum Fluchen verleiten, so ging es ihm gewöhnlich schlecht. Einmal kam in Seydorf ein Fuhrmann zu einem Wagner und wollte da ein Rad abholen, das er bestellt hatte. Der Wagner fragt, wo er sein Fuhrwerk habe, er wolle ihm das Rad auf den Wagen heben. Der Fuhrmann aber sagt, das sei nicht nötig, denn er wolle es selbst nach Hause rollen. Das tat er auch wirklich, und das Rad lief, dass es eine Lust war. Wie er es nun aber eine Weile so fortgerollt, entschlüpfte es plötzlich seinen Händen und lief und hüpfte so schnell vor ihm her, dass er es nur mit Mühe einholen konnte.

»Warte, Bestie», sagte er, »du sollst mir nimmer wieder entwischen, ich sehe mich vor.«

Damit stellt er es an einen Baum und setzte sich dabei im Schatten nieder, um wieder zu Atem zu kommen Unter dem Baum saß es sich ganz behaglich. Denn die Sonne brannte heiß und unter dem Baum mit weit ausgestreckten Ästen – es war eine Linde – da war eine gar wohltuende Kühlung und die Lüftchen trockneten bald den Schweiß von des Bauers Stirn.

Was ein rechter Bauer ist, dem kommt das Schlafen bald an, und wenn der günstige Leser vollends unseren Bauern gekannt hätte, so würde es ihn gar nicht Wunder genommen haben, wenn der schläfrig geworden wäre, denn er war ein fauler Geselle. Er schlief aber auch richtig bald ein, fluchte und kämpfte im Schlaf mit den Fäusten, als ob er im scharfen Gefecht wäre.

Währenddessen kam Rübezahl vom Gebirge herunter, sah den Mann, wie er schlief und sein Rad an den Baum gelehnt hatte, und dachte: Du willst dir doch einen Spaß machen.

Er nahm also das Rad, brachte auf die Seite und stellte sich dann, in ein Rad verwandelt, an den Baum.

Einige Zeit danach erwachte der Bauer, dehnte sich und rieb sich die Augen. Nachdem er sich erst umgesehen hatte, wo er war, fiel ihm das Rad ein. Er stand nun auf, ergriff es und wollte seinen Weg fortsetzen.

Das Rad aber war widerborstig und wollte sich gar nicht mehr fortwälzen lassen, denn bald neigte es sich auf die eine, bald auf die andere Seite, bald stürzte es über den Bauer her und fiel sogar einmal über das andere zur Erde. Nun wurde der Bauer wild und fuhr mit verschiedenen Donnerwettern drein. Aber war das Rad bisher hartköpfig, so ging es nun noch weit schlimmer. Der Schweiß rann ihm – nämlich nicht dem Rad, sondern dem Bauern – in Strömen übers Gesicht herunter. Da riss ihm – auch wieder dem Bauer – endlich die Geduld. Er fing dermaßen an zu fluchen, dass sich vor Entsetzen die Sterne am Himmel schnäuzten, obwohl es heller Tag war.

Endlich brachte er das Rad wieder zum Stehen und dachte: Jetzt ist es gut. Er fasste es auch ganz derb an und rollte es nur langsam fort; aber der Jubel war noch zu früh. Denn auf einmal schlüpfte ihm das Rad doch wieder aus den Händen und lief und sprang mit solcher Schnelligkeit und in solchen Bogensätzen den Berg hinunter, dass er es gar nicht einholen konnte und schon dachte: Gute Nacht, Rad!

Doch endlich hatte er es. Triefend von Schweiß nahm er sich nun vor, es durchaus nicht wieder aus den Händen zu lassen. Das Rad indessen dachte anders, legte sich abermals bald auf die, bald auf jene Seite.

Während er, immer tapfer fluchend, bemüht war, es erneut aufzurichten, riss es ihn zuletzt nieder und mit sich fort zum Gebirge zu, wo es ihn auf die Erde warf, dass ihm alle Rippen im Leibe knackten.

Die Lehre, welche aus der Geschichte hervorging, hatte der Mann wohl herausgefunden und nimmer vergessen.

Denn merke: Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnützlich führen.

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