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Sherlock Holmes und die Zeitmaschine

»Manche Menschen und sogar Gelehrte glauben, diese vierte Dimension unterscheide sich auf irgendeine Art von denen, welche wir bereits kennen, doch mit ihr hat es überhaupt nichts Geheimnisvolles auf sich. Es handelt sich schlicht um eine weitere Sphäre, die sich dergestalt, vor den anderen aufspannt, dass wir ihrer physisch nicht habhaft werden können.«

Drei Jahre nach seinem vermeintlichen Tod an den Schweizer Reichenbachfällen ruft eine Serie verschwundener Personen Sherlock Holmes zurück nach London. Zunächst erfolgt »Das Verschwinden«, wie es allgemein genannt wird, nahezu unbemerkt, da vorwiegend Prostituierte und Obdachlose betroffen sind. Als schließlich auch der in der Öffentlichkeit stehende William Dunning spurlos verschwindet, wird auch Scotland Yard – in der Person von Inspektor Kent – auf den Fall aufmerksam. Sherlock Holmes vermutet darüber hinaus noch einen Zusammenhang zwischen dem »Verschwinden«, wie es allgemein genannt wird, den »Geistern des East End« und einem geheimnisvollen Mann in Schwarz, die in London gerade für Unruhe sorgen.

Ein Hinweis des Schriftstellers Herbert George Wells führt Holmes und Kent schließlich zu Moesen Maddoc, der angeblich eine Maschine entwickelt hat, mit der es möglich sein soll, durch die Zeit zu reisen.

»Berge erhoben sich und wurden wieder eingeebnet, als sei der Planet lebendig und atme. Ozeane flossen dahin wie Ströme, und die Himmelskörper wirbelten auf ihren Bahnen umher, sodass sich Planeten wie Sterne zu einem undurchdringlichen, gleißend hellen Himmelszelt zu vereinen schienen. Das Leben streifte über die Erde wie ein gestaltloser, dunkler Wind. Zivilisationen wurden geboren und gingen binnen Sekunden unter. Das Firmament verdüsterte sich Dann blähte sich die Sonne auf, wie ein Luftballon, den ein Kind zu fest aufgeblasen hat.«

Ebenso wie Sherlock Holmes wurde auch H. G. Wells Die Zeitmaschine schon des Öfteren mit anderen Motiven kombiniert. In Karl Alexanders Flucht ins Heute (OT: Time after Time) beispielsweise verfolgt H.G. Wells mit der Maschine den Prostituiertenmörder Jack the Ripper, der ins Jahr 1979 geflohen ist. Der Roman wurde von Nicholas Meyer (der auch einige Sherlock Holmes-Pastiches verfasst hat) unter dem Titel Flucht in die Zukunft (OT: Time after Time) verfilmt.

So unterhaltsam wie diese Liaison gestaltet sich Sherlock Holmes und die Zeitmaschine leider nicht. Wie so oft in Crossover-Pastiches konzentriert sich der Autor mehr darauf, die einzelnen Elemente prominent unterzubringen, als eine gut entwickelte Geschichte zu erzählen. Die Figuren bleiben dabei meist auf der Strecke. Dr. Watson wird hier gleich vollständig über Bord geworfen und durch den Holmes fast ebenbürtigen, ansonsten aber farblosen Inspektor Kent von Scotland Yard ersetzt. Auch auf die typischen Manierismen des Meisterdetektivs (inkl. Zurschaustellung seiner deduktiven Fähigkeiten) muss man hier verzichten. Stattdessen wird ein austauschbarer Sherlock Holmes durch eine überwiegend seelenlose, viktorianische Science Fiction-Action-Story gehetzt, die mit ihrem stimmungsvollen Prolog zwar ganz vielversprechend startet, im weiteren Verlauf aber immer sprunghafter wird und am Ende mehr sein will als sie eigentlich ist. Die Jagd auf die Morlocks, denn die stecken hinter dem »Verschwinden«, mündet schließlich in eine hastige und an sich völlig überflüssige Verfolgungsjagd durch die Zeit, bevor ein ärgerlich pathetischer Showdown am »Ende der Zeit« [sic!] dieses Crossover endlich beschließt. Es folgt noch ein zugegeben gelungener Epilog, der den Kreis zu Sherlock Holmes »offizieller« Rückkehr in Arthur Conan Doyles Das leere Haus wieder schließt.

Ein sehr ähnliches Sujet findet sich übrigens in K. W. Jeters Die Nacht der Morlocks (Edition Phantasia).

Sherlock Holmes und die Zeitmaschine ist der erste Roman der inzwischen dritten Sherlock Holmes-Reihe im Blitz-Verlag. Nachdem die Hardcoverreihe wegen Druckereiproblemen beendet werden musste, erscheinen »Die neuen Fälle des Meisterdetektivs Sherlock Holmes« als handliche Taschenbücher mit Glanzcover. Das gewohnt professionelle Coverlayout inkl. Titelbild von Mark Freier zeigt ein rotierendes Uhrwerk, umgeben von immer weniger scharfen Jahreszahlen.

Der Satzspiegel des Buches ist etwas gewöhnungsbedürftig, da die Seitenränder ungewöhnlich schmal und der Schriftgrad auffällig groß ausgefallen sind. (Im Folgeband der Reihe ist das wieder behoben).

Fazit:
Unnötig überladenes und zerstreutes viktorianisches Crossover, das weder Sherlock Holmes noch Die Zeitmaschine gerecht wird.

Copyright © 2012 by Elmar Huber

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Ralph E. Vaughan
Sherlock Holmes
und die Zeitmaschine
Die neuen Fälle
des Meisterdetektivs
Sherlock Holmes 1
Sherlock Holmes
and the Coils of Time
USA, 2005
Blitz-Verlag, Windeck
Mai 2012
208 Seiten, 12,95 EUR
ISBN 978-3-89840-323-8
Coverillustration von Mark Freier