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Jimmy Spider – Folge 30

Jimmy Spider und die mordende Blume

Die Na­tur zeig­te sich wie­der ein­mal von ih­rer schöns­ten Sei­te. Die Strah­len der küh­len Herbst­son­ne bra­chen sich in den letz­ten noch vor­han­de­nen Blät­tern der Bäu­me. Ein leich­ter Wind ließ das Laub lei­se ra­scheln.

Ein Wald­spa­zier­gang konn­te bei die­sem Wet­ter ein ech­ter Ge­nuss sein, wä­ren da nicht die über­di­men­si­o­nal gro­ßen Blät­ter der Ahorn­bäu­me, die vor Feuch­tig­keit trie­fend sich ge­mäch­lich zu Bo­den sin­ken lie­ßen – lei­der stand ih­nen da­bei aus­ge­rech­net mein Kopf im Weg. Blatt auf Blatt klatsch­te wahl­wei­se auf mei­ne Haa­re oder gar in mein Ge­sicht

Dum­mer­wei­se hat­te ich mit sol­cher­lei An­grif­fen nicht ge­rech­net und des­halb auf ei­nen Man­tel mit Ka­pu­ze ver­zich­tet. Auch ein Re­gen­schirm ge­hör­te nicht zu mei­nem Waf­fen­ar­se­nal.

Ich spiel­te schon mit dem Ge­dan­ken, den hand­li­chen Mini-Flam­men­wer­fer aus mei­nem Ein­satz­kof­fer zu ho­len und ihn ge­gen die un­ge­be­te­nen Tief­flie­ger ein­zu­set­zen. All­er­dings wür­de dies bei der schie­ren Mas­se an um­her se­geln­den Blät­tern schnell dazu füh­ren, dass dem Ge­rät der Saft aus­ging. Und für das, was noch vor mir lag, wür­de ich die­se Waf­fe si­cher an­der­wei­tig ein­set­zen müs­sen.

Ne­ben dem be­reits er­wähn­ten Flam­men­wer­fer be­fan­den sich in mei­nem Ein­satz­kof­fer noch eine au­to­ma­ti­sche He­cken­sche­re, zwei Hand­gra­na­ten und eine Fla­sche Wod­ka. Die üb­li­che Aus­rüstung ei­nes Gärt­ners eben.

Der Grund, wes­halb ich mich zur schöns­ten Zeit des Herbs­tes in die­sem Wald in der Ein­sam­keit Corn­walls auf­hielt, war eben­so sim­pel wie mys­te­ri­ös. Eine Grup­pe von Pilz­samm­lern war bei der Su­che nach mehr oder we­ni­ger schmack­haf­ten Schirm­trä­gern auf eine rie­si­ge gel­be Blü­te gesto­ßen. Als wäre die­se Ent­de­ckung nicht schon fa­mos ge­nug, muss­ten die arg­lo­sen Samm­ler auch noch feststel­len, dass die­se Blu­me sich vor­zugs­wei­se von Men­schen­fleisch zu er­näh­ren schien. Drei von ih­nen wur­den von den Wur­zeln der Pflan­ze ge­packt und von der rie­si­gen Blü­te ver­schluckt. Ein wahr­haft blu­mi­ges Ende.

Den an­de­ren vier arg­lo­sen Ge­sel­len war hin­ge­gen die Flucht ge­lun­gen. Zu­fäl­lig hat­te sich un­ter den Glück­li­chen auch der Va­ter ei­nes ho­hen Ge­heim­dienst­of­fi­ziers be­fun­den, wel­cher wie­der­um so­fort die TCA alar­mier­te.

Und nun be­fand ich mich auf der Su­che nach je­nem mordlüs­ter­nen Un­ge­tüm. Im­mer­hin hat­te ich eine un­ge­fäh­re Weg­be­schrei­bung er­hal­ten, wo die Blu­me zu fin­den war. An der drit­ten Ei­che links, hat­te es ge­hei­ßen. Zwei hat­te ich be­reits pas­siert.

Zu­min­dest bis­her hat­te ich mit dem Zu­stand des We­ges Glück ge­habt. Of­fen­sicht­lich hat­te be­reits der eine oder an­de­re Trak­tor die­sen Schleich­weg ge­nutzt. We­nigs­tens mei­ne Füße wa­ren wet­ter­fest an­ge­zo­gen, ob­wohl die Wan­der­schu­he ihre bes­ten Tage schon hin­ter sich hat­ten.

Nach ei­ni­gen Mi­nu­ten hat­te ich auch die drit­te Ei­che er­reicht. Die mäch­ti­gen Äste des Bau­mes wa­ren recht ein­sei­tig ge­wach­sen, als wür­den sie mir den Weg nach links in den Wald hi­nein wei­sen wol­len.

Ge­ra­de woll­te ich mich in Rich­tung Di­ckicht wen­den, da ließ mich eine Stim­me zu­sam­men­zu­cken. »Kann ich Ih­nen hel­fen, Mis­ter?«

So­fort dreh­te ich mich um die ei­ge­ne Ach­se, um den Spre­cher aus­fin­dig zu ma­chen. Die Stim­me war aus Rich­tung der Ei­che auf­ge­klun­gen. Und tat­säch­lich trat plötz­lich hin­ter dem mäch­ti­gen Stamm ein Mann her­vor. So­fort fie­len mir sei­ne zer­schlis­sen wir­ken­den Kla­mot­ten auf. So­wohl Ja­cke als auch Hose sa­hen aus, als hät­te je­mand eine Ket­ten­sä­ge mit ei­nem Bü­gel­ei­sen ver­wech­selt.

Sein Ge­sicht war von ei­nem dich­ten schwar­zen Bart be­deckt. Die zer­zaus­ten bu­schi­gen Haa­re hat­ten die glei­che Far­be. Sei­ne Mund­win­kel wa­ren zu ei­nem leicht ar­ro­gan­ten Grin­sen ver­zo­gen. Auf­fäl­lig war zu­dem der äu­ßerst ste­chen­de Blick, mit dem mich der Mann fi­xier­te.

»Wenn es mög­lich ist, Mis­ter …«, ant­wor­te­te ich. »… könn­ten Sie mir viel­leicht den Weg zu die­ser rie­si­gen Blu­me zei­gen. Mei­ne Frau freut sich im­mer über aus­ge­fal­le­ne Sträu­ße.«

»Da muss ich Sie lei­der ent­täu­schen«, drang es ge­presst aus dem Mund des Frem­den her­vor. »Sie wer­den Ih­rer Frau kei­nen Blu­men­strauß mit­brin­gen kön­nen. Nie wie­der.«

Die­ses Ge­spräch ver­lief in eine recht un­an­ge­neh­me Rich­tung. Wie um mei­ne düs­te­ren Ge­dan­ken zu be­stä­ti­gen, schos­sen plötz­lich grü­ne Strän­ge aus den Fin­gern des Man­nes her­vor. Alle zehn hat­ten nur ein Ziel – mich.

Geis­tes­ge­gen­wär­tig hech­te­te ich in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung, um Zeit zu ge­win­nen. Noch im Lau­fen öff­ne­te ich mei­nen Ein­satz­kof­fer. Als ich ei­nen ei­ni­ger­ma­ßen pas­sab­len Ab­stand zu den mich ver­fol­gen­den Strän­gen ge­legt hat­te, ließ ich den Kof­fer zu Bo­den fal­len und zog die Akku-He­cken­sche­re her­vor.

Das Ge­rät be­saß ein gut sech­zig Zen­ti­me­ter lan­ges Schwert. Da­mit wür­de ich die­sem ra­bi­a­ten Ge­mü­se hof­fent­lich zu Lei­be rü­cken kön­nen.

Schon zuck­ten zwei der Strän­ge auf mich zu. Sie hat­ten sich die letz­ten Me­ter bis zu mir über den Bo­den ge­schlän­gelt und schos­sen nun aus die­ser Po­si­ti­on nach oben.

So­fort schal­te­te ich das Ge­rät an und schlug aus dem Stand he­raus zu. Die Klin­gen der Sche­re dran­gen durch die Strän­ge wie durch war­me But­ter und kapp­ten sie au­gen­blick­lich. Die nun um ihre Spit­zen ge­brach­ten Stum­mel zuck­ten wild um­her.

Nur Se­kun­den spä­ter grif­fen auch die an­de­ren Strän­ge an. Ein wild wu­seln­des Bün­del woll­te mei­nen Hals um­schlin­gen, doch er­neut schlug ich zu und zer­schnitt die Strän­ge.

Plötz­lich wi­ckel­ten sich zwei der Greif­ar­me um mein lin­kes Bein. Aber so ein­fach mach­te ich es ih­nen nicht. Ein Schlag mit der rat­tern­den He­cken­sche­re reich­te aus, und die Ver­bin­dung zu dem Frem­den war ge­ris­sen. Die Strän­ge, die mein Bein um­wi­ckelt hat­ten, ver­dorr­ten au­gen­blick­lich und zer­fie­len zu Staub.

Vor mir schie­nen sich die ver­letz­ten Wür­mer neu zu for­mie­ren. Doch be­vor sie ei­nen ge­ord­ne­ten An­griff star­ten konn­ten, schlug ich er­neut zu. Pflan­zen­fa­sern und grün­li­cher Saft flo­gen mir förm­lich um die Oh­ren.

Be­vor mein Geg­ner re­a­gie­ren konn­te, sprin­te­te ich mit er­ho­be­ner He­cken­sche­re auf ihn zu.

Der Mann schien von mei­ner Ak­ti­on kein biss­chen ge­schockt zu sein. »Das war ein Feh­ler«, hauch­te er mir zu, be­vor er sei­nen Mund weit auf­riss.

Eine arm­di­cke Wur­zel, die wohl mal eine Zun­ge ge­we­sen war, schoss mir förm­lich ent­ge­gen.

Of­fen­bar hat­te man den Ty­pen aber nicht mit Ziel­was­ser ge­gos­sen, denn ein klei­ner Sprung nach rechts reich­te aus, um dem Strang zu ent­ge­hen. Die Zun­ge flog me­ter­weit an mir vor­bei.

Be­vor sich die Wur­zel auf die neue Si­tu­a­ti­on ein­stel­len konn­te, ging ich selbst zum An­griff über.

Ich ver­ab­schie­de­te mich von dem Ge­dan­ken, noch ei­nen Men­schen vor mir zu ha­ben. Mög­li­cher­wei­se war er ei­ner der Pilz­samm­ler ge­we­sen, die der Mons­ter­blu­me zum Op­fer ge­fal­len wa­ren.

Ein Hecht­sprung brach­te mich auf etwa ei­nen hal­ben Me­ter an den Ver­än­der­ten he­ran. Mit al­ler Kraft schlug ich von rechts nach links zu. Die Klin­gen der He­cken­sche­re dran­gen spie­lend leicht in den Hals des Frem­den ein. Grü­nes Blut spritz­te mir ent­ge­gen, wäh­rend die Sche­re den Kopf vom Kör­per des Man­nes kapp­te.

Der Schä­del schlug links ne­ben dem Tor­so auf, der sich noch im­mer auf den Bei­nen hielt. Man sagt ja oft ‚Un­kraut ver­geht nicht!‘, aber dass ich mal die leib­haf­ti­ge Be­stä­ti­gung da­für er­hal­ten wür­de, hät­te ich auch nicht für mög­lich ge­hal­ten.

Aus dem Stumpf des Hal­ses dran­gen wei­te­re Pflan­zen­strän­ge her­vor.

Auf ei­nen noch län­ge­ren Kampf woll­te ich mich nicht ein­las­sen. Des­halb schlug ich so­fort drei Mal zu. Den Buchs­ta­ben, den ich da­bei in das Fleisch des Pflan­zen­mons­ters schnitt, hät­te ei­nem le­gen­dä­ren me­xi­ka­ni­schen Mas­ken­mann alle Ehre ge­macht. Dum­mer­wei­se be­fand sich kein Pub­li­kum in der Nähe, um mei­ne Kunst­fer­tig­keit ent­spre­chend zu wür­di­gen.

Im­mer­hin reich­ten mei­ne Schlä­ge aber aus, um mei­nem Geg­ner end­gül­tig den Rest zu ge­ben. Die zer­schnit­te­nen Res­te der Mu­ta­ti­on fie­len in sich zu­sam­men, zuck­ten noch kurz, bis sie auf dem Wald­bo­den lie­gend ver­dorr­ten.

Ich at­me­te ein­mal tief durch, be­vor ich die He­cken­sche­re wie­der ab­stell­te und mich auf den Weg zu mei­nem Ein­satz­kof­fer mach­te.

Da­bei stell­te sich mir die Fra­ge, was bloß mit den Pilz­samm­lern ge­sche­hen war. Ein Mann und zwei Frau­en wa­ren ge­fres­sen wor­den – zu­min­dest war ich da­von aus­ge­gan­gen. Jetzt aber schien es, als wä­ren sie … ver­än­dert wor­den. Mit was also hat­te ich es hier zu tun? Öko-Zom­bies? Wer-Blu­men?

Schließ­lich er­reich­te ich mei­nen Ein­satz­kof­fer, schloss ihn wie­der und hob ihn an. Nun wür­de mich hof­fent­lich nichts mehr von der Su­che nach der Quel­le al­len Übels in die­sem Wald ab­hal­ten.

Oder doch? Plötz­lich ra­schel­te et­was vor mir in den Bü­schen. Die He­cken­sche­re schlag­be­reit er­war­te­te ich den An­kömm­ling.

Aus den  Bü­schen trat – eine nack­te Frau. Dass ich hier auf ein ge­hei­mes Nu­dis­ten­camp gesto­ßen war, be­zwei­fel­te ich. Bei der Dame muss­te es sich um eine der bei­den Ver­miss­ten han­deln. Doch die Frau schien mir nicht so, als wür­de sie mir ein Bün­del Pflan­zensträn­ge ent­ge­gen schi­cken.

Ich blick­te ihr in die Au­gen und sah Furcht in ih­nen schim­mern.

»Bit­te … bit­te …«, flüs­ter­te sie, als sie mir ent­ge­gen tor­kel­te.

Be­vor sie zu Bo­den stür­zen konn­te, fing ich die Frau auf und lehn­te sie an ei­nen Baum­stamm.

»Be­ru­hi­gen Sie sich, Miss. Es wird al­les gut.«

Mit gro­ßen Au­gen blick­te sie mich an. »Wer … sind Sie?«

»Ich hei­ße Jimmy Spi­der. Ich bin Po­li­zist und hier, um Ih­nen zu hel­fen.« Von mei­ner Tä­tig­keit als Mit­ar­bei­ter ei­ner Ge­heim­be­hör­de muss­te sie nicht un­be­dingt er­fah­ren. Au­ßer­dem hät­te sie das nur zu­sätz­lich ver­wirrt. »Und mit wem habe ich die Ehre?«

»Lo­re­en … Del … Mon­te.«

»Okay, Lo­re­en, kön­nen Sie mir sa­gen, was pas­siert ist?«

Die Frau zit­ter­te am gan­zen Kör­per. Ich zog mei­ne Ja­cke aus und leg­te sie ihr um. Ihre Stim­me klang schwach, doch schließ­lich ge­lang es ihr, mir zu ant­wor­ten. »Wir … wir wa­ren zu­sam­men Pil­ze sam­meln. Tom, Ju­lie und ich … wir wur­den von die­ser rie­si­gen Blu­me ge­packt und … ver­schluckt. Ich dach­te, ich müss­te ster­ben, doch dann … dann drang et­was in mich ein. Es … es muss eine Pflan­ze ge­we­sen sein. Sie hat ver­sucht, mich zu ver­än­dern … böse zu ma­chen. Ich … ich ver­spür­te schreck­li­che, mör­de­ri­sche Ge­dan­ken. Den an­de­ren er­ging es ge­nau­so. Tom und Ju­lie … sie ha­ben sich schon ver­än­dert. Ich … habe mich ge­wehrt, aber es ist so schwer. Es … es tut so weh.«

Ich ver­such­te, be­ru­hi­gend auf die Frau ein­zu­wir­ken. »Es wird sich al­les rich­ten, Lo­re­en. Bit­te, Sie müs­sen sich zu­sam­men­rei­ßen. Wenn Sie mich zu der Blu­me füh­ren, kann ich dem gan­zen Spuk viel­leicht ein Ende set­zen.«

Nach kur­zem Zö­gern nick­te mir die jun­ge Frau vor­sich­tig zu. Erst jetzt er­kann­te ich, dass sie höchs­tens Mit­te Zwan­zig sein konn­te. Ihr lan­ges blon­des Haar ließ sie zwi­schen dem wel­ken Laub wie eine mär­chen­haf­te Fee wir­ken.

Lang­sam rich­te­te sie sich auf. Dass sie mir nackt ge­gen­über stand, schien ihr nicht all­zu viel aus­zu­ma­chen. Wahr­schein­lich hat­te sie das Er­leb­te zu sehr ver­stört, als dass sie sich über ir­gend­wel­che Vor­schrif­ten be­züg­lich Nu­dis­mus in der Öf­fent­lich­keit Ge­dan­ken ma­chen konn­te.

Ein sanf­tes Lä­cheln um­spiel­te ihre Lip­pen, als sie sich lang­sam he­rum­dreh­te und wie­der in die Bü­sche trat. Ich hob die He­cken­sche­re und den Kof­fer an und folg­te ihr.

Die­ser Wald war im Ge­gen­satz zu vie­len an­de­ren noch sehr na­tur­be­las­sen. Wild wu­cher­ten Bü­sche, jun­ge Trie­be und di­cke Wur­zeln zwi­schen den mäch­ti­gen Stäm­men der al­ten Bäu­me. Ein Fle­cken bei­na­he un­be­rühr­ter Na­tur, durch den wir uns lang­sam ei­nen Weg bahn­ten. Im­mer wie­der scheuch­ten wir da­bei klei­ne Vö­gel, Ei­chhörn­chen und wei­te­res Ge­tier auf.

Ich wur­de das Ge­fühl nicht los, dass der Wald im­mer dich­ter wur­de, je nä­her wir der Mons­ter-Blu­me ka­men. Ich spiel­te schon mit dem Ge­dan­ken, mit der He­cken­sche­re et­was nach­zu­hel­fen, als wir plötz­lich auf eine klei­ne Lich­tung tra­ten.

Als hät­te die Na­tur ei­nem ih­rer un­ge­wöhn­lichs­ten Ab­kömm­lin­ge ei­nen be­son­de­ren Raum ge­schaf­fen, thron­te mit­ten auf der Lich­tung, um­ge­ben von ho­hen Gras­hal­men, eine rie­si­ge gel­be, ge­schlos­se­ne Blü­te. Um sie he­rum wuch­sen ge­wal­ti­ge Wur­zeln und Strän­ge, die die­ser Pflan­ze et­was Ma­jestä­ti­sches ga­ben.

Wie an­ge­wur­zelt blieb mei­ne Be­glei­te­rin ste­hen. »Dort ist sie«, flüs­ter­te sie mir zu.

Ich bat Lo­re­en, sich et­was zu­rück­zu­zie­hen. Vor­sich­tig trat sie ei­ni­ge Schrit­te hin­ter mich.

Mit der rech­ten Hand öff­ne­te ich mei­nen Ein­satz­kof­fer. Zu­nächst steck­te ich mir die bei­den Hand­gra­na­ten ein, dann er­griff ich den Mini-Flam­men­wer­fer. Mit ihm und der He­cken­sche­re in der lin­ken Hand wür­de ich dem Un­ge­tüm zu Lei­be rü­cken kön­nen.

Be­vor ich ir­gend­et­was in die­se Rich­tung un­ter­neh­men konn­te, re­a­gier­te die Blu­me. All­er­dings nicht so, wie ich er­war­tet hat­te. Fast schon pro­vo­zie­rend lang­sam öff­ne­te sich die Blü­te. Als die gel­ben Blät­ter nach un­ten ge­sun­ken wa­ren, er­kann­te ich, was sie die gan­ze Zeit ver­bor­gen ge­hal­ten hat­ten: Eine wei­te­re nack­te Frau. Das muss­te die­se Ju­lie sein, über die mir Lo­re­en be­rich­tet hat­te.

Lang­sam aber si­cher kam ich mir im An­ge­sicht der­art viel nack­ter Haut vor wie in ei­nem Por­no. All­er­dings schie­nen, wie ich aus ei­ni­gen Ge­sprä­chen mit Mit­glie­dern der Dä­mo­nen­jä­ger-Ab­tei­lung der TCA er­fah­ren hat­te, sol­che monst­rö­sen Ge­stal­ten ein Faib­le für un­be­klei­de­te Da­men zu ha­ben. Ein­er­seits konn­te ich es den Mons­tern nach­füh­len, aber an­de­rer­seits kam es mir schon recht merk­wür­dig vor.

Für ei­nen Mo­ment frag­te ich mich, was wohl Tan­ja Ber­ner zu mei­ner Be­geg­nung mit die­sen Da­men sa­gen wür­de – falls ich ihr et­was da­von er­zähl­te.

Auch Ju­lie trug die­ses ar­ro­gan­te Grin­sen zur Schau, das ich be­reits bei dem bär­ti­gen Mann (wahr­schein­lich ihr Be­glei­ter Tom) er­lebt hat­te.

»Das, was du ge­tan hast, Frem­der, war ein gro­ßer Feh­ler«, zisch­te mir die Nack­te ent­ge­gen.

»Da er­zäh­len Sie mir nichts Neu­es.«

Die Frau ig­no­rier­te mei­ne Ant­wort. »Das, was du hier siehst, ist mehr als ein Wun­der der Na­tur. Es ist ein le­ben­des Ge­schöpf, eine selb­stän­dig den­ken­des We­sen. Und wir sind nun ein Teil von ihm. Durch dei­ne Tat hast du nicht nur ei­nen von uns ver­nich­tet, du hast auch dem, dem wir all dies zu ver­dan­ken ha­ben, gro­ßen Scha­den zu­ge­fügt. Die­sen Fre­vel wirst du mit dei­nem Le­ben be­zah­len müs­sen!«

Das hat­te ich mir be­reits selbst zu­sam­men­rei­men kön­nen. Ge­sprä­che mit bö­sen Mäch­ten ver­lie­fen meist in eine ähn­li­che Rich­tung, ins­be­son­de­re, wenn ich die­sen Mäch­ten zu sehr auf die Pel­le rück­te. Oder wie in die­sem Fall auf die Wur­zel.

Statt wei­te­re gro­ße Re­den zu schwin­gen, griff Ju­lie an. Dies­mal schos­sen kei­ne grü­nen Strän­ge aus den Fin­gern der Ver­än­der­ten, da­für ver­än­der­ten sich die ge­sam­ten Arme. Die Haut zog sich zu­sam­men, die Fin­ger ver­schmol­zen, und schließ­lich entstan­den aus den bei­den Ar­men zwei di­cke Wur­zel­strän­ge.

So­fort schos­sen die Greif­ar­me auf mich zu.

Ich mach­te kei­ne An­stal­ten, ih­nen aus­zu­wei­chen. Statt­des­sen ak­ti­vier­te ich die elekt­ri­sche He­cken­sche­re und lief ih­nen ent­ge­gen.

Mit ei­nem Hieb durch­trenn­te ich den lin­ken Wur­zel­strang. Grü­ner Saft ver­teil­te sich auf dem Wald­bo­den, wäh­rend mei­ne Geg­ne­rin schmerzer­füllt auf­schrie.

Gleich­zei­tig re­a­gier­te auch die Blu­me. Ihre Wur­zeln ge­rie­ten in Be­we­gung und walz­ten sich mir ent­ge­gen. Die ver­än­der­te Frau wur­de fast zu Bo­den ge­wor­fen, als sich un­ter ihr die Blü­te er­hob und halb schloss.

Die Nack­te sprang he­rab und da­mit auf mich zu. Dies­mal re­a­gier­te ich zu lang­sam. Ihr zwei­ter Arm schoss auf mich zu und um­schlang in Bruch­tei­len von Se­kun­den mei­ne Bei­ne.

Ein Ruck ge­nüg­te, um mich zu Bo­den stür­zen zu las­sen. Lach­end zog mich die Mu­tan­tin nä­her zu sich. Zug­leich glit­ten die Wur­zeln der Blu­me ge­fähr­lich nahe an mich he­ran.

Die ers­ten An­kömm­lin­ge konn­te ich noch mit ein paar Schlä­gen mit der He­cken­sche­re ab­weh­ren, doch schließ­lich ge­lang es ei­nem Strang, sich um mei­nen Brust­korb zu wi­ckeln.

In die­sem Mo­ment setz­te ich auch mei­nen Mini-Flam­men­wer­fer ein. Ich brauch­te nur auf ei­nen klei­nen Ab­zug zu drü­cken, und schon schoss der Frau eine ge­wal­ti­ge Feu­er­lo­he ent­ge­gen.

Schreck­li­che Schreie er­klan­gen, wäh­rend die Nack­te lich­ter­loh brann­te. Das Feu­er sorg­te da­für, dass ihr Kör­per förm­lich zer­schmolz, wäh­rend sich ihr Arm von mei­nen Bei­nen lös­te.

Dies schien die Blu­me noch wü­ten­der zu ma­chen. Die Wur­zel, die mei­ne Brust um­wi­ckelt hat­te, riss mich em­por und drück­te un­barm­her­zig zu.

Der Schreck und die Schmer­zen sorg­ten da­für, dass ich mei­ne bei­den Waf­fen fal­len ließ.

Die Blü­te schien nun ihre gro­ße Chan­ce zu se­hen. Sie schob sich im­mer wei­ter in die Höhe, um­wallt von ih­ren zahl­rei­chen Wur­zel­strän­gen. Mitt­ler­wei­le hat­te ihr Kör­per be­reits die Grö­ße ei­nes Ein­fa­mi­li­en­hau­ses er­reicht.

Als die Blü­te schon weit über mir schweb­te, öff­ne­te sie sich er­neut und drang mir ent­ge­gen. Es schien, als woll­te sie mich eben­so ver­schlin­gen wie die drei Pilz­samm­ler. All­er­dings hat­te ich kei­ne Lust, als le­ben­der Kom­post­hau­fen zu en­den.

Mit mei­nen Hän­den griff ich mir in die Ho­sen­ta­schen und zog die bei­den Hand­gra­na­ten he­raus. Die Ab­reiß­zün­der biss ich in Er­man­ge­lung wei­te­rer Hän­de ein­fach ab. Glück­li­cher­wei­se be­sa­ßen die bei­den Eier kei­ne Auf­schlag-, son­dern Zeit­zün­der.

Mit al­ler Kraft warf ich sie dem he­ran­na­hen­den Un­ge­tüm ent­ge­gen. »Gu­ten Ap­pe­tit!«, schrie ich da­bei.

Und tat­säch­lich schnapp­ten die Blü­ten­blät­ter zu, als sie von den Gra­na­ten ge­trof­fen wur­den. Die ge­schlos­se­ne Blü­te schien un­schlüs­sig, was sie mit die­ser ver­meint­li­chen Vor­spei­se an­fan­gen soll­te. Be­vor sie eine Ent­schei­dung tref­fen konn­te, war es für sie be­reits zu spät.

Mit ei­ner ge­wal­ti­gen Ex­plo­si­on wur­de die rie­si­ge Blü­te zer­ris­sen. Der nun kopf­lo­se Pflan­zen­kör­per zuck­te ori­en­tie­rungs­los um­her und ließ mich schließ­lich ein­fach fal­len. Zum Glück dämpf­te der wei­che Wald­bo­den mei­nen Auf­schlag et­was.

So­fort sam­mel­te ich mei­ne ver­lo­re­nen Waf­fen auf, um der Mör­der­blu­me den Rest zu ge­ben. Doch das war nicht mehr nö­tig. Die Zu­ckun­gen der Wur­zeln wur­den schwä­cher und schwä­cher, bis die letz­ten Be­we­gun­gen schließ­lich ganz erstar­ben. Die einst di­cken Pflan­zensträn­ge dünn­ten im­mer mehr aus und ver­dorr­ten schließ­lich vollstän­dig.

Das also war ge­schafft. Ich leg­te den Flam­men­wer­fer und die He­cken­sche­re wie­der ab.

Da fiel mir Lo­re­en wie­der ein. Sie hat­te ich bei dem Kampf ge­gen das Un­ge­tüm völ­lig ver­ges­sen. Au­gen­blick­lich dreh­te ich mich zu ihr um. Die nack­te Frau stand noch im­mer an der­sel­ben Stel­le, an er ich sie zu­rück­ge­las­sen hat­te.

Lä­chelnd ging ich auf sie zu. »Es ist ge­schafft, Lo­re­en. Sie brau­chen kei­ne Angst mehr zu ha­ben.«

Die Frau re­a­gier­te nicht. Wie eine Sta­tue stand sie vor mir. In ih­rem aus­drucks­lo­sen Ge­sicht konn­te ich kei­ner­lei Emo­ti­o­nen ab­le­sen. Erst, als ich ihr tief in die Au­gen blick­te, er­kann­te ich so et­was wie … Trau­er. Die­sen Blick kann­te ich von mir selbst. Wie oft hat­te ich mir selbst im Spie­gel in die Au­gen ge­schaut, in der Zeit, nach­dem mei­ne El­tern er­mor­det wor­den wa­ren.

Was war nur mit ihr ge­sche­hen? Trau­er­te sie um die ver­nich­te­te Blu­me – oder gar über sich selbst?

Plötz­lich ver­än­der­te sich die Frau. Ihre Haut schien sich auf­zu­spal­ten, doch statt dass sie vor mei­nen Au­gen zer­fiel, ver­wan­del­te sie sich in et­was an­de­res – in zahl­lo­se, eng ver­bun­de­ne Pflan­zensträn­ge.

Der Ver­bund stürz­te mir ent­ge­gen. Vor mei­nen Fü­ßen schlu­gen die Strän­ge auf. Ich hat­te mich schon auf ei­nen An­griff ein­ge­stellt, doch ich hat­te mich ge­täuscht.  Die Strän­ge dran­gen sanft in den Wald­bo­den ein und ver­schwan­den nach und nach, bis nichts mehr von ih­nen zu se­hen war.

Ein äu­ßerst un­be­frie­di­gen­des Ende. Da hat­te ich noch nicht ein­mal Lust, mir eine Sie­ger­zi­gar­re an­zuste­cken. Statt­des­sen woll­te ich nach der Wod­ka-Fla­sche grei­fen – und muss­te feststel­len, dass sie zer­bro­chen war. Ein Schlag der mäch­ti­gen Wur­zeln muss­te den Ein­satz­kof­fer ge­trof­fen ha­ben.

Man gönn­te mir aber auch gar nichts …

Copyright © 2012 by Raphael Marques