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Nick Carter – Band 14 – Ein beraubter Dieb – Kapitel 1

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein beraubter Dieb
Ein Detektivroman

Der nächtliche Einbruch

In der 35th Street in New York, im Osten der 5th Avenue, steht ein Haus, welches sich von den Nachbargebäuden durch seinen vom englischen abweichenden Baustil unterscheidet.

Der Eingang zum Haus wird von der Straße durch ein Tor getrennt, zu dem einige Stufen vom Trottoir hinaufführen. Das Speisezimmer des Gebäudes liegt auf gleicher Höhe mit der Straße, während die Parlors sich im ersten Stock befinden und vom Parterre durch eine Treppe geschieden sind.

Der vordere Parlor ist sehr geräumig und nach der Straßenseite mit einem Erkerfenster versehen, welches zwei bis drei Fuß über die Fluchtlinie hinausragt.

Nun begab es sich, dass an einem schönen Sommertag in frühester Morgenstunde ein Mann das Fenster öffnete, den Kopf hinausstreckte und mit einem leisen Pfiff ein Signal gab.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite hätte man nun bemerken können, wie auf dieses Signal hin ein Mann von der nächsten Straßenecke vorsichtig herbeieilte und, nach einem scheuen Blick die Straße hinauf und hinab, das Signal in derselben Art erwiderte.

Daraufhin wurde vom Erkerfenster ein Paket an einem Strick hinabgelassen und sofort losgebunden. Nun wurde der Strick schnell heraufgezogen, ein zweites Paket wie das erste hinabgelassen und ebenso vom Seil losgelöst, und als das Seil zum dritten Mal herabkam, wurde ein weiterer Gegenstand herabgelassen, dem Anschein nach ein schwerer Kasten.

Unmittelbar darauf wurde aus dem Fenster noch ein weiterer Gegenstand herabgeworfen, ein altmodischer Mantelfrack, wie es schien, nur etwas kleiner.

Hierauf ließ sich ein Mann an dem Strick herunter und schnitt, als er sich noch drei bis vier Fuß über der Erde befand, das Seil mit einem scharfen Messer durch, welches er aus der Tasche zog.

Das machte einen Sprung von einigen Fuß nötig, aber es blieb nur ein kurzes Stückchen Seil übrig, welches aus dem Fenster hing, kurz genug, um nicht die Aufmerksamkeit eines Vorübergehenden zu erregen, was jedenfalls die Absicht beim Abschneiden war.

Gleichzeitig hatte der Mann unten den schweren Kasten aufgenommen und lief damit nach der östlichen Ecke der Straße davon, wo er mit einem Komplizen zusammentraf, der von einem Wagen kam, der hinter einer Ecke Aufstellung genommen hatte.

Der Mann nahm ihm den Kasten ab; der andere lief schleunig zurück, um eines der Bündel aufzunehmen, die hinter dem Vorgartenzaun lagen. Er rannte nun ebenso schnell die Straße hinab wie vorher, während der Mann, der sich an dem Seil hinabgelassen hatte, sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufstellte und ängstlich und vorsichtig dieselbe auf- und abspähte, augenscheinlich bereit, ein Warnsignal zu geben.

Sobald der Erste mit dem einen der Pakete hinter der Ecke verschwunden war, lief der Zweite rasch über die Straße und folgte seinem Vorgänger.

Er hatte aber kaum das verbliebene Paket auf die Schulter genommen und sich in Bewegung gesetzt, als ein Mann am westlichen Ende der Straße auftauchte und den davoneilenden Burschen sofort ins Auge fasste.

Nun eilte auch er bis zum gegenüberliegenden Haus und machte hier Halt, um zu sehen, welche sonderbaren Dinge sich hier ereigneten. Das offen stehende Fenster und das hinabhängende Tauende fielen ihm sofort auf.

Sofort rannte er bis zum Ende der Straße, aber er kam zu spät, um mehr wahrnehmen zu können, als dass sich der Wagen in schnellster Gangart in Bewegung gesetzt und schon ein großes Stück entfernt hatte.

Dieser Mann war Nick Carter, der große Detektiv.

Nick sah die Nutzlosigkeit ein, dem Wagen nachzueilen, der schon so weit entfernt war. Aber er hatte sofort die Überzeugung, dass es sich hier um einen Einbruch handelte und dass der Wagen die Spitzbuben mit ihrer Beute davonfuhr. Er beschränkte sich darauf, ein Alarmsignal zu geben, in der Hoffnung, die Polizisten des Straßenbezirks herbeizulocken.

Aber soweit er sehen konnte, war der einzige Erfolg seines Signals der, dass ein Polizist gerade von der entgegengesetzten Richtung als derjenigen herbeikam, die der Wagen genommen hatte.

»Was ist los, Mister Carter?«, fragte der Beamte, seinen berühmten Kollegen erkennend.

»Einbruch, kalkuliere ich!«, antwortete Nick. »Und dort in dem Wagen sind die Spitzbuben und ihr Raub.«

»Da müssten wir Rennpferde haben, um diese einzuholen«, entgegnete der Polizist, hinter dem Wagen hersehend, der in der Ferne verschwand.

»Es ist zwecklos, ihnen zu folgen«, meinte Nick.

»Wo wurde eingebrochen?«, fragte der Policeman.

»Hier in der 35th Street«, antwortete der große Detektiv. »Ist das Ihr Bezirk?«, fragte er.

»Ja, und ich war erst vor einer halben Stunde hier.«

»Das haben die Kerle abgepasst«, meinte Nick. »Kommen Sie, wir wollen uns das Haus einmal ansehen.«

Sie gingen nun zu dem Haus zurück, an dem Nick das offene Fenster und den herabhängenden Strick bemerkt hatte.

Der Policeman ging in den kleinen Vorgarten und fand dort am Boden das abgeschnittene Strickende.

Er nahm dasselbe auf, betrachtete die Schnittfläche und meinte: »Das Seil ist mit einem außerordentlich scharfen Messer abgeschnitten worden.«

Der Detektiv trat näher, sah sich ebenfalls das Seil an und musste sich ebenso über den glatten Schnitt wundern.

»Wissen Sie, wer hier wohnt?«, fragte Nick.

»Ja! Der Besitzer heißt Jakob Herron.«

»Was ist er?«

»Ein Wall-Street-Mann!«

»Bankier oder Makler?«

»Ich weiß nicht. Eine Art Spekulant, glaube ich. Und jedenfalls recht wohlhabend.«

»Schön!«, sagte Nick. »Wir müssen eben die Familie wecken und eine nähere Untersuchung anstellen.«

Die beiden gingen zur Haustür und läuteten lange Zeit, ohne dass sich jemand rührte. Dann schlug der Policeman mit seinem Knüppel an die Tür und machte damit so viel Lärm, wie er irgend konnte.

Da endlich wurde jemand im ersten Stock wach, der ein Fenster öffnete und fragte, was der Lärm zu bedeuten habe.

»Kommen Sie herab und lassen Sie uns ein, bei Ihnen ist eingebrochen worden!«

»Wer sind Sie?«, fragte die Stimme von oben.

»Ein Policeman und Mister Carter!«, war die Antwort.

Sofort verschwand der Kopf vom Fenster, und nach geraumer Zeit, wie es den unten Wartenden erschien, flammte ein Licht im Hausflur auf, und die Tür wurde geöffnet.

Die beiden traten ein und sahen einen jungen Mann vor sich, ohne Weste und Rock in Hausschuhen.

»Sie sagten, hier ist eingebrochen worden! Ich sehe aber nichts!«, bemerkte derselbe misstrauisch.

»Hier unten werden Sie davon auch nichts sehen«, antwortete Nick, »aber oben im Parlor.«

Der junge Mann antwortete kein Wort und führte die beiden in die reich ausgestattete Halle, von der die Treppe zum oberen Stockwerk führte. Hier zündete er eine Kerze an, bei deren unsicherem Schein Nick den Parlor an der Vorderseite übersah, der die ganze Front des Hauses einnahm.

Sie traten in denselben ein, fanden hier aber wenig Bemerkenswertes. Das Erkerfenster war offen, und sie konnten sehen, was von der Straße nicht zu bemerken gewesen war, dass ein Seitenfenster weit genug geöffnet war, um ein Seil unter dem Flügel durchzulassen, welches am Fensterkreuz befestigt war.

Im Übrigen fand sich wenig Unordnung vor.

»Welche Räume befinden sich hinten im Haus?«, fragte Nick.

»Ich glaube, die Bibliothek«, erwiderte der Mann. »Wenigstens befinden sich eine Menge Bücher dort. Es ist das größte Zimmer im Haus, und abends versammelt sich die ganze Familie dort, wenn alle zuhause sind.«

»Ist die Familie gegenwärtig nicht hier?«

»Nein«, antwortete der junge Mann. »Mister Herron ist in Chicago auf einer kleinen Vergnügungsreise.«

»Wer sind Sie?«

»Ich bin George Temple, ein Neffe von Mister Herron.«

»Sind Sie ein Mitglied der Familie?«

»In gewissem Sinne!«, sagte der junge Temple. »Ich halte mich hier nur auf, wenn die Familie nicht da ist. Onkel Jakob bat mich, hier zu schlafen und während seiner Abwesenheit das Haus zu hüten.«

»So«, äußerte Nick. »Besonders gut haben Sie es gerade nicht gehütet.«

»Nein«, antwortete der junge Mann. »Ich habe allerdings nichts gehört, bis der Policeman an der Tür lärmte.«

»Führen Sie uns in die hinteren Räume.«

Temple führte sie in die hinteren Gemächer, welche die ganze Rückseite des Hauses einnahmen.

Wenn sich nirgends Spuren des Einbruchs gefunden hatten, hier waren ihrer genügend vorhanden. Zwei größere Truhen waren aufgebrochen, deren Inhalt auf dem Fußboden verstreut, als ob jemand in höchster Eile alles durchwühlt hätte.

Die Schreibtische und Bücherschänke waren ausgeleert, ihr Inhalt bunt durcheinander auf den Boden geworfen.

Bei dem schwachen Licht der Kerze schien es, als ob jedes einzelne Stück durch die Hände der Spitzbuben gegangen wäre.

Nicht ein einziges Gemälde hing mehr gerade an den Wänden, und es befanden sich deren viele in dem Raum.

»Hob Ihr Onkel irgendwelche besonders wertvollen Dinge in diesem Zimmer auf?«, fragte Nick.

»Was verstehen Sie unter besonders wertvoll?«, fragte Temple.

»Nun, Sachen, die Ihr Onkel besonders schätzte«, sagte er, »oder solche, die er als besonders kostbar vielleicht versteckt hielt.«

»Nicht, dass ich wüsste!«, antwortete Temple. »Was soll diese sonderbare Frage?«

Nick deutete auf die Bilder und meinte: »Es scheint, als ob die Spitzbuben auf der Suche nach irgendeinem bestimmten Gegenstand hinter jedes Gemälde an der Wand geschaut hätten, und daraus folgt, dass sie gewusst haben müssen, dass irgendein Wertobjekt, das sie durchaus finden wollten, sich in diesem Zimmer befunden haben muss.«

Der junge Temple blickte den Detektiv verwundert an, als ob seine Bemerkung ihm unverständlich sei, gab aber keine Antwort.

»Vermissen sie irgendetwas in diesem Zimmer?«, fragte Nick Carter lauernd.

Der junge Mann überblickte das Zimmer und sagte zu Nick: »Zwei wertvollere Bronzegegenstände womöglich, die mein Onkel hier aufgestellt hatte. Es kann aber sein, dass er diese Bronzen und andere wertvolle Sachen vor seiner Abreise irgendwo anders unterbrachte. Wie ich Ihnen sagte, bin ich nur ausnahmsweise hier im Haus und nicht so unterrichtet über alle Einzelheiten, als wenn ich dauernd hier lebte.«

»In welchem Zimmer hielten Sie sich auf, als wir Sie weckten?«

»Im Vorderzimmer des dritten Stockwerks!«

»Sind Dienstboten hier im Haus?«

»Nein. Ich schlafe allein hier; Onkel Jakob gab seinen Leuten Ferien bis zu seiner Rückkehr.«

»Wer bewohnt die hier über uns liegenden Zimmer?«, fragte Nick.

»Das Vorderzimmer bewohnen Onkel Jakob und seine Frau; hinten wohnt seine Tochter, und dazwischen liegt ein Dienstbotenzimmer.«

»Führen Sie uns in diese Räume!«

Die drei stiegen zum zweiten Stockwerk hinauf. Das Erste, was Nicks Aufmerksamkeit erregte, war ein einbruchsicherer Geldschrank in einer Ecke des Vorderzimmers.

Die Tür stand weit offen, und der Schrank war leer.

Nick untersuchte das Schloss. Es war ein Kombinationsschloss.

Zweifellos war der Schrank von einer Person geöffnet worden, die mit dem Mechanismus desselben bekannt war.

»Was wurde in diesem Schrank aufbewahrt?«, fragte Nick.

»Ich weiß nicht. Ich kenne den Schrank nicht. Ich bin lange Zeit nicht in diesem Zimmer gewesen.«

Wie sich zeigte, waren alle Schränke und Behältnisse in diesem Zimmer in größter Eile durchwühlt worden. Der gesamte Inhalt lag rücksichtslos auf dem Fußboden verstreut.

Wie die weiteren Nachforschungen ergaben, waren auch die Zimmer der Tochter in gleicher Art und Weise durchwühlt worden.

Die kleine Gesellschaft ging in das Erdgeschoss zurück und betrat nun das Esszimmer; hier war buchstäblich jedes Stück Silbergerät verschwunden.

»War es sehr wertvoll?«, erkundigte sich Nick.

»Das kann ich beim besten Willen nicht sagen«, entgegnete Temple. »Ich weiß es wirklich nicht, ob es echtes Silber oder nur versilbertes Geschirr war. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass ein großer Teil echt war.«

»Und wann wird Mr. Herron zurückkommen?«, fragte Nick.

»Ich erwarte ihn für morgen.«

Nick wendete sich zu dem Policeman um und meinte, dass er hier nichts mehr zu tun habe, er möchte seinen Bericht an das Polizeiamt machen; dann verließ er so schnell wie möglich das Haus.

 

*

 

Am anderen Morgen hatte Nick kaum sein Frühstück beendet, als ihm ein Diener eine Karte brachte.

Er reichte sie lächelnd seiner Nichte Ida über den Tisch hinüber, mit der er zusammen am Frühstückstisch saß, und sagte: »Darauf war ich gefasst, nur nicht so früh!«

Er ging in das Sprechzimmer, wo sich ein Herr in mittleren Jahren erhob, um ihn zu begrüßen.

»Mr. Carter, wenn ich nicht irre«, sagte der Besucher.

Nick bat seinen Besucher, Platz zu nehmen, und setzte sich selbst so gegenüber, dass das Licht voll auf das Gesicht des Gastes fiel.

»Meinen Namen kennen Sie von der Karte her.«

»Ja«, antwortete Nick. »Mister Herron. Ich war heute früh in Ihrem Haus, traf Sie aber nicht an.«

»So verhält es sich«, sagte Mr. Herron. »Aber unter Verhältnissen, die mir nicht gerade zusagen. Ich kam heute frühzeitig zurück und musste da leider erfahren, dass während meiner Abwesenheit bei mir eingebrochen wurde und dass Sie glücklicherweise zur Stelle waren, um die Nachforschungen zu beginnen. Ich wollte keine Zeit verlieren und komme deshalb zu Ihnen, umso mehr, als mir der Polizeibeamte sagte, dass Sie nicht die Absicht hätten, die Sache weiter zu verfolgen.«

»So verhält es sich«, erwiderte Nick. »Es sei denn, dass ich speziell damit beauftragt werde.«

»Ich kam her, um mir Ihre Dienste zu sichern, wenn Sie für mich tätig sein wollen.«

»Ich muss erst Näheres über den Fall hören, ehe ich annehme oder ablehne«, antwortete Nick. »Wenn es sich um einen gewöhnlichen Einbruchsfall handelt, so muss hier die Polizei einschreiten.«

»Zunächst«, sagte Mr. Herron, »möchte ich Sie fragen, welchen Eindruck Sie in der letzten Nacht erhalten haben. Mir scheint es, als ob Sie den Eindruck empfangen haben, dass es sich um mehr als einen gewöhnlichen Einbruch gehandelt habe.«

»Allerdings empfing ich diesen Eindruck«, antwortete Nick. »Es schien mir, als ob die Einbrecher auf der Suche nach einem ganz bestimmten Gegenstand gewesen wären.«

»Da haben Sie recht«, fiel Herron ein. »Ich bin der Überzeugung, dass es sich nicht darum handelte, gewöhnliche Wertsachen zu stehlen, sondern dass die Leute darauf aus waren, einen ganz bestimmten Gegenstand zu finden und dass hierbei nur, weil sich die Gelegenheit bot, die übrigen Wertsachen mitgenommen wurden. Die Veranlassung zum Einbruch war jedenfalls nur ein bestimmter Gegenstand.«

»Ich möchte das noch nicht ganz so bestimmt behaupten«, äußerte Nick. »Es sprechen doch mancherlei Anzeichen dafür, dass es sich um das Werk sehr geschickter, berufsmäßiger Einbrecher handelt. Wenigstens ich habe die Überzeugung; aber geben Sie mir bitte weitere Aufschlüsse.«

»Silbergeschirr und Juwelen im Wert von ungefähr 8000 Dollar wurden aus dem Haus gestohlen. Die Juwelen wurden aus einem kleinen Geldschrank geraubt, der in dem Schlafzimmer meiner Frau stand.«

»War dieser Schrank verschlossen, als Sie verreisten?«

»Ja«, erwiderte der Gefragte, »und das Sonderbarste dabei ist, dass ich die Kombination des Schlosses änderte, als ich abreiste, ohne meiner Frau oder sonst jemandem von der Änderung Mitteilung zu machen. Es ist dies eine Gewohnheit von mir, die ich stets befolge, wenn ich die Stadt verlasse.«

»Sie haben wirklich niemandem davon Mitteilung gemacht?«, fragte Nick.

»Keinem einzigen«, sagte Herron. »Nur eine Notiz an meinem Taschenbuch.«

»Und bei Ihrer Rückkunft war der Schrank offen?«, wollte Nick wissen.

»Ja, und zwar ohne dass Gewalt angewendet worden wäre.«

»Wie ich bemerkte, war Ihr Silbergeschirr in einem besonderen Schrank im Esszimmer aufbewahrt.«

»Jawohl«, entgegnete der andere, »auch dieser hatte ein Kombinationsschloss. Dieses allerdings war nicht geändert worden, und die Kombination war meinem Kellermeister bekannt, einem alten, treuen Diener.«

Mr. Herron machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Wahrhaftig, niemand wird gerne achttausend Dollar verlieren, aber ich würde diesen Verlust ganz gerne ertragen, wenn ich nicht wüsste, dass es sich bei dem Einbruch um etwas ganz anderes gehandelt hat, nämlich darum, die Schränke und Behältnisse aufzubrechen. Das kostet mich bare 25.000 Dollar, und wenn das Gestohlene nicht wieder herbeigeschafft wird, verliere ich ein großes Vermögen dazu.«

»Was wollen Sie damit sagen?«, fiel Nick ein.

»Das würde eine lange Geschichte werden, wenn ich alle Einzelheiten erzählen soll. Aber ich will mich so kurz wie möglich fassen. Es mag etwa fünf oder sechs Jahre her sein, da kam ein Bekannter zu mir, ein Mann, den ich als zuverlässig kannte, Pemberton mit Namen, ein Elektriker und großer Experimentator. Dieser erzählte mir, dass es ihm gelungen sei, eine Erfindung zu machen, nämlich die, Elektrizität aufzuspeichern und einen Motor mit dem denkbar geringsten Verlust an Kraft zu konstruieren. Er hatte nicht die nötigen Mittel, um die Experimente fortzusetzen und zu vollenden. Ich war überzeugt von dem Werte der Erfindung und lieh ihm die gewünschten Summen mit der Abmachung, dass mir bei dem Verkauf der Erfindung, wenn die Maschine fix und fertig sei, ein entsprechender Teil zufiele. Außerdem sollte ich Zinsen empfangen und als Teilhaber der ganzen Erfindung gelten.

Von Zeit zu Zeit war ich gezwungen, Geld nachzuzahlen. Endlich waren die Vorversuche zur vollkommenen Zufriedenheit gelungen. Aber gerade im letzten Augenblick, als alles in Ordnung und das Modell fertig war, wurde der Elektriker krank und starb ebenso plötzlich. Die Zeichnungen und Modelle befanden sich alle im Besitz seiner Witwe. So bald wie möglich unterrichtete ich diese Dame von den Rechten, die ich erworben hatte. Ohne sich zunächst auf die Anerkennung oder Ablehnung meiner Ansprüche einzulassen, befragte sie den Rechtsanwalt um Rat, der die Geschäfte ihres Gatten besorgt hatte. Dieser gab ihr den Rat, meine Ansprüche zunächst nicht anzuerkennen, sondern zu versuchen, ob sie mich nicht zu einem günstigeren Vertrag bewegen könne. Nichtsdestoweniger gelang es mir, sie zu überzeugen, dass sie meine wohlerworbenen Rechte anerkennen müsse, nachdem ich ihr nachgewiesen hatte, dass ich ihrem verstorbenen Gatten allein 15.000 Dollar in bar vorgeschossen hatte. Auch legte ich ihr die Papiere vor, aus welchen meine Ansprüche als Teilhaber ersichtlich waren. Dieselben waren zwar nicht unterschrieben, jedoch ging daraus hervor, dass ich allein mich verpflichtet hatte, 15.000 Dollar für die Herstellung der Maschine und zum Patenterwerb zu zahlen. Um unser Abkommen endgültig festzumachen, zahlte ich ihr noch zehntausend Dollar und gelangte so in den Besitz der Modelle und Zeichnungen.

Inzwischen war sie jedoch noch in Verbindung mit einigen anderen Spekulanten getreten. An demselben Tag, an welchem unser Abkommen in Kraft trat und sie mir die Zeichnungen und Modelle gegen meinen Zehntausend-Dollar-Scheck auslieferte, erhielt sie eine Offerte, die in ihren Augen günstiger war als der mit mir geschlossene Vertrag. Sie und ihre Freunde boten alles auf, um das eben getroffene Abkommen wieder zu lösen, und es begann eine Reihe von Versuchen, mich zur Herausgabe der Modelle und Zeichnungen umzustimmen.

Gleichzeitig erhob sich eine neue Schwierigkeit, nämlich die Art und Weise zu ermitteln, wie die Patente zu erlangen seien. Dieselben waren sämtlich auf den Namen meines verstorbenen Freundes angemeldet, und es handelte sich darum, sie auf meinen Namen ausstellen zu lassen. Mein Rechtsanwalt hatte mir gesagt, dass hierzu einzig der Testamentsvollstrecker berechtigt sei; das war die Witwe. Diese stand mir aber feindlich gegenüber und verweigerte wie gesagt von vornherein, die erforderlichen Schritte zu tun.

Aber alle Geheimnisse der Erfindung, alle Zeichnungen, alle Modelle, alle Entwürfe; kurz, alle darauf bezüglichen Papiere befanden sich in meinem Besitz. Ich hatte dieselben sorgfältig verwahrt und mir eine besonders einbruchsichere Kassette machen lassen, um die Modelle sicher unter Schloss und Riegel verwahren zu können. So hoffte ich, die weitere Entwicklung der Dinge abwarten zu können. Von Seiten der Witwe ebenso wie von Seiten anderer Interessenten, die den Wert der Erfindung kannten, wurden die verschiedensten Anstrengungen gemacht, sich in den Besitz dieser Unterlagen zu setzen, aber bis heute gelang es mir, allen solchen Maßregeln zuvorzukommen. Die Kassette nun mit ihrem gesamten Inhalt an Zeichnungen, Modellen, Unterlagen und sonstigen Papieren wurde in der letzten Nacht aus meinem Hause gestohlen.«

»Und Sie möchten nun mit meiner Hilfe die Kassette wiedererlangen?«, fragte Nick.

»Das ist allerdings mein Wunsch und der Zweck meines Besuches!«

Der Detektiv erhob sich von seinem Stuhl und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder, wie es seine Gewohnheit war, wenn er scharf nachdachte.

Mister Herron wartete längere Zeit, ehe er versuchte, ihn in seinem Nachdenken zu stören, doch als er den Versuch machte, gebot ihm Nick mit einem gebieterischen Wink zu schweigen.

Endlich machte er kurz halt und sagte, sich zu Mr. Herron wendend: »Ihre Erklärungen rechtfertigen allerdings Ihre Überzeugung, dass der Beweggrund zum Einbruch der war, sich in den Besitz der Kassette zu setzen, welche, wie Sie sagen, alle für die Erfindung erforderlichen Unterlagen enthielt. Und doch bin ich der Meinung, dass es sich um die Tat gewohnheitsmäßiger Einbrecher handelt.«

»Dann müsste jeder seinen besonderen Weg in dieser Angelegenheit verfolgen.«

»Nicht nötig«, entgegnete Nick mit Bestimmtheit. »Beantworten Sie mir einige Fragen. Sind die Herren, von denen Sie sprachen, Leute, die eine angesehene Stellung in der Gesellschaft einnehmen?«

»Ja, das muss ich zugeben«, sagte Mister Herron.

»Halten Sie die Leute, die Sie im Auge haben, für fähig, ein Verbrechen zu begehen, um sich in den Besitz des Geheimnisses zu setzen?«

»O nein! Ich möchte auch nicht, dass Sie glauben, die Leute könnten sich gegen mich verschworen haben. Sie stehen sich untereinander ebenso missgünstig gegenüber wie mir.«

»Das möchte ich in der Tat auch annehmen«, sagte Nick. »Aber angenommen, dass einem von ihnen so außerordentlich viel an der Erfindung gelegen ist, dass er sich zu ganz verzweifelten Schritten entschließen könnte. Glauben Sie, dass er sich zu einem Verbrechen hinreißen lassen könnte? Dass er der Gefahr trotzen möchte, seinen ganzen Ruf aufs Spiel zu setzen, dass er nachts in ein fremdes Haus einbricht?«

»Das zu glauben, fällt mir allerdings sehr schwer«, antwortete sein Besucher.

»Weiter! Lassen Sie uns annehmen, dass sich einer unter ihnen befindet, der skrupellos genug ist, dass er sich zu ungesetzlichen Handlungen hinreißen lässt. Sollten wir da nicht auf einem anderen Weg zusammenkommen? Statt einen Einbruch im Auge zu haben, mag er jemanden angestiftet haben, sich in den Besitz der Kassette zu setzen. Können wir dann nicht annehmen, dass beim Raub der Kassette die Gelegenheit benutzt wurde, auch die übrigen Gegenstände zu stehlen? Auf diese Weise würde sich dann der Einbruch und die Spuren gewerbsmäßiger Diebe erklären lassen.«

Lebhaft erregt sprang Mr. Herron auf, indem er ausrief: »Sie haben recht, so verhält sich die Sache!«

»Nur nicht so eilig«, meinte Nick. »Das ist zunächst nur eine Vermutung von mir, die sich leicht als hinfällig erweisen kann, sobald ich bei der Nachforschung auf eine andere Spur stoße. Alles in allem, ich werde die Sache übernehmen. Zunächst bitte ich Sie, kommen Sie an meinen Schreibtisch und schreiben Sie mir sorgfältig die Namen von allen Interessenten auf, die, wie Sie sagten, den Versuch gemacht haben, sich in den Besitz der Papiere zu setzen. Schreiben Sie mir ferner den Namen und die Adresse der Witwe auf; außerdem brauche ich noch die Adresse des Anwalts der Witwe sowie die Ihres eigenen Anwalts. Zum Schluss geben Sie mir eine Beschreibung der Kassette, die Sie sich für die Aufbewahrung der Papiere machen ließen, und dazu eine gesamte Aufstellung ihres Inhalts.«