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Der Wildschütz – Kapitel 29

Th. Neumeister
Der Wildschütz
oder: Die Verbrechen im Böhmerwald
Raub- und Wilddiebgeschichten
Dresden, ca. 1875

Neunundzwanzigstes Kapitel

Der Ankläger

Die Turmuhren der Residenz zeigten soeben die vierte Nachmittagsstunde an, als der Diener des Rechtsgelehrten die Ankunft des jungen Mannes anzeigte, welcher im Laufe des Vormittags den erwähnten Brief gebracht hatte.

»Führe ihn herein und sorge dafür, dass wir von niemanden gestört werden«, sagte Herr Lorenz, sich erhebend und nach der Uhr sehend. »In der Tat, der Mann ist pünktlich«, fügte er hinzu, »er hat sich mit dem letzten Glockenschlag eingefunden – nun, wo möglich soll er auch mich nicht lässig finden«

Bald danach trat der Angemeldete in das Zimmer herein; er grüßte mit Anstand und wartete, bis der Rechtsgelehrte eine Frage an ihn richten werde, was auch nicht lange dauerte.

»Mein Freund, Sie wünschen mich zu sprechen«, begann der Rechtsmann, »ich willige gern in Ihr Verlangen und es soll mir lieb sein, wenn ich es vermag, Ihnen sowie anderen nützlich zu sein, zuvörderst möchte ich um Ihren Namen bitten.«

»Verzeihen Sie, mein Herr«, erwiderte der Gefragte, »die Verschweigung meines Namens muss gegenwärtig noch als ein Vorbehalt von meiner Seite gelten. Es trägt nichts zur Sache bei und später sollen Sie denselben erfahren. Ich habe Ihnen vorläufig nur noch zu bemerken, dass ich im Auftrag eines anderen komme, der Zeuge war von der grässlichen Ermordung des armen Andreas, den man in der Schänke Zum schwarzen Bären, und zwar um die Zeit der Mitternacht ums Leben brachte und im Wald verscharrte.«

»Und wer waren die Täter dieses entsetzlichen Frevels?«, fragte der Rechtsgelehrte. »Dieselben sitzen bereits im Kerker, um noch andere verübte Verbrechen abzubüßen. Es sind drei freche Burschen und sie werden Ihnen unter den Namen Berthold und Julian nebst ihrem Kumpanen Georg gewiss bekannt sein.«

»Das sind sie mir in der Tat«, antwortete jener, »ich habe an ihrer Verteidigung gearbeitet, aber«, fuhr er fort, »wo ist der Zeuge, der da sagen kann: Ich habe es gesehen, als sie – ich meine jene drei Bezichtigten – den armen Andreas ums Leben brachten.«

»Der Zeuge wird herbeigeschafft werden, so wahr ich hoffe, einst selig zu werden, und er hat alles mit angesehen, so wahr die Sonne über uns scheint!«

»Und wie nennt sich dieser Zeuge, dessen Aussage von schwerem Gewicht ist?« »Mein Herr«, entgegnete der Gefragte in leiserem Ton als bisher, »haben Sie niemals von dem berüchtigten Wildschütz Curt etwas vernommen? Kennen Sie das Leben und Treiben desselben?«

»Ob ich ihn kenne«, rief der Advokat mit verwundertem Blick, »nein, ich sah ihn niemals von Angesicht, aber ich hörte desto mehr von demselben; auch gehört es mit zu meinem gegenwärtigen Interesse, recht viel von ihm zu erfahren.«

»Ich errate die Ursache Ihrer Bemühungen. Sie möchten den armen Burschen am liebsten heute als morgen im Verhörzimmer sehen. Ist es nicht so, mein Herr?«

»Nein, bei Gott, Sie irren, wenn Sie so etwas glauben; wohl möchte ich ihn sehen und mit ihm sprechen, denn ich habe Aufträge von einer gewissen Person erhalten, welche dahin lauten, all Dasjenige niederzuschlagen, was von mir nach Pflicht und Recht gegen den kecken Burschen unternommen wurde.«

»Sie bringen mich in Erstaunen, mein Herr«, sagte der Fremde, »und ich möchte an der Wahrheit dessen zweifeln, was ich soeben aus Ihrem Mund vernahm. Wenn es so ist, dann kann niemand als Graf Praßlin selbst die Verfügung getroffen haben, den Wildschützen nicht länger verfolgen zu lassen.«

»Allerdings, mein Freund, hat er das getan«, sagte der Rechtsgelehrte, »warum, weiß ich nicht, aber so viel ist gewiss, und ich bürge mit meinem Ehrenwort dafür – der Graf Praßlin will keinen weiteren Schritt in dieser Sache tun und der kühne Wildschütz kann heute oder morgen den Behörden ins Gesicht lachen. Es wird ihm nichts widerfahren. Doch Sie wollten vorhin etwas in Bezug auf jenen Menschen sagen.«

»Jawohl, mein Herr, ich wollte Ihnen mitteilen, dass jener berüchtigte Wildschütz Zeuge war von dem Verbrechen, das Berthold im Verein mit seinen Helfershelfern verübte. Der verfolgte Schütze hatte sich auf seiner Flucht während jener Nacht in der Wohnung des alten Leonhard versteckt, und als die Mitternacht herankam, war er Zeuge einer Tat, die ihm das Haar zu Berge trieb.«

Der Rechtsgelehrte stand, von Staunen ergriffen, von seinem Sessel auf. »Und hat er Ihnen das selbst gesagt, o lieber Freund, antworten Sie mir, hat er Ihnen das gesagt?« »Ja, mein Herr«, entgegnete er.

»Und wo befindet sich der junge Mann?«, fuhr Herr Lorenz hastig mit Fragen fort, »seine Anwesenheit ist doppelt nötig, einmal, weil ich ihn unbedingt herbeischaffen soll, und zweitens, weil seine Aussage durchaus vor Gericht nötig ist. Ich bitte Sie um alles in der Welt, helfen Sie mir dazu, dass ich den Wildschützen sprechen kann. Ich bürge mit meiner Ehre dafür, dass ihm kein Leid widerfahren soll.«

»Können Sie mir diese Versicherung gewiss geben«, sagte der Fremde, »ist wirklich keine Gefahr vorhanden, die den Wildschützen zurückhalten könnte, vor Gericht ein öffentliches Zeugnis abzulegen?«

»Was ich Ihnen sage, mein Freund«, erwiderte Herr Lorenz, »die Freiheit bleibt dem jungen Mann unbeeinträchtigt. Er wird von mir geben, und zwar ebenso frei und unangetastet, wie er kommt.«

»Wohlan denn, mein Herr, ich will nicht länger an Ihrer Zusicherung zweifeln, Sie scheinen ein Mann von ehrenhaften Grundsätzen zu sein, Sie sollen Ihren Wunsch erfüllt sehen, und zwar eher, als Sie glauben. Noch heute werden Sie den Wildschützen sehen.«

»Wäre es möglich!«, rief der Rechtsmann, entzückt von der Aussicht, die sich ihm eröffnet, den Wunsch des Grafen Praßlin so bald erfüllen zu können.

»Sie werden ihn sehen, mein Herr, oder vielmehr Sie sehen ihn bereits, weil er vor Ihnen steht. Ich bin es selbst.«

Herr Lorenz begann zu wanken, die Überraschung ergriff ihn zu hastig. »Wie, mein Herr, Sie … Sie wären …?«

»Ich bin Curt, der Raubschütz, den man wie einen Wolf bisher herumgehetzte, und es ist in der Tat ein tollkühnes Wagstück für mich, hier Schutz und Hilfe zu suchen, wo man die Schlingen bereitet, mit denen man mich fangen will. Aber merken Sie wohl, mein Herr«, fuhr er in wachsender Aufregung fort, »wenn Sie mich wirklich getäuscht haben, wenn Sie falsch gegen mich handeln und mein Vertrauen zu meinem Nachteil benutzen könnten, dann würde es Ihnen nicht so hingehen!«

»Sehen Sie«, fuhr er fort, ein Doppelpistol aus seiner Kleidung ziehend, »ich bin auf das Schlimmste vorbereitet und ich schwöre es Ihnen, dass das Gehirn des Verräters jene Wand bespritzen soll, bevor es gelingt, mich festzunehmen! Ich ließ mich betören, Ihnen mein Vertrauen zu schenken. Sorgen Sie dafür, dass Sie es nicht zu bereuen haben!«

»Ich bitte Sie bei allem, was wir hoffen, entfernen Sie jeden Gedanken an einen solchen Verrat. Ich erkläre Ihnen nochmals, dass ich die Wahrheit gesprochen habe. Sie sind von nun an keiner Verfolgung mehr ausgesetzt. Der Graf will es so und niemand hat ein Recht, sich zu widersetzen.«

»Aber dann sagen Sie mir, was kann ihn dazu bewegen, ihn, der mich in den tiefsten Kerker seines Schlosses einsperrte; ich begreife es nicht.«

»Ich auch nicht«, sagte Herr Lorenz, »es ist mir ein Rätsel, das ich nicht zu lösen imstande bin. Der alte Herr zeigte sich ergriffen, wie ich ihn noch niemals gesehen habe. Er hat mir den Auftrag auf die Seele gebunden, Ihre Herbeischaffung zu bewirken.«

»Wie, er will mich sehen?«, rief Curt befremdet.

»Jawohl!«

»Daraus kann nichts werden«, sagte der Wildschütz, »ich traue dem alten Fuchs nicht – doch ja, unter einer Bedingung will ich seinen Wunsch erfüllen, das heißt, wenn Sie mir mit Ihrer Gegenwart Bürge sein wollen für meine Freiheit.«

»Ja, das will ich«, entgegnete der Rechtsanwalt, »bestimmen Sie einen Ort und der Graf wird sich gewiss an demselben einfinden. Ich werde ihn allein begleiten und die Zusammenkunft soll unter uns stattfinden.«

Die Offenheit und der Ton, in welchem der Sprecher sich ausdrückte, seine Einwilligung in alles, was der Wildschütz verlangte, nahm ihm nun seinen bisherigen Zweifel. Curt dachte an die Mitteilungen seiner Pflegemutter und er hätte es sich zu einem Vorwurf gemacht, dieselben in Bezug auf den Grafen Praßlin für unwahr zu halten.

»Es ist abgemacht«, sagte der Anwalt, »Sie sprechen mit dem Grafen in meinem Beisein an einem Ort, den Sie zu bestimmen haben, ehe Sie mich verlassen – und was die Angelegenheit betrifft, welche Sie veranlasste, mich aufzusuchen, so können Sie überzeugt sein, dass ich alles tun werde, um den Unschuldigen zu befreien und den Verbrecher zur Strafe zu ziehen.«

Der Rechtsgelehrte forderte hierauf den Wildschützen auf, ihm alles genau mitzuteilen, was jene Angelegenheit betraf.

Curt begann mit seiner Erzählung, die dem Leser bereits bekannt ist, und der Notar schrieb seinen Bericht nieder, um später seine Verfügungen in dieser wichtigen Sache zu treffen.

Zwei Stunden waren vergangen, als sich Curt erhob, um den Anwalt zu verlassen. »Ich erlaube mir, Sie nochmals daran zu erinnern, eine Zusammenkunft mit dem Grafen einzugehen.«

»Ja, ich gebe meine Einwilligung«, sagte jener. »Wenn mich der Graf in der Hütte meiner Mutter sprechen will, dann werde ich ihm zu Diensten stehen. Übermorgen werden Sie mich in dem sogenannten Moorgrund treffen.«

»Der Graf wird kommen, und zwar in meiner Begleitung«, sagte Herr Lorenz, »ich rechne auf Gewissheit in diesem Fall.«

»Auch ich werde erscheinen«, sagte der Wildschütz, worauf er sich schnell entfernte. »Ein hitziger Bursche«, murmelte der Zurückbleibende. »Nun, wir werden ihn schon wiedertreffen.«

Noch an demselben Nachmittag erschien der Graf Praßlin in der Wohnung seines Notars, um ihn vor seiner auf den nächsten Morgen bestimmten Abreise noch einmal zu sprechen.

Herr Lorenz ermangelte nicht, dem Grafen das Abenteuer mit dem Fremden zu erzählen und der Graf zeigte sich darüber höchst überrascht.

»Bei Gott! So schnell hätte ich ein Zusammentreffen mit ihm nicht erwartet«, sagte er gedankenvoll, »aber es ist mir umso lieber«, fügte er hinzu, »wenn er nur Wort hält und sich wirklich im Moorgrund zu der bestimmten Stunde einfindet.«

»Er wird kommen«, sagte der Rechtsanwalt, »darauf rechne ich fest und bestimmt.« »Mein lieber Freund«, fuhr hierauf der Graf fort, »da der junge Mann einen Ort gewählt hat, der nicht zu weit von meinem Schloss entfernt liegt, so halte ich es für unzulässig, dass Sie mich begleiten. Ich will ihn allein dort aufsuchen und ohne Zeugen sehen und sprechen. Es kann sein«, fügte er hinzu, »dass ich Ihre Hilfe sehr bald nötig habe, wenn ich aus dem Moorgrund zurückkehre.«

Der Graf verließ nach einer halben Stunde seinen Anwalt und mit dem Anbruch des folgenden Morgens rollte sein Reisewagen zum Tor hinaus.

Unterdessen hatte Curt mit seiner Pflegemutter im Beisein Käthchens von den Vorfällen des vergangenen Tages gesprochen.

»Ich habe das Zusammentreffen in unserer Hütte zugesagt und will mein Wort halten«, bemerkte er mit Entschlossenheit. »Du, meine gute Mutter, wirst mich dahin begleiten, mag auch entstehen aus diesem Zusammentreffen, was immer wolle!« Elisabeth war mit dem Entschluss ihres Lieblings vollkommen einverstanden. Sie versuchte die lebhaften Befürchtungen Käthchens zu zerstreuen, die mit besorgtem Herzen diesem Zusammentreffen entgegensah und einen schlimmen Ausgang von diesem Ereignis erwartete.

»Du wirst es bereuen«, sagte sie, »bedenke, was du tust. Dein Entschluss wird uns beide ins Verderben stürzen.«

Bei dergleichen Vorstellungen vonseiten der Geliebten begann Curt mehr wie einmal zu wanken, allein Mutter Elisabeth zeigte sich dann nicht mit seiner Meinung einverstanden und war bemüht, den Schwankenden zu seinem früheren Vorsatz zurückzubringen, was ihr auch endlich vollkommen gelang. Der Abschied von Käthchen wurde beiden schwer.

»Lebe wohl, mein Kind«, sagte Elisabeth, »ich werde nun wohl niemals wieder in die Stadt kommen. Mein Auftrag ist vollzogen und mit Freuden kehre ich zu meiner Hütte zurück, was mich umso mehr erfreut, da es in der Begleitung meines lieben Jungen geschieht, dem der Abschied von dir gewiss recht schmerzlich ist.«

»Die Hoffnung, dass wir uns bald wiedersehen, mildert meine Trauer«, sagte Curt, indem er die Geliebte umarmte. »Lebe wohl, mein Käthchen, bald sehen wir uns wieder.«

Martha nebst ihrer blinden Tochter betrauerten aufrichtig den Abschied der guten Elisabeth. Es kostete den beiden Freundinnen noch manche Zehre, ehe sie voneinander schieden.

Ein unscheinbares Fuhrwerk nahm beide auf. Nachdem sie die Hauptstadt hinter sich hatten, sagte Elisabeth, einen trüben Blick zurückwerfend: »Nun lebt alle wohl, ich werde nimmer wieder dorthin kommen.«

Gegen Abend langten sie im Moorgrund an und mit pochendem Herzen begrüßte Curt die Hütte, in deren kleinem Raue er die glücklichsten Tage seiner Kindheit verlebt hatte.