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Weird Tales – Das Grab

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Vergessene Helden 2

Danger Man

»Gestatten, mein Name ist Drake. John Drake.«

Und nein, dieser Spruch ist nicht von James Bond abgekupfert, im Gegenteil, auch wenn es mancher kaum glauben kann, aber die Macher von 007 haben sich tatsächlich bei John Drake bedient. Dieser Protagonist war nämlich von 1960 an bis Mitte der 70er des vorigen Jahrhunderts mindestens genauso bekannt wie James Bond.

Aber wer war John Drake, dieser Held unzähliger Filme, Romane und Comics, dieser Mann, den heute kaum noch einer kennt?

Die Welt der Geheimagenten hat die Menschen schon von jeher fasziniert. Mit der Ära des kalten Krieges, als dessen Ausgangspunkte die Verkündung des sogenannten Truman-Doktrin am 12. März 1947 und 1948/49 die Berlin-Blockade angesehen werden können, wurde das Interesse an Geheimdiensten, Agenten, Spionen und dem ganzen Umfeld immer größer. Die Leserschaft gierte geradezu nach Romanen aus und über dieses Milieu.

Anfang der 50er Jahre entstand ein regelrechter Hype um Geheimagenten, wobei einer der bedeutensten Mitbegünder dieser Welle unzweifelhaft der Schriftsteller Ian Fleming mit seinem 1953 veröffentlichtem Werk Casino Royale war. Nur ein Jahr später wurde das Buch unter eben diesem Titel für das Fernsehen verfilmt, 1962 folgte der Spielfilm James Bond – 007 jagt Doktor No mit Sean Connery in der Hauptrolle, der in den Kinos die Kassen nur so klingeln ließ.

Die Menschen wollten den 2. Weltkrieg, der noch keine zwei Jahrzehnte zurücklag, endgültig vergessen. Fremde Länder und exotische Schauplätze faszinierten in einer Zeit, als es noch purer Luxus war, nach Rom, Paris und Mailand reisen oder gar nach Istanbul oder Hongkong zu fliegen. Bis dato verbrachten die meisten Menschen den Urlaub nämlich noch in ihrem Heimatland.

Daher war es kein Wunder, dass jeder Verlag oder jedes Filmstudio auf den lukrativen Spionage- und Geheimagentenzug aufspringen wollte. Doch wie überall trennte sich auch hier recht schnell die Spreu vom Weizen. Von den ganzen Geheimagenten blieben außer 007 nur ein paar wenige übrig und einer davon war John Drake.

Ende 1959, Anfang 1960 entwickelte der australische Drehbuchautor und Regisseur Ralph Smart eine Geheimagentenserie mit einem Mann namens John Drake als Protagonisten, die dann von Lee Grade produziert und seinem Fernsehsender ITV ab 1960 in England unter dem Namen Danger Man ausgestrahlt wurde. Zunächst handelte es sich dabei um halbstündige, in sich abgeschlossene Episoden. Die erste davon, View from the Villa/Fünf Millionen in Gold, flimmerte am 11. September 1960 über die englischen Bildschirme. Von 1962 bis 1965 lief die Serie im Vorabendprogramm der ARD unter dem Titel Geheimauftrag für John Drake, in den USA hieß sie Secret Agent, in Frankreich Destination Danger und in Schweden schlicht und einfach John Drake.

Nach insgesamt 39 Abenteuern war am 4. Juni 1961 mit der Folge Deadline/Waffenschmuggel vorerst Schluss. Vorerst, denn die Serie war ein solcher Erfolg, dass Lee Grade den Hauptarsteller der Serie, den irischen Schauspieler Patrick McGoohan, dazu überredete, weitere Folgen zu drehen. McGoohan erstritt sich jedoch ein Mitspracherecht an den Drehbüchern, die Folgen wurden auf fast eine Stunde erweitert, sodass McGoohan seine schauspielerischen Fähigkeiten besser zur Geltung bringen konnte, und sie wurden immer aufwendiger produziert, sodass sie mit James Bond keinen Vergleich scheuen mussten. Im Gegenteil, sie dienten sogar als Vorbilder für die 007-Reihe.

Die Serie wurde derart populär, dass McGoohan zeitweise zum bestbezahltesten Schauspieler von England wurde. Mit der Folge Not So Jolly Roger/Piratensender Jolly Roger als Folge 84, die am 2. Februar 1968 ausgestrahlt wurde, und den beiden legendären, in Farbe fürs Kino gedrehten Filme Koroshi und Shinda Shima war dann endgültig Schluss. Der Hype um John Drake war dennoch ungebrochen. Es folgten Comics, in Deutschland um 1967 im Bildschriftenverlag, und Heftromanserien in mehreren Ländern Europas. Wobei die hierzulande im Marken-Verlag erschienene Reihe Geheimauftrag für John Drake nicht nur die langlebigste, sondern wohl auch die beliebteste davon war.

Los ging es 1963 mit Band 1 Zwei Stunden Zeit zu leben, Schluss war dann 1976 mit Band 464, der den Titel trug Köder in Blond.

In England und Deutschland ist er bei seinen Fans immer noch Kult.

Aber warum? Was hatte John Drake, was andere nicht hatten?

Dazu gibt es inzwischen mehrere Thesen. Zum einen war es das Serienkonzept. Drake unterschied sich darin deutlich von 007 und den anderen Spionagehelden. Er spielte einen irisch-amerikanischen Geheimagenten, der nicht nur für den englischen MI5 arbeitete, sondern auch für die NATO und andere Geheimdienstorganisationen, aber auch eigenen Interessen nachging. Im Gegensatz zu den meisten Kollegen seiner Zunft trug er keine Waffe, benutzte seinen Verstand und außer einer Minox Kamera keinerlei andere Gadgets und tötete seine Gegner höchst selten. Außerdem fing er mit keiner Frau, und es waren unzählige Schönheiten, welche die Wege des Geheimagenten kreuzten, keine Liebeleien oder Bettgeschichten an. Er war in dieser Hinsicht strenggläubiger Katholik, nicht nur in seiner Rolle, sondern auch in seinem Privatleben.

Ein weiterer Grund für seine Beliebtheit war unzweifelhaft seine langjährige Präsenz in Film, Fernsehen, Heftromanen und Comics. Kein Wunder, denn während James Bond nur alle paar Jahre in den Kinos auftauchte, war John Drake sieben Jahre lang alle sieben Tage auf dem Bildschirm zu sehen und mit seinen Abenteuern in Romanheft- und Comicform wöchentlich fast anderthalb Jahrzehnte lang präsent.

Nach acht Jahren John Drake war jedoch Schluss. Ein abruptes Ende, das im Nachinein betrachtet keineswegs so überaschend kam. Denn von dem Moment an, an dem Patrick McGoohan aus der Serie ausstieg, um sich eigenen Filmprojekten zu widmen, war die Reihe gestorben. Das Publikum akzeptierte keinen anderen John Drake als McGoohan, außerdem hatte sich der Geschmack der Fernsehzuschauer geändert. Man war die Agentenserien allmählich überdrüssig, Krimi- und Westernserien überfluteten die Fernsehkanäle. Allein in Deutschland, bei ARD und ZDF liefen in den siebziger Jahren ein Dutzend Westernserien und mindestens doppelt so viele Krimireihen in den Vorabend- und Abendprogrammen. Im Comicbereich hatten Cowboys, Marshals und harte Burschen das Sagen, genauso wie Ritter- und Dschungelhelden, bei den Romanheften waren Gruselromane, Westenstorys und das Weltraumepos Perry Rhodan das Maß aller Dinge. Insgesamt wurde alles actionlastiger, ein Umstand, dem die zum Teil konservativ wirkenden Abenteuer von John Drake und andere Serien nicht mehr Paroli bieten konnten. Doch nicht nur John Drake, auch vier weitere Krimiserien fanden Ende der 70er im Markenverlag ihr Ende.

Danach wurde es still um John Drake und er geriet, wie viele andere Helden vor, aber auch nach ihm, in Vergessenheit.

Doch zum Glück nicht für immer.

Die modernen Errungenschaften der Technik im Medienbereich ermöglichten es, dass 2006 in Deutschland die komplette erste Staffel auf DVD wiederveröffentlicht wurde.

Quellenhinweis:

 

In der nächsten Kolumne wollen wir uns mit einem Helden beschäftigen, der nicht nur die deutsche Antwort auf Sherlock Holmes war, sondern auch der wohl berühmteste Privatdetektiv unseres Landes. Mehr wollen wir jetzt nicht verraten, einfach demnächst wieder beim Geisterspiegel reinlesen.

(gsch)

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