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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel XI

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

XI. Die Meuterei wird zur Empörung

Das Kabinett, in welches man d’Artagnan und Porthos hatte eintreten lassen, war von dem Salon, in welchem sich die Königin befand, nur durch Türvorhänge getrennt. Die geringe Dicke der Scheidewand ließ also alles hören, was vorging, während die Öffnung zwischen den beiden Vorhängen, so schmal sie auch war, alles zu sehen gestattete.

Die Königin stand bleich vor Zorn in dem Salon, aber ihre Selbstbeherrschung war so groß, dass man hätte glauben sollen, es gehe nicht die geringste Bewegung in ihrem Gemüt vor. Hinter ihr waren Comminges, Villequier und Guitaut, hinter den Männern die Frauen.

Vor ihr stand der Kanzler Sequier, derselbe, der sie zwanzig Jahre vorher so heftig angegriffen hatte, und erzählte, sein Wagen sei in Stücke zerschlagen worden, man habe ihn verfolgt und er habe sich kaum noch in die Villa d’O … werfen können. Diese Villa sei ebenfalls überfallen, geplündert und verwüstet worden. Zum Glück habe er noch Zeit gehabt, ein hinter der Tapete verborgenes Kabinett zu erreichen, wo ihn eine alte Frau mit seinem Bruder, dem Bischof von Meaux, eingeschlossen hatten. Hier sei die Gefahr so groß geworden, die Wütenden haben sich dem Kabinett mit so heftigen Drohungen genähert, dass er, im Glauben, seine letzte Stunde sei gekommen, seinem Bruder gebeichtet habe, um, wenn er entdeckt würde, zum Sterben bereit zu sein. Zum Glück sei dies nicht geschehen; das Volk habe geglaubt, er sei durch eine Hintertür entschlüpft, und habe sich, ihm dadurch freien Abzug gewährend, zurückgezogen. Er habe dann Kleider vom Marquis d’O … angezogen und die Villa, über die Leichname von einem Gefreiten und zwei Soldaten schreitend, welche bei der Verteidigung des Thores gefallen waren, verlassen.

Während dieser Erzählung trat Mazarin ein, schlüpfte geräuschlos neben die Königin und horchte.

»Nun!«, fragte die Königin, als der Kanzler geendigt hatte, »was denkt Ihr hiervon?«

»Ich denke, dass die Sache sehr ernst ist, Madame.«

»Aber welchen Rat gebt Ihr?«

Ich würde Eurer Majestät wohl einen Rat geben, aber ich wage es nicht.

»Wagt es immerhin, Monsieur«, versetzte die Königin mit bitterem Lächeln. »Ihr habt wohl anderes gewagt.«

Der Kanzler errötete und stammelte einige Worte.

»Es ist nicht von der Vergangenheit, sondern von der Gegenwart die Rede«, erwiderte die Königin. »Ihr sagtet, Ihr hättet mir einen Rat zu geben. Worin besteht er?«

»Madame«, sprach der Kanzler zögernd, »es handelte sich darum, Broussel freizulassen.«

Die Königin, obwohl sehr bleich, erbleichte sichtbar noch mehr, ihr Gesicht zog sich krampfhaft zusammen und sie rief: »Broussel frei lassen … nie!«

In diesem Augenblicke hörte man Tritte im Vorsaal und ohne gemeldet zu werden, erschien der Marschall de la Meilleraie auf der Türschwelle.

»Ah! Ihr seid hier, Marschall«, rief freudig Anna von Österreich. Ihr habt hoffentlich diese ganze Kanaille zur Vernunft gebracht?«

»Madame«, antwortete der Marschall, »ich verlor drei Mann auf der Pont Neuf, vier in den Hallen, sechs an der Ecke der Rue de l’Arbre-Sec und zwei vor dem Tor Eures Palastes, im Ganzen fünfzehn. Ich bringe zehn bis zwölf Verwundete zurück. Mein Hut ist, von einer Kugel fortgerissen, ich weiß nicht wo geblieben, und ohne Zweifel würde ich mit meinem Hut geblieben sein, wäre nicht der Monsieur Koadjutor gekommen und hätte mich aus der Klemme gezogen.«

»In der Tat«, sprach die Königin, »es hätte mich gewundert, wenn dieser Dachshund mit den krummen Beinen nicht mit dieser ganzen Geschichte vermischt gewesen wäre.«

»Madame«, versetzte la Meilleraie lachend, »sagt nicht zu viel Schlimmes von ihm in meiner Gegenwart, denn der Dienst, den er mir geleistet hat, ist noch ganz warm.«

»Gut«, erwiderte die Königin, »seid dankbar gegen ihn, so lange und so viel Ihr wollt, aber das legt mir keine Verbindlichkeit auf. Ihr seid gesund und wohlbehalten hier, mehr verlange ich nicht. Seid willkommen, ich freue mich Eurer Rückkehr.«

»Wohl, Madame, aber ich bin unter einer Bedingung zurückgekehrt – ich habe Euch die Willensmeinung des Volkes zu überbringen.«

»Willensmeinung?«, sprach Anna von Österreich, die Stirn faltend. »Oh! oh! Monsieur Marschall, Ihr müsst Euch in einer sehr großen Gefahr befunden haben, dass Ihr eine solche Botschaft übernähmet.« Diese Worte wurden mit einer Ironie ausgesprochen, welche dem Marschall nicht entging.

»Um Vergebung, Madame«, sagte der Marschall, »ich bin kein Advokat, sondern ein Kriegsmann, und verstehe mich folglich nur schlecht auf den Wert der Worte. Ich hätte den Wunsch und nicht die Willensmeinung des Volkes sagen sollen. Was die Antwort betrifft, mit der Ihr mich beehrtet, so glaube ich, Ihr wolltet damit sagen, ich habe Furcht gehabt.«

Die Königin lächelte.

»Nun wohl, ja, Madame, ich habe Furcht gehabt, es ist das dritte Mal, dass mir dies begegnet, und dennoch bin ich bei zwölf ordentlichen Schlachten und ich weiß nicht bei wie vielen Gefechten und Scharmützeln gewesen; ja, ich habe Angst gehabt und ich will lieber Eurer Majestät gegenüberstehen, so bedrohlich auch ihr Lächeln sein mag, als diesen höllischen Teufeln, die mich bis hierher begleitet haben.«

»Bravo!«, sagte ganz leise d’Artagnan zu Porthos, »gut geantwortet.«

»Nun!«, sprach die Königin, sich in die Lippen beißend, während die Höflinge einander voll Verwunderung anschauten, »was ist der Wunsch meines Volkes?«

»Dass man ihm Broussel zurückgebe, Madame«, antwortete der Marschall.

»Nie«, rief die Königin, »nie!«

»Eure Majestät ist die Gebieterin«, sprach la Meilleraie sich verbeugend und ging einen Schritt rückwärts.

»Wohin geht Ihr, Marschall?«, fragte die Königin.

»Ich werde die Antwort Eurer Majestät denjenigen überbringen, welche darauf warten.«

»Bleibt, Marschall, ich will nicht das Ansehen haben, als unterhandelte ich mit Rebellen.«

»Madame, ich habe mein Wort gegeben.«

»Das heißt?«

»Dass ich geneigt bin, hinabzugehen, wenn Ihr mich nicht verhaften lasst!«

Die Augen von Anna schleuderten Blitze. »Oh! Das kann geschehen, Monsieur«, sprach sie. »Ich habe Größere verhaften lassen, als Ihr seid. Guitaut.«

Mazarin stürzte vor und sprach: »Madame, dürfte ich Euch auch einen Rat geben …«

»Vielleicht ebenfalls, Broussel freizulassen? In diesem Fall könnt Ihr Euch die Mühe ersparen.«

»Nein, obwohl vielleicht dieser Rat so viel Wert ist als jeder andere.«

»Was also sonst?«

»Den Monsieur Koadjutor rufen zu lassen.«

»Den Monsieur Koadjutor!«, rief die Königin, »diesen abscheulichen Händelstifter! Er hat die ganze Meuterei angezettelt.«

»Ein Grund mehr«, sprach Mazarin, »hat er sie veranlasst, so kann er sie auch wieder auflösen.«

»Seht, Madame«, sprach Comminges, der an einem Fenster stand, durch das er hinausschaute, »seht, die Gelegenheit ist günstig, denn hier ist er und gibt seinen Segen über den Platz des Palais-Royal.«

Die Königin lief an das Fenster.

»Es ist wahr«, sagte sie, »hier ist er, der Meister Heuchler!«

»Ich sehe, dass alle Welt vor ihm niederkniet«, sprach Mazarin, »obwohl er nur Koadjutor ist, während man mich, wenn ich an seiner Stelle wäre, in Stücke zerreißen würde. Madame, ich bestehe also auf meinem Wunsch (Mazarin legte einen besonderen Nachdruck auf dieses Wort), dass Eure Majestät den Koadjutor empfange.«

»Und warum sagt Ihr nicht auch auf Eurer Willensmeinung?«, antwortete die Königin mit leiser Stimme.

Mazarin verbeugte sich.

Die Königin blieb einen Augenblick in Gedanken versunken. Dann wieder das Haupt erhebend, sprach sie: »Monsieur Marschall, sucht den Koadjutor und bringt ihn mir.«

»Und was soll ich dem Volk sagen?«, fragte der Marschall.

»Es soll Geduld haben, ich habe auch Geduld.«

Es lag in der Stimme der stolzen Spanierin ein so gebieterischer Ausdruck, dass der Marschall keine Bemerkung mehr machte, sondern sich verbeugte und abging.

D’Artagnan wandte sich nach Porthos um und sagte: »Wie soll das alles enden?«

»Wir werden es wohl sehen«, antwortete Porthos mit seiner ruhigen Miene.

Mittlerweile ging Anna von Österreich auf Comminges zu und sprach ganz leise mit ihm.

Mazarin schaute voll Unruhe zu der Seite, wo d’Artagnan und Porthos standen.

Die anderen Anwesenden wechselten einzelne Worte mit leiser Stimme.

Die Tür öffnete sich wieder und der Marschall erschien, von dem Koadjutor gefolgt.

»Hier ist Monsieur von Gondy, Madame«, sagte der Marschall, »er beeilt sich, den Befehlen Eurer Majestät Folge zu leisten.«

Die Königin ging ihm vier Schritte entgegen und blieb kalt, ernst, unbeweglich, die Unterlippe verächtlich vorgeschoben, ruhig stehen.

Gondy verbeugte sich ehrfurchtsvoll.

»Nun, Monsieur«, sprach die Königin, »was sagt Ihr zu dieser Meuterei?«

»Dass es nicht mehr eine Meuterei ist, Madame«, antwortete der Koadjutor, »sondern eine Empörung.«

»Die Empörung ist bei denjenigen, welche denken, mein Volk könne sich empören!«, rief Anna, unfähig, sich vor dem Koadjutor zu verstellen, den sie vielleicht mit Recht als den Anstifter dieser ganzen Aufregung betrachtete. »Empörung nennen diejenigen, welche sie wünschen, die Bewegung, die sie selbst gemacht haben, aber nur Geduld, das Ansehen des Königs wird die Sache in Ordnung bringen.«

»Madame«, antwortete der Koadjutor kalt, »hat mich Euere Majestät, um mir dieses zu sagen, zu der Ehre Ihrer Gegenwart zugelassen?«

»Nein, mein lieber Koadjutor«, versetzte Mazarin, »sondern um Euch um einen Rah über die ärgerliche Lage der Dinge zu bitten, in der wir uns befinden.«

»Ist es wahr«, sprach der Koadjutor, die Miene eines Erstaunten heuchelnd, »dass mich Ihre Majestät hat rufen lassen, um mich um Rat zu fragen?«

»Ja«, sagte die Königin, »man hat es gewollt.«

Der Koadjutor verbeugte sich. »Ihre Majestät wünscht also …«

»Dass Ihr sagt, was Ihr an ihrer Stelle tun würdet«, beeilte sich Mazarin zu antworten.

Der Koadjutor schaute die Königin an, diese machte ein bestätigendes Zeichen.

»An der Stelle Ihrer Majestät«, erwiderte Gondy kalt, »würde ich nicht zögern, ich würde Broussel herausgeben.«

»Und wenn ich ihn nicht herausgebe«, rief die Königin, »was glaubt Ihr, dass dann geschieht?«

»Ich glaube, dass dann morgen in Paris kein Stein mehr auf dem anderen sein wird«, sagte der Marschall.

»Ich frage nicht Euch«, sprach die Königin mit trockenem Ton und ohne sich umzuwenden, »sondern Monsieur von Gondy.«

»Wenn Ihre Majestät mich fragt«, antwortete der Koadjutor mit derselben Ruhe, »so sage ich ihr, dass ich in jeder Hinsicht der Meinung des Monsieur Marschalls bin.«

Die Röte stieg der Königin in das Gesicht, ihre schönen blauen Augen schienen bereit, aus ihrem Kopf zu treten. Ihre karminroten Lippen, von allen Dichtern jener Zelt mit Granatblüten verglichen, erbleichten und zitterten vor Wut. Sie setzte sogar Mazarin in Schrecken, der doch an furchtbare Szenen des Zornausbruches in dieser schlimmen Ehe gewöhnt war.

»Broussel herausgeben!«, rief sie endlich mit einem schrecklichen Lächeln, »ein schöner Rat, bei meiner Treu! Man sieht wohl, dass er von einem Priester herkommt!«

Gondy blieb unbewegt. Die Beleidigungen schienen an diesem Tag an ihm abzugleiten, wie die Spottreden an dem vorhergehenden; aber der Hass und die Rache häuften sich still und Tropfen für Tropfen in seinem Herzen auf. Er schaute kalt die Königin an, welche Mazarin stieß, damit er auch etwas sage.

Seiner Gewohnheit gemäß dachte Mazarin viel und sprach wenig.

»He! He!«, sagte er, »ein guter Rat, ein Freundesrat, ich würde ihn auch herausgeben, diesen guten Monsieur Broussel – tot oder lebendig – und alles wäre abgemacht.«

»Würdet Ihr ihn tot herausgeben, so wäre, wie Ihr sagt, alles abgemacht, aber anders, als Ihr es versteht.«

»Habe ich tot oder lebendig gesagt?«, versetzte Mazarin, »eine Redensart, Ihr wisst, dass ich das Französische schlecht verstehe, das Ihr, Monsieur Koadjutor, so gut sprecht und schreibt.«

»Das ist ein Staatsrat«, sagte d’Artagnan zu Porthos, »aber wir haben mit Athos und Aramis einen besseren bei La Rochelle gehalten.«

»In der Bastille Saint-Gervais«, versetzte Porthos.

»Dort und anderswo.«

Der Koadjutor sprach, bestätig mit demselben Phlegma: »Madame, wenn Eure Majestät den Rat nicht gut heißt, den ich ihr unterworfen habe, so kommt es ohne Zweifel davon her, dass sie Besseres zu befolgen hat. Ich kenne zu sehr die Weisheit der Königin und ihrer Rache, um annehmen zu können, man werde die Hauptstadt in einer Unruhe lassen, welche eine Staatsumwälzung herbeiführen kann.«

»Eurer Meinung nach«, versetzte schnaubend die Spanierin und biss sich in die Lippen, »kann die Meuterei von gestern, welche man heute bereits eine Empörung nennt, morgen zu einer Staatsumwälzung werden.«

»Ja, Madame«, sprach der Koadjutor ernst.

»Aber wenn man Euch hört, Monsieur, hätten die Völker jeden Zügel vergessen?«

»Das Jahr ist schlecht für die Könige«, sprach Gondy, den Kopf schüttelnd. »Schaut nach England hinüber, Madame.«

»Ja, aber glücklicherweise haben wir in Frankreich keinen Oliver Cromwell«, antwortete die Königin.

»Wer weiß«, versetzte Gondy, »diese Leute gleichen dem Blitz, man lernt sie erst kennen, wenn sie schlagen.«

Alle Anwesenden bebten und es herrschte einen Augenblick tiefes Schweigen.

Während dieser Zeit hatte die Königin ihre beiden Hände auf die Brust gelegt. Man sah, dass sie die eiligen Schläge ihres Herzens zurückdrängen wollte.

»Porthos«, murmelte d’Artagnan, »schaut diesen Priester an.«

»Gut, ich sehe ihn«, sprach Porthos. »Nun?«

»Nun, es ist ein Mann.«

Porthos betrachtete d’Artagnan mit erstaunter Miene. Offenbar begriff er nicht ganz, was sein Freund damit sagen wollte.

»Eure Majestät«, fuhr der Koadjutor unbarmherzig fort, »wird also die Maßregeln ergreifen, die ihr genehm sind. Aber ich sehe vorher, dass sie furchtbar sein und die Meuterer noch mehr aufbringen werden.«

»Nun wohl, Monsieur Koadjutor, Ihr, der Ihr so viel Macht über sie habt und der Ihr unser Freund seid«, sprach ironisch die Königin, »Ihr werdet sie dann wohl zur Ruhe bringen, indem Ihr ihnen Euren Segen spendet.«

»Das wird vielleicht zu spät sein«, entgegnete Gondy eisig, »und am Ende verliere ich selbst jeden Einfluss, während Eure Majestät, wenn sie ihnen Broussel zurückgibt, dem Aufruhr die Wurzel abschneidet und das Recht erhält, jedes Wiederbeginnen einer Empörung auf das Grausamste zu bestrafen.«

»Dieses Recht habe ich also nicht?«, rief die Königin.

»Wenn Ihr es habt, gebraucht es«, antwortete Gondy.

»Teufel!«, sagte d’Artagnan zu Porthos, »das ist ein Charakter, wie ich sie liebe; dass er nicht Minister ist und ich nicht sein d’Artagnan bin, statt dass ich diesem Knauser von Mazarin gehöre! Ah! Mord und Tod! Was für schöne Schläge würden wir miteinander machen.«

»Ja«, sprach Porthos.

Die Königin entließ mit einem Zeichen den Hof, Mazarin ausgenommen. Gondy verbeugte sich und wollte sich wie die anderen entfernen.

»Bleibt, Monsieur«, sprach die Königin.

»Gut«, sagte Gondy zu sich selbst, »sie wird nachgeben.«

»Sie wird ihn umbringen lassen«, sagte d’Artagnan zu Porthos, »aber in jedem Fall geschieht es nicht durch mich. Ich schwöre im Gegenteil zu Gott, dass ich, wenn man über ihn herfällt, über die anderen herfalle.«

»Ich auch«, sprach Porthos.

Die Königin folgte mit den Augen den Personen, welche sich entfernten. Als die Letzte die Tür geschlossen hatte, wandte sie sich um. Man sah, dass sie sich auf eine unerhörte Weise anstrengte, um ihren Zorn zu bewältigen. Sie fächerte sich, sie roch an Räucherpfännchen, sie ging hin und her. Mazarin blieb auf dem Stuhl, auf den er sich gesetzt hatte, und schien nachzudenken. Gondy, welcher unruhig zu werden anfing, sondierte mit den Augen alle Tapeten, betrachtete das Panzerhemd, das er unter seinem langem Rock trug, und suchte von Zeit zu Zeit unter seinem Camail, ob der Griff eines guten spanischen Dolches, den er bei sich hatte, im Bereich seiner Hand wäre.

»Lasst hören«, sprach die Königin endlich stehen bleibend, »wiederholt nun Euren Rat, da wir allein sind, Monsieur Koadjutor.«

»Vernehmt, Madame: Gebt Euch den Anschein einer Überlegung … öffentlich einen Irrtum anerkennen, ist die Kraft starker Regierungen; entlasst Broussel aus seinem Gefängnis und stellt ihn dem Volk zurück.«

»Oh! Mich so demütigen!«, rief Anna von Österreich. »Bin ich Königin oder bin ich es nicht? Ist diese ganze brüllende Kanaille nicht die Masse meiner Untertanen? Habe ich Freunde, Leibwachen? Ah! Bei unserer lieben Frau! Wie Königin Katharina sagte«, fuhr sie, sich durch eigene Worte steigernd, fort, »ehe ich ihnen diesen schändlichen Broussel zurückgeben würde, erdrosselte ich ihn mit meinen eigenen Händen.«

Sie stürzte mit geballten Fäusten auf Gondy zu, den sie in diesem Augenblick wenigstens ebenso sehr hasste wie Broussel.

Gondy blieb unbeweglich; nicht eine Muskel seines Gesichtes rührte sich; es kreuzte sich nur sein eisiger Blick wie ein Schwert mit dem wütenden Blick der Königin.

»Das ist ein toter Mann, wenn es noch einen Vitry bei Hofe gibt und Vitry in diesem Augenblick eintritt«, sprach der Gascogner. »Aber ehe er zu dem guten Prälaten gelangt, schlage ich Vitry mausetot, und dafür wird mir der Monsieur Kardinal von Mazarin großen Dank wissen.«

»Still!«, flüsterte Porthos, »hört doch!«

»Madame«, rief der Kardinal, Anna von Österreich beim Arm fassend und zurückziehend, »Madame, was macht Ihr!«

Dann fügte er in spanischer Sprache bei: »Anna, seid Ihr toll? Ihr fangt da bürgerliche Händel an, Ihr, eine Königin. Seht Ihr denn nicht, dass Ihr in der Person dieses Priesters das ganze Volk von Paris vor Euch habt, welches zu beleidigen in diesem Augenblick sehr gefährlich ist, und dass Ihr, wenn dieser Priester will, in einer Stunde keine Krone mehr besitzt? Später bei einer anderen Gelegenheit mögt Ihr immerhin festhalten, hartnäckig sein, jetzt ist aber nicht die Stunde hierzu; heute schmeichelt und liebkost, oder Ihr seid nur ein gemeines Weib.«

Bei den ersten Worten dieser Rede ergriff d’Artagnan Porthos beim Arm und drückte ihn immer mehr. Als Mazarin schwieg, sprach er ganz leise: »Sagt nie in Gegenwart von Mazarin, dass ich Spanisch verstehe, oder ich bin ein verlorener Mann und Ihr seid es auch.«

»Gut«, antwortete Porthos.

Dieser scharfe Verweis, der das Gepräge einer Beredsamkeit an sich trug, welche Mazarin charakterisierte, sobald er Italienisch oder Spanisch sprach, und die er gänzlich verlor, wenn er Französisch redete, wurde mit einem unerforschlichen Gesicht gegeben, das Gondy, ein so geschickter Physiognomiker er auch war, nur die einfache Ermahnung, sich etwas zu mäßigen, ahnen ließ.

Auf diese strenge Rüge besänftigte sich die Königin alsbald, sie ließ gleichsam von ihren Augen das Feuer, von ihren Wangen das Blut, von ihren Lippen den unnützen Zorn fallen. Sie setzte sich, ihre Arme sanken kraftlos an ihren beiden Seiten nieder, und sie sprach mit einer von Tränen feuchten Stimme: »Verzeiht mir, Monsieur Koadjutor, und schreibt diese Heftigkeit dem Umstand zu, dass ich leide. Ein Weib und folglich den Schwachen meines Geschlechts unterworfen, erschrecke ich vor dem Bürgerkrieg; eine Königin und daran gewöhnt, dass man mir gehorcht, lasse ich mich bei dem ersten Widerstand hinreißen.«

»Madame«, erwiderte Gondy sich verbeugend, »Eure Majestät täuscht sich, wenn sie meinen aufrichtigen Rat als Widerstand bezeichnet. Eure Majestät hat nur ergebene und ehrfürchtige Untertanen. Das Volk grollt nicht der Königin, es fordert Broussel, verlangt sonst nichts und ist nur zu glücklich, unter den Gesetzen Eurer Majestät zu leben, vorausgesetzt, dass Eure Majestät ihm Broussel zurückgibt«, fügte der Koadjutor lächelnd bei.

Mazarin, der bei den Worten das Volk grollt nicht der Königin bereits die Ohren gespitzt hatte, im Glauben, der Koadjutor werde von dem Ruf Nieder mit Mazarin! sprechen, wusste Gondy für diese Zurückhaltung Dank und sagte mit seiner weichsten Stimme und mit seinem freundlichsten Gesicht: »Madame, glaubt dem Koadjutor, der einer der gewandtesten Politiker ist, die wir haben. Der erste Kardinalshut, der erledigt wird, scheint für sein edles Haupt gemacht zu sein.«

Ah! Du bedarfst meiner, verschmitzter Schelm!, dachte Gondy.

»Und was wird er uns versprechen an dem Tag, wo man ihn umbringen will?«, sprach d’Artagnan. »Den Teufel! Wenn er auf diese Art Kardinalshüte verschenkt, so wollen wir uns gehörig in Bereitschaft setzen und schon morgen jeder ein Regiment verlangen. Morbleu! Der Bürgerkrieg dauere nur ein Jahr, und ich lasse für mich den Degen des Konnetabel wieder vergolden.«

»Und ich?«, versetzte Porthos.

»Du! Ich lasse dir den Marschallsstab von Monsieur de la Meilleraie geben, der mir in diesem Augenblick nicht in großer Gunst zu stehen scheint.«

»Also, Monsieur«, sprach die Königin, »Ihr fürchtet wirklich die Volksbewegung?«

»Ich fürchte sie in vollem Ernst, Madame«, erwiderte Gondy, erstaunt, nicht weiter vorgerückt zu sein, »ich habe bange, der Strom, wenn er einmal seinen Damm durchbrochen hat, dürfte große Verwüstungen verursachen.«

»Und ich«, sagte die Königin, »ich glaube, dass man ihm in diesem Fall neue Dämme entgegensetzen muss. Geht, ich werde mir die Sache überlegen.«

Gondy schaute Mazarin mit erstaunter Miene an; Mazarin näherte sich der Königin, um mit ihr zu sprechen. In diesem Augenblick hörte man einen furchtbaren Lärm auf dem Platz des Palais-Royal.

Gondy lächelte, der Blick der Königin entflammte sich, Mazarin wurde sehr bleich.

»Was gibt es denn wieder?«, fragte er.

Comminges stürzte in den Salon.

»Vergebt Madame«, sagte Comminges zu der Königin, »das Voll hat die Wachen an die Gitter zurückgeworfen und zermalmt, und sprengt in diesem Augenblick die Tore. Was befehlt Ihr?«

»Hört, Madame …«, sprach Gondy.

Das Tosen der Wellen, das Rollen des Donners, das Brüllen des entflammten Orkans lässt sich nicht mit dem Sturm vergleichen, der sich in diesem Moment zum Himmel erhob.

»Was ich befehle?«, rief die Königin.

»Ja, die Zeit drängt.«

»Wie viel Mann habt Ihr ungefähr im Palais-Royal?«

»Sechshundert.«

»Stellt hundert Mann um den König, und mit dem Reste jagt mir diesen Pöbel von der Tür.«

»Madame«, sprach Mazarin, »was macht Ihr?«

»Geht«, sagte die Königin.

Comminges entfernte sich mit dem leidenden Gehorsam des Soldaten. Plötzlich vernahm man ein furchtbares Krachen. Eines von den Toren fing an nachzugeben.

»Madame«, rief Mazarin, »Ihr stürzt uns alle ins Verderben, den König, Euch und mich.«

Bei diesem aus der erschrockenen Seele des Kardinals hervorgehenden Schrei bekam die Königin ebenfalls bange. Sie rief Comminges zurück.

»Es ist zu spät«, sagte Mazarin, sich die Haare raufend, »es ist zu spät!«

Das Tor wich und man hörte das Freudengebrüll des Volkes. D’Artagnan nahm den Degen in die Faust und hieß Porthos durch ein Zeichen dasselbe tun.

»Rettet die Königin!«, rief Mazarin sich an den Koadjutor wendend.

Gondy lief zum Fenster und öffnete es. Er erkannte Louvières an der Spitze einer Truppe von ungefähr drei- bis viertausend Menschen.

»Keinen Schritt weiter!«, rief er, »die Königin unterzeichnet.«

»Was sagt Ihr?«, rief die Königin.

»Die Wahrheit, Madame«, sprach Mazarin, der Königin eine Feder und Papier reichend, »es muss sein.« Dann fügte er bei: »Unterzeichnet, Anna, ich bitte Euch, ich will es.«

Die Königin sank auf einen Stuhl, nahm die Feder und unterzeichnete.

Von Louvières zurückgehalten, hatte das Volk keinen Schritt mehr gemacht; aber das furchtbare Gemurmel, welches den Zorn der Menge andeutet, währte immer noch fort.

Die Königin schrieb: »Der Concierge des Gefängnis von Saint-Germain wird den Rat Broussel in Freiheit setzen.« Und sie unterzeichnete.

Der Koadjutor, der ihre geringsten Bewegungen mit den Augen verschlang, ergriff das Papier, sobald die Unterschrift beigesetzt war, kehrte er an das Fenster zurück, bewegte es mit der Hand und rief: »Hier ist der Befehl.«

Paris schien einen mächtigen Freudenschrei auszustoßen. Dann erscholl der Ruf: »Es lebe Broussel! Es lebe der Koadjutor!«

»Es lebe die Königin!«, rief der Koadjutor.

Einige Stimmen antworteten der seinen, aber sie kamen spärlich und armselig. Vielleicht hatte der Koadjutor nur gerufen, um die Königin ihre Schwäche fühlen zu lassen.

»Und nun, da Ihr habt, was Ihr haben wolltet«, sagte sie, »so geht, Monsieur von Gondy.«

»Bedarf die Königin meiner«, sprach der Koadjutor, »so weiß Ihre Majestät, dass ich zu Befehl stehe.«

Die Königin machte ein Zeichen mit dem Kopf, Gondy entfernte sich.

»Ah! Verfluchter Priester!«, rief Anna von Österreich, die Hand nach der kaum geschlossenen Tür ausstreckend, »ich werde dich eines Tags den Rest der Galle austrinken lassen, die du mir eingegossen hast.«

Mazarin wollte sich ihr nähern.

»Lasst mich, Ihr seid kein Mann«, rief die Königin und ging aus dem Salon.

»Ihr seid keine Frau«, murmelte Mazarin.

Dann nach kurzem Nachdenken erinnerte er sich, dass d’Artagnan und Porthos anwesend sein müssten und folglich alles gehört und gesehen hätten. Er runzelte die Stirn, ging gerade auf den Vorhang zu und hob ihn auf; das Kabinett war leer.

Bei dem letzten Worte der Königin hatte d’Artagnan Porthos bei der Hand genommen und mit sich zur Galerie gezogen.

Mazarin trat ebenfalls in die Galerie und fand die zwei Freunde auf- und abgehend.

»Warum habt Ihr das Kabinett verlassen, Monsieur d’Artagnan?«, fragte Mazarin.

»Weil die Königin jedermann weggehen hieß und ich dachte, dieser Befehl betreffe eben sowohl uns als auch die anderen.«

»Ihr seid also hier seit …«

»Seit einer Viertelstunde ungefähr«, sprach d’Artagnan, schaute dabei Porthos an und bedeutete diesem durch ein Zeichen, er möge ihn nicht Lügen strafen.

Mazarin gewahrte dieses Zeichen und blieb überzeugt, d’Artagnan habe alles gesehen und gehört, aber er wusste ihm Dank für die Lüge.

»Monsieur d’Artagnan«, sagte er, »Ihr seid offenbar der Mann, den ich suchte, und könnt, so wie Euer Freund, auf mich zählen.«

Dann die zwei Freunde mit seinem reizendsten Lächeln grüßend, kehrte er ruhiger in sein Kabinett zurück, denn beim Abgang von Gondy hatte der Tumult wie durch einen Zauber aufgehört.

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