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Die Hundsmutter

Zwölf Hexen- und Gespenstergeschichtchen
für große und kleine Leute
Verlag von Fr. Ebner, Ulm, 1854

An den geneigten Leser

So sehr unsere Zeit in Künsten und Wissenschaften vorangeschritten zu sein scheint, so stellt sie doch eine unzählige Menge von Beispielen auf, wie tief noch die unteren Stände, besonders die Landleute im Aberglauben, in Unwissenheit und Rohheit versunken sind. Jedes Land liefert dazu Stoff in Menge und legt somit das traurige Zeugnis ab, auf welcher Stufe der Bildung diese Klasse von Menschen im Allgemeinen noch stehe. Kaum traut man oft seinen Augen, wenn man in öffentlichen Blättern auf der einen Seite von der moralischen Verdorbenheit der Betrüger, von der Leichtgläubigkeit und Unwissenheit der Betrogenen, von der Rauflust, die gewöhnlich mit Todschlag endet, von der Prozesssucht, welche die bitterste Armut zur Begleiterin hat, von der Genusssucht und Verschwendung, welche die Leute von Haus und Hof vertreibt, liest; auf der anderen Seite aber wird man empört, wenn man von den Geiz und der Habsucht und ihren Opfern und von den Ränken und listigen Anschlägen Kenntnis erhält, mit denen listige Betrüger den schwächeren und abergläubischen Teil ihrer Mitmenschen und das seine, ja zuletzt an den Bettelstab bringen. Und doch ist leider die Wahrheit solcher Ereignisse nicht zu bestreiten, weil sie mit zu klarer Schrift den Lesern vor Augen gelegt werden. Es ist daher die Pflicht jedes Menschenfreundes, diesem Übel, das wie ein Krebsschaden immer weiter um sich greift, mit allen Waffen entgegenzutreten, die ihm zu Gebote stehen. Hier steht den Lehrern der Landschulen noch ein weites Feld für ihre Tätigkeit offen, und wahrlich wer von ihnen dieses tüchtig bebaut, macht sich um seine Mitmenschen im höchsten Grade verdient. Aber nicht allein durch das Wort, sondern auch durch schriftliche Darstellung lässt sich dagegen ankämpfen, wenn man den Lesern in einfacher Sprache Beispiele dieser Art teils von ernsthaftem, teils scherzhaftem Inhalt so zu Gemüte führt, dass sie den beabsichtigten Eindruck nicht verfehlen.

Diese Gedanken haben die Sammlung nachstehender Erzählungen veranlasst, welche größtenteils aus dem Leben gegriffen sind und wenn sie nur einigermaßen von dem Erfolg begleitet werden, den der Verfasser vor Augen hatte, so ist seine Mühe reichlich belohnt.

Der Verfasser

1.

Die Hundsmutter

ie Gräfin Natalie du Fl. er. wartete ungeduldig und in arger Missstimmung in der geräuschvollen und vergnügensreichen Welthauptstadt Paris die Wiederkunft der gelinderen Jahreszeit, um sich für immer auf das Land zurückzuziehen.

Denn alle Vergnügungen und das regste gesellschaftliche Leben, alle verfeinerten Genüsse, an welche die vornehme Welt gewohnt ist, widerten sie an; an nichts fand sie mehr Freude, seit ihr der Tod den Gemahl entrissen hatte. Dieser hatte einen hohen Ehrenposten am Hofe bekleidet und beim König in großer Gnade gestanden, deshalb hatten ihm wie seiner Gemahlin alle Höflinge die größte Aufmerksamkeit und schmeichelhafte Huldigungen zu jeder Zeit gezollt. Mit dem Tod ihres Gemahls aber hatte sie nur Zurücksetzung und Vernachlässigung erfahren. Dieses war es eigentlich, was ihr eitles, ehrgeiziges Herz so tief kränkte und ihr den Aufenthalt in der Hauptstadt entleidete, wo sie ehedem eine ebenso bedeutende Rolle gespielt hatte, als sie jetzt in schmählicher Vergessenheit ihr Leben hinbringen sollte. Mit dem ersten Tage des Frühlings brachte sie ihr Vorhaben zur Ausführung. Sie zog sich auf ihr Landgut, das in einer der reizendsten Gegenden der Provinz lag, zurück. Dort verlebte die an kostspielige und geräuschvolle Genüsse und an das verschwenderische Hofleben, an Huldigungen und Schmeicheleien gewöhnte Dame ein trübes, langweiliges Leben und nur der verbissene Grimm und der tiefste Hass gegen diejenigen, die an ihrer Demütigung schuld waren, ja eigentlich gegen alle Menschen, verlieh ihr Mut und Ausdauer, die Fadheit des Landlebens zu ertragen. Ungemein adelsstolz verschmähte sie es mit gemeinen Leuten zu verkehren. Ebenso wenig mochte sie mit dem niederen Adel zu tun haben, der in ihrer Nachbarschaft wohnte; denn auch hierin glaubte die Gräfin von ihrer Würde etwas zu vergeben. Menschenliebe besaß sie ebenso wenig wie Religiosität. Und dass sie an den Genüssen, welche die Natur in unzähliger Menge darbietet, einen Geschmack finden sollte, das galt ihr schon zu pöbelhaft und zu gemein. Die schönsten landschaftlichen Reize achtete sie nicht höher als künstlich gestickte oder gemalte Tapeten. Der fröhliche heitere Gesang der Vögel war ihrem an verfeinerten Konzertgenuss gewöhnten Ohr als monotones Gezirpe zuwider. Die Tausende und abermals Tausende von funkelnden, farbenspielenden Edelsteinen, die der Tau mit dem ersten Strahl der Morgensonne auf unzählige Blätter gesät hatte, was konnten ihr diese gelten im Vergleich zu dem strahlenden Blitz, den ihre gefassten Steine zurückwarfen! Doch was spreche ich von funkelnden Tautropfen bei einer Dame, die ihr ganzes Leben nie die Strahlen der aufgehenden Sonne erblickt hatte, die sich müde vom Lager erhebt, wenn sich andere – freilich nur gemeine und niedere Leute – müde gearbeitet hatten und zu dem frugalen Mahl nach Hause eilten! Die einzige Freude dieser Dame war – ihr Schoßhund. Dieser allein erhielt die freundlichsten, die zärtlichsten Worte, ihm allein war ihre heitere Stimmung, ihre fröhliche Unterhaltung gewidmet. Hatte sie dagegen mit dem Gesinde zu sprechen, so geschah es in Ausdrücken, die man an einer gebildeten und hoffähigen Dame nicht gewohnt, noch von ihr erwartet hätte. Den Gegenstand der Unterhaltung mit dem Gesinde bildeten gewöhnlich wahre oder nicht wahre, meistens gesuchte oder eingebildete, jedenfalls übertriebene Nachlässigkeiten desselben und die jeden Tag sich etliche Male wiederholenden Ergüsse dieser gereizten Stimmung waren Schmähungen, Schimpfreden, Verweise und Drohungen mit beißenden Bemerkungen begleitet und durch spottendes lebhaftes Gebärdenspiel unterstützt. Dem Schoßhund Apollo aber, einem verzogenen Königshündchen, das fast im Fett erstickte, wurden alle seine boshaften Unarten nicht nur nachgesehen, nein – er erschien in den Augen der Dame nur umso liebenswürdiger und erhielt von ihr Liebkosungen, dass darüber selbst ihre Diener, welche natürlich von dem feinen Geschmack der vornehmen Welt keinen Begriff haben konnten, wahrhaften Ekel empfanden. Die Gräfin fand aber in den von ihrem Liebling erwiderten Schmeicheleien und Liebkosungen den einzigen Ersatz für den Verlust eines glänzenden Hoflebens. Daraus kann man ungefähr den Grad ihrer Zärtlichkeit abnehmen, welchen die Dame für ihren Schoßhund hegte. Es ist nicht der geringste Zweifel übrig, das von ihr der geniale Gedanke ausging, ob es nicht möglich wäre, statt der lästigen, treulosen, widerspenstigen und anspruchsvollen menschlichen Dienerschaft, aus dem Geschlecht dieser Vierfüßler sich Bediente, Stubenmädchen, Kutscher und Köche zu suchen und abzurichten.

Die Gräfin war Mutter von zwei Kindern, einem Sohn und einer Tochter. Der Sohn bekleidete trotz seiner Jugend schon eine nicht unbedeutende Stelle im Staatsministerium, welche er zwar dem Einfluss seines Vaters verdankte, aber durch seine erworbenen Kenntnisse, durch seine Talente, durch seinen Eifer und seine Tüchtigkeit verdiente. Die Tochter, ein liebenswürdiges Mädchen in der ersten Blüte des Jungfrauenalters, befand sich in einem klösterlichen Institut und die Zeugnisse der Vorsteherin und der Lehrerinnen dieser Anstalt stimmten darin überein, dass der jungen Gräfin der Preis der Liebenswürdigkeit, des Fleißes und der Talente vor allen ihren Mit­schülerinnen gebühre. Auf dieses hin hätte man glauben sollen, in der Einsamkeit des Landlebens wäre in der Mutter die Sehnsucht nach so gut gearteten Kindern erwacht und es hätte sich in ihr ein starkes Verlangen geregt, dieselben wiederzusehen, um sie an ihr mütterliches Herz zu drücken. Doch wie sollte man einer so vornehmen Dame solche menschlichen Gemütsbewegungen zutrauen können, die sich in ihrer glanzvollen Zeit nie um diese ihre Kinder bekümmert hatte, weil sie nicht dazu geschaffen war, sich den Kleinen zu widmen und ihre Zeit und ihre Launen zu etwas Besserem für die auserlesenen Hofzirkel aufsparen musste. Kaum hatten daher die Kinder das Licht der Welt mit ihren zarten Stimmen begrüßt, als sie der Amme übergeben wurden. Aus den Händen der Amme erhielt sie eine Bonne, d. h. eine studierte Kindsmagd, und von dieser übernahm den Sohn der Instruktor und die Studienanstalten, die Tochter aber das klösterliche Institut. Dieses ist die bequemste Art, das schwere und verantwortliche Geschäft der Kindererziehung mithilfe des Geldes lediglich auf die Schultern anderer zu wälzen. Aber es war gerade für die Kinder der Gräfin ausnahmsweise ein Glück, dass sie eine natürliche, ruhige und leidenschaftslose wackere Frau zur Amme, ein anspruchsloses verständiges Frauenzimmer zur Bonne erhielten und rechtschaffene tüchtige Lehrer den Keim des Guten in den jungen Herzen mit Lust und Liebe auszubilden verstanden. Die beiden Kleinen lernten deshalb auch ihre Erzieher und mit denselben alle gute Menschen aufrichtig und innig lieben. Zu den Eltern konnten sie aber nur am Neujahrstag oder bei sonstigen festlichen Anlässen gelangen, wenn jene vor den Gästen mit ihnen prangen wollten; dieses geschah jedoch äußerst selten. Was konnte anders die Folge sein, als dass die Gräfin nach dem Tod ihres Gemahls sich nicht im Geringsten um ihre Kinder bekümmerte und nur insofern Notiz von ihnen nahm, als sie die nötigen Gelder für ihre Bedürfnisse und ihren Unterricht auszahlte. Desto mehr dachten diese an die Mutter und fuhren fort bei besonderen Veranlassungen ihr, wenn es nicht anders geschehen konnte, ihre Liebe und Ehrfurcht schriftlich zu erkennen zu geben, die ihnen von ihren gewissenhaften Lehrern von Jugend auf eingepflanzt und gehegt worden war.

Diese Liebe veranlasste den jungen Grafen Antonie Urlaub zu nehmen, um seine Mutter in ihrer Einsamkeit zu besuchen und ihr dadurch einen Beweis seiner Anhänglichkeit zu geben. Allein der junge Mann von warmen Herzens und inniger kindlicher Liebe wurde von der Mutter frostig aufgenommen und zurückstoßend behandelt, weil ihr der hässliche Schoßhund lieber als Sohn und Tochter war. Schmerzlich fühlte Antonie diese unnatürliche Kälte der Mutter, und um nur zu keinen schlimmen Gerüchten Anlass zu geben, welche auf die Mutter hätten fallen und sie verunglimpfen können, blieb er noch einige Tage auf dem mütterlichen Landsitz, bis sein Urlaub zu Ende war. Zur Erholung und Zerstreuung wählte er sich die Jagd; übrigens kam er nur bei Tisch mit der Mutter zusammen. Eines Tages ereignete es sich, dass der Jagdhund des jungen Grafen, während sein Herr mit der Mutter speiste, sich von der Leine losriss, der Spur seines Herrn folgte, in das Speisezimmer gerannt kam und unter ungestümen Liebkosungen arglos seine Freude ihn gestanden zu haben an den Tag legte. Die zarte nervenschwache Dame war bei dem gewaltigen Hereinspringen des großen Hundes mit einem gellenden Schrei aus Schrecken in den Lehnsessel zurückgesunken. Der Schoßhund, stets der Dritte am Tisch, sein tyrannisches Hausrecht behauptend und über dessen Verletzung erbittert, war kläffend herbeigesprungen, um den Feind durch scharfe Bisse für seinen Frevel zu strafen. Anfangs hatte der Jagdhund großmütig die Beleidigung des bissigen Kläffers verachtet, wie derselbe aber mit Beißen nicht nachließ, schüttelte der Große den Kleinen, ehe es sein Herr verhindern konnte, so tüchtig, dass dieser ein erbärmliches Jammergeschrei erhob. Dieses Vergreifen an ihrem Liebling ging der Dame sehr zu Herzen, zumal das verzärtelte Tier mit seinem Geheul das Zimmer erfüllte, als ob es am Spieß stecke. Antonie hatte seinen Hund aus dem Zimmer geschafft und entschuldigte sich bei der gestrengen Mutter. Diese fuhr ihn aber zornig an und brach in ihrer Wut in Schmähungen gegen ihn aus, die den jungen braven Mann, selbst da keine Zeugen gegenwärtig waren, schamrot machten und tief verletzten. Entrüstet über diese ungerechte Behandlung, sprach er sich unumwunden aus, wie sehr es ihn schmerze, dass ein Hund es wagen dürfe, zwischen Mutter und Sohn zu treten und das gute Einver­nehmen zwischen ihnen zu stören und stieß mit offener Geringschätzung und Verachtung den Schoßhund mit dem Fuß fort. Diese vermeintliche Grausamkeit und Rohheit empörte die Mutter dergestalt, dass sie in den furchtbarsten Zorn geriet, in welchem sie alle mütterlichen, ja weiblichen Gefühle verleugnend, mehr einer Furie als einem Weib ähnlich, den über ihren Anblick entsetzten Sohn unter den entsetzlichsten Ausdrücken auf immer aus ihrem Angesicht verstieß. Der junge Mann verließ nach vergeblichen Versuchen, seine Mutter zu besänftigen, blutenden Herzens sogleich den Landsitz. Die Gräfin beruhigte mit den zärtlichsten Worten ihren hässlichen Liebling, dem sie den Sohn geopfert hatte, pflegte ihn auf das Sorgfältigste, ließ ihn von einem Arzt untersuchen und linderte dessen Schmerzen durch die ausgesuchtesten Leckerbissen und Liebkosungen. Alle späteren Versuche des jungen Grafen, sich mit der Mutter wieder auszusöhnen, scheiterten an der Hartherzigkeit derselben. Die gemütlose Dame fühlte nicht den geringsten Schmerz über den Verlust eines so treulichen Sohnes, dessen Mutter zu sein, andere Frauen, und zwar mit vollem Recht, stolz gewesen sein würden. Die größte Beruhigung gewährte es ihr, dass ihrem Apollo keine gefährliche Verletzung beigebracht worden war. Der Hund, oder wie der Arzt, der Schwäche der vornehmen reichen Dame des ansehnlichen Honorars wegen schmeichelnd, es nannte, das Schoßhündchen der gnädigen Frau befand sich auf dem Weg der Genesung, denn er merkte bald, dass ihr das Wohl und Wehe des Hundes mehr am Herzen lag als ihr eigenes.

Bald nach dieser Zeit, als der Sohn von der Mutter infolge der Hundsgeschichte verstoßen worden war, kam seine Schwester Amalie, eine äußerst liebliche Jungfrau voll Anmut und blühender Schönheit, weichen Gemütes und edlen Sinnes aus ihrem Institut zurück. Ihre Erziehung war vollendet und das reine unschuldige Mädchen sollte nun in die böse Welt eintreten. Ach! Amalie hatte nicht die geringste Ahnung von den vielen Unannehmlichkeiten, ja Leiden, die ihrer in derselben warteten. Sie freute sich vielmehr wie ein Kind darauf, und bei ihrer Ankunft auf dem mütterlichen Wohnsitz wollte sie auf Flügeln der Ungeduld und Sehnsucht in der Mutter Arme eilen, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen hatte. Anstatt aber, dass ihre kindliche Liebe verstanden und von der Mutter erwidert worden wäre, lohnte sie nur eine kalte kühle Umarmung, die mehr von Beobachtung des Anstandes zeugte als vom Ausdruck mütterlichen Gefühls. Anstatt liebevoller Worte des Wiedersehens folgte ein strenges Examen, und zwar in solchen Dingen, in welchen Amalie nicht den geringsten Unterricht genossen hatte, denn es handelte vom Ständeunterschied, von Anstandsregeln, vom Theater, von Kunst und Mode. Hier zeigte sich Amalie in keinem glänzenden Licht und ihre Mutter fragte sie achselzuckend, was sie denn in ihrem Institut gelernt habe. Sie hatte zwar Musik und alle weiblichen Handarbeiten bis zu den Verrichtungen im Hauswesen, sie hatte Nächstenliebe und Religiosität, Wohltun und Beten gelernt; allein von Romanen, von Kunst, Theater und Mode wusste sie wenig oder nichts.

Deshalb fiel sie sogleich als Unwissende, an die man vergeblich so viel Geld verschwendet habe, in die mütterliche Ungnade, und Mutter und Tochter sahen sich seit diesem Tage nie, außer mittags und abends bei Tisch oder bei zufälligem Begegnen. Das arme gute Mädchen! Das war also der Eintritt in die Welt, auf welchen sie sich so sehr gefreut hatte! Mit bitterem Schmerz und Tränen in den schönen frommen Augen sehnte sie sich anfangs wieder ins Kloster zurück. Allein die wunderschöne Gegend, in welcher das Landgut der Mutter lag, die lang entbehrte Freiheit, der jugendliche Lebensmut gab ihr Kraft, sich allmählich an diese unwürdige Behandlung der Mutter zu gewöhnen. Was sie im mütterlichen Haus nicht fand, das suchte sie auswärts zu gewinnen. Durch ihr liebenswürdiges Wesen wusste sie sich bald bei adligen Familien sowohl in dem benachbarten Städtchen als auf dem Land Freundinnen von gleichem Alter und gleicher Gesinnung zu erwerben, welche unter sich kein größeres Vergnügen kannten, als Arme, Dürftige und Notleidende aufzusuchen, sie zu trösten und nach Kräften zu unterstützen und überall hin, wo es Not tat, Hilfe zu bringen und Segen zu verbreiten. Dadurch wurde Amalie, als die Stifterin dieses edlen Vereins in der ganzen Gegend als Schutzgeist verehrt und geliebt. Die Mutter war höchst unzufrieden mit der menschenfreundlichen Tätigkeit ihrer Tochter, die sie als eine für eine adlige Dame unschickliche Handlung bezeichnete, ja sich darüber gerade nicht in den anständigsten Worten aussprach. Weder durch Schmähungen noch Spott und Hohn ließ sich Amalie von ihrer Handlungsweise abbringen, bis endlich folgender Vorfall ihrem Wirken durch die Mutter ein Ziel setzte. Amalie hatte mit einer von ihrer Freundinnen einen alten kranken Invaliden entdeckt, der in einer ärmlichen Hütte auf bloßem Stroh gelagert aller Pflege entbehrte und an allem Mangel litt. Diese Entdeckung, welch süße und angenehme Freude bereitete sie Amalie und ihrer Freundin! Sie beeilten sich, dem Mann ein wärmendes Bett, eine Wärterin und mehrere Bequemlichkeiten zu verschaffen und dadurch seine Not zu lindern. Tränen des Dankes entrollten den Augen des alten greisen Kriegers und Himmelsseligkeit fühlten bei diesem Anblick die Mädchen in ihrer Brust. Als sie durch liebevolles Nachforschen entdeckten, dass der Greis ein großer Freund von Musik und Gesang wäre, hatte Amalie öfters auf dem Gang zu dem Alten ihre Laute mitgenommen und heiterte in Gesellschaft ihrer Freundin den entzückten Alten bald durch fromme, bald ernste, bald scherzhafte Lieder auf, gegen welchen Genuss ein unbefangener natürlicher Zuhörer alle Konzerte einer Hofkapelle hingegeben hätte. Trotz dessen, dass ihre Mutter gegen das Gesinde die stolze und kalte Dame spielte und es misshandelte, Amalie aber sich gegen alle Dienstboten sehr liebreich und gütig benahm, so gab es doch, wer hätte es glauben sollen, eine Person unter denselben, welche des Fräuleins Tritten und Schritten nachspürte und alles, was diese unternahm und sprach, in absichtlicher Entstellung der Mutter hinterbrachte, bei welcher ohnehin schon die bloße Tatsache genügt hätte, sie in Harnisch zu bringen. Schon längst hatte sie sich über den Umgang ihrer Tochter mit Mädchen von niederem Adel und am meisten über den Verkehr mit Bettlern schwer geärgert; sobald sie aber hörte, dass ihre Tochter mit einer Freundin in der armseligen Hütte eines alten gemeinen Soldaten diesen durch Saitenspiel und Gesang ergötzte, kannte ihre Wut und Entrüstung keine Grenzen mehr. Über die pöbelhafte Gesinnung ihrer Tochter aufs Äußerste erbittert, ließ sie dieselbe vor sich rufen, überhäufte sie

mit den beschimpfenden Namen, wies jede Rechtfertigung des armen Kindes mit dem empörendsten Hohn zurück und verbot ihr ohne Anfrage und ohne ihre Erlaubnis das Schloss zu verlassen. Das war hart, sehr hart! Tief im Innersten verletzt, zog sich die Jungfrau in ihr Zimmer zurück und beweinte ihr trauriges Los. Das arme der Liebe bedürftige Mädchen war nun verwaist und einsam, denn sie hatte keinen Gegenstand, auf den sie ihre Liebe übertragen konnte, weil die Mutter jedes Zeichen der Liebe vonseiten ihrer Tochter verschmähte und sie kalt und höhnend zurückwies. Ihre Freundinnen, die Armen, den greisen Invaliden zu sehen, wurde ihr versagt und sie vollkommen wie eine Gefangene behandelt. Alles, alles war für sie verloren! Doch nein, Liebe ist erfinderisch und sinnreich. Amalie hatte einen Bruder, und zwar einen guten Bruder, den sie lieben durfte. Sie hatte von seinem Missgeschick gehört und empfand das innigste Mitleid mit ihm. Auf ihn richtete sie nun alle ihre Gedanken, und in dieser Absicht begann sie auch für denselben eine zierliche schöne Stickerei, die aber leider auf die schändlichste Weise vernichtet wurde. Als einst die strenge und lieblose Mutter in dem Zimmer Amalies Nachsuchung nach Briefen hielt, welche sie, wie ihr verraten worden war, von ihren Freundinnen erhalten hatte, warf sie Amalies schön geordnete Sachen mit der größten Gleichgültigkeit untereinander und streifte die schöne Stickerei für den Bruder vom Tisch auf den Boden. Diese hatte, ohne dass es Amalie früher bemerkte, Apollo, der getreue Begleiter der gnädigen Frau, mit den Zähnen ergriffen, im Zimmer herumgeschleppt, besudelt und zum Teil zerrissen. Sobald das edelherzige Mädchen mit Schrecken diese schändliche Zerstörung ihrer liebsten Arbeit erblickte, war ihre Geduld zu Ende. Mit einem heftigen Stoß schleuderte sie den Hund von dem übel beschädigten Stickrahmen weg. Über diese Misshandlung brach das furchtbarste Wetter über das Haupt der Täterin los. Die Mutter, vom heftigsten Zorn entbrannt, wollte sich sogar tätlich an der Tochter vergreifen, denn ihr Liebling lag, oh Schrecken, auf dem Rücken und streckte alle viere von sich. Selbst Amalie erschrak über den Vorfall, den sie nicht beabsichtigt hatte, und bat flehentlich die Mutter um Verzeihung. Allein der Anblick ihres leblosen Lieblings regte den Zorn noch mehr auf. Sie behandelte die Tochter, wie sie den Sohn behandelt hatte. Noch am nämlichen Tag wurde Amalie zu einem Verwandten nach Paris geschickt, welchem die Aufsicht und fernere Bildung des gemein gesinnten und ungebildeten Fräuleins, wie es in dem Brief hieß, anvertraut werden sollte.

Schlimmer als den beiden Kindern erging es Florian, einem Neffen der Gräfin. Dieser junge Mann von Geist und Talent, aber leichtfertig und leichtsinnig, hatte nicht sobald von den eben erzählten Vorgängen unter der Hand Nachricht erhalten, als er beschloss, seine wunderliche Tante und ihren Schoßhund, der sich wieder erholt hatte, kennenzulernen, um dessentwillen sein wackerer Vetter und seine liebenswürdige Base von der Mutter verstoßen worden waren. Nach seiner Ankunft auf dem Schloss wusste er sich so trefflich in die Laune der gnädigen Tante zu schicken, wusste so gut dem Liebling ihres Herzens zu schmeicheln, dass er deren höchste Gunst gewann. Allein die Maske, die der Schalk vorgesteckt hatte, um die Gräfin mehr zu ködern, wurde ihm auf die Länge lästig. Er suchte dem Spiel dadurch ein Ende zu machen, dass er den Zorn der Dame erregte und mit ihm in ein gespanntes, ja feindseliges Verhältnis träte. Als beleidigter Teil wollte er dann auf originelle Weise abziehe. Er verfasste zu diesem Zweck ein äußerst spöttisches und verletzendes Gedicht auf die Gräfin, das er mit verstellter Hand abschrieb und in einem der Gänge des Schlossgartens fallen ließ. In diesem Gedicht war die verwerfliche, ja frevelhafte Passion vornehmer Damen zu ihren Schoßhunden aufs Bitterste mitgenommen und verhöhnt, wie manches jungen braven Mannes Glück durch die abscheuliche Leidenschaft zu diesen Tieren vonseiten der Frau auf immer zerstört worden sei. Derartige Frauen sollten lieber die Armen im Volk, lieber verlassene Waisen und hilflose Kinder zu ihren Schoßkindern wählen, die sonst verwahrlost und ohne Unterstützung zu Grunde gingen; diesen sollten sie ihre Sorge und ihre Zärtlichkeit widmen. Er verwies sie auf die eigenen Kinder, die die ersten Ansprüche an ihre Liebe hätten. Mit ergreifenden Worten schilderte er das Ekelhafte der Liebkosungen, die solchem Tier zuteilwürden; mit lebhaften Farben malte er das Lächerliche dieses ganzen Benehmens aus, und zuletzt wies er nach, dass die Mode der Schoßhunde nur das Andenken an die schimpfliche Bestrafung jener adligen Damen wäre, welche, da ihre Ehegatten zu lange im Krieg ausblieben, der steten Enthaltsamkeit überdrüssig, gemeine Bauern und Leibeigene in ihr Ehebett aufgenommen hätten und zur Strafe für diese Schmach in jeder Gesellschaft, sogar zu Hause einen Hund bei sich führen und im Schoß tragen mussten. Das Gedicht hatte jener Hausspion gefunden, der auch Amalie bei ihrer Mutter verraten hatte. Allein der Mensch war pfiffig und ebenso verschlagen, wie der junge Herr unvorsichtig und unbedachtsam. Erst als er sich das Original verschafft hatte. Legte er beides seiner Gebieterin vor. Diese las das Gedicht mit steigendem Zorn. Sie schäumte vor Wut, so hintergangen, so beleidigt worden zu sein. Sie rief das Gesinde zusammen und ließ den nichtsahnenden Neffen unerwartet in seinem Zimmer greifen und aus dem Schloss peitschen. Einen solchen schimpflichen Ausgang hatte dieser nicht erwartet. Furchtbares Rachegefühl erwachte in seiner Brust. Es ließ ihn nicht ruhen, bis er diese Schmach an den Bewohnern des Schlosses gerecht hätte. Als Wunderdoktor verkleidet mit bemaltem Gesicht und durch eine gewaltige Perücke ganz unkenntlich gemacht, kehrte er, von einem Diener begleitet, in das Schloss ein, pries der Gräfin mit verstellter Stimme unter einem Schwall von Floskeln seine wundertätige Arzneien, die besonders für Schweratmende von größtem Erfolg wäre, und beredete sie für ihren Liebling, der vor lauter Fettigkeit besonders an diesem Übel litt, ein Pulver zu kaufen, und es ihm zu einer bestimmten Stunde der Nacht, wo das Gestirn günstig wäre, einzugeben. Die Gräfin, ängstlich besorgt für das Leben des Hundes, bat den vermeintlichen Doktor, dieses gegen eine angemessene Belohnung zu tun. So sehr ihm dieser Antrag willkommen war, so sehr schützte er anfangs dringende Geschäfte vor, ließ sich aber endlich dazu bereden. Insgeheim gab er seinem Diener einen Wink, auf welchen hin dieser sich entfernte und gegen Abend einige andere, für diesen Zweck gedungene ebenfalls vermummte Männer herbei in die Nähe des Schlosses holte und dort verbarg. Als die Stunde herannahte, in der das Werk vollbracht werden konnte, gab der Doktor unter feierlichem Gebaren und Gemurmel von Zaubersprüchen dem Hund das Pulver in Gegenwart der Gräfin ein und befahl ihn der Ruhe zu überlassen. Gegen Mitternacht brachen die bestellten Leute ins Schloss, vom Diener eingelassen, rissen alle Dienstboten aus ihren Betten, knebelten und peitschten sie tüchtig durch und schoren ihnen nach dem erteilten Befehl die Köpfe kahl. Kaum war es geschehen, so verließen alle miteinander das Schloss und verschwanden aus der Gegend. Da die Gräfin in einem entfernten Zimmer schlief und die ganze Verhandlung in möglichster Stille vor sich gegangen war, so hatte sie keine Ahnung von dem Ereignis. Bleich vor Schrecken wurde sie, als sie am anderen Morgen den Vorgang von den heulenden Dienstboten erfuhr. Mit Todesangst in den Zügen eilte sie zum Lager ihres Lieblings und fand ihn o Jammer – vom Gift aufgeschwollen – krepiert daliegen! Sie erhob ein fürchterliches Geschrei, raufte sich die Haare aus und gebärdete sich wie unsinnig über den Tod ihres Lieblings. Sie ließ ihn in ihrem Garten begraben und legte Trauerkleider an. Großes Aufsehen machte diese Begebenheit und gab lange Zeit Stoff in Menge zu den Unterhaltungen in den Gesellschaften, wenn man von nichts anderem zu sprechen wusste.

Von dem Tage an, als die Gräfin ihren Liebling in einer schattigen Partie des Schlossgartens hatte zu Erde bestatten und auf einem Monument sogar das tragische Ende desselben samt Namen und Datum eingravieren lassen, hatte sie mit allen Menschen gebrochen. Beinahe die ganze Dienerschaft wurde entlassen, nur der erwähnte Spion mit der Köchin und einigen alten Mägden blieb im Dienst und übernahm die Verwaltung des Schlosses. Die Güter wurden in Pacht gegeben. Statt des einzigen Schoßhundes schaffte die Dame drei, später sechs und zuletzt gar zwölf an. All diese Hunde mussten von gleicher Farbe und Größe sein, und der Verwalter hatte Mühe genug, bis er die Anzahl der passenden Hunde im ganzen Land aufgefunden hatte. Die Tiere kosteten bedeutende Summen und die Gräfin hätte dafür eine mildtätige Stiftung begründen können, denn das kann man sich leicht denken: Der schurkische Verwalter unterließ es nicht, seinen Vorteil dabei mit ins Auge zu fassen. Die Tiere erhielten zu Wärterinnen und Pflegerinnen eigens drei junge Mädchen, die aber von schöner anmutiger Liebesgestalt sein mussten. Es fiel schwer, solche Mädchen aufzufinden, welche in das Haus der durch ihre Härte gegen die Armen ungeliebten und durch die mit allen Nebenumständen bekannt gewordenen Verstoß der eigenen Kinder verrufenen Dame ziehen und dort einen schmählichen Dienst übernehmen wollten. Nur in der ärmsten Hütte des Städtchens fand endlich der Verwalter drei Schwestern von 14 bis 17 Jahren, welche sich in der Hoffnung dazu verstanden, mit dem hohen ihnen verheißenen Lohn das Elend der geliebten Eltern mildern zu können. Die armen Mädchen begriffen nicht einmal, welches Opfer sie ihrer kindlichen Liebe brachten. Sie hatten zwar alles im Überfluss und wurden beim Eintritt in den Dienst sogleich neu gekleidet, aber die Wart und Pflege der boshaften und bissigen Tiere, die Launen ihrer Herrin, die strenge Abgeschiedenheit von aller Welt, die offenen und geheimen Verfolgungen, denen sie vonseiten des arglistigen Verwalters ausgesetzt waren, dies alles waren Dinge, von denen die Ersten dem jugendlichen Sinn der Jungfrauen gewiss nicht behagten, den Letzteren aber sich nur durch Mut, durch Standhaftigkeit und Liebe zur Tugend entziehen konnten. Doch was erträgt nicht wahre Liebe zu Eltern! Da die Mädchen schon seit einem Jahr in ihrem Dienst ausgeharrt hatten, der ihnen Schwieriges und Unangenehmes in Menge bot, wurden sie, weil ihre schöne und fromme Absicht Anerkennung fand, von allen wegen ihrer Tugend angestaunt und bewundert. Überall waren sie häufig der Gegenstand des Gespräches, als einer erquicklichen Lichtseite, wenn von der Schattenseite des Schlosses, der Gräfin und ihren Hunden, gemeinhin unter dem Namen die Hundsmutter bekannt, die Rede war. Ja, der verheißungsvolle Spruch, welcher dem vierten Gebot beigefügt ist, ging an den wackeren Jungfrauen in Erfüllung. Rechtschaffene junge Männer, mehr auf Tugend als auf andere äußere und vergängliche Vorzüge sehend, begehrten nach Verlauf einiger Jahre eine nach der anderen von diesen Mädchen zu ihren Lebensgefährtinnen und vielleicht hatte noch nie ein junger Mann eine bessere, eine wünschenswertere Wahl getroffen als sie, weil sie mit ihren Tugenden noch Körperschönheit verbanden. Sie hatten an ihnen junge Frauen erhalten, welche eine Schule durchgemacht hatten, in der sie in der Geduld, in der Aufmerksamkeit, im Fleiß und in der Zurückgezogenheit geübt worden waren. Das Glück der drei Schwestern reizte zur Nachahmung. Alle arme Mädchen wollten bei der Hundsmutter in Dienst treten und die Wart über die vierfüßigen Pfleglinge übernehmen. Allein die wenigsten hielten es kaum eine kurze Zeit aus, denn die Dame und ihre Schoßhunde wurden mit jedem Tag schlimmer und launischer. Stellte doch die reiche exzentrische und menschenfeindliche Frau an die Metzger des Städtchens die Forderung, dass die besseren Teile der geschlachteten Tiere, Leber, Nieren, Zungen und dergleichen ausschließlich ihr für ihre Hunde verabfolgt werden sollten. Da die Gräfin gut zahlte, folgten die Metzgermeister dem Willen der gnädigen Frau oder vielmehr dem Gewinn und lieferten die besten Teile lieber in das Schloss zum Fraß für verzogene Tiere, weil sie um einige Kreuzer teurer bezahlt wurden, als dass sie dieselben für Kranke oder Genesende ihrer Mitbürger abgaben.

Dieses unnatürliche Benehmen und Handeln dieser Dame fand endlich auch jetzt Ziel, als die Revolution mit ihren Gräueln Frankreich durchwütete und durchwühlte. Eine Schar wilder räuberischer und entmenschter Gesellen zog unter Lärmen und Geschrei zu dem Landsitz der Gräfin. Das Schloss wurde geplündert und angezündet, die verhassten Hunde wurden niedergemetzelt, die Dame aber, aus übermäßigem Schrecken und unnatürlicher Angst und Besorgnis für ihre Lieblinge, stürzte vom Schlag getroffen tot zu Boden und verbrannte mit dem Schloss. Noch stehen die Ruinen desselben und die Bewohner der Umgegend wollen nicht selten um die schauerliche Mitternachtsstunde lautes Gebell von Hunden und herzzerreißendes Jammergeschrei einer weiblichen Stimme gehört haben. Deshalb geht die Sage, weil die Gräfin im Leben die Tiere mehr als die Menschen geliebt hatte, habe sie im Grab keine Ruhe und müsse bis zum Jüngsten Tag im Gefolge der Hunde trostlos umherirren.