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Kriminalakte 8 – Die Toten von Güstrow

Die Toten von Güstrow

Die Nacht hatte sich wie ein dunkles Tuch über die mecklenburgische Kleinstadt Güstrow gelegt. Man schrieb den 21. Dezember 1984.

Es war kurz vor 23 Uhr, als die drei Freunde und Arbeitskollegen Uwe Siatkowski, Wolf-Dieter Runge und Frank Nietsch zusammen von der Weihnachtsfeier in ihrem Betrieb aufbrachen, um mit dem letzten Bus nach Hause zu kommen. Ihr Weg zur Haltestelle führte sie durch die Neukruger Straße, damals noch Straße der Befreiung genannt.

Die Stimmung war ausgelassen, die Männer etwas angeheitert, aber fröhlich und zu Späßen aufgelegt. Um zu der Bushaltestelle zu gelangen, mussten sie an einem Gebäudekomplex vorbei, in dem die Kreisdienststelle der Staatssicherheit untergebracht war.

Was dann passierte, ist bis heute nicht in allen Einzelheiten geklärt und konnte im Nachhinein nur durch Zeugenaussagen rekonstruiert werden.

Gesichert ist, dass einer der drei jungen Männer auf die Idee kam, die Mauerumzäunung des Stasigebäudes zu besteigen, weil aus dem hell erleuchteten Haus lautes Gelächter und das Klirren von Flaschen und Gläsern herauszuhören war. Zu diesem Zeitpunkt wusste keiner von ihnen, dass dort der Wachmann Unterleutnant Werner Funk im Dienst gerade seinen sechzigsten Geburtstag nachfeierte. Funk war zwar bereits mit Wodkaflaschen zum Dienst erschienen, aber der Alkohol auf seiner Geburtstagsfeier floss in Strömen, sodass er gegen 23 Uhr in ein nebenan liegendes Haus ging, um Nachschub zu holen. Auf dem Rückweg dann wurde er auf die drei Freunde aufmerksam.

Funk war in ganz Güstrow als Säufer bekannt. Späteren Zeugenaussagen nach besorgte er sich in der Kaufhalle jede Woche seinen Schnaps einkaufstaschenweise. Dass er bei der Stasi war, wusste in Güstrow auch fast ein jeder. Funk schob vor der Kreisdienststelle regelmäßig Wache und war bekannt dafür, Passanten zu drangsalieren, indem er grundlos deren Ausweispapiere verlangte und sich in Uniform stets herrisch aufführte.

Er war Alkoholiker, galt als jähzornig und unberechenbar und hatte schon einmal in aller Öffentlichkeit betrunken mit seiner Pistole um sich geschossen.

Als er die drei Männer bemerkte, die in ausgelassener Stimmung die Mauerumzäunung erklimmen wollten, hatte Funk endlich jemanden gefunden, an dem er seine ganze Wut und Frustration auslassen konnte. Endlich konnte er diese Randalierer fassen, die keinen Respekt vor einer Uniform und vor dem Staat hatten. Seine Vorgesetzten würden stolz auf ihn sein, redete er sich ein.

Mit der Pistole im Halfter rannte er den jungen Männern hinterher, stellte sie und wollte ihre Papiere sehen. Mit später nachgewiesenen zwei Komma drei Promille im Blut fühlte er sich stark genug, um es in dunkler Nacht mit drei Männern aufzunehmen, die ihm körperlich weit überlegen waren.

Doch Funk war so betrunken, dass ihn die drei Freunde überhaupt nicht ernst nahmen und seine Forderung, ihm ihre Papiere auszuhändigen, ignorierten. Es kam zu einer kurzen Rangelei und plötzlich zückte Funk seine Dienstwaffe und feuerte aus kürzester Distanz fünf Kugeln auf die Männer ab.

Die erste Kugel traf Frank Nietsch in den Oberschenkel, die nächsten Uwe Siatkowski in die Lunge und die anderen Wolf-Dieter Runge in den Unterleib.

 

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Ein Stasiunteroffizier erschießt betrunken im Dienst zwei unbescholtene Familienväter und verletzt einen weiteren lebensgefährlich!

Ein Szenario, das es in der DDR nicht gab und auch nie geben durfte. Die Staatsmacht, von Funks Vorgesetzten, mit dem dieser seinen Geburtstag nachgefeiert hatte, informiert, handelte nach dessen Anruf deshalb umgehend und noch in der gleichen Nacht. Zum einen verstrich dadurch überlebensnotwendige Zeit, bis endlich zwei Krankenwagen am Tatort eintrafen, zum anderen waren schnell hochrangige Stasioffiziere vor Ort. Als die Sanitäter die Straße der Befreiung endlich erreichten, ein Name, der sich angesichts der Tat und den Umständen, wie es zu der Tat gekommen war, auch heute noch wie purer Zynismus ausnimmt, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Die Opfer lagen stöhnend in ihren Blutlachen.

Der dreißigjährige Uwe Siatkowski, verheiratet und Vater zweier Kinder, verstarb noch vor Ort. Wolf-Dieter Runge, ebenfalls dreißig Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern, starb trotz sofortiger Operation drei Tage später an Heiligabend im Krankenhaus. Einzig der einundzwanzigjährige Frank Nietsch überlebte, doch zu einem hohen Preis.

Sein Bein, dessen Oberschenkel durch die Kugel zerschmettert wurde, musste verkürzt werden, eine Operation, unter deren Folgen und den bis heute andauernden Schmerzen er noch immer leidet.

Den Sanitätern wurde unter Androhung von Haft und Repressalien erklärt, dass sie vorerst aussagen sollten, es würde sich bei den Männern um die Opfer eines Verkehrsunfalls handeln.

Schnell schaltete sich auch die Militäroberstaatsanwaltschaft in den Fall ein und zog im Handumdrehen eine Legende über den Tathergang aus dem Hut, die nur so vor Lügen und Desinformationen strotzte.

Sie wurde sowohl den Angehörigen der Erschossenen als auch der Öffentlichkeit in Form eines Presseberichts aufgetischt, um den wahren Hergang zu verschleiern und Werner Funk aus der Schusslinie zu nehmen. Der Stasiunterleutnant kam zwar für kurze Zeit in Untersuchungshaft, musste sich aber nie vor einem DDR-Gericht verantworten.

Betrunkene Raufbolde hätten auf das Gelände der Kreisdienststelle eindringen wollen und dabei den Wachmann angegriffen, der in Notwehr gehandelt habe, schrieb die örtliche Presse anderntags, die wie alle anderen Medien in der DDR von der SED gesteuert war. Aber damit gaben sich die Güstrower und vor allen Dingen die Angehörigen der Toten nicht zufrieden. In der Stadt brodelte es, aber die Stasi duldete keinen Widerspruch und griff rigoros durch. Viele Güstrower bekamen es in den darauffolgenden Tagen und Wochen immer wieder mit dem Geheimdienst zu tun.

Manche von ihnen verschwanden auch für einige Zeit.

Heiko Lietz war einer von ihnen, doch er ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. Der im Oktober 1943 in Schwerin geborene frühere evangelische Pfarrer und Bürgerrechtler war schließlich jener Mann, durch dessen Zivilcourage es gelang, die Kriminalakte über die Toten von Güstrow und Werner Funk zum Abschluss zu bringen, wenn auch nicht ganz so, wie es sich die Angehörigen eigentlich vorgestellt hatten.

 

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Die Gerüchteküche der Stadt kochte nach Weihnachten schier über, doch im Gegensatz zu allen anderen hatte Lietz sowohl mit einem der Überlebenden im Krankenhaus sprechen können als auch mit den Angehörigen, die ihn auf Missstände hinwiesen, sodass er sich an irgendwelchen Verschwörungstheorien und Diskussionen nicht beteiligte, da er sehr wohl genau wusste, was wirklich geschehen war.

Das wusste allerdings auch wiederum die Stasi.

Als Seelsorger der hinterbliebenen Witwen nahm Lietz auch an den Trauerfeiern auf dem Güstrower Friedhof teil. Der Friedhof war schwarz vor lauter Menschen, erinnerte sich Heiko Lietz später, aber nicht von Trauergästen, sondern von Mitarbeitern der Stasi. Als er dann am 2. Januar 1985 in der Güstrower Pfarrkirche bei einem Friedensgebet den Opfern und Angehörigen gedachte, handelte er sich ein viertägiges Verhör ein. Auch danach holte ihn die Stasi mehrfach ab, suchte ihn sogar an seinem Arbeitsplatz auf, um den Menschen zu zeigen, wie sie mit Leuten verfuhr, die es wagten, der Staatsmacht zu widersprechen.

Aber Heiko Lietz beugte sich nicht und seine Stunde kam.

Im Wendeherbst 1989 nutzte er seine Kontakte über den damaligen runden Tisch in Berlin, um den Fall noch einmal aufzuzeigen, und tatsächlich wurde Werner Funk bereits kurz darauf verhaftet und kam in Untersuchungshaft.

Aber nach der Wiedervereinigung ging die Politik vielerorts wieder zur Tagesordnung über und überließ nicht selten die Verfolgung von SED-Tätern der örtlichen Justiz, die immer noch von ehemaligen DDR-Seilschaften und deren Geist durchdrungen war und auch heute noch ist.

Anders ist es nicht zu erklären, dass ein gewaltbereiter, herrischer Mann wie Werner Funk, der zwei Familienväter getötet und einen jungen Mann zum Krüppel geschossen hatte, vor einem Berliner Landgericht nur zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, von denen er lediglich knapp sieben Jahre absitzen musste, um danach als freier Mann entlassen zu werden. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass es bis zum Jahr 2014 dauerte, bis die Stadtverwaltung in Güstrow nach etlichen Eingaben und kontroversen Diskussionen sich endlich dazu durchringen konnte, vor der ehemaligen Stasikreisdienststelle im Boden eine Steinplatte einzulassen, um den Opfern dieses unsäglichen Unrechts zu gedenken.

Quellenhinweis: