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Ritter Busso von Falkenstein – 10. Teil

Ritter Busso von Falkenstein
oder die Geheimnisse der Totengruft
Ein schauderhaftes Gemälde aus den Ritterzeiten
Verlegt durch Gottfried Basse zu Quedlinburg, 1813

Sie begab sich heute früher in ihr Schlafgemach als gewöhnlich. Der Gedanke, dass sie ihrem Vater ungehorsam werden wollte, machte sie bei seinem Anblick zittern. Ungewohnt, sich zu verstellen, befürchtete sie jeden Augenblick, ihre Augen könnten die Geheimnisse ihres Herzens verraten. Hätte ihr Vater sie in sanften Ausdrücken angesprochen, so würde sie in diesem Augenblick gewiss bis zu Tränen gerührt worden sein. Im Gegenteil aber warf er ihr, noch härter als gewöhnlich, ihre Abneigung gegen einen Mann vor, dem er ihre Hand versprochen habe. Er schilderte ihr die außerordentliche Zuneigung, welche ihre Reize bei ihm erweckt hätten, mit Worten, die nur ihre unbezwingliche Abneigung gegen ihn noch vermehren mussten. Sie hörte ihn ruhig an, ohne etwas zu antworten. Als sie ihn aber verließ und sich in ihr Gemach begab, fiel ihr der Gedanke ein, dass sie ihren Vater nicht nur diese eine Nacht, sondern vielleicht auf ewig verlasse.

Heiße Tränen rollten über ihre Wangen. In ihrem Zimmer überließ sie sich ganz ihrem Schmerz, während Leonore beschäftigt war, die nötigen Anstalten zur Reise zu treffen.

Je mehr sich aber die zur Flucht bestimmte Stunde, wo sich Busso einfinden sollte, herannahte und alle Burgbewohner sich zur Ruhe sehen hatten, wurde sie ruhiger und harte mit ängstlicher Ungeduld dem verhängnisvollen Augenblick entgegen. Es dauerte auch nicht lange, so wurde sie im Garten einen Ritter gewahr, dessen Rüstung vom Schein des Mondes ihr entgegenblitzte, und der bald so nahe war, dass sie die Feder auf seinem Helm genau erkennen konnte. Als er unter dem Fenster war, befürchtete Leonore, das Fräulein könnte an seiner Stimme erkennen, dass er nicht Busso sei, und sagte ihm deshalb leise ins Ohr, kein Wort zu sprechen, um nicht etwa von einem noch wachenden Burgbewohner bemerkt zu werden. Friedrich erriet den Sinn sogleich und gab ihr durch einen Wink zu verstehen, dass sie in dieser Hinsicht unbesorgt sein solle.

Bei Adelheid war es nicht nötig, ihr Stillschweigen anzuempfehlen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie im Begriff eine Handlung zu begehen, worüber ihr Gewissen ihr Vorwürfe machte, und von dieser Handlung gerade hing ihr zukünftiges Glück ab. Sie war in solcher Unruhe, dass sie kaum reden konnte. Noch in diesem Augenblick wollte sie ihr Wort zurücknehmen und im Schloss bleiben. Leonore aber machte ihr Vorwürfe über ihre Unentschlossenheit und stellte ihr vor, dass, wenn sie diese Gelegenheit, sich einer schrecklichen Sklaverei zu entziehen, einmal unbenutzt vorbeigehen ließe, ihr nie eine ähnliche geboten werden würde. Aus Vorsicht hatte sie eine Strickleiter besorgt, durch deren Hilfe sich die furchtsame Adelheid aus dem Fenster in den Garten hinablassen musste.

Noch ehe sie die Erde berührte, schloss sie der ungestüme Friedrich schon in seine Arme. Adelheid schien über diese voreilige Kühnheit beleidigt, da sie dergleichen nicht gewohnt war, und entwand sich sogleich seinen Armen, um ihm ihren Unwillen hierüber zu erkennen zu geben. Friedrich befürchtete, sie zu früh beunruhigt zu haben, bekämpfte seine Leidenschaft und führte sie mit Anstand zur Gartentür, wo in seiner Knappe mit zwei Pferden sie erwartete. Er schwang sich auf eins und nahm seine geliebte Beute, die er nun sicher genug zu besitzen glaubte, vor sich und schloss sie fest in seine Arme. Der Knappe nahm Leonore mit auf das seine. Beide gaben ihren Rossen die Sporen und sprengten mit verhängtem Zügel in den Wald hinein.

Der getreue Busso, welcher den schrecklichen Missbrauch seines Namens und seines Helms nicht ahnte, blieb, als Leonore ihn verließ, in der Wohnung des Landmanns und überließ sich seinem Schmerz. Sein Knappe Robert war noch nicht zurückgekommen, ob er ihn gleich sehnlich erwartete, um irgendjemandem sein Leid klagen zu können. Endlich aber wurde ihm die Zeit zu lang. Er stand auf, um im Wald spazieren zu gehen. In Gedanken vertieft, irrte er einige Zeit hin und her und war besorgt, es könnten ihm noch Hindernisse zur Erfüllung seines morgen auszuführenden Planes in den Weg treten.

Die dunkeln Fittiche der Nacht breiteten sich schon über die ganze Natur aus. Diese Dunkelheit schien dem Ritter willkommen zu sein, weil sie ihn von Neuem an die Träumereien, die seine Seele beim Herumirren im Wald in jener schrecklichen Nacht beunruhigt hatten, erinnerten. Wenn er daran dachte, welches schätzbare Kleinod ihm damals die Gewissheit, von Adelheid geliebt zu werden, gewesen sein würde, so machte er sich Vorwürfe, einen Aufschub der Flucht bewilligt zu haben, der bloß zu seiner Pein und Unruhe veranstaltet zu sein schien. Er bemühte sich jedoch, alle, sein Gemüt beunruhigenden Vorstellungen zu verscheuchen, empfahl dem Himmel seine geliebte Adelheid und rief die Engel, als Beschützer der Tugend und Unschuld, zur Unterstützung seines Unternehmens an.

Endlich fiel es ihm ein, dass es wohl Zeit sei, sich zu seiner Unterkunft zu begeben, indem sein Wirt sich würde zur Ruhe begeben wollen und ihn vielleicht sehnlich erwarte. Er hatte aber so wenig auf den Weg geachtet, dass er durchaus nicht wusste, welche Richtung er zur Wohnung des Bauers nehmen sollte. Indem er so in Ungewissheit schwebte, wurde er über den Bäumen ein Licht gewahr. Er ging eilig darauf zu, bemerkte aber bald, dass es ein weit hellerer Schein war als der, welchen ein Licht im Haus des Landmanns geben konnte. Es schien, in dem er darauf zuging, als ob es sich immer weiter von ihm entfernte. Erstaunt und von einem innerlichen Schauer über fallen, eilte er dem Schein nach, bis es plötzlich auf die Erde fiel und der Ritter vor der Totenhöhle stand. Er erinnerte sich sogleich an seinen gehabten Traum und an die bedeutungsvollen Nachrichten, welche er über diese furchtbare Höhle auf der Eulenburg eingezogen hatte, sowie an seinen gefassten Entschluss, ihre Geheimnisse zu untersuchen. Seine heutige Verspätung im Wald schien ihm das Werk der Vorsehung zu sein, die ihn zur Entdeckung jener schrecklichen Geheimnisse bestimmt habe. Er beschloss also, dieses Abenteuer zu bestehen, und fühlte sich gleichsam durch eine unsichtbare Macht dazu hingezogen.

Obwohl die Nacht nicht sehr finster war, so verdunkelten doch die dick belaubten Bäume diese Gegend dergestalt, dass man kaum einen Gegenstand erkennen konnte.

Ein heller Schein, der aber augenblicklich wieder verschwand und aus der Höhle kam, zeigte den Ritter einen Weg über die Felsen, ein wenig oberhalb des Ortes, von wo man in diese schreckliche unterirdische Gruft gehen konnte, Dieser Eingang, dem sich seit mehreren Jahren niemand zu nähern, gewagt hatte, war mit dickem Gesträuch verwachsen, welche Eulen und andere Nachtvögel als Zufluchtsort diente.

Busso versuchte sich einen Weg durch dieses Gesträuch zu bahnen; aber die allzu große Dunkelheit war ihm hinderlich, bis zum Eingang der Höhle vorzudringen. Je näher er kam, desto finsterer wurde es um ihn. Er beschloss zu des Bauers Wohnung zu gehen, um eine Fackel zu holen.

Da er nun wusste, in welcher Gegend des Waldes er war, so wurde es ihm nicht schwer, den richtigen Weg dorthin zu finden. Als er ankam, fand er seinen treuen Knappen und seine Rose daselbst. Robert wunderte sich über sein langes Ausbleiben, da er wusste, dass der Ritter um diese Zeit sich im Schlossgarten einzufinden versprochen hatte.

Busso nannte ihm die Ursache dieser Verzögerung und machte ihn zugleich mit seinem Vorwand bekannt, sich sogleich zu jener Schreckenshöhle zu begeben und deren Innerstes zu untersuchen. Robert erschrak über dieses tollkühne Unternehmen und versuchte seinen Herrn davon abzuraten.

Der Ritter unterbrach ihn aber sogleich und sagte: »Sei zufrieden, dass ich nicht verlange, das du mir folgen sollst. Wärst du weniger schwach und furchtsam, so könnte mir bei einem solchen Abenteuer deine Gesellschaft dienlich sein und einen Teil der Schrecknisse und widrigen Eindrücke, deren sich hier der mutlose Ritter nicht erwehren kann, zu verscheuchen. Aber so ein feigherziger Narr wie du würde mir bei diesem Unternehmen mehr zur Last fallen als nützlich sein. Bleib also hier bei den Pferden und erwarte meine Rückkehr. Wenn der Himmel mein Unternehmen segnet, so bin ich vor Tagesanbruch wieder bei dir.«

Nun trat er in die Wohnung des Bauern und forderte eine Fackel. Als der biedere Landmann sein Vorhaben erfuhr, überlief ihn ein kalter Schauer, dessen sich auch all diejenigen nicht erwehren konnten, die den Namen Totenhöhle nennen hörten.

»Ach, wackerer Ritter, welcher unglückliche Stern führt Euch zu diesem verwegenen Unternehmen? Wisset, dass nie ein Mensch, der sich in diese unterirdische Gruft wagt, das Tageslist wieder erblickt hat.«

Der Ritter beharrte aber bei seinem Entschluss. Als ihm der Bauer eine Fackel gegeben hatte, kehrte er allein zu der Höhle zurück. Obwohl er auch sonst allen Gefahren Trotz bot, so war ihm bei diesem Unternehmen doch nicht wohl zumute. Die Vorstellung an dieses zu bestehende Abenteuer machte ihn zittern. Er glaubte aber, dass eine höhere Hand hierbei im Spiel sei.

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