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Slatermans Westernkurier 11/2020

Auf ein Wort, Stranger, erinnerst du dich noch an die Tragödie von Mussel Slough?

Es geschah an einem Dienstag, genauer gesagt, dem 11. Mai 1880.

Amerika stürmte mit Riesenschritten dem 20. Jahrhundert entgegen.

Edison war es gelungen, den elektrischen Strom für den Gebrauch im Haushalt nutzbar zu machen, David Hughes hatte das Mikrofon erfunden und im Osten wurde den erstaunten Menschen die erste funktionierende Glühbirne vorgestellt. Die Bevölkerungszahl der Vereinigten Staaten war auf über 50 Millionen angewachsen.

Der Fortschritt war nicht mehr aufzuhalten und die Tage des Wilden Westens, von Faustrecht und Salbeibuschgesetz geprägt, neigten sich ihrem Ende zu.

Nie hätte jemand vermutet, dass ausgerechnet in Mussel Slough, einer der zivilisiertesten und friedlichsten Ecken von Kalifornien, eine Schießerei stattfinden würde, die als der blutigste Gunfight des Landes in die Annalen der Geschichte einging.

 

*

 

Die Ursprünge dieser Gewalttat gehen auf das Jahr 1865 zurück.

Damals dehnte die Southern Pacific Railroad Company ihr Schienennetz von San Francisco in Richtung Süden nach Los Angeles und San Diego aus, nachdem sie vom Kongress die üblichen Landschenkungen entlang ihrer Trasse erhalten hatte.

Die Eisenbahn nahm das Land jedoch nicht gleich in Besitz, sondern lud Siedler ein, dort ihre Farmen und Höfe anzulegen.

»Wenn der Siedler zu kaufen wünscht, räumt ihm die Gesellschaft das Vorverkaufsrecht zu einem festgesetzten Preis ein, der in jedem Fall nur dem Wert des Landes entsprechen wird, ohne eine etwaige Bodenverbesserung zu berücksichtigen. Die Parzellen werden zu einem Mindestpreis von 5 Dollar aufwärts pro Hektar angeboten, wovon die meisten zu einem Preis zwischen 5 bis 10 Dollar zu haben sind.«

Viele der Siedler erwarben daraufhin eine Heimstätte und ließen sich gerade in den Countys von Tulare und Fresno nieder mit der Absicht, dieses Land einmal günstig erwerben zu können. Der Bezirk Tulare im südlichen Teil des San Joaquin Valleys hatte seinen Namen von dem spanischen Wort für das übelriechende Sumpfgras – los tulares – abgeleitet, das in einer Gegend wuchs, die Mussel Slough (Muschelsumpf) hieß, welches nach den Muscheln benannt war, die in diesem Sumpfland gediehen.

Doch so billig das Gebiet auch zu erwerben war, aus landwirtschaftlicher Sicht gesehen war es eine einzige Katastrophe. Das Land bestand je zur Hälfte aus Sumpf und vegetationsarmer Steppe, das sich jedes Jahr in der im Sommer einsetzenden Dürreperiode komplett in eine Wüste verwandelte.

Jahrelang fristeten die Siedler dort ein kümmerliches Dasein, bis sie unter unvorstellbaren Mühen Bewässerungskanäle gegraben hatten, mit denen sie den eingetrockneten Boden bewässerten. 1878 blühte das Land und trug reiche Ernte an Gerste, Weizen und Früchten,

die man mit der Eisenbahn rasch auf alle Märkte des Landes bringen konnte.

Im Nachhinein betrachtet erscheint es, als hätte die Southern Pacific Railroad Company nur auf diesen Moment gewartet.

Noch im selben Jahr nahm die Eisenbahngesellschaft das Land nun auch formal in Besitz und schickte Männer wie den Vermesser William Clark aus, um den Wert der Heimstätten zu bestimmen. Angesichts der Blüte und der Fruchtbarkeit des Landes setzten diese Männer den Preis pro Hektar auf 50 bis 70 Dollar fest.

Anfangs reagierten die Siedler noch mit Unglauben auf diese Preise, dann mit Empörung. Sie schrieben einen Brief an den Charles Crocker, einen der vier Teilhaber der Gesellschaft, um ihn an das Versprechen zu erinnern, ihnen das Land billig zu verkaufen.

Crockers Antwort war, das von 5 Dollar »aufwärts« die Rede war und keinesfalls von einem derartigen Festpreis.

Die Sache beschäftigte die Gerichte über Jahre hinweg, doch stets waren die Siedler die Verlierer, egal, ob das Urteil von einem Bezirks -, Berufungs- oder gar dem Obersten Gericht der Vereinigten Staaten erging.

Obwohl die Eisenbahn ihr den Siedlern gegebenes Versprechen gebrochen hatte, indem sie sich für Verbesserungen entschädigen ließ, die einzig und allein den Siedlern zu verdanken waren, und obwohl sie ihre Rechte an der Landschenkung verwirkt hatte, weil sie der daraus entstandenen Verpflichtung auf der ursprünglich vermessenen Strecke zu bauen nicht nachgekommen war, wurden aufgrund der gerichtlichen Entscheidungen mehr als 200 Familien von Haus und Hof vertrieben.

Bis auf die Richter und Winkeladvokaten, welche die Eisenbahn bei den Prozessen vertreten hatten, war jedem klar, dass die derart betrogenen Siedler über kurz oder lang zur Waffe greifen würden, um sich gegen das Unrecht zu wehren, das ihnen widerfuhr.

Im Frühjahr 1880 war es dann soweit.

Das Kalenderblatt zeigte den 11. Mai an, als der Konflikt endgültig eskalierte.

 

*

 

An diesem sonnigen Dienstagmorgen näherte sich William Clark, ein Vertreter der Southern Pacific Railroad, der Heimstätte von Henry Brewer. Clark war einer der Beamten, welche die Preise bestimmten, zu denen die Eisenbahngesellschaft ihr Land anbot. Begleitet wurde er von US-Marshal Alonzo Poole, der für diesen Bezirk zuständige Regierungsbeamte, der neben ihm in seinem Buggy saß. Poole, mit einer Pistole bewaffnet, war im Besitz eines gerichtlichen Anweisungsbeschlusses. Dahinter, in einem Farmerwagen folgten ihnen Mills Hartt und Walter Crow, zwei ortsansässige Kunden der Eisenbahn, die mehrere Farmen der Umgebung aufkaufen wollten.

Hartt hatte bereits die letzte Farm erworben und Crow sollte nun Brewers Heimstätte bekommen. Clark hatte ihren Wert auf 6288 Dollar festgesetzt, von denen Crow bereits über 1600 angezahlt hatte. Eine Summe, die Brewer nicht einmal zur Hälfte aufbringen konnte. Warum auch?

Nach dem Versprechen der Eisenbahn hätte er seine 60 Hektar große Heimstätte für 300 bzw. für maximal 600 Dollar erwerben können. Crow und Hartt rechneten deshalb mit Schwierigkeiten und waren dementsprechend mit drei Pistolen, einem Spencergewehr und zwei Schrotflinten bewaffnet, wobei Crow seine Flinte nicht mit Schrot, sondern mit Pistolenkugeln geladen hatte.

Henry Brewer, der an diesem Morgen in einer abgelegenen Ecke seines Besitzes friedlich ein Feld pflügte, ahnte nichts vom Kommen dieser Männer, andere, weitaus aufgebrachtere Siedler aber schon.

Clark und seine Begleiter waren in Sichtweite von Brewers Anwesen, als sie von mehr als einem Dutzend Männer umzingelt wurden. Der Anführer der Reiterschar war James Patterson. Jeder der Männer hatte guten Grund anzunehmen, dass sie nach Brewers ebenfalls von ihrem Land vertrieben werden sollten. Einem Land, das nur durch ihre langjährige harte Arbeit zu dem geworden war, was es jetzt darstellte: eine fruchtbare Oase inmitten der Wüstenlandschaft des San Joaquin Valleys, die seinesgleichen suchte.

»Sorry Marshal«, sagte Patterson, nachdem er sein Pferd vor dem Buggy zum Stehen gebracht hatte, in dem William Clark und Marshal Poole nebeneinander auf dem Wagenbock saßen. »Aber leider können wir Ihnen nicht gestatten, dass Sie Brewer seinen Enteignungsbescheid übergeben. Ich bitte Sie deshalb höflichst, mit Ihren Männern umzukehren.«

Pattersons Wort sollte die letzte höfliche Mitteilung in diesem Konflikt sein, danach sprachen nur noch die Waffen.

»Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, sollten Sie mir jetzt Ihre Waffe übergeben«, sagte einer der Reiter, worauf Poole mit dem Hinweis protestierte, dass er als Beamter der Vereinigten Staaten von Amerika diesem Befehl nicht Folge leisten könne und auch nicht die Absicht hatte, dies zu tun. Patterson erlaubte ihm daraufhin, seine Pistole zu behalten, doch im gleichen Augenblick, als er zwei seiner Männer zur Bewachung des Marshals abkommandieren wollte, bockte eines der Pferde und aus dem Revolver des Reiters löste sich ein Schuss.

Die nachfolgenden Ereignisse wurden zwar nie in allen Einzelheiten rekonstruiert und sind deshalb nur auf Augenzeugenberichten aufgebaut und daher etwas vage, trotzdem erscheint ihr Wahrheitsgehalt aufgrund der Berichte eines Arztes und eines Leichenbeschauers als ziemlich hoch.

 

*

 

Im gleichen Moment, als sich der Schuss löste, starben zwei Männer.

James Harris, ein Farmer aus dem Gefolge von Patterson, fiel, von vier Pistolenkugeln aus der Schrotflinte von Walter Crow in den Bauch getroffen, tot von seinem Pferd, während gleichzeitig Mills Hartt durch einen Schuss in den Magen starb.

Durch die Schüsse gerieten die ohnehin schon nervösen Pferde endgültig in Panik und begannen wild durcheinander zu laufen.

In diesem Durcheinander erschoss Crow einen weiteren Siedler namens Iver Knutson durch zwölf Schüsse in die Brust und tötete dessen Nachbarn Daniel Kelly, indem er ihm eine Schrotladung in den Rücken jagte.

Nachdem innerhalb von Sekunden vier Männer gewaltsam zu Tode gekommen waren, trat eine kurze Feuerpause ein.

Crow nutze die Situation, sprang vom Wagenbock seines Farmwagens und floh. Als er sah, dass der Siedler Archibald McGregor hinter seinem Pferd in Deckung ging und auf ihn zielte, tötete er ihn mit zwei Schüssen aus seinem Colt.

Daraufhin lief der Siedler John Henderson mit einem wütenden Schrei auf ihn zu, während er seinen schadhaften Navy-Revolver auf ihn abfeuerte, dessen Trommel er nach jedem Schuss weiterdrehen musste. Sooft Henderson seine schwerfällige Waffe hob und einen Schuss abgab, sooft erwiderte Crow, der flach am Boden lag, das Feuer und tötete Henderson schließlich mit einem Schuss in die linke Brustseite.

Daraufhin stellten die Männer um Patterson das Schießen endgültig ein. Crow floh in ein nahegelegenes Getreidefeld und verschwand tief geduckt in dem hohen Weizen.

Zwei Meilen weiter, auf einer Brücke tötete jemand Crow mit einer einzigen Kugel in den Rücken.

Von der Lage der Brücke aus hätte der Täter durchaus Henry Brewer sein können, der später zugab, das Geschehen genau beobachtet zu haben.

Aber beweisen konnte man es nie.

So starben also sieben Männer im Kampf um Land, das die Eisenbahn unrechtmäßig in Besitz genommen hatte. Der Kampf hätte auf vielen Geländestreifen, die sich im Besitz der großen Eisenbahngesellschaften befanden, ausbrechen können und hat wahrscheinlich auch in dieser oder jener Art dutzendweise stattgefunden. Mussel Slough findet in den Geschichtsbüchern nur deshalb eine Erwähnung, weil es sich dabei um die blutigste dieser Auseinandersetzungen handelte.

In diesem Sinne, euer Slaterman

Quellennachweis:

  • Time Life International Der Bau der Eisenbahnen im Original von Keith Wheeler. Redaktionsstab des Bandes der deutschen Ausgabe sind Hans Heinrich Wellmann, verantwortliche Textredaktion Gertraud Bellon, Ulla Fröhling und Regine Scourtelis und aus dem Englischen übertragen von Hans Hausner
  • www.thegoodlivesv.com
  • www.history-page.com
  • Archiv des Autors

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