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Die Riffpiraten – Kapitel 13

Heinrich Klaenfoth
Die Riffpiraten
Verlag Albert Jaceo, Berlin, um 1851

Kapitel 13

Die Kalabuse

Nach einer langen Fahrt befanden wir uns endlich auf dem Mississippi. Wir liefen in den Hafen von New Orleans ein und wurden noch an demselben Tag in die Kalabuse gebracht, um öffentlich ausgeläutet zu werden. Die Nacht verbrachten wir frei von Fesseln in einem gutbewachten Gefängnis, wo wir endlich die so lange entbehrte reine, frische Luft einatmen und uns wie Menschen auf Stroh ausstrecken konnten, das man uns hinwarf.

Nach so vielen bestandenen Leiden verlangt die Natur ihr Recht. Alle erfreuten sich eines gesunden Schlafes. Ich fühlte mich am Abend sehr unwohl und hatte mich kaum niedergelegt, als ich heftig zu fiebern begann.

Am Vormittag des folgenden Tages nahm die Auktion ihren Anfang. Noch andere Sklaven waren mit uns zugleich aufgestellt. Kauflustige gingen zwischen uns herum, betasteten die nackten Körper der zum Verkauf ausgestellten Unglücklichen, prüften ihre Muskelkraft, besichtigten ihre Zähne, ließen sie springen und übten andere Rücksichtslosigkeiten aus.

Doch zu mir kam niemand. Jedenfalls war es meine klägliche Körperbeschaffenheit, welche die Käufer von mir fern hielt. Ich zitterte vor dem Gedanken, von dir getrennt zu werden, und auch vor der Möglichkeit, dass ich nicht verkauft blieb, in welchem Fall ich wieder in die Hand des teuflischen Kapitäns geriet, der mich unfehlbar ermordet haben würde.

›Herr‹, sagte ich zu einem der Kauflustigen, der mir am wohlhabendsten schien, ›kauft mich, diese Negerin und das Kind zusammen. Ich verspreche Euch ein gutes Lösegeld. Der Kauf wird Euch nicht gereuen.‹

›Bah!‹, sagte der Mann. ›Solche Verlockungen reizen mich nicht. Hinterher bin ich geprellt. Alles schon dagewesen. Ich verlange gute Knochen, wie ich sie brauche. Ein misslicher Handel bleibt mir fern.‹

Hierauf stieß der Mann auf einen anderen Kauflustigen, den er auf mich aufmerksam machte.

Es war dies ein Mann mit rohem Gesicht und plumpen Manieren. Er trat zu mir heran und befühlte brummend meine Glieder, die sich in trauriger Verfassung befanden.

›Du sprachst von Lösegeld?‹, fragte er dann. ›Woher nimmst du das?‹

Ich hütete mich wohl, meinen Stand und meine Geldmittel zu nennen, um die Habgier dieses Menschen nicht zum Übermaß zu reizen, und antwortete: ›Wenn der Herr mich mit der Negerin und dem Kind, das diese auf ihrem Arm trägt, kauft, so werde ich einen Brief nach Mexiko senden, auf welchen dem Herrn das doppelte Kaufgeld für uns gezahlt werden wird.‹

›Das Kind will ich nicht‹, antwortete der Mann. ›Ich habe solche unnützen Geschöpfe bereits genug auf meiner Besitzung. Das Weib mag ich eher. Sie hat gute, kräftige Muskeln, die auch schwere Arbeit ertragen können.‹

›Für das Kind, Herr, wird ein gleicher Preis wie für mich gezahlt werden‹, rief ich in meiner Verzweiflung, ›und die Negerin wird seine Pflege übernehmen.‹

›Die brauche ich zum Arbeiten‹, entgegnete der Mann, ›sie wird keine Zeit zur Wartung der kleinen Range übrig haben. Ich muss das wissen.‹

Bei diesen Worten wandte er mir den Rücken zu, wobei er mir mit aller Rücksichtslosigkeit auf die Füße trat und zugleich einem der neben uns stehenden Neger den Saft des Tabaks, den er kaute, in das Gesicht spie.

Ich verzweifelte, denn ich wagte nicht mehr auf eine günstige Wendung unseres Geschicks zu hoffen.

Das Ausläuten begann und nahte sich seinem Ende. Alle Sklaven waren nach und nach verkauft, zu hohen und niedrigen Preisen, je nach ihrer mehr oder minder kräftigen Körperbeschaffenheit. Derjenige der Gehilfen des Auktionators, welcher die Sklaven einzeln vorzuführen hatte, stellte mich und die Negerin stets zurück, sodass wir die letzten Opfer der Versteigerung waren. Wie ich vermute, geschah dies auf Betrieb des Unholds, mit dem ich zuletzt wegen unseres Ankaufs unterhandelt und den ich gleich darauf mit dem erwähnten Gehilfen des Auktionators sprechen sah.

Der entscheidende Augenblick war gekommen.

Verzweifelt nahm ich dich in meinen Arm und beschloss, mich nur mit dem Tod von dir zu trennen. Dann trat ich mit der Negerin zusammen vor.

›Einzeln!‹, rief der Auktionator.

›Einer nach dem andern! Weg mit dem Kind!‹, riefen mehrere Stimmen aus der Gruppe der Käufer.

Der Gehilfe des Auktionators wollte dich mir entreißen, aber ich stieß ihn zurück.

In diesem Augenblick begann die Versteigerung.

›Es gilt der Negerin!‹, rief der Auktionator.

Die Gebote folgten rasch aufeinander und die Negerin wurde dem tabakkauenden Mann zugeschlagen, der sie nach geleisteter Zahlung fesselte und abführte.

Hierauf wurde ich von Neuem vorgestoßen.

›Wer bietet?‹, rief der Auktionator.

Alle schwiegen.

›Will keiner?‹

›Ohne das Kind!‹, rief eine Stimme.

›Ohne das Kind‹, sagte der Auktionator.

›Hundert Dollar!‹, erscholl eine Stimme.

Es war die des Schoner-Kapitäns, der das Geschäft in Schwung bringen wollte.

›Hundertfünfzig!‹, rief der Besitzer der Negerin.

›Zweihundert!«, rief ein anderer.

In dieser Weise ging es fort, bis ich endlich für den Preis von 900 Dollar dem Besitzer der Negerin zugeschlagen wurde.

›Weg mit dem Kind!‹, sagte derselbe, indem er an mich herantrat, um von mir Besitz zu nehmen.

Ich wich einen Schritt zurück und erhob drohend einen Arm.

›Schurke!‹, rief er wütend und versetzte mir mit der geballten Faust einen Schlag gegen die Schläfe.

Ich taumelte zur Seite und man benutzte diesen günstigen Augenblick, um mir mein Kind zu entreißen. Eine wahnsinnige Wut bemächtigte sich meiner. Ich stürzte auf den Gehilfen des Auktionators zu, der dich roh an einem Arm gepackt hielt, und schrie:  ›Schurke, gib mir mein Kind oder ich erwürge dich!‹ Ein schallendes Gelächter ertönte. Von allen Seiten streckten sich mir kräftige Arme entgegen und nach einem Augenblick sank ich überwältigt und unter zuckenden Krämpfen zu Boden.

Der Auktionator redete meinem Herrn zu, auch das Kind zu erstehen, da er aus Erfahrung vermuten könne, dass ich den Verlust meines Kindes in einer Weise betrauern würde, die mich zu jeder Arbeit untauglich machen und meinen baldigen Tod zur Folge haben könnte.

Das schien dem Mann einzuleuchten und er säumte nun nicht mehr, auch dich zu kaufen.

 

***

 

»O Gott!«, klagte Cäcilie. »Dieser arme durch mich noch mehr gequälte Vater!«

»Meine unglückliche Freundin!«, sagte die Witwe, während sie das junge Mädchen bewegt an ihre Brust drückte.

Als ich wieder zum Bewusstsein erwachte, stand die treue Negerin, dich in ihren Armen tragend, an meiner Seite. Sie deutete auf dich und ein mildes, freundliches Lächeln erhellte ihr schwarzes Antlitz. Dann presste sie einen zärtlichen Kuss auf deinen Mund. Als gleich darauf unser Herr herantrat und mir in Begleitung eines Fußtritts befahl, aufzustehen, reichte sie mir ihren Arm und unterstützte mein eiliges Bestreben, mich vom Boden zu erheben, was mir nur mühsam gelang, da meine Glieder noch immer von krampfhaften Zuckungen durchbebt wurden.

Eine Viertelstunde darauf waren wir auf dem Weg zu der Pflanzung unseres Herrn, die wir am Vormittag des nächstfolgenden Tages erreichten.

Wir wurden sofort den übrigen Sklaven beigesellt, die in elenden Bretterhütten unter Sonderung der Geschlechter untergebracht waren. Ich war hierdurch ein für alle Mal von dir und der Negerin getrennt. Doch da ich von deiner guten Verpflegung überzeugt sein konnte, so lange du dich im Schutz deiner bisherigen treuen Wärterin befandest, so tröstete ich mich leicht über dieses neue Missgeschick.

Am nächsten Morgen wurden die Sklaven, Männer und Fauen, mit dem Schlag fünf Uhr zur Arbeit auf das Feld getrieben, nachdem sie zuvor eine elende Reissuppe genossen hatten, die sie sich selbst bereiteten. Auch ich befand mich unter ihnen.

Ein roher, brutaler Aufseher schwang fortwährend die Peitsche über uns und litt es nicht, dass wir während der Arbeit auch nur ein Wort miteinander wechselten. Es war ein Bild des Jammers, das diese armen Neger darboten, die sich still und duldsam unter den Hieben der unbarmherzigen Aufseherpeitsche krümmten, während sie mechanisch die ihnen zugewiesene Arbeit verrichteten. Ihre Mienen drückten jenen Stumpfsinn aus, der auch die härteste Behandlung mit einer gewissen Gefühllosigkeit ertragen lässt. Selbst die Jüngeren der Unglücklichen, die doch auf der Pflanzung als Sklaven geboren waren und daher kaum einen Begriff von einem anderen Leben haben konnten, machten hierin keine Ausnahme.

Am Mittag wurde uns durch einen Wagen Reisspeise zugeführt, welche alsbald von den hungrigen Sklaven verschlungen war. Dann warfen sich alle auf die Erde nieder, um zu schlafen. Wir hatten eine halbe Stunde Pause.

Die Peitsche des Aufsehers weckte uns und trieb uns von Neuem an die Arbeit, die wir erst um acht Uhr abends einstellen durften. Nach einem Tagewerk von beinahe fünfzehn Stunden kehrten wir in unsere Hütten zurück, wo wir nichts fanden, als das kärgliche Strohlager und eine Ration Mais, die jeder aus der Hand des Aufsehers erhielt.

Ich wurde in der Nacht so krank, dass ich am anderen Morgen auf meinem Lager zurückbleiben musste, während die Neger zu dem gewohnten Tagewerk aufbrachen. Alsbald trat der Pflanzer in meine Hütte und schritt mit den Worten auf mich zu: ›Der Patron ist wohl faul und will sich einen guten Tag machen?«

›Ich bin krank, Master!‹, sagte ich.

›O, ich kenne solche Ausreden‹, entgegnete der Pflanzer, indem er eine Rolle Tabak in den Mund schob.

Doch da er meinen Zustand näher erkannte und vielleicht meinetwegen in Anbetracht seines zu erwartenden Vorteils in Sorge geriet, so fügte er nach einer Pause hinzu:  ›Nun, ich will es glauben, dass du krank bist, und du magst hierbleiben. Aber wie steht es mit deinem Lösegeld?‹

›Wenn der Master es genehmigt, werde ich sofort einen Brief an das Bankierhaus Abraham Levi in Mexiko schreiben, das ohne Zögern die doppelte Ankaufssumme für mich, das Kind und die Negerin übersenden wird.‹

›Bis zu welcher Zeit würde also voraussichtlich die Einzahlung erfolgt sein?‹

›Das kann ich nicht bestimmen, da ich nicht weiß, ob es eine regelmäßige Postverbindung nach Mexico gibt. Allein ich verbürge es, dass das Geld umgehend zugehen wird.‹

›So schreibe.‹

›Und wenn der Master mir erlaubt, mich körperlich wieder zu erholen, und vielleicht gar einen besseren Aufenthaltsort für mich einräumt, so wird jede billige Vergütung gezahlt werden.‹

›Siehe, was der Sklave für Vorschriften zu machen sich herausnimmt!«, rief der Pflanzer.

›Nicht so, Herr. Die ganze Zahlung hängt nicht lediglich von mir, sondern auch zugleich von dem Willen des Bankierhauses ab, das im Namen einer dritten Person handelt.‹

Durch diese Äußerung hoffte ich den habsüchtigen Pflanzer davon abzuhalten, seine Forderungen bis in das Unleistbare zu treiben.

›Gut!‹, sagte der Pflanzer. ›Du sollst ein Zimmer erhalten, das deinem Wunsch entspricht. Aber sprich, wird mir die Summe direkt zugesandt, die dein Lösegeld ausmacht?‹

Des Pflanzers Augen blitzten, während er diese Frage an mich richtete. Ich erriet den finsteren Gedanken, der in diesem Augenblick das habsüchtige Herz dieses Menschen belebte. Der Elende würde mich wahrscheinlich nimmer freigegeben haben, wenn er ohne eine richterliche Kenntnisnahme in den Besitz des Lösegeldes gelangte.

›Nein, Herr‹, antwortete ich daher, ›Ihr werdet das Geld aus den Händen der Behörden New Orleans erhalten.‹

Der Pflanzer schritt mit finsterer Stirn aus der Hütte.

Eine Stunde darauf erschien eine der Hausnegerinnen, die mich aufforderte, ihr zu folgen, was ich nur mit vieler Mühe vermochte. Sie führte mich in ein Zimmer des Herrenhauses, das mit einem Bett und allen sonstigen Bequemlichkeiten ausgestattet war, und bedeutete mir, dass dies bis auf weiteres meine Wohnung sei.

Dann erhielt ich anständige Kleidung und ein sehr wohlschmeckendes Frühstück sowie außerdem Schreibmaterialien zur Abfassung des Briefes, der ich mich unterzog, sobald ich notwendige Erholung genossen hatte.

Ich schilderte dem Bankierhaus Abraham Levi in Mexiko die bedenkliche Lage, in der ich mich befand, und forderte es auf, ungesäumt einen Agenten mit der erforderlichen Summe nach New Orleans zu senden, um durch Vermittlung der Behörden dieser Stadt meine sofortige Freilassung zu erwirken, nachdem dem Pflanzer das Lösegeld eingehändigt worden war. Ich fügte hinzu, dass ich hoffe, durch den Agenten von einer bereits geschehenen bedeutenden Geldsendung an das Haus Abraham Levi zu hören, mit der ich bei meiner Abreise von Europa meinen Bankier in Madrid beauftragt hätte.

Sobald ich das Schreiben beendet hatte, ließ ich den Pflanzer bitten, zu mir zu kommen. Er erschien und ich übersetzte ihm den Brief, der in spanischer Sprache abgefasst war, ins Englische. Aber er traute mir nicht und nahm den Brief an sich, um ihn von einer dritten Person übersetzen zu lassen. Nachdem er sich überzeugte, dass ich ihm den wahren Inhalt mitgeteilt hatte, kehrte er zurück und trug mir auf, den Brief zu adressieren, den er dann durch einen besonderen Boten nach New Orleans sandte.

Von dem Erfolg dieses Unternehmens hing nunmehr unsere persönliche Freiheit ab. Ich wollte zugleich an meinen Agenten in Madrid schreiben, aber ich unterließ dies bis auf Weiteres. Meine zerrüttete Gesundheit kehrte sich so nach und nach um. Ich durfte mich mit dir, geliebtes Kind, ungestört beschäftigen und schon entwarf ich Pläne, wie ich die Wiedervereinigung mit der teuren Gattin ermöglichen wollte, von der ich hoffte, dass sie sich wohlbewahrt bei den Riffpiraten befände.

Da ich allmählich eine gewisse Überlegenheit gegen den rohen, unwissenden Pflanzer erlangte, so wurde meine Lage mit jedem Tag erträglicher. Meine Zeit wechselte sich ab mit Spaziergängen im Park der Pflanzung – wobei du jedes Mal dem Pflanzer als Geißel übergeben werden musstest, weil er wusste, dass ich ohne dich nicht fliehen würde – und Aufenthalt auf meinem Zimmer, wo ich Muße genug habe, diese Lebensskizze zu deiner dereinstigen Kenntnisnahme niederzuschreiben!

 

***

 

»Wie beruhigt sich meine Seele, dass endlich die Lage des armen Vaters eine günstigere geworden ist!«, sagte Cäcilie.

»Ich glaube es dir, Kind!« entgegnete die Witwe. »Auch ich atme freier, seitdem wir die Dinge eine solche hoffnungsvolle Wendung nehmen sahen.«

Die Witwe senkte hierauf den Blick wieder auf die Papiere Nasellis. Sie wandte ein weißes Blatt um und sagte dann:  »Der Schluss ist in Mexiko geschrieben, wie ich sehe.«

»Ich werde fortfahren«, sagte Cäcilie und las weiter.

Ich beende dieses Handschreiben in Mexiko, wo ich mit dir, mein liebes Kind, eine kleine, freundliche Wohnung bezogen habe.

Obwohl ich zum Schreiben fast zu unwohl bin, drängt es mich doch, die Aufgabe, die ich mir gestellt habe, vollständig zu lösen.

Es mochte ungefähr ein Vierteljahr seit der Absendung meines Briefes nach Mexiko verflossen sein, als in der Frühe eines Morgens ein eleganter Reisewagen auf der Pflanzung eintraf, aus dem drei Herren stiegen, die man sofort in das Herrenhaus führte.

Kurze Zeit darauf wurde ich in das Zimmer des Pflanzers beschieden, das ich mit vor freudiger Erwartung lautpochendem Herzen betrat, denn ich konnte es ahnen, wer die Reisenden waren. Ein Mann in schwarzer Kleidung, mit klugen, stechenden Augen und einer Brille, wandte sich an mich, indem er bescheiden fragte, ob ich der Marquis von Naselli sei.

Ich bejahte es.

›Ich bin ein bevollmächtigter Agent des Bankierhauses Abraham Levi in Mexiko und stelle Ihnen die verlangte Summe zur Verfügung. Zugleich aber muss ich Sie bitten, mir hier Ihren vollen Namenszug, wie Sie sich gewöhnlich zu unterzeichnen pflegten, auf dieses Blatt zu schreiben.‹

Während der Mann dies sagte, riss er ein weißes Blatt aus einem Portefeuille und legte es mir vor. Ich schrieb meinen Namen darauf, den er dann sehr sorgfältig mit den Unterschriften anderer Papiere verglich, die er bei sich führte.

›Es hat seine Richtigkeit‹, sagte er endlich. ›Sie sind es.‹

›Sie bekommen also‹, fuhr er zu dem Pflanzer gewendet fort, ›eine Auslösesumme für den Herrn Marquis von Naselli, für seine Tochter und eine Negerin.‹

›Fünftausendzweihundert Dollar‹, sagte der geldgierige Pflanzer.

›Wollen Sie diese Summe zahlen, Herr Marquis?‹, wandte sich der schwarzgekleidete Herr an mich, indem er sich mir zugleich als Doktor Simon vorstellte.

›Es hat unserer Übereinkunft zufolge seine volle Richtigkeit. Zahlen wir!‹, antwortete ich.

Die beiden Begleiter des Doktors waren Gerichtspersonen aus New Orleans, welche die Verhandlung unserer Loskaufung aufnahmen, die binnen wenigen Minuten vollzogen war.

Ich kündigte der guten Negerin, die nie an eine einstige Erlösung geglaubt hatte, selbst ihre Freiheit an, und da ich ihr versprach, wenn sie es verzog, statt bei mir zu bleiben, in ihrer Heimat in Afrika zurückzukehren, auch diese Reise ganz nach ihrem Wunsch zu veranlassen, so wurde sie fast närrisch vor Freude.

Doktor Simon hatte sich ganz zu meiner Disposition gestellt. Ich wünschte nichts sehnlicher, als so bald als möglich die Pflanzung zu verlassen, und veranlasste daher, dass wir noch am Nachmittag desselben Tages abreisten.

Ich konnte es mir nicht versagen, dem Pflanzer beim Abschied mit einer Art hochmütiger Bewegung die Hand zu reichen; doch erkannte ich im Herzen ihn als meinen Wohltäter an, da wir nur durch seinen Willen freigelassen werden konnten.

In New Orleans verweilten wir in einem Hotel, bis wir Schiffsgelegenheit nach Mexiko fanden. Wunderbarerweise fand sich zugleich ein Schiff, welches nach Afrika ging. Ich wollte es sofort benutzen – o, hätte ich es getan! Um mich wieder mit deiner Mutter zu vereinigen; aber der Doktor wusste mich von diesem Entschluss abzubringen, indem er sagte, dass meine Gegenwart in Mexiko wegen Regelung der Finanzverhältnisse dringend notwendig sei und dass ich nach Erledigung dieser Sache die weite Seereise nach Nordafrika unter besseren Vorbereitungen antreten könne.

Ich konnte die Wahrheit seiner Worte nicht bestreiten und folgte daher seinem Rat. Aber ich nahm die Gelegenheit wahr, meine treue afrikanische Gefährtin auf jenem Schiff unterzubringen, dessen Führer mir mit einem Eid gelobte, sie an der heimatlichen Küste abzusetzen. Die Negerin nahm einen rührenden Abschied von uns; sie drückte dich mit Tränen in den Augen an ihre Brust und reichte mir dann die zitternde Hand zum letzten Lebewohl, worauf ich sie innig in meine Arme schloss. Ihr Schiff ging noch an demselben Tag unter Segel, dem fernen Afrika zusteuernd.

Auch wir verließen am nächsten Morgen mit einem Kauffahrer den Hafen von New Orleans und legten die Fahrt durch den mexikanischen Meerbusen glücklich zurück, ebenso die beschwerliche Landreise über die Kordilleren.

Schon bei meinem Eintreffen in Mexiko ist mir unwohl gewesen. Der Bankier Abraham Levi besuchte mich nun täglich und bewies mir überhaupt eine rege Teilnahme. Über den richtigen Empfang unseres Vermögens, welches in zwei Millionen Goldpiastern besteht und welches von Madrid in Mexiko eingelaufen war, habe ich nicht vollständig quittiert, sondern nur über 1.900.000 Goldpiaster, da ich dem Haus Abraham Levi eine Entschädigung für seine Tätigkeit in meinem Interesse zu zahlen hatte, die nebst einem Barvorrat, den ich für meine Reise nach Afrika mir zustellen ließ, die Summe von hunderttausend Goldpiastern beträgt. Das ganze quittierte Kapital aber übergab ich von Neuem den Händen des Bankiers Abraham Levi, mit dem Auftrag, es zinstragend unterzubringen.

 

***

 

»Es ist dein Eigentum, dieses dem Bankier überlieferte Vermögen, und du wirst es reklamieren, Cäcilie!«, sagte die Witwe.

»Das will und muss ich«, rief das Mädchen mit leuchtenden Augen, »um meine Mutter aus den Händen der Riffpiraten zu befreien. Der allmächtige Gott wird sie mir am Leben erhalten haben! Doch höre weiter.«

»Mir wird in diesem Augenblick so unwohl, dass ich eiligst mein Bett aufsuchen muss.«

»O Gott«, jammerte Cäcilie, »das Gift des Doktor Simon wirkt bereits!«

Sie las weiter.

Einen Tag später. Doktor Simon, ein treuer Freund, wie ich ihn mir nicht besser wünschen kann, besuchte mich stündlich. Ich war sehr krank und er wendete all sein Wissen auf, um mich am Leben zu erhalten. Er hatte mir eine Negerin als Wärterin gegeben, ein gutmütiges Geschöpf, aber leider etwas einfältig und ungeschickt. Sie weinte sehr oft, wenn sie mich anblickte. Ich musste sehr leidend sein. Auch der Bankier und der Doktor zerdrückten zuweilen eine Träne. Ich dachte, diese Skizze dem Bankier zu übergeben.

»Diese Bösewichter! Diese Giftmischer!«, rief Cäcilie im Übermaß ihres Schmerzes.

Der Schluss des Schreibens war mit sehr unleserlichen Zügen geschrieben und lautete:

Jetzt muss Levi bald erscheinen, um eine Verhandlung wegen der ihm übergebenen Summe aufnehmen zu lassen. O, der Schmerz in meinen Eingeweiden – ich bin sehr krank – ich schreibe diese Zeilen im Bett. Auch dich, mein teures Kind, habe ich heute noch nicht an mein Herz gedrückt – Levi hat dich vorläufig zu sich genommen. Adieu, Isabella! Adieu, Cäcilie -Ich werde etwas schlafen.

Hier folgte nachträglich jener Passus, welches dem Schreiben Nasellis unmittelbar voransteht.

»Entsetzlich!«, rief Cäcilie. »Er ist hingemordet um schnödes Geld! O, ich werde sie zur Rechenschaft ziehen, diese Ausgeburten der Menschheit, diese Bösewichter!«

»Aber, Kind, doch nicht sofort!«

»Auf der Stelle!«, sprach Cäcilie, indem sie fortstürzte. »Meine Mutter lebt ja noch.«

»Mein Himmel, was beginnt das schwache Geschöpf?«, entgegnete die Witwe. »Der Bandit mordet sie, wenn er sie allein hat. Ich muss ihr nacheilen, um sie zu schützen.«

Mit diesen Worten folgte sie der Freundin in das Haus Abraham Levis.

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