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Die drei Templer

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Diane Teil 2 – Kapitel 16

Alexander von Ungern-Sternberg
Diane
Ein Kriminalgemälde der modernen Gesellschaft
Berlin, 1842, Buchhandlung des Berliner Lesekabinetts
Zweiter Teil

Sechzehntes Kapitel

Der Gang ins Gericht

Um zu beschreiben, was nun folgte, müssen wir um einige Stunden zurückgehen und in das Kabinett treten, wo der Baron Franz eben seine Toilette beendete, bei welcher Gelegenheit folgendes Gespräch mit seinem Bedienten Bernhard vorfällt.

»Es ist nicht möglich, sage ich dir. Du hast dich geirrt.«

»Der Herr Baron hätten sich durch eigenen Augenschein überzeugen können, wenn Sie mir damals in den Garten hätten folgen wollen.«

»Dir folgen? Wie ungeziemend wäre das gewesen! Und um was zu sehen? Das Stelldichein des Kammermädchens der Gräfin mit irgendeinem Herumstreicher aus der Gegend.«

»Der Herr Baron werden mir in einer so wichtigen Sache Glauben schenken. Es war die junge Gräfin selbst, und der Mann, der mit ihr nicht eben in den artigsten Ausdrücken sprach, war niemand anders, als jener Spitzbube, der uns damals entschlüpfte.«

»Und heute hast du ihn wieder getroffen?«

»Auf dem Gang, der in des Herrn Generals Zimmer führt. Der Kammerdiener zeigte ihm den Weg. Und, ich nicht allein habe ihn bemerkt. Als ich die Treppe hinaufging, begegnete mir Madame Betty. Diese hatte ihn ebenfalls gesehen, wie er bald nach der Ankunft der französischen Dame im Schlosshof umherschlich.«

»Nimm den Orden von meinem Rock ab. Du weißt, dass, wenn ich hier auf dem Schloss bin, ich meine Orden nie anlege.«

»Wie schön wird den Herrn Baron die Kammerherrnuniform kleiden.«

»Schweig! Ich werde sie nie anlegen. Es war sehr unbesonnen von dir, sie so voreilig zu bestellen. Die Betty ist übrigens eine boshafte Kreatur.«

»Das hat seine Richtigkeit. Gewiss ist es wenigstens, dass sie der jungen Gräfin abhold ist, schon seit der Geschichte mit dem englischen Salz her. Der Herr Baron erinnern sich ohne Zweifel. Betty erzählte mir, dass die Gräfin mit diesem verdächtigen Menschen schon öfters verkehrt habe. Die Leute in unserer Gegend wollen sogar wissen, dass die Gräfin gar nicht die echte Tochter sei …«

»Noch ein Wort, und du verlierst auf der Stelle deinen Dienst.«

»O, Herr Baron, ich, für meine Person, sage das ja nicht.«

Der Kammerdiener des Generals trat ein und beendete dieses Gespräch, indem er von seinem Gebieter den Befehl brachte, dass der Baron sogleich sich in die Gemächer des alten Grafen begeben möchte. Franz, der eben ein sehr wichtiges Geschäft, die Pflege seines blonden, sehr zierlichen Bärtchens angetreten hatte, warf schleunigst Pomade, Bürste und Kämmchen beiseite, warf sich in den Überrock und eilte fort. Eine kurze halbe Stunde war er entfernt gewesen, als er mit den Zeichen der höchsten Aufregung, wieder erschien, stumm und in Eile seinen Anzug vollendete und dem Diener befahl, im Zimmer auf ihn zu warten. Aber dieser Befehl wurde nur halb erfüllt. Der Neugierige stellte sich auf den Gang, gleichsam als Schildwache. Nachdem er erlauscht hatte, dass sein Herr den Weg zu dem Schlossflügel der Damen einschlug, sprach er die vorbeieilende Betty an und stellte sich flüsternd mit ihr in die dunkle Ecke, die durch die zurückgelehnte Tür des Kabinetts gebildet wurde.

»Wo geht Ihr Herr hin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Geben Sie Acht, es ereignet sich etwas. Ich gebe meinen Kopf darauf, wenn der alte Herr nicht etwas gehört hat, was ihm nicht lieb ist.«

»Sie meinen, Betty?«

»Ob ich meine! Der General hat sich mit dem unbekannten Menschen schon fast zwei Stunden eingeschlossen. Ihr Herr ist auch dabei gewesen. Unterdessen warten der Bräutigam und die Gäste oben. Der Herr Pfarrer steht da und weiß nicht, was er von der Verzögerung denken soll. He, wird man da nicht allerlei meinen dürfen?«

»Aber doch nichts Böses, Frau Betty?«

»Wo käme denn das Gute her? Geben Sie Acht, Bernhard, die Person, ich meine, die Gräfin ist mir immer zuwider gewesen. Ich sagte schon damals zu unserem Haushofmeister: Hören Sie, sagte ich, meinen Kopf will ich lassen, wenn diese Person …«

»Still, da kommt jemand.«

»Oho! Das ist sie selbst. Wollen wir uns verstecken.«

In diesem Augenblick wurden in der Tiefe des Korridors zwei Lichtpunkte sichtbar. Zwei Diener mit silbernen Armleuchtern schritten voran, und hinter ihnen folgte Judith. Sie war in das kostbare Brautgewand gehüllt, eine Fülle von Diamanten lag auf Busen und Schultern, ein lang hinwehender Schleier umschlang zum Teil die Myrtenkrone, die ihr Haupt zierte. Sie ging still, groß und schweigend daher, die Augen gesenkt, und bleich wie im Tod. Dennoch lag in ihrer kräftigen, hohen Gestalt die Würde und der Stolz einer Königin. Wie ein marmornes Bild schritt sie durch die Nacht, alles an ihr stumme, stolze Größe und Vollendung. Wenn die diamantenen Ketten nicht geblitzt hätten, so wäre man versucht gewesen, zu glauben, in diesem Busen schlüge kein Herz, und es wäre die Gestalt einer antiken Juno, die den Olymp verlassen hatte, um auf Erden zu wandeln. Der Baron ging ihr zur Seite, bleich, unruhig und verwirrt. So schritt der Zug den Gang hinab und die Lichtsterne wurden wieder zu kleinen, kaum sichtbaren Punkten.

»Habt Ihr sie gesehen?«, rief Betty, ihren Nachbarn anstoßend, »wenn die nicht ins Gericht geht, so will ich nie wieder Wahrheit gesprochen haben.«

»Ich möchte nicht an ihrer Stelle sein«, flüsterte Bernhard.

»O, um alle Millionen der Welt nicht! Wer den alten Herrn kennt, weiß, was sie zu erwarten hat. Ist es nicht richtig mit ihr, so kommt sie nicht wieder lebendig aus dem Zimmer.«

»Nicht mehr lebendig! Ach, Madame Betty, und oben musizieren und lachen sie, und niemand weiß, was hier unten vorgeht.«

»Herr Bernhard, das ist der Lauf der Welt.«

Mit dieser Betrachtung entfernte sich das Paar; der Diener in das Zimmer seines Herrn, die Kammerfrau mit trippelnden Schritten den Gang hinab, um womöglich den ferneren Verlauf der Dinge zu erlauschen. Allein es blieb still im weiten Umkreis der Gemächer, keine Tür ging, kein Ruf erschallte, keine Klingel ertönte. Es war, als ob dieser Teil des Schlosses ausgestorben wäre.

Judith trat in das Kabinett des Generals. Es war nur von einer Lampe erhellt. Diese bedeckte selbst ein Schirm, sodass die Hälfte des Zimmers im Dunkeln schwamm. Aus diesem Dunkel heraus, in der Ecke am Fenster, sah ein grauenhaftes Antlitz ihr entgegen. Als Judith es gewahrte, erstarrte das Blut in ihren Adern. Ohne Gruß wurde sie empfangen, es herrschte Grabesstille im Gemach. Franz stellte sich an den Tisch, zitternd und von Judith abgewendet. Außer diesen drei Personen schien niemand im Zimmer zu sein. Auf einen Wink des Generals trat jedoch aus einer Schirmwand Simeon hervor und stellte sich mit einem frechen Lächeln Judith gegenüber. Die Hände auf den Rücken gelegt, übermütig zurückgebogen, schien er in diesem Augenblick einen höllischen Triumph zu feiern, den seine Augen bekundeten, die halb zugedrückt, in so grellen Spott- und Hohnlichtern blitzten. Die gemeinen breiten Züge um Mund und Wange, gewöhnlich in frecher Freundlichkeit verzerrt, waren nun zu einem dämonischen Grinsen verzogen. So war jede Sehne in diesem Gesicht, das plötzlich aus der Nacht hervortauchte, geeignet, die Ruhe und die Fassung einer noch so stoischen Seele zu zertrümmern. Aber Judiths Antlitz blieb unverändert. Sie zeigte sich kalt, bleich und stumm. Ihre stolze Haltung, mit der sie ins Zimmer getreten war, wo ihrer so Entsetzliches wartete, war nicht um einen Zoll gewichen. Sie schrak nicht zusammen, sie wich nicht zurück, sie duldete die unanständige Nähe des Mannes, der gekommen war, um ihr das Messer ins Herz zu stoßen. Diese Ruhe zog die Aufmerksamkeit der beiden anderen Männer auf sich, in deren Mienen zu sehen war, dass sie etwas anderes erwartet hatten. In Franz’ Augen leuchtete ein Hoffnungsstrahl. Er richtete sich empor und wagte es wieder, den Gegenstand seiner Schrecken und seiner Zärtlichkeit anzublicken. Er schien mit sich zu kämpfen, ob er ein lautes, aufmunterndes Wort wagen dürfe. Allein ein wiederholter, gebieterischer Wink des Generals legte ihm Schweigen auf. Er blieb gefesselt in der aufhorchenden Stellung, die er gleich zu Beginn angenommen hatte.

Der General, nach einem kleinen, kaum merkbaren Zeichen der Befremdung, saß wieder mit derselben Miene wilden Starrens in dem Armsessel. Ein erneuter Befehl forderte Simeon auf, zu sprechen.

Dieser ließ einen kurzen, jauchzenden Ton vorausgehen, ehe er dem Befehl Folge leistete. »Nun, mein Kätzchen«, hob er an, indem er zugleich Miene machte, der regungslosen Judith Hand zu erfassen, was jedoch von Franz, der rasch hinzutrat, verhindert wurde. »Nun, mein Kätzchen, ich habe Wort gehalten, wie du siehst. Ich bat dich um einen kleinen Zehrpfennig auf meine Reise. Du schlugst es mir ab. Daraus ersah ich, dass du mich liebevoll zwingen wolltest, der Gast auf deiner Hochzeit zu sein. Ei, ja, meine kleine Braut, der Kranz steht dir gut und die gräfliche Krone wird hübsch auf dem Haupt der Tochter des Geldfälschers glänzen, der im Gefängnis starb.«

Der General schauderte, als diese Worte ertönten.

»Der gnädige Herr will«, fuhr Simeon fort, indem er einen neuen Versuch machte, die Hand Judiths zu erfassen, welches wiederum von Franz verhindert wurde, »dass ich Stirn gegen Stirn mit dir meine Aussagen wiederhole. Gut, so sage ich denn, dass du die Tochter eines Spitzbuben und Betrügers bist, dass du in der Werkstatt deines Vaters falsche Bankzettel machen sahst, an ihrer Fabrikation mithalfst und ihren Umtrieb besorgtest. Darauf, als die Gerichte unsere Höhle aufspürten, flohst du, dein Vater und ich. Unterwegs waren wir nahe daran, gefangen zu werden, und ich – damals ein Knabe noch – rettete dich und deinen elenden Vater. Wir wussten nicht, wohin wir uns wenden, wo wir unser Haupt in Sicherheit hinlegen sollten, da stahlst du einem armen Kind einen Brief. Auf diesen Brief hin, durch fortgesetzte Betrügereien, gelangtest du dahin, wo du jetzt stehst. Widersprich mir, wenn du kannst, Judith, Tochter Florentins!«

Die Blicke der drei Männer waren bei dieser Frage auf Judith gerichtet, die unbeweglich stehen blieb, ohne ein Wort zu erwidern.

»Du willst nicht widersprechen«, fuhr Simeon fort, »und du tust klug daran. Was könnte es dir auch jetzt helfen. Deine Rolle, mein Goldkind, ist ausgespielt. Die Beweise, dass ich die Wahrheit spreche, haben diese geehrten Herren in Händen. Der Herr Baron haben mir die Ehre angetan, mich als denjenigen wieder zu erkennen, der die Frau von Traubenstein, eine sehr respektable, aimable Dame, ein Wesen tout a fait comme il faut, bestahl. Der Herr Baron sind in der Güte und Herablassung sogar so weit gegangen, einzugestehen, dass ich dero Börse widerrechtlich erleichtert habe. Auch unterließ ich nicht, mich als den Empfänger des Ringes zu dokumentieren, den ich von dir, mein schönes Kätzchen erhielt, zum Dank für meine Geschicklichkeit, das Portefeuille mit den Familienbriefen vom Schreibtisch des Herrn Barons zu stehlen.«

Franz bedeckte die Augen und wandte sich ab.

Simeon setzte seine Rede mit einem noch frecheren Lächeln fort. »Da mein Antlitz, Dank den Göttern, einen sehr interessanten, sprechenden Ausdruck hat, da ich eine von den Physiognomien besitze, die man einmal gesehen, nicht wieder zu vergessen pflegt, so hat mich der Diener des Herrn Barons erkannt, als ich im Garten das tête-à-tête mit dir hatte, meine Prinzessin. Er belauschte einen Teil unseres Gesprächs, das so gefühlvoll war, wie nur irgendeine zärtliche Zusammenkunft im Mondschein zu sein pflegt. All diese Beweise zusammen und meine freiwillige Aussage, die ich vor Gericht wiederholen will, haben diesen Herren die unerwartete Freude verschafft, deinen wahren Namen und Stand noch zur rechten Zeit zu erfahren, um dir, mein Engel, die gebührenden Ehren im vollen Maß zukommen zu lassen. Juchhe, schöne Dame, mache dich fertig, an meinen Arm aus diesem Schloss zu wandern. Du hast deinen Wagen zwar noch nicht bestellt, allein das tut nichts, die seidene Schleppe wird schon ein wenig im Staub daher fegen müssen. Ist es gefällig, Judith Florentin?«

Er krümmte seinen Arm und bog sich stutzerhaft vor.

In diesem Augenblick sprang jedoch Franz zwischen beide, indem er dem General zurief: »Bis hierher, weiter nicht! Sie werden nicht dulden, Herr Graf, dass man eine FRau, sei es auch noch so tief gesunken, in Ihrem Haus so zügellos beschimpft. Ich wiederhole es und rufe die Ehre unseres Geschlechts an, es ist noch nichts bewiesen! Fort, dort in die Ecke, wage es nicht, diese Frau zu berühren!«

Dieser Zuruf galt Simeon, der sich mit einer kriechenden Verbeugung in die Gegend der Schirmwand wieder zurückzog.

Franz rief nun, mit einer lebhaften Röte im Gesicht und mit flammenden Augen zu Judith gewendet: »Reden Sie! Sie, die wir noch vor einer Stunde die unsrige nannten, Sie, an der unsere Liebe, unsere Verehrung hing, reden Sie. Werfen Sie mit einem Wort diese grässlichen, diese fürchterlichen Verleumdungen zu Boden. Nicht dieses Schweigen jetzt! Es ist nicht am Platz. Wir werden Ihnen Glauben schenken. Reden Sie, Diane, reden Sie!«

Er fasste Judiths Hand und setzte mit weicher Stimme hinzu. »O reden Sie, Diane! Wenn ich Ihnen jemals würdig schien, ein edles Vertrauen zu erwerben, lassen Sie mich in dieser furchtbaren Stunde Ihr Vermittler, Ihr Sachverwalter sein. Ihr Charakter erklärt Ihr Schweigen. Sie waren immer stolz, kalt und verschlossen. Diese ungeheure Anklage trifft Sie nun wie ein Blitz aus freiem Himmel, Sie wissen auf diesen beispiellosen Verrat Ihres Geschicks nichts zu erwidern. Ihr zu Tode getroffener Stolz gibt Ihnen den Rat, sich lieber Ihren Feinden hinzuopfern, als nur durch das kleinste, entschuldigende Wort Ihre Größe zu beschimpfen. O Diane, dies ist nicht die Weise, wie Sie handeln sollen. Vertrauen Sie sich mir an. Alles kann Irrtum, Lüge sein. Flüstern Sie mir nur ein Wort zu, und ich will für Sie kämpfen auf Leben und Tod.«

Er ließ ihre Hand los und ihr Schweigen schien ihn erstarren zu machen. Er stampfte mit dem Fuß und presste die Hand an die Stirn. Dann tat er einige Schritte, als wolle er mit dem General sprechen, doch sich heftig umwendend, ging er an seinen Platz am Tisch zurück. Eine tiefe Stille herrschte wiederholt im Zimmer. Endlich hörte man die leise, tonlose Stimme Judiths. Dieser Laut wirkte elektrisierend auf die drei Männer.

»Ich habe mich nur vor einem Richter zu rechtfertigen«, sagte sie, die Hand zum General hin hebend, »und nur vor diesem werde ich sprechen.«

Franz und Simeon blickten auf den Grafen. Dieser gab in einem kurzen gebieterischen Wink die Weisung, dass beide sich entfernen sollten. Er zeigte auf einen abgesonderten Vorsaal, in den die Verwiesenen traten. Als sie sich entfernt hatten, erhob er sich. Seine Gestalt nahm ihre volle Größe und imposante Stellung an. Er schritt auf Judith zu und blieb wenig entfernt vor ihr stehen. Als er ihr ins Auge sah, übermannte ihn die innere Bewegung so, dass er sich stützen musste und seine Knie krampfhaft aneinanderschlugen.

»Was haben Sie mir zu sagen? Sprechen Sie.«

»Ich werde Ihnen die Wahrheit berichten, wenn Sie mich jetzt fragen.«

»Nun wohl. Sind Sie die Tochter meines Sohnes? Sind Sie es nicht.«

In den Sekunden, die zwischen dem letzten verklingenden Laut dieser Frage und dem ersten beginnenden der Antwort darauf vergingen, lag der Inhalt eines Lebens, die Ehre oder die Schmach einer Existenz. Der General, ein wenig den Kopf gesenkt, lauschte mit der Ängstlichkeit eines Verbrechers, dem die Sentenz vorgelesen wird. Krampfhaft zog er das Haupt zurück, als die feste Stimme Judiths ertönte.

»Ich bin es nicht.«

Der mühsam zurückgehaltene Wahnsinn des äußersten Zorns brach nun aus seinen Fesseln. Nun stand wieder dieselbe Gestalt Judith vor Augen, wie damals im Waldschloss. Der ganze Gram dieser titanenhaften Züge, der Mordblick dieser weit hervorstierenden Augen war auf sie geheftet. Allein noch einmal gelang es der tobenden Seele sich zu bemeistern, und die Worte tönten scheinbar ruhig: »Wenn Sie nicht sind, wofür Sie sich ausgeben, wer sind Sie denn?«

»Die Tochter des Verbrechers Florentin.«

Der General machte eine rasche Bewegung. Judith, die seine Blicke verfolgte, war ungewiss, ob seine Hand nach einem Hirschfänger, der auf dem Fensterbrett lag, fasste oder nach dem Griff einer Pistole langen wollte, die über dem Schreibtisch hing. Den Entschluss schien er bald aufzugeben und blieb einige Sekunden gebeugt über den Schreibtisch. Dann murmelte er, indem er die Klingel erfasste: »Den Stallknecht herauf! Er soll der Dirne den Kranz, die Kleider vom Leib reißen!«

Man hörte ein Geräusch an der Tür. Judith eilte hin und schloss sie ab, dann ging sie langsam den Weg zurück und trat zu dem General, der noch immer die Klingel hielt und eine abwehrende Bewegung machte, als nahte sich ihm Gift und Pest.

»Herr Graf«, hob Judith an. »Wie ich auch durch Frevel mich befleckt, so darf ich doch jenes Mannes gemeine Anklage von mir weisen. Ich erstrebte diesen Platz, weil ich ihn, der inneren Stimme folgend, erstreben musste. Ich werde ihn nicht verlassen. Ich fordere Sie auf, mich in meinen usurpierten Rechten zu schützen.«

Der Graf sah sie an, ihm fehlte die Kraft zur Antwort.

»Jetzt ist nicht der Augenblick«, fuhr Judith fort, »wo ich zugunsten meines Geistes, meines Herzens sprechen darf. Es ist etwas in mir, das mein Tun entschuldigt. Ich verachte die Welt und achte jedes Mittel, zu steigen gleich. Es würde aber lächerlich sein, wenn ich Sie bäte, mich zu Ihrer Enkelin zu adoptieren, allein ich befehle Ihnen, es zu tun.«

Der General griff wieder zur Klingel, aber Wut und Staunen ließen seinen Arm so zittern, dass er sie nicht zu halten vermochte.

Judith hielt seine Hand. Mit einer Stimme, die jeden Nerv fieberhaft erzittern machte, rief sie nun: »Mörder! Du nennst mich deine Tochter oder zittere vor deiner Angeberin!«

Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als der General einen dumpfen Schrei ausstieß und im Stuhl zusammensank. Es war der Fall eines Giganten. Judith schmiegte sich an ihn mit jener verräterischen Weichheit, wie sie das Entsetzen von der Liebe borgt. In sein Ohr flüsternd, rief sie: »Soll ich dir sagen, Mann des Schreckens, wie du bei stiller Nacht in dem Haus am See, jene Flinte, die dort hängt, die ich sogleich wiedererkannte an dem blitzenden Wappen am Kolben, wie du sie losdrücktest und die tötende Kugel in die Brust deines Knaben sandtest! Wie du und ein alter Diener, der jetzt nicht mehr lebt, über die Leiche sich beugten, Mittel ersinnend, wie du die Tat verheimlichen könntest. Ich war dabei, ich kann bezeugen, und stößt du mich in Schimpf und Strafe, so will auch ich an deinen weißen Haaren dich auf die Gerichtsstätte schleppen, wo Mörder verhört und gerichtet werden.«

Judith hielt inne und beugte sich vor, um auf die Atemzüge des Opfers ihrer entsetzlichen Grausamkeit zu lauschen. Der Graf lag im Lehnsessel und schien mit dem Tod zu kämpfen. Seine Stirn war kalt, seine Brust hob sich krampfhaft, seine Augen waren geschlossen. Judith nahm die Flinte von der Wand.

Beim Anblick dieses entsetzlichen Mordgewehrs fuhr der Arm des Generals danach hin, als wollte er es erfassen und in die Tiefe schleudern. »Fort, fort!« schrie er. »In meinen furchtbarsten Träumen sah ich schon oft diesen blitzenden Lauf, und doch ist der Traum, den ich jetzt träume, der fürchterlichste von allen. Fort, sage ich, fort!«

»Entscheidet!«, rief Judith gebietend. Ihre Augen warfen einen Mordstrahl auf ihr Opfer.

Der General erhob sich, allein seine Kraft war gebrochen, er sank in den Stuhl zurück. Eine erneuerte Anstrengung brachte ihn endlich in die Höhe. Er warf einen langen, glühenden Blick auf seine Peinigerin, aber dieser Blick wurde von ihr nicht allein ertragen, sondern mit Strenge, Kälte und gebietendem Hohn erwidert. Zum ersten Mal standen sich zwei gleich heftige energische Naturen einander gegenüber. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Judith siegte.

»Ich nehme die Tochter des Verbrechers in mein Haus!«, stöhnte der Graf. »Gott vergebe mir, ich kann nicht anders!«

Judith warf sich ihm zu Füßen, sie bedeckte die Hände des Greises mit Küssen und Tränen. Plötzlich umgewandelt, war sie nun das Bild der zärtlichsten Demut, der glühendsten Liebe.

»Ich bin gerettet!« rief sie, »jetzt endlich darf ich frei atmen! Ich trage diesen stolzen Namen und niemand wird ihn mir rauben.« Sie lief zur Tür, öffnete sie und führte Franz mit rascher Leidenschaftlichkeit ins Zimmer. Sie war furchtbar schön im Glanz dieses dämonischen Triumphs.

Franz blieb stehen und heftete seine Blicke auf den General, der diesen Blick nicht erwiderte, zum ersten Mal im Leben, nicht erwiderte, sondern seine Augen zu Boden senkte.

»Was ist geschehen?«, fragte Franz. »Darf ich diesem glücklichen Ausdruck in Ihrem Gesicht trauen, Diane, so haben Sie gesiegt?«

»Fragen Sie ihn, den edelsten, den besten Mann«, rief Judith, »ihn, dessen Magd ich sein will, dem ich dienen will, so lange ein Hauch in dieser Brust ist.«

»Wie, mein teurer Großoheim, so war alles nur Lüge?«

»Führe deine Cousine hinauf an den Traualtar«, murmelte dumpf der General. »Die Gäste warten, ich werde sogleich selbst erscheinen.«

Franz bot entzückt seinen Arm.

Der Graf war aufgestanden. »Es wird passend sein, wenn ich sie selbst führe«, sagte er und ergriff Judiths Hand. Doch ließ er sie schnell wieder los, als hätte er Feuer berührt, und sagte mit einem Ausdruck, den nur derjenige verstehen und deuten konnte, der das Vorhergehende mit angehört und gesehen hatte. »Nein, es ist besser, du führst sie hinauf.«

Hier öffnete sich die Tür und Graf Ernst erschien. Bei seinem Anblick wurde der General leichenblass. »Auch ihn betrügen!«, sagte er leise und sich abwendend.

»Meine teure Diane!«, rief der Bräutigam »Das nenne ich hübsche Launen vor der Ehe noch haben. Wissen Sie, dass wir schon eine halbe Stunde peinlichst auf Sie warten? Jedermann sieht mich an, als sollte ich über diese Verzögerung Rede stehen. Man schickt Boten auf Boten nach Ihren Zimmern, niemand kann Sie finden, und endlich entdecke ich Ihre Spur. Sie haben sich mit meinem guten Großoheim eingeschlossen. Ist das Recht? Zu alten Zeiten unterhielt sich kurz vor der Trauung die Braut mit ihrem Beichtvater. Dies hatte einen Sinn, denn sie vertraute ihm noch zu guter Letzt allerlei Geheimnisse an, allein hier …«

»Sind auch Geheimnisse vertraut worden«, murmelte Franz, indem er einen Seufzer unterdrückte. »Was hat sie ihm gesagt? Wie hat sie in so kurzer Zeit jene schwere Anklage entkräften können? Doch, bin ich nicht ein Tor, wünschte ich nicht, dass sie sich freispräche, und nun zürne ich, da sie es getan hat!«

Eine halbe Stunde danach stand die Tochter Florentins am Altar und reichte ihre Hand dem Grafen Windeck.

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