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Der Arzt auf Java – Zweiter Band – Kapitel 5

Alexander Dumas d. Ä.
Der Arzt auf Java
Ein phantastischer Roman, Brünn 1861
Zweiter Band
Kapitel 5

Der indische Arzt

Eusebius erreichte seine Wohnung in großer Niedergeschlagenheit. Der Zustand, in welchem er Esther gelassen hatte, beunruhigte ihn sehr. Aber zu seiner großen Überraschung war es ihm, wie am Tage zuvor, als er die Rangune betrachtete, unmöglich, seine rebellischen Gedanken auf die zu richten, die er liebte. Während der zärtlichen Besorgnisse, die sein Geist erweckte, wie ebenso viele schwarze Phantome, dachte er beständig an die Mittel, die er anwenden wollte, um die gewaltige Lücke auszufüllen, die sein Vermögen erlitten hatte. Die Qualen seines Herzens verschwammen mit Rechenexempeln.

Vergebens wies er diese unwürdige Beschäftigung zurück. Sie schien Kräfte aus den Anstrengungen selbst zu schöpfen, die er machte, um sie zu verjagen und nahm ihren Platz am Kopfende des Lagers ein, auf welchem die Einbildungskraft des jungen Mannes ihm seine sterbende Frau zeigte. Er dachte mit Entsetzen an diese furchtbare Macht jeder Leidenschaft, als er seine Tür erreichte.

Wie bei den meisten der größeren Hotels in Weltevrede, lag auch vor Eusebius’ Haus ein großer, mit Sand bestreuter und mit Blumen und Bäumen eingefaßter Hof. Auf diesem Hofe stand ein Kiosk und auf dem Boden dieses Kiosks erblickte Eusebius einen Menschen liegen.

Das Gesicht dieses Menschen war zu charakteristisch, um es vergessen zu können, wenn man es einmal gescheit hatte. Eusebius erkannte Harruch. Er schritt auf ihn zu und stieß ihn mit dem Fuß an, nicht um ihn zu erwarten, sondern um ihn aus der Art von Extase zu reißen, in der er für gewöhnlich lebte.

»Was willst du?«, sagte Eusebius zu dem Schlangenbeschwörer.

»Seit wann fragt der, welcher jemand gerufen hat, diesen, wenn er gehorcht. Was willst du?«

Eusebius erinnerte sich an seine Einladung des Jougleurs. Allein seitdem er die Überzeugung gewonnen zu haben glaubte, dass die Hand seines bösen Geistes den Auftritt bei Mynheer Cornelis lenkte, war es ihm peinlich geworden, von Basilius zu sprechen.

»In diesem Augenblick kann ich dich nicht anhören«, sagte er zu Harruch, »ein einem anderen Tag werde ich dich empfangen.«

»Der Staub der Straße hat die Kehle Harruchs ausgedörrt, die Kiesel haben seine Füße zerrissen, willst du denn ihn wieder auf die Straße hinausstoßen, zu der Stunde, in welcher die Nacht die Erde einhüllen wird, damit er den Tiger nicht fliehen könne, wenn er demselben begegnet, damit er seinen Gott nicht anrufen könne, wenn er von ihm bedroht worden? Lass mich die Nacht unter der Vorhalle deines Palastes zubringen, lass mir ein wenig Wasser reichen und morgen werde ich dich von meiner Gegenwart befreien.«

Alles, was Eusebius an Mynheer Cornelis erinnerte, war ihm verhasst geworden. Obwohl der Jongleur, dessen Ratschläge in der Gestalt von Parabeln ihm nun wieder einfielen, nicht in dem Verdacht stehen konnte, Teil an der Verschwörung gehabt zu haben, die er Thsermai zuschrieb, war ihm dessen Anwesenheit dennoch nur angenehm. Er konnte eine so bescheidene Bitte nicht verweigern.

»Du hast recht«, sagte er, »und ich will nicht nur Befehl geben, dass man für dich Sorge trägt, sondern dir auch das Geschenk senden, das ich dir versprach.«

Harruch nahm, ohne zu antworten, seinen Platz auf dem Fußboden des Kiosks wieder ein. Er schien in der Tat von Ermüdung erschöpft und wie vernichtet zu sein. Eusebius ging weiter und stieg schnell zum Zimmer Esthers hinauf.

Hier war alles in Unordnung. Man hörte nichts als Geschrei und Schluchzen. Weit entfernt, sich zu bessern, hatte der Zustand der Kranken sich vielmehr verschlimmert. Er war der Art, dass der Arzt ihren Frauen erklärt hatte, er könnte für das Leben ihrer Gebieterin nicht stehen.

Ungeachtet der Stärkungsmittel, die er verordnete, war Esther noch nicht zum Bewusstsein zurückgekehrt. Ihre erschöpften Muskeln weigerten sich, die Arbeit zu unterstützen, welche die Natur zu vollbringen hatte, um mit ihrer schmerzhaften Aufgabe zu Ende zu kommen. Nichts vermochte die Verzweiflung zu schildern, die Eusebius empfand, als er seine geliebte Esther in einem solchen Zustand erblickte. Er hatte die Leiden seiner Frau um den Preis der Ruhe seiner ganzen Existenz erkauft, und nun sollte er selbst die Ursache ihres Todes sein. Er fragte sich, ob das nicht die Entwicklung sei, die der Doktor Basilius der Ewigkeit seiner Liebe für Esther prophezeit hatte. Er prüfte sein Gewissen, er befragte seine Erinnerungen, er wollte seinem Gedächtnis Gewalt antun und von demselben wissen, ob während des Augenblickes des Irrtums, der die Nacht bezeichnete, welche er verwünschte, er den abscheulichen Plan gefasst hätte, welcher ihm die rauben sollte, die er ihm so wunderbar erhalten hatte. Er fand in seinem Herzen nichts als die unbedingteste Liebe, als die vollständigste Ergebenheit. Dennoch machte er beiden den Vorwurf, nicht so groß zu sein, wie sein Wille gewünscht hätte. Er brach in heftiges Weinen aus und überhäufte dazwischen mit Schmähungen das übernatürliche Wesen, dessen verderbliche Hand er in allem zu erkennen glaubte, was ihm begegnete.

Dies währte so den ganzen Abend fort. Als die Nacht gekommen war, wurde Esthers Puls immer schwächer und nichts verkündete, dass die Niederkunft nahe oder auch nur möglich sei. Der von Angst ergriffene Arzt ermahnte Eusebius zum Mut. Er erklärte ihm, dass jede Hoffnung, die junge Frau zu retten, verloren sei; dass seine Mittel darin bestanden, seine Anstrengungen darauf zu beschränken, das Leben des Kindes zu erhalten, und die fürchterliche Operation zu unternehmen, welche, wenn sie auch der Mutter den Tod gab, vielleicht das arme kleine Wesen retten könnte, das sie sonst mit sich in das Grab hinab nehmen würde.

Eusebius’ Schmerz wies mit Entsetzen diesen äußersten Schritt zurück. Da der Arzt nichts von ihm zu erlangen vermochte, entschloss er sich, ihn ganz zu verlassen. Als er ihn gehen sah, glaubte Eusebius, alles sei zu Ende. Er stürzte sich auf den Körper seiner Frau und schwur, sie nicht zu überleben.

In diesem Augenblick öffnete sich leise die Tür des Gemaches und Harruch erschien auf deren Schwelle.

Bei dem Anblick des finsteren, auffallenden Gesichtes, das von einem schlechten Turban von grauer Leinwand umgeben war, dieses Menschen, der in eine Masse bräunlicher Lumpen gekleidet war, stießen die Frauen Esthers lautes Schreckensgeschrei aus. Eusebius erhob den Kopf, aber er war so in seine Verzweiflung versunken, dass er kein Wort des Staunens oder des Vorwurfs gegen die Keckheit des Guebern fand. Es schien ihm ganz natürlich, dass alle Welt an seinem Schmerz teilnehme. Überdies machen große Schmerzen die Menschen gleich und nehmen die Tränen der Armen als kostbare Diamanten auf.

Aber nicht um zu weinen war Harruch gekommen. Er ging gerade auf das Bett Esthers zu und berührte mit dem Finger leise Eusebius Schulter.

»Was willst du?«, fragte ihn dieser.

Statt der Antwort deutete Harruch auf die Kranke. Eusebius, in dessen Hirn tausend verworren Gedanken kochten, wie die Lava, der Schwefel und das Erdharz in dem Schoß des Vulkans, erkannte die Bedeutung dieser Bewegung. Es war ihm, als erblickte er hinter Harruch den Geist des Doktor Basilius.

»Mir sie rauben! Nimmermehr?«, rief er. »Tot oder lebend ist diese Frau die meine!«

»Ich komme nicht, sie Euch zu rauben, sondern sie Euch zu erhalten.«

»Du!«, erwiderte Eusebius mit einem Blick verächtlicher Geringschätzung.

»Ja, ich, der erbärmliche Grashalm, den die Vorübergehenden unter die Füße treten, der aber dennoch Tugenden besitzt, welche ihn über das Gold erheben, das man aufhebt, weil es glänzt.«

»So wirst also auch du«, sagte Eusebius mit finsterem Lachen, »auch du einen Preis auf den Dienst setzen, den du mir leisten willst. Nun, was verlangst du? Aber sei bescheiden in deinem Begehren, denn wolltest du mein Leben, so könnte ich es dir nicht mehr bieten, weil ich es schon deinem Freund Basilius gegeben habe.«

»Der, welchen Ihr Basilius nennt, ist nicht mein Freund. Ich verlange keinen Lohn dafür, Eure Frau zu retten. Es ist ein Verbrechen, einen Preis auf die Erhaltung eines Menschenlebens zu setzen. Verkauft uns die Sonne, der wir das Leben verdanken, ihre Strahlen?«

»Nein«, entgegnete Eusebius entmutigt, »ich habe schon genug von Zaubereien erfahren. Das Unglück betraf dies Haus durch die Vermittlung des Bösen und wenn meine Seele mit der ihren entflieht, so kümmert mich das wenig. Aber ich will nicht mehr von der verhängnisvollen Wissenschaft der bösen Geister erbitten, dass sie zu meinen Gunsten eines ihrer nichtswürdigen Wunder vollbringe.«

»Weshalb seid Ihr nicht immer so weise, so ergebungsvoll gewesen? Aber beruhigt Euch. Ich gehöre nicht zu denen, welche das Salz zurückweisen, dieses Symbol der Weisheit und der Unsterblichkeit. Meine Wissenschaft ist von dieser Welt und sie genügt mir, möge ich Gutes oder Böses zu vollbringen haben«, fügte Harruch hinzu, indem er Eusebius einen Blick zuschleuderte, in welchem der Hass sich so wenig verstellte, dass der junge Holländer den Widerwillen sich verdoppeln fühlte, den er schon gegen den Schlangenbeschwörer Harruch seit dessen Eintritt empfand.

Nachdenkend, mit gekreuzten Armen im Zimmer dahinschreitend, blieb er plötzlich vor Harruch stehen und sprach: »Nein, Harruch, »ich will durchaus deine Dienste nicht, geh!«

»Du hast nicht das Recht, mir zu sagen, geh!«

»Und weshalb nicht?«

»Dass der Mensch den Stiel des Carilla abschneide, der nur einen leichten Duft zurücklässt, welchen der Wind vertreibt, ist gut, denn Gott hat ihn mit reichen Farben geschmückt, um seine Augen auf einen Augenblick zu entzücken. Aber den Bananenast abschneiden, wenn er sich unter der Last seiner gelblichen Früchte beugt, die bald saftig und nützlich sein werden, das ist ein Verbrechen.«

Die Wahrheit dieses Spruches ergriff Eusebius. Esthers Frauen hatten sich genähert. Der Schrecken, den Harruch ihnen bei seinem Eintritt eingeflößt hatte, war verschwunden. Sie erblickten in ihm nur noch einen jener eingeborenen Ärzte, welche in Jana volkstümlich sind, selbst bei den reichsten Kolonisten. Ihre ganze Sympathie war ihm gewonnen, und sie beschworen Eusebius, ihn die Heilung der Krankheit versuchen zu lassen, indem sie ihre Bitte durch die außerordentlichsten Beispiele unterstützten.

»Es sei«, sagte Eusebius, »doch da ich nicht will, dass dieser Mensch, um sie zu retten, sich anderer Mittel bediene, als solcher, welche die Wissenschaft oder die Natur bietet, wird er nur in Gegenwart des europäischen Arztes handeln.«

Harruch willigte in dieses Begehren zur großen Überraschung der Frauen, welche den Widerwillen kannten, den die Eingeborenen dagegen empfinden, ihre Geheimnisse preiszugeben.

Eine der Frauen eilte, den holländischen Doktor herbeizuholen. Dieser nahm mit Achselzucken den ihm gemachten Vorschlag auf. Allein in dem verzweifelten Zustand, in welchem die Kranke sich befand, glaubte er einen Versuch gestatten zu müssen, den er als nutzlos betrachtete.

Harruch, der während dieses ganzen Auftrittes seine kalte, würdevolle Haltung bewahrt hatte, nannte die medizinalen Pflanzen, deren er bedurfte, und die man sich beeilte, herbeizuschaffen. Er verlangte nicht, sie selbst zu bereiten, sondern gab den Frauen seine Anweisungen. Diese machten daraus ein Getränk, das man der jungen Frau mit Gewalt zwischen den zusammengebissenen Zähnen einträufelte. Als der Gueber sich überzeugt hatte, dass sie davon eine hinreichende Dosis genommen hatte, verließ er teilnahmslos wie ein Mensch, der seines Erfolges gewiss ist, das Zimmer und nahm seinen Platz unter dem Kiosk wieder ein.

Zu Eusebius großer Freude und der großen Verwunderung des Arztes war die Wirkung der Kräuter, aus denen das Getränk bestand, ebenso rasch wie entscheidend. Die letzten Tropfen hatten kaum die Zeit gehabt, bis in Esthers Magens zu gelangen, als diese auch schon die Augen öffnete, ohne dass auf ihrem Gesicht die Spuren der fürchterlichen Erschütterungen zu sehen blieben, die sie erduldet hatte. Ihre Blicke suchten Eusebius, ihre Arme streckten sich ihm entgegen.

Einige Augenblicke darauf stellten sich die ersten Wehen ein und ungeachtet der finsteren Prophezeihung des Arztes war die Niederkunft gut und leicht. Als Eusebius, der so erschöpft war, dass er nicht die Kraft besaß, diesem für liebende Herzen so beängstigenden Schauspiel beizuwohnen, in das Zimmer seiner Frau zurückkehrte, fand er sie in einem leichten Schlaf liegend, und neben ihr ein liebliches kleines Geschöpf, rosig und weiß, das lebende Symbol ihrer gegenseitigen Liebe, deren Erinnerung zu verlängern Gott ihnen gestattete.

Sollen wir es bekennen? Wenn Eusebius mit inniger Freude die Versicherung des Arztes empfing, dass seine Frau unbedingt gerettet sei, so hatte er doch nur einen kalten und beinahe gleichgültigen Blick für das Kind, welches ihm beinahe so teuer zu stehen gekommen wäre.

Nun, wo er das kleine Wesen besaß, schien es ihm, nie die Versicherungen des Glückes halten zu können, durch welche er seit neun Monaten sein künftiges Leben zu erheitern versprach.

Die eheliche Liebe trat der Vaterliebe in den Weg. In diesem Augenblick war das kein sehr großer Übelstand. Aber musste man nicht fürchten, dass, wenn Eusebius seines Tages dem Materialismus des Doktor Basilius Recht gab und die Zeit und die Pflicht seine Zuneigung verminderten, es sehr spät sein würde, den heilsamen Einfluss eines Gefühls zu empfinden, welchem er bis dahin in seinem Herzen nicht den Platz angewiesen hatte, durch das es zu seinem Schild, einer Verteidigungswaffe, für die Zeit werden konnte, in welcher böse Leidenschaften ihn schwach und wehrlos finden konnten?

Wie lebhaft auch die Anstrengungen seiner Zärtlichkeit waren, wie fest das Bild Esthers noch in sein Herz eingegraben sein mochte, war dieser Tag doch vielleicht nicht so weit entfernt, wie Eusebius vermutete.

Als er Esther bei ihrem Erwachen trotz ihrer Blässe schön und lächeln sah, als er, sich überzeugte, dass der unglückliche Auftritt des vorhergehenden Tages keine verderblichen Folgen haben würde, dass nichts die Genesung der Wöchnerin störte, als seine Überreizung sich gelegt hatte, befand er sich genau in dem Zustand, in welchem er sich den Tag zuvor erblickt hatte, als er den Notar Maes verließ. Die Reaktion stand aber im Verhältnis zu dem, wodurch sie hervorgebracht wurde. Mit Esther vor seinen Augen, mit der Hand der jungen Frau in der seinen, dachte er nicht mehr an die Gefahren, denen sie ausgesetzt war, an das neue Wunder, durch welches sie ihm erhalten wurde, sondern nur noch an den ungeheuren Verlust, in den er sich fügen musste, und an die Mittel, denselben zu ersetzen.

Er bestellte seinen Wagen, nahm seinen Hut. Ohne dass seine gute sanfte Gattin, die nur an ihn dachte, eine einzige Bemerkung wagte, verließ er ihr Lager und fuhr zu seinem Kontor in Batavia, ohne nur daran zu denken, sich zu erkundigen, was aus Harruch geworden sei.

Übrigens konnte ihn nichts bewegen, den gefassten Entschluss zu bereuen, denn zum ersten Mal zeigten sich ihm die Geschäfte in einem günstigen Licht. Zum ersten Mal fand er bedeutenden Gewinn von den Unternehmungen einzuziehen, welche den Tag zuvor nur noch negative Erfolge haben zu sollen schienen.

Sehr heiter kehrte er nach Hause zurück.

Zum ersten Mal machte er Bekanntschaft mit der Trunkenheit des Erfolges, welcher selbst die kräftigsten Naturen bezwingt, die rechtschaffensten Menschen aus dem Gleichgewicht bringt, die edelsten Geister trübt.

Er fand auch Esther ihrerseits sehr heiter. Als die junge Frau ihren Mann erblickte, nahm sie eine kleine Schmollmiene an, welche den Ausdruck ihrer Physiognomie noch reizender machte.

»Mein Freund«, sagte sie, »ich habe dir große Vorwürfe zu machen.«

»Sie sollen willkommen sein. Ich bedarf eines Kummers, denn deine glückliche Niederkunft verursacht mir eine Freude, die mich erschreckt«, sagte Eusebius, der es vergaß, den glücklichen Verkauf einer großen Quantität Kaffee mit der nicht unerhofften Wiederherstellung seiner Frau in Übereinstimmung zu bringen. »Sprich.«

»O, wenn ich die Liste länger machen soll, so sage ich dir zunächst, wie ich es sehr schlecht gefunden habe, dass du mich an einem solchen Tag verließest.«

»Ich leiste Abbitte und Ehrenerklärungen«, erwiderte Eusebius, indem er Esther einen lauten Kuss auf die Stirn drückte.

»Dann«, fuhr sie fort, »wir konntest du nicht den Gedanken haben, mir den armen Mann zuzuführen, der mir durch einige Kräuter, die Ihr alte Weibermittel zu nennen pflegt, nicht nur das Leben erhielt, an dem ich nur deinetwegen hing, sondern der uns auch unseren lieben kleinen Engel gegeben hat?«

»Ja, das ist wahr!«, rief Eusebius, denn er hatte den armen Harruch ganz vergessen. »Wo ist er?«

»Er ist fort.«

»Fort, ohne dass ich ihm gedankt habe, ohne dass ich ihm für den uns geleisteten Dienst den wohlverdienten Lohn gab?«

»Als man mir mitteilte, was vorgegangen ist, glaubte ich in deiner Abwesenheit den ersten Dank aussprechen zu dürfen. Ich ließ ihn kommen.«

»Hierher?«, fragte Eusebius erröthend, denn er zitterte bei dem Gedanken, der Schlangenbeschwörer möchte Esther von ihrem ersten Zusammentreffen erzählt haben.

»Und was sagte er dir?«

»Nicht viel in Erwiderung auf meine Danksagungen. Ein unbedingtes Nein, als ich von einer Belohnung sprach, die er meiner Meinung nach sowie nach der deinen sehr wohl verdient hatte, und um deren Annahme ich ihn dringend bat.

»Das ist sonderbar.«

»Um so sonderbarer, da er, ein wenig Wasser ausgenommen, nichts von den Nahrungsmitteln nehmen wollte, die unsere Leute ihm boten. Ebenso wenig verließ er den Kiosk, in welchem er sein Lager aufgeschlagen hatte, um unter unserem Dach zu schlafen.««

»Sei ruhig, Esther, ich werde ihn suchen lassen und ich hoffe, dass es uns gelingt, ihm unsere Dankbarkeit zu beweisen.«

»Aber ich bin noch nicht zu Ende«, sagte die junge Frau.

»Was gibt es denn noch?«, sagte Eusebius, welcher fürchtete, sie möchte auf die Unterredung zurückkommen, welche die fürchterlichen Ereignisse des vorhergehenden Tages herbeigeführt hatten, und ihn zwingen, sich über die Verwendung der Nacht zu erklären, die er bei Mynheer Cornelis zugebracht hatte.

»Was es gibt? Dass ich dir das hübscheste kleine Mädchen schenkte, welches ein Vater träumen kann, einen Cherubin, so blond, so frisch, so rosig, so rundlich, so mit kleinen Grübchen geziert, wie die Engel, die das Bild der heiligen Jungfrau auf dem Hochaltar der Kirche umgeben, in welcher wir getraut wurden, und dass der barbarische und unnatürliche Vater damit den Anfang macht, das reizende Geschenk, welches ich ihm gebe, vor Hunger sterben zu lassen.«

»Was willst du damit sagen?«

»Ach!«, entgegnete die junge Frau, über deren Wangen schweigend zwei Tränen glitten und indem sie ihren traurigen Blick auf ihre zusammengefallene Brust richtete, deren Umrisse die Mutterschaft nicht verrieten, »du weißt wohl, dass der gute Gott mir das höchste Glück versagt hat, zweimal Mutter zu sein, und dass ich durch die Fakultät dazu verurteilt bin, dieses süße Vorrecht einer Fremden zu überlassen!«

»O, mein Gott! Eine Amme, das ist wahr!«, rief Eusebius. »Mein Gott, verzeihe mir, doch ich war so verwirrt, so außer mir, diesen Morgen, dass ich nicht mehr wusste, was ich tat.«

»Du hast meine Verzeihung«, erwiderte Esther, »und umso mehr, da deine Gleichgültigkeit uns nicht verhindert hat, uns die lieblichste Amme von der Welt zu verschaffen.«

»Ha!«, rief Eusebius, »und wer hat es übernommen, sie ausfindig zu machen?«

»Wer? Unsere Vorsehung.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Ich spreche mich gleichwohl deutlich genug aus. Ist unsere Vorsehung nicht der arme Mensch, der sich in seiner Einfachheit gelehrter gezeigt hat, als der Arzt? Der Inder?«

»Harruch! Harruch hat dir eine Amme zugeführt?«, fragte Eusebius voll Staunen. »Aber man müsste doch das Mädchen kennen, man müsste wissen, wo er sie her hat, woher sie kommt, wer sie ist.«

»Ei, solltest du nicht etwa glauben, der arme, Mensch, der mir seine Sorgfalt widmete, wollte unser Kind vergiften? Der Arzt hat sie untersucht und die Wahl so vollkommen gebilligt, dass ich deine Verwerfung keineswegs fürchte. Willst du sie sehen, so betrachte sie hier.«

Indem Madame van der Beek diese Worte sprach, zog sie einen der Vorhänge zurück, die ihr Bett umgaben, und zeigte Eusebius eine junge Frau, die mit dem Kind in seinen Armen auf einem niedrigen Sessel saß.

Die Frau war eine Negerin, ihre Schönheit aber so ausgezeichnet, dass sie ungeachtet der Farbe ihrer Haut auffiel, welche schwarz und glänzend war wie Ebenholz. Sie schien nicht über sechzehn Jahre alt zu sein. Ihr Gesicht zeigte ein vollkommenes Oval, ihre eingebogene Adlernase war an den Nasenlöchern ein wenig erweitert und geöffnet wie die eines Rennpferdes und ebenso hellpurpur von Farbe. Ihr Mund war etwas rund, aber ihre Lippen, rot wie die Granatblüte, taten der Regelmäßigkeit ihrer Züge keinen Eintrag. Man hätte glauben können, sie sei nach einer griechischen Bildsäule geformt. Ihre Mutterschaft hatte ihre Hüften entwickelt, der Anmut und ihrer schlanken Taille aber nichts geraubt. Als Kopfputz trug sie eine Art von Netz aus kleinen Gold- und Silbermünzen und Korallenstücken, zwischen denen ihr leise gekräuseltes schwarzes Haar funkelnd wie Schmelz hervorschimmerte. Als Kleidung trug sie einen Sacong von weißem Batist mit roten Blumen, am Hals weit ausgeschnitten, sodass man eine Schulter und eine Brust sehen konnte, welche die einer Hebe zu sein schienen. Aus den Falten dieses Gewandes sahen zwei kleine zarte Füße gleich denen eines Kindes hervor, deren zierliche Linien durch die mit Gold eingelegten Ringe von Elfenbein, die auf den Knöchelgelenken lagen, hervorgehoben wurden.

Eusebius blieb dieser Erscheinung gegenüber gleichgültig. Sie erinnerte ihn an nichts, sie ließ ihn nichts befürchten. Das Geheimnis dieser Sicherheit beruhte auf dem Glück, mit welchem er die Geschäfte dieses Morgens abgemacht hatte.

Geldgewinn hat das Charakteristische, dass der, welcher ihn macht, augenblicklich ein unbedingtes Vertrauen zu dem gewinnt, was er seinen Glücksstern nennt und bis zu neuem Missgeschick an dessen Unfehlbarkeit glaubt, wie schwer er auch zuvor geprüft worden sein war.

Es schien Eusebius allerdings etwas sonderbar, dass Harruch, der Schlangenbeschwörer, Bekanntschaften der Art hatte. Als man ihm aber sagte, dass diese junge Negerin einer reichen Dame der Kolonie gehört hatte und dass von dieser der Gueber sie im Namen Esthers kaufte und dass sie seiner Frau gehörte, der Arzt die Wahl billigte, der Preis ihm nicht zu hoch schien, machte er keinen Einwurf und ließ sie zur Hausgenossin werden, ohne sich weiter mit ihr zu beschäftigen und ohne zu bemerken, dass die langen Wimpern der Sklavin, als sie ihn ansah, Mühe gehabt hatten, das Feuer der funkelnden Augen zu bekämpfen, indem sie sich senkten.

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