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Allerhand Geister – Die harte Kur – Kapitel VI

Allerhand Geister
Geschichten von Edmund Hoefer
Stuttgart. Verlag der I. G. Cotta’schen Buchhandlung. 1876

Die harte Kur

VI.

Als er aus dem Zimmer in den angrenzenden Saal trat, der dasselbe von den anderen, geräuschvollen Räumen des Hauses trennte, kam ihm seine Schwiegermutter entgegen.

»Ich hörte Fröbel eben das Anspannen bestellen«, sagte sie. »Ist es wirklich Ihr Ernst, lieber Willmann …«, fuhr sie fort und brach plötzlich unsichtbar erschrocken ab, denn er hatte es noch nicht vermocht, seiner Verstimmung Herr zu werden. Seine Miene war voll Finsterkeit. Im nächsten Augenblick fasste die alte Frau seiner Hand und fragte beunruhigend: »So reden Sie doch, Willmann, was ist es? Ist Agnes wieder schlechter geworden?«

Er schüttelte den Kopf und murmelte etwas, wie, dass er das nicht glaube. Aber dieser Ton und der noch immer gezwungene Ausdruck in seinem Gesicht beunruhigten die alte Frau noch lebhafter.

Seine Hand fester umspannend, rief sie: »Willmann, Sie entgehen mir nicht. Sie sind sehr verändert. Wir haben es gut genug bemerkt! Aber das, wie Sophie andeutete, Agnes sie verstimmt haben könnte, das habe ich nicht gefürchtet. Jetzt sehe ich es gut genug«, fügte sie mit aufsteigenden Tränen hinzu. »Aber das darf, das soll nicht sein! Mein unglückliches Kind darf nicht durch ein Missverständnis, mehr kann es ja nicht sein, den von sich treiben, der ihm in allem Jammer liebevoll zur Seite stand! Reden Sie, Willmann, reden Sie! Ich lasse Sie nicht!«, schloss sie und zog ihn gegen die nächste Fensternische. »Die Reise hat Zeit. Sie müssen sich mir gegenüber aussprechen!«

Es war etwas so Herzliches, Überredendes, ja Unwiderstehliches in dem Ton, in der ganzen Weise der alten, von ihm hochverehrte Frau, dass er wohl nachgeben musste. Statt der Finsterkeit zeigte seine Miene nur noch einen freilich tiefen Ernst, aber der Blick, mit dem er ihrem tränenvollen Auge begegnete, war ein warmer und liebevoller. Er drückte ihre Hand und folgte ihr zum Fenster. Dort redete er gedämpft, wie auch sie es trotz ihrer Aufregung getan hatte, da das Krankenzimmer, wie gesagt, an den Saal grenzte.

»Nun ja denn, liebe Mutter, mir ist schwerer zumute als je in meinem Leben und am schwersten fällt mir, dass Agnes davon die Hauptschuld tragen will …«

»Will?«, unterbrach sie ihn bestürzt. »Aber was sagen Sie?«

»Ob es recht ist, dass ich zu Ihnen spreche«, meinte er kopfschüttelnd, »das weiß ich nicht. Ich fürchte, Sie werden die volle Wahrheit ebenso wenig glauben können, wie Sophie und Frau von Rehbeck meine ersten Andeutungen zu glauben vermochten. Aber …«

Sie unterbrach ihn von Neuem. »Sorgen sie sich nicht, Willmann«, sprach sich fast mit Innigkeit. »Was Sie mir zumal über Agnes sagen, das glaube ich unbedingt. Wie wir Sie kennen und was Sie in den zwölf Jahren an unserer Kranken getan haben, das sichert Ihnen in unseren Herzen noch ganz etwas anderes als den Glauben an ihr Wort. Reden Sie, reden Sie!«

Dennoch schüttelte sie, da er nun zu erzählen begann und in raschen, klaren Worten den geheimen Gang von Agnes’ Leben darzulegen versuchte, seinen ersten leisen und doch unüberwindlichen Verdacht und das Wachsen und die endliche Bestätigung desselben, nunmehr als einmal den Kopf und sagte auf einmal: »Ich begreife Sie sehr gut, Willmann, und finde dies alles sehr zu entschuldigen. Sie konnte nicht anders! Aber sie müssen sich täuschen! Es ist unmöglich! Sie setzen in Agnes, ich will nur sagen, eine Kraft voraus, die sie niemals gehabt hat!«

Aber als er dann dort erwiderte, »und dennoch hat sie es eben selbst zugestanden« und der zusammenzuckenden alten Frau nun auch das heutige Morgengespräch mitteilte, da zog sich ihre Stirn finsterer und finsterer zusammen. Sie erhob sich, als er schwieg, mit einer entschlossenen Bewegung und sprach mit ungewöhnlicher Härte: »Das ändert allerdings alles, mein Sohn. Hier muss hier und hier wird Licht werden. Reisen sie in Gottes Namen, ich halte es jetzt selbst für das Beste. Sie wird nach solchen Abschied und in ihrer Abwesenheit schon zur Besinnung kommen. Und wenn auch nicht«, fügte sie noch strenger hinzu, »ein paar Tage mag sie sich noch erholen, dann soll sie sprechen. Das garantiere ich Ihnen, ich! Und nun, mein Sohn«, schloss sie und nahm seine Hand zwischen die ihren, und die eben noch so strengen Augen war plötzlich wie geblendet von Tränen, »behalten Sie sie noch ein wenig lieb! Sie hat ja niemand als Sie und uns, und lieb … das weiß ich sicher!  … hat sie Sie sehr … sehr! Gott behüte Sie, mein Sohn! Hoffentlich sehen wir uns bald und getröstet wieder. Sagen Sie meinem Alten aber lieber noch nichts. Mit Heftigkeit ist hier nichts getan. Streng kann ich selbst genug sein.«

 

Voller Strenge sprach sie nach einigen Tagen wirklich zu der Tochter, die körperlich immer mehr genesen, doch fern ab von der Heizheiterkeit zu sein schien, die sonst in solchem Zustand auch den Ernsteren zu durchdringen und für eine Weile über die Sorgen des Lebens zu erheben pflegt. Im Gegenteil, Agnes zeigte sich meistens tief niedergedrückt und ihre Augen standen nicht selten von Tränen. Sie sehne sich so unbeschreiblich nach dem Gatten, sagte sie den ihren.

»Das glaube ich dir wohl«, sprach die Mutter in einem Ton, der die Tochter erbeben ließ. Die Augen der alten ruhten mit festem, dunklem Blick auf den verblassten Zügen ihres Kindes. »Du beginnst zu erkennen, dass deine Sünde gegen deinen braven Mann eine himmelschreiende ist und dass du verdienst, seine Liebe für immer zu verlieren.«

»Mutter!«, schrie Agnes entsetzt auf, fiel in die Kissen zurück und presste aufschluchzend die Hände vor das Gesicht.

»Nimm dich zusammen, du verstehst das ja!«, sprach die Alte aber unbewegt und mit der gleichen Härte des Tons. »Hier hilft kein Augenzudrücken und Ohnmächtig werden. Konträr fasse deine Sinne ernst zusammen, tue deine Augen weit auf und mache dir kein X für ein U vor. Erleichtere dein Gewissen, erkenne und büße deine Schuld. Sonst kann es mit dir nicht gut werden.«

»Mutter, Mutter, sei barmherzig!«, stöhnte Agnes unter Tränen. »Du weißt es nicht. Ich kann, ich darf ja nicht offen sein!«

»Das wollte ich hören«, sagte Frau Fröbel unverändert. »Das hast du deinem Mann, das hast du dir selbst vorzureden gewagt und wagst es nun auch deiner Mutter entgegenzuhalten? Schäme dich vor dir selbst und vor uns, Unglückliche, und erflehe Gottes Vergebung solcher Sünde, die selbst für ein Kind eine kaum verzeihliche sein würde! Wie, du bist, wie wir zu deiner Ehre glauben wollen, unverschuldet Zeugin eines unmenschlichen Verbrechens. Du lässt dich in deinen Entsetzen von dem Verbrecher zu dem Eid zwingen, ihn nicht zu verraten. Du lässt dich durch solch ein niedriges und verruchte Spiel so weit einschüchtern und binden, dass du lieber eine schwere Krankheit auf dich nimmst, dass du deinen Eltern und deinem Gatten dein Vertrauen stiehlst und dich vor Gott und dem irdischen Richter zum Mitschuldigen stempelst? Und nachdem du in all den Jahren auf solche Weise Verstecken vor uns gespielt und an unserer Liebe gezweifelt hast, da bringt dich selbst ein neues Verbrechen, das sicherlich von jenem früheren in irgendeiner Verbindung steht, nicht zur Besinnung, sondern steigert nur deine Verstocktheit …«

»Mutter, halt ein, seit barmherzig!«, stammelte Agnes. »Du tötest mich!« Nach einer Pause, während die alte harte Frau ein paar unverständliche Worte vor sich hingemurmelt hatten, fügte die Tochter zitternd vor Bewegung hinzu: »Du sagst, Gott will es. Ich werde reden, alles, was ich weiß, so gut ich es vermag. Urteile dann, ob ich so schuldig bin, wie du mir vorwirft, oder ob ich nicht anders konnte, noch durfte.«

»Dazu brauche ich dein Bekenntnis nicht«, sprach Frau Fröbel ohne Zögern, aber es war dennoch, es würde nicht nur ihr Ton, sondern auch ihr Blick ein wenig milder. »Da genügt mir schon dein Leben seit dem, deine Vertrauenslosigkeit gegen Willmann und uns, deine unbeugsame Verstocktheit. Aber sprich, sprich offen und ohne Beschönigung«, setzte sie mit sich erneut faltender Stirn hinzu, »und erkläre vor allen Dingen, wie du mit solchen Geheimnis auf dem Gewissen, die Gattin eines solchen Ehrenmannes zu werden, zu bleiben und seine unvergessliche Liebe zu ertragen vermochtest.«

Agnes ruhte stumm und regungslos, die Hände auf der Decke gefaltet, welche ihre Knie bedeckte, die Augen geschlossen. Die Tränen kamen eine nach der anderen unter den langen Wimpern hervor und rollten schwer über die blassen Wangen. Durch die Züge der alten Frau glitt bei diesem Anblick ein bitterer Schmerz. Aber die Tochter sah ihn nicht, die Alte lieh ihm keine Worte. Sie wartete.

Endlich, nach einer ganzen Weile, kamen keine Tränen mehr, und Agnes schlug die Augen auf. Ihre Miene war ruhig, ihr Blick, der die Mutter flüchtig streifte, ein, man hätte sagen mögen, gefasster. Dann aber senkte sie ihn. Die Hände übereinanderlegend, fing sie an: »Bei Rehbecks verkehrte damals, wie Luise Euch ja neulich erzählte, ziemlich häufig ein Herr Wedening, Verwalter auf der nahegelegenen Besitzung des Barons … Kaltenborn, glaube ich. Es war ein Mann in der Mitte der Zwanziger, frisch, lebhaft, angenehm, sodass er selbst Rehbeck sehr gefiel, der doch nicht wenig exklusiv dachte und sich hielt. Er machte auf mich, ich leugne es nicht, allmählich wirklich einen gewissen Eindruck. Als er sich eines Tages mir gegenüber aussprach, konnte ich nicht anders, als ihn an Euch verweisen. Am Abend wolle er wiederkommen sah, sagte er, um vorläufig mit Rehbecks zu reden. So schieden wir. Es war am 23. September. Ich hatte morgens Euren Brief wegen meiner Rückkehr erhalten. Als er, der mich noch lesend antraf, von dieser Bestimmung erfuhr, dass sprach er.

Nachmittags ging ich zu einem weiten Spaziergang von Zuhause fort, allein. Luise war, ich weiß nicht mehr, wodurch, abgehalten worden, mich zu begleiten. Es war mir recht. Mir waren Kopf und Herz so voll, so bewegt, ich sehnte mich recht einsam zu sein, um mich zu fassen, um mir klar zu werden. Denn wie gern ich ihn auch zu haben glaubte, war dennoch eine gewisse Unruhe in mir, oder heiße es Scheu. ich hatte ein paar Mal eine Heftigkeit an ihm beobachtet, die ihn trotz der Mühe, mit der er sichtbar dagegen an, beinahe übermannte. Dass er jähzornig sei, hatte ich auch sonst erfahren. Wiederum ein paar Mal hatte ich Äußerungen von ihm vernommen, die ich damals kaum recht verstand, durch die ich mich aber verletzt und erschreckt fühlte. Nun möchte ich sie als leichtfertige bezeichnen. Über das alles wollte ich Herr werden, denn ich hatte ihn eben doch wirklich lieb.

Die Einsamkeit, nach der mich verlangte, fand ich im Garten. Als ich diesen verließ und gegen den Wald zuging, begegnete mir keine Menschenseele, denn die Felder waren schon abgehandelt. Eigentliche Straßen gab es dort nicht. Rechts, auf dem sich weit hinausziehenden Feldweg, musste Wedening demnächst kommen. Ich sah aufmerksam hinüber, um zur rechten Zeit ausweichen zu können. Ich wollte ihn hier nicht begegnen. Aber ich trat in den Wald, ohne etwas von ihm bemerkt zu haben, und schritt lange, lange auf einen der von Rehbeck angelegten Wege, dann auf einem Fußsteig, recht durch den dichten, wunderschönen Wald weiter, bis mich ein Laut, der wie ein unterdrückte unterdrückter Hilferuf klang, stutzig machte, dann mich jedoch nur desto schneller weitereilen ließ. Ich fürchtete ein Unglück. Von einem Verbrechen wusste ich damals überhaupt noch nichts, geschweige denn, dass ich Zeugen desselben werden könnte.

Darum übermannte und lähmte mich auch der Anblick, den ich jenseits eines dichten Gebüsche vor mir hatte, dermaßen, dass sich weder rück- noch vorwärts konnte und keines Lautes mächtig war. Ich sah Wedening neben einer am Boden liegenden, anscheinend leblosen weiblichen Gestalt. Er richtete sich gerade auf, ein blutiges Messer in der Faust. Es war etwas Furchtbares in seinem Gesicht. Ich war wie gelähmt, sage ich, sonst hätte ich vielleicht noch fliehen können, denn er hatte mich noch nicht bemerkt. Dann aber traf mich sein Blick. Er stützte auf mich zu – mit einem Schrei der Wut.«

Bis hierher hatte die unglückliche Frau mit ein eintönige, gedämpfter Stimme und ohne Stocken und ohne sichtbare Erschütterung gesprochen. Nun erbebte sie von einem kurzen, aber heftigen Schauder und schloss die Augen.

»Erzähle ein andermal weiter, jetzt ruhe dich aus«, sagte die Mutter um vieles milder. »Das alles ist entsetzlich und du tust mir leid, dass du davon reden sollst. Aber erlassen kann es dir niemand. Hättest du früher gesprochen! Es wäre dir und uns viel, viel Jammer erspart worden!«

Agnes erwiderte nichts, sie ließ auch von der Mutter ihre Hand nehmen, ohne sich zu regen. Aber als sie endlich die Augenlider wieder erhob und den müden Blick der Alten zuwandte, fuhr sie dann noch im früheren Ton, nur noch leiser, in ihrem Bericht fort.

»Er packte meinen Arm, er fuhr heftig an. Was er zu mir sagte, weiß ich nicht genau. Die da im Gras habe sich an ihm rächen, ihn an uns verraten wollen. So habe er sich sichern müssen. Nun wisse ich es dennoch und das Schlimmste. So müsse er sich auch gegen mich sichern. Töten wolle er mich nicht, denn er entsage mir nicht. Er werde mich holen, sobald alles ruhig und sicher sein. Und dass es so bleiben, dass ich ihn nicht verraten wolle, dafür wisse er Rat. Er riss mich fort, zur Leiche. Er zwang mich, sie mit ihm aufzuheben und eine Strecke weit in den dichteren Wald zu tragen. Nun sei ich seine Mitschuldige, sagte er. Ich musste ihm den Eid schwören, ihn niemals zu verraten. Er werde mich nie aus den Augen lassen, bis ich die seine, und wo ich den Eid breche, werde er mich zu finden wissen. Ich weiß nicht, was alles.«

Agnes schwieg und schloss, wie übermannt, die Augen von Neuem. Aber es war nur für eine Sekunde, dann fuhr sie schon wieder fort. »Wäre ich nur gestorben, Mutter, wäre ich nur ohnmächtig geworden! Aber nein, ich starb nicht, ich behielt meine Besinnung, ich schwor, wie er es mir vorsprach. Auf dem Rückweg erst, als ich allein war, schwanden mir die Sinne. Ich weiß nichts mehr, was mit mir geschehen ist.

Als sich aus der Krankheit erwachte und Empfindungen und Gedanken wiederzufinden begann, erschien mir das Geschehene wie eine Ausgeburt des Fiebers, an der nichts Wahres sein könne. Das setzte sich völlig in mir fest, ohne dass es mir indessen zugutegekommen wäre, denn selbst als Fantasie machte es mich elend. Darüber zu sprechen, wäre mir unmöglich gewesen. Als Luise eines Tages über Wedenings Abreise sprach – sie scheint das vergessen zu haben – sah ich darin kein Unrecht wider mich, sondern etwas wie ein Glück in all meinem Leid. Wie hätte ich nach solchen, auch nur geträumten Schrecken je an seiner Seite leben können! Allmählich stieg dann doch eine Ahnung in mir auf, dass ich nicht geträumt habe, dass mein Eid geschworen worden sein. Ich fühlte mich wie taub, blind und Gedanken hatte ich keine.

Trotzdem ist es nach und nach besser mit mir geworden. Ich wurde wieder kräftiger, und sein Fortbleiben, die völlige Ruhe und Stille, in der das Geschehene ruhte, ließ mich allmählich einer Art von Sicherheit wiederfinden. Es schien für immer vorüber, wenn nur ich an meinem Eid festhielt und die bösen Geister nicht wieder wachrief. Und diese Sicherheit wuchs, als ich Willmanns Frau geworden war. Nun war ich erst wirklich frei von, und sicher vor jenem Furchtbaren, in meines Gatten Liebe und Schutz. Eine Sünde beging ich in meinem Sinn an Fritz nicht«, fügte sie, die Augen voll neuer Tränen, hinzu. »Kein Gefühl und kein Gedanke in mir waren ihm untreu. Dass ich mein Schweigen nicht sprach, Mutter, es bargen in ihm sich ja nur die qualvollsten Schrecken!

So blieb es, wie Ihr wisst, mehrere Jahre lang. Ich war wirklich so glücklich und gesund, wie es mir irgend gegeben war und ich es längst nicht mehr für mich erhofft hatte«, erzählte Agnes mit einer Traurigkeit weiter, welche im Gegensatz zu der bisherigen eintönigen Weise, selbst die alte strenge Frau ergriff. Sie nahm plötzlich die Rechte ihres Kindes und behielt sie zwischen ihren Händen.

»Es kam mir zuweilen der Gedanke, dass am Ende dennoch alles ein Traum gewesen sei und Wedening aus Gott weiß welchen anderen Gründen damals seine Werbung um mich aufgegeben habe. Es schien mir fast nicht möglich, dass ich so Schreckliches erlebt haben könnte. Es hätte doch irgendeine Spur zurückbleiben müssen! Ich wurde immer ruhiger, und einmal hatte ich die Offenbarung an Fritz schon auf der Zunge. Allein meine alten, heiße Angst siegte wieder. Und das war gut. Denn am nächsten Tag erhielt ich einen Brief von Wedening, voll Vorwürfen über meine Heirat, voll Drohungen gegen mich und Willmann. Nur die strengste Bewahrung des Geheimnisses könne uns schützen. Er behalte mich stets im Auge.

Mein Kopf wurde wieder schwach, meine Krankheit brach von Neuem aus. Es war wirklich, als wüsste er immer genau, wie es mit mir stand. Zweimal noch, und jedes Mal, wenn ich mich ein wenig besser fühlte, kann ein neuer Brief. Und neulich, als Fritz mit dem Vorschlag zur Reise machten und ich mich in der Tat zu freuen vermochte, da, es ist grässlich, Mutter, ging er unten auf der Straße vorüber und schaute mich mit den Augen an, mit den Augen von damals! Ich wurde ohnmächtig vor Schreck und Angst. Aber als ich erwachte, fühlte ich mich nicht mehr krank. Ich durfte es nicht werden. Ich musste gerüstet bleiben für Willmann und mich …!«

»Unglückliches, verblendete Kind!«, sagte Frau Fröbel mit schwerem Kopfschütteln. »Hättest du nur einmal dich überwinden können, die Angst und Schrecken wären für immer von dir genommen worden!«

»Aber Mutter, wie konnte ich? Die Drohung des Unmenschen wieder Fritz mich …!« »Kind, du bist immer noch krank! Sonst würdest du wohl begriffen haben, dass im Gegenteil nur deiner …«

Sie brach ab, denn es klopfte an die Tür. Als ihre Blicke sich dahin wandten, wurde dieselbe auch schon geöffnet und in der Öffnung stand Willmann, mit prüfenden Blick zu seiner Gattin und der alten Dame herüberschauend.

»Darf man stören?«, sprach er. »Ihr währet schon lange beieinander, sagte Sophie.«

»Fritz, bist du es wirklich?«, rief Agnes mit einer Art Jubel aus, das Auge leuchtend und die Wangen von schimmernde Röte übergossen. Sie fuhr von ihrem Stuhl auf, warf die Decke zurück und eilte mit schwankenden Schritten dem Gatten entgegen. »Bringst du mir deine Verzeihung, Fritz? Hast du mich wieder lieb?«

»Aber Agnes, Agnes!«, versetzte er bewegt, fing die Erschütterte in seinen Armen auf und drückte seine Lippen auf ihren Kopf, der sich mit einer Art von Leidenschaft an seine Brust schmiegte.

»Hast du dich denn so nach mir gesehnt? Oder …« Sein Blick traf von Neuem die Mutter. »Was habt ihr denn vorgehabt, ihr geliebten Menschen?«

Frau Fröbel trat heran und bot ihm die Hand. »Sie kommen zur glücklichen Stunde, mein Sohn!«, sagte sie ergriffen. »Wir haben ein schweres, aber gutes Werk vollbracht. Agnes hat ihre traurigen Bedenken endlich überwunden und mir viel, viel erzählt. Ich musste dich zuerst wohl ein wenig hart anfassen«, fügte sie hinzu und strich mit der kleinen unzähligen Hand zärtlich über Agnes Haar. »Nun ist es überwunden und wir wollen es ihr durch erhöhte Liebe lohnen. Sprecht euch aus, Kinder! Ich muss mich ein wenig sammeln.«

Als die Gatten lange auf das Innigste miteinander geredet hatten, – »erzählen kann ich alles dir jetzt nicht wieder, Fritz«, hatte Agnes bittend gesagt. »Lass es die Mutter tun, sie weiß ja alles!« –, da umfasste er sie mit seiner ganzen alten Herzlichkeit, denn wie er die alte Dame und seine Gattin gefunden hatte, musste all sein Misstrauen verscheuchen!

Er sprach: »Quäle dich doch nicht mehr, mein armes Kind, es ist ja nun alles gut. Von dir ist Angst und Sorge genommen, und von mir der Schmerz, dass all meine Liebe mir nicht dein Vertrauen erwecken konnte …«

»Fritz!«, flüsterte sie, ohne den Kopf von seiner Brust zu heben.

»Sei sicher, du hörst das nicht wieder von mir. Einmal aber musste es gesagt werden«, redete er freundlich und dennoch ernst. »Jetzt ist alles gut, wiederhole ich, und das Beste, dass ich dich so wohl und kräftig finde. Denn es steht dir noch manches Schwere bevor, was man dir nicht ersparen kann. Du wirst einiges beantworten müssen. Aber fürchte dich nicht. Dein Gefühl soll nicht verletzt werden und … ich bin bei dir.«

»Ist alles entdeckt, auch er?«, flüsterte sie nach einer Pause mit fühlbaren Beben.«

»So ist es«, versetzte er. »Darum bin ich so schnell wieder hier. Willst du recht ruhig und mutig sein?«

»Ich will und kann alles, was mir dich erhält, mein geliebter Mann«, entgegnete sie, sich fester an ihn schmiegend. »Und wenn es eine Sünde ist, dass ich den schrecklichen Eid gebrochen habe«, fügte sie leise hinzu, »ich kann es nicht aushalten, dass du mir zürnst, wie neulich!«

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