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John Sinclair Classics Band 26

Jason Dark (Helmut Rellergerd)
John Sinclair Classics
Band 26
Die Geisterhöhle

Grusel, Heftroman, Bastei, Köln, 28.08.2018, 66 Seiten, 1,80 Euro, Titelbild: Ballestar
Dieser Roman erschien erstmals am 30.12.1975 als Gespenster-Krimi Band 120.

Kurzinhalt:

Der Sage nach wurde vor Jahrhunderten ein Dämon in eine verlassene Höhle verbannt. Neben dem Fluch, der auf ihm lag, sollte auch ein großes Kreuz am Ausgang seiner Gruft die Mächte des Bösen fernhalten.
Als vier Männer eines Tages das Kreuz aus dem Boden rissen, konnten sie nicht ahnen, was Schreckliches passieren würde. Doch da hatte das Unheil schon seinen Lauf genommen …

Leseprobe

Der Dämon tobte!

Klauenhände krallten sich um die Git­terstäbe. Rot glühten die Augen in dem schwarzen, hässlichen Gesicht. Gelbe Schwefelwolken drangen stoßweise aus dem weit geöffneten Maul. Ein mörderi­sches Kreischen erfüllte die Höhle.

Es war die Hölle!

Sechs Männer waren ausgezogen, um den Dämon zu besiegen. Sie hatten es geschafft. Formeln der Weißen Magie hatten das schreckliche Ungeheuer ge­bannt. Jetzt war der Dämon gefangen. Und nichts konnte ihn mehr retten.

Die Männer hielten brennende Pech­fackeln in den schwieligen Händen. Das Licht erfüllte die Höhle mit tanzenden, zuckenden Schatten.

Fledermäuse verkrochen sich in die dunkelsten Nischen und Winkel. Sie hat­ten sich an dem Gestein festgekrallt und beobachteten aus stecknadelkopfgroßen Augen das finstere Geschehen.

Die Männer hatten die große Höhle per Zufall entdeckt. In tagelanger Arbeit hatten sie die Höhle mit einem stabilen Eisengitter abgetrennt. Es besaß eine hüfthohe Klappe, durch die man den Dämon ins Innere gestoßen hatte.

Magische Zeichen und Formeln waren auf den Steinboden gemalt worden. Denn es bestand durchaus die Möglichkeit, dass der Dämon das Gitter auseinanderriss. Seine Kraft war übermenschlich.

Doch jetzt war der Terror vorbei. In einem Umkreis von vielen Meilen konnten die Menschen wieder frei atmen.

Die Gesichter der Männer waren bleich und mit Schweiß bedeckt. Man konnte es den Mutigen ansehen, dass sie versuchten, ihre Angst zu unterdrücken.

Einer hielt in der freien Hand eine kleine Kanne mit geweihtem Wasser.

Der Mann trat einen Schritt vor, übergab die Fackel einem Nachbarn und tauchte seine rechte Hand in das Weihwasser. Er wölbte die Handfläche zur Mulde und riss gedankenschnell den Arm hoch.

Das Weihwasser spritzte durch die Gitterstäbe. Die Tropfen sahen aus wie eine schimmernde Perlenkette.

Der Dämon konnte nicht schnell genug ausweichen. Ein Großteil des geweihten Wassers benetzte seinen Körper.

Der Höllenbote schrie grässlich auf. Er tauchte zurück in die Dunkelheit seines Verlieses, um dem Weihwasser zu entgehen.

Wieder schleuderte der Mann das ge­weihte Wasser.

Der Dämon wand sich am Boden. Dort, wo ihn die Tropfen getroffen hatten, ent­standen dicke, qualmende Flecken.

Die Männer waren jetzt allesamt an das Gitter getreten. Mit fiebernden Bli­cken beobachteten sie den Todeskampf des Dämons.

Über zehn Minuten starrten sie in das Verlies. Dann wandten sie sich ab.

Das geweihte Wasser hatte das Böse vernichtet. Nur noch ein dunkler Schat­ten war von dem Dämon zu erkennen.

Aber war die Höllenbestie tatsächlich tot?

Die Männer nahmen es an und kamen nun zum zweiten Teil ihres Planes.

Schnell verließen sie die Stätte des Bösen.

Draußen empfing sie die Nacht.

Der scharfe Seewind schnitt durch ihre Kleidung. Vier Fackeln wurden gelöscht. Die anderen wurden noch gebraucht, damit die Männer etwas er­kennen konnten.

Die schweren Steine lagen schon be­reit.

Während der Wind dunkle Wolken­berge über den Himmel jagte und das Licht der Sterne und des Mondes ver­deckte, machten sich die vier kräftigsten Männer an die Arbeit.

Stein für Stein schleppten sie vor die dunkle Höhlenöffnung. Schon bald war von dem Eingang nichts mehr zu erken­nen. Aber das war noch rieht genug. Für die Nachwelt sollte noch ein besonderes Mahnmal dort hingestellt werden.

Ein Kreuz!

Es war ein stabiles, selbst gezimmertes Holzkreuz, das doppelt so groß wie ein normal gewachsener Mann war. Man hatte es mit einem Pferdefuhrwerk he­rauftransportiert.

Das Loch war schon gegraben, in dem das Holzkreuz seinen Halt finden sollte.

Unter großen Anstrengungen wuch­teten die Männer das Kreuz hoch. Erst beim zweiten Anlauf gelang es ihnen, das Kreuz in die dafür vorgesehene Öffnung zu rammen.

Zu dritt mussten sie dann das Kreuz festhalten.

Doch plötzlich geschah etwas Seltsa­mes.

Von einer Sekunde zur anderen legte sich der Wind. Nicht einmal das leiseste Säuseln war zu hören. Die Wolkendecke riss auf. Sterne funkelten in voller Pracht.

Die Männer standen einige Minuten still und schickten stumme Gebete zum Himmel.

Dann sagte einer: »Kommt, lasst uns weitermachen! Wir müssen noch in dieser Nacht fertig werden.«

Die Männer häuften Lehm, Steine und Erde in das Loch, in dem das Kreuz stand.

Mit fortschreitender Zeit bekam es mehr Standfestigkeit. Durch unten an­gesetzte Querhölzer hatte es dann den entsprechenden Halt. Nun würde es auch der wildeste Sturm nicht mehr herausrei­ßen können.

Einer der Männer holte ein Messer aus seiner Tasche und klappte es auf.

Mit ruhigen Bewegungen schnitzte er magische Bannsprüche in das Holz des Kreuzes.

Die Männer konnten zufrieden sein. Ihr Werk war vollbracht. Der Dämon war vernichtet.

Für immer.

Wirklich für immer?

 

 

Gemeinsam gingen die sechs Männer den Hügel hinab. Am Fuß dieses kleinen Ber­ges lag das Dorf, ein kleiner Ort, dessen Bewohner von der Landwirtschaft und vom Fischfang lebten.

Hier glaubte man noch an Geister und Dämonen. Und wie recht man daran tat, hatte der letzte Fall angeblich bewiesen.

Niemand warf mehr einen Blick zu­rück. Der Hügel war von nun an tabu. Keiner würde sich dort oben blicken lassen.

Die Gruppe erreichte den Dorfeingang.

Angstvolle Gesichter sahen den Tap­feren entgegen. Der Anführer, ein großer Mann mit schwarzem Haar, trat vor. Er sah seine Mitmenschen einige Sekunden lang an. Dann sagte er: »Der Dämon ist vernichtet. Er wird keinen von euch zu sich in sein finsteres Reich holen.«

Die Menschen atmeten auf. Und dann ging plötzlich ein Jubelsturm durch die Bewohner des Dorfes.

Kirchenglocken begannen zu läuten und trugen den Sieg des Guten weit über das Land.

Für die Menschen in dem kleinen Ort war heute die Nacht der Freude.

 

 

Über drei Jahrhunderte vergingen. Zeit und Natur deckten den Mantel des Vergessens über das Dämonengrab.

Neue Generationen wuchsen heran. Sie hatten andere Probleme, mussten die Tücken der aufkommenden Technik bewältigen.

Nur manchmal, besonders an langen Herbst- und Winterabenden, sprach man in den umliegenden Ortschaften noch von dem Dämonengrab. Meist waren es die Alten, die diese Geschichten erzählten. Sie wurden von den Jungen belächelt, doch auf den Hügel wagte sich keiner. Selbst die Schäfer mit ihren Herden mie­den den Ort.

Strauchwerk, Moos und Flechten hatten die Steine im Laufe der Zeit mit einem grünen Mantel bedeckt. Und der ewige Westwind bog das Gras wie mit einem riesigen Kamm.

Unten rauschte die Brandung gegen die Klippen. Das Meer war rau und wild und die nächste schützende Bucht eine gute Meile entfernt.

Als warnendes Mal stand das verwit­terte Holzkreuz auf dem Hügel. Es hatte die Jahrhunderte überstanden, als letzte Erinnerung an die Vernichtung eines schrecklichen Dämons.

Über lange Zeit hinweg hatte alles seinen normalen Gang genommen. Bis zum Jahr 1975.

Jetzt, in der Gegenwart, sollten noch einmal die Schrecken einer vergangenen Zeit beschworen werden. Grausamer und teuflischer als je zuvor.

Alles begann an jenem denkwürdigen Samstag in London.

 

 

Überlaut röhrten die schweren Motoren auf. Grauweißer Qualm drang aus den silberglänzenden Auspuffrohren. Der Krach pflanzte sich an den tristen Häu­serzeilen fort und kam als verstärktes Echo zurück.

Die Bewohner verschwanden schnell von der Straße. Sie zogen sich in ihre Wohnungen zurück und schlossen die Fenster.

Sie wussten, was kam, und bebten innerlich vor Angst.

Die Rocker waren in ihrem Element.

Fünf Typen waren es. Sie hatten sich am Anfang der Straße aufgebaut und hockten auf ihren schweren Maschinen. Rücksichtslos versperrten sie die Fahr­bahn, nicht einmal ein Fahrrad kam mehr durch.

Grellrote Helme bedeckten ihre Haare.

Nur der Anführer trug einen gelben. Die schwarzen Lederjacken glänzten. Mit weißer Farbe aufgepinselte Totenköpfe grinsten höhnisch. Die Gesichter der Rocker waren unter den Brillen nur zu erahnen. Wohl konnte der Beobachter die Kinnpartien sehen und Lippen, die sich fest zusammenpressten.

Die ebenfalls aus Leder bestehenden Hosen lagen eng an den Beinen. Hand­schuhe schützten die Hände.

Die Rocker waren startklar.

Der Anführer hob den Arm. Der Bur­sche fuhr eine Harley-Davidson 1200 Electra Glide.

Die anderen vier Rocker nickten. Sie hatten verstanden.

Und dann ging es los.

Wie vom Katapult geschnellt, zogen die Maschinen ab. Ein infernalischer Krach jagte durch die enge Straße. Fens­terscheiben begannen zu vibrieren.

Die Rocker fuhren wie vom Teufel be­sessen. Sie jagten über Bürgersteige und rasten dicht an den Hauswänden vorbei. Manch ängstliches Gesicht zuckte hinter den Scheiben zurück.

Zehn Sekunden nur, dann hatten sie die Straße geschafft.

Die Rocker wendeten.

Und wieder röhrten die Motoren.

Doch nun fuhren die Rocker hinterein­ander. Langsam, beinahe gesittet.

Der Schein trog.

Jeder der fünf Rocker hielt plötzlich einen faustgroßen Stein in der Hand. Diese Steine hatten sie unter den Lederja­cken verborgen gehabt. Sie dienten einem bestimmten Zweck.

Die Wurfgeschosse fegten durch die Luft. Sekunden später zerklirrten Fens­terscheiben.

Jeden Wurf begleiteten die Rocker mit einem gellenden Lachen. Für sie war es ein Siegesgebrüll.

»Jetzt die andere Seite!«, brüllte der Anführer, als sie die Straße wieder durch­fahren hatten.

Die Rocker drehten. Langsam fuhren die Maschinen an der rechten Straßen­seite vorbei.

Die nächsten Steine flogen. Ein Bro­cken knallte in die Schaufensterscheibe eines kleinen Lebensmittelgeschäfts. Der Besitzer hatte neben der Theke gestanden und nicht schnell genug in Deckung gehen können.

Der Stein streifte ihn am Kopf.

Mit klaffender Wunde fiel der Mann gegen ein Regal und rutschte daran zu Boden.

Kein Anwohner stellte sich der Ro­ckerhorde entgegen. Alle hatten sie Angst, denn diese Typen kannten keine Gnade.

Sie waren die Bestien auf ihren heißen Feuerstühlen. So pflegten sie sich meis­tens selbst zu nennen.

Insgesamt zehn Fensterscheiben waren zerstört worden. Doch das war erst der Auftakt gewesen.

Wie Raubkatzen glitten die Rocker von den Sätteln. Nebeneinander bockten sie ihre Maschinen auf.

Ihr Anführer stellte sich mitten auf die Straße. Er hatte beide Arme in die Hüften gestützt und die Beine leicht ge­grätscht. Diese Stellung hatte er mal bei einem Filmhelden bewundert und fand sie äußerst eindrucksvoll.

Der Rocker lockerte den Kinnriemen des Helms und brüllte: »Ich warte!«

Es war immer das gleiche Spiel. Die Leute, bei denen die Fensterscheiben zer­trümmert worden waren, mussten zahlen. Eine bestimmte Summe. Im Laufe eines Jahres kam dann jeder nochmals an die Reihe.

Einmal war die Polizei aufgekreuzt. Da waren die Rocker wie der Blitz ver­schwunden. Aber sie waren zurückge­kommen. Ein Mann hatte ihre Rache nicht überstanden. Er lag jetzt schon drei Monate unter der Erde.

Der Rockerchef hieß Tom Tarras. Tarras war siebenundzwanzig Jahre alt und gewalttätig bis in den letzten Nerv. Aber er hatte auch noch andere negative Qua­litäten. Er war gemein, verschlagen und tückisch. Erkannte alle Tricks. Unzählige Schlägereien hatten ihn abgestumpft.

Tarras hatte eine Idealfigur. Er war breit in den Schultern und schmal in den Hüften. Dabei befand sich kein überflüs­siges Gramm Fett an seinem Körper.

Sein Gesicht glich dem eines India­ners. Markant und von harten Linien durchfurcht. Die Augen waren von einer undefinierbaren Farbe. Eine lange Messernarbe zog sich quer über die Stirn des Rockers. Der Typ, der ihm dieses Zeichen beigebracht hatte, lebte heute auch nicht mehr.

»He! Soll ich hier versauern?!«, schrie Tarras.

Seine vier Kumpane lachten.

»Wir könnten den Mistkerlen ja noch mal Zunder geben«, schlug Soccer vor.

Soccer war ein Mischling. Seine Mutter hatte sich einmal mit einem Schwarzen eingelassen, und aus dieser Verbindung entstammte Soccer. Er war ein Meister in der Handhabung der Fahrradkette. »Wo Soccer hinschlägt, wächst kein Knochen mehr«, hieß ein geflügeltes Sprichwort in Rockerkreisen.

Soccers wulstige Lippen waren stets feucht. Auch ein Grund, warum er noch nie eine richtige Braut hatte. Außerdem strotzte sein Gesicht vor Pickeln. Soccer übernahm Aufgaben, die andere ablehn­ten.

Zögernd traten die ersten Menschen aus ihren Häusern. Es waren meist äl­tere Leute, die in dieser tristen Londoner Vorstadtstraße lebten und sich jetzt unter dem Terror der Rocker duckten. Es war bezeichnend, dass in der Straße kein ein­ziger Wagen parkte.

Personen

  • Tom Tarras, Rockerchef
  • Soccer, Mischling
  • Bewohner der Londoner Vorstadt
  • Red Bull, Tarras’ Stellvertreter, Unterführer der Bande
  • Ginny, Tarras’ Braut
  • Fabio Tosta, Italiener, Stiletto genannt
  • Skipper, ehemaliger Matrose
  • Dämon
  • Dave Lipton, Polizist
  • Jenny Sheer, Daves Freundin
  • James RickettBürgermeister von Scalford
  • John Sinclair, Oberinspektor bei Scotland Yard
  • Bill Conolly, Reporter
  • Sheila Conolly, Bills Ehefrau
  • Harold Ganter, Lokführer
  • Sergeant O’Hara

Orte

  • London
  • Scalford

Quellen:

  • Jason Dark: John Sinclair Classics. Geisterjäger John Sinclair. Band 26. Bastei Verlag. Köln. 28. 08. 2018
  • Thomas König: Geisterwaldkatalog. Band 1. BoD. Norderstedt. Mai 2000