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Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten – Teil 13

Geist-, Wunder-, Hexen- und Zaubergeschichten, vorzüglich neuester Zeit
Erzählt und erklärt von Gottfried Immanuel Wenzel
Prag und Leipzig 1793

Das Gespenst im Harnisch

Tief im finsteren Tannenwald hatte das Altertum einen Turm erbaut. Der Vergänglichkeit trotzend, drückte Stein auf Stein, Klammergriff in Klammer. Stolz stieg das Ganze langsam gen Himmel empor, und endete mit einer Kuppel von Kupfer. Eine eiserne Pforte nicht unähnlich der Pforte der Hölle, versperrte den Eingang. Drei Fenster, mit Gitterstangen und Balken verrammelt, brachten Tageslicht in das Innere des Turms, wenn anderes Tageslicht des Waldes Dämmerung heißt. Der Köhler im Walde segnete sich, wenn er sich dem Turm näherte. Der Tannen keine wurde gefällt, die nicht der Schritte tausend vom Turm entfernt war. Kein Vogel nistete unter der Kuppel, keiner wagte es, sich zu setzen auf die goldene Spitze, die hervordrang aus dem Bauch der Kuppel. In nächtlichen Stunden sahen oft Hirten und Köhler die engen Fenster beleuchtet, hörten fürchterliches Gepolter, sahen Gewitter zuströmen dem Turm und herabfließen das Feuer des Himmels an der goldenen Spitze der Kuppel. Ritter im Harnisch und glänzend wie die Strahlen des Mondes rauschten oft an ihren Hütten vorbei und dufteten Totengeruch. Mit jedem Jahresviertel, zur Zeit der Mitternachtsfeier, sprangen die Riegel von Stahl und öffneten sich die Schlösser der Pforte. Echo wiederhallte das Gerassel der Riegel von Stahl und das Quietschen der rostigen Schlösser. Da flohen Hirte und Köhler, da winselten die Hunde, da miauten die Katzen in bebenden Hütten.

So erzählten die Bewohner des Waldes vom Turm, so gaben sie die Kunde vom Turm dem Herrn des Waldes.

Dieser, kühn und rasch, beschloss zu lösen den Zauber.

Reisige, kühn und rasch gleich ihrem gebietenden Ritter, geleiteten den rüstigen Junker. Hundertjährige Eichen schoben sie der ehernen Pforte entgegen. Die Pforte entsprang der Angel nicht. Sie stiegen an die Gitter der Fenster, doch der Stahl brach mit Feuerfunken, der brechen sollte die Gitter oder sie heben aus der Fuge. Der Junker, zornig und schnaubend, vergaß der Gefahr und schwang sich am Seil die Kuppel hinauf. Die goldene Spitze der Kuppel hielt das Seil. Der Kupferplatten eine wich seinem Tritt und der Junker versank in die Höhle des Turmes.

Schon blinkten Sterne am Himmel über dem Wald, schon brachen sich die Strahlen des Mondlichts durch die Äste der Tannen. Reisige und Knappen und des Waldes Bewohner standen beängstigt am Fuß des Turmes.

Es wurde schwarz über dem Turm. Traurig blickte noch einmal der liebliche Mond auf die Wartenden herab und verhüllte sein Antlitz in düstere Welten. Die Sterne verloschen. Es donnerte in der Ferne. Der Nordwind tobte im Wald mit Brausen. Es blitzte über dem Turm. Eine Wolke riss und stürzte im Guss hernieder. Es knallte im Turm.

Reisige, Knappen und des Waldes Bewohner glichen den Tannen des Waldes.

Unbeweglich und stumm wie diese, standen sie da wie eingewurzelt der Erde. Ihr Blick hing am Turm. Die Zunge klebte ihnen am Gaumen im Harnisch.

Mit einem Mal rasselte es im Fenster des Turmes. Mit klingendem Getöne wichen die Gitter vom Fenster und eine Last fiel auf den mit Tannennadeln bedeckten Boden des Waldes. Es war der Junker, zerschmettert, sprachlos und dem Tode nahe.

Man brachte den Unglücklichen in die Hütte der Köhler. Dolchstiche hatten den Körper zerfleischt. Die Glieder waren gebrochen. Noch einmal hob der Sterbende sein mattes Haupt empor und erzählte stammelnd, wie er den Tod gefunden habe.

Hinabgesunken in die Höhlung der Kuppel, stürzte er von da noch tief in ein breites Gemach, ohnmächtig, sich zu heben von der Erde. Nur rufen konnte er; doch kein Ohr hörte den Ruf. Um Mitternacht öffnete sich die Tür des Gemachs und eine Gestalt im Harnisch stand vor ihm. Der Junker, gewaffnet mit geladenem Gewehr, schoss nach der Gestalt. Die Kugel drückte sich platt am Harnisch des Gespenstes.

»Verwegener, Ohnmächtiger«, sprach das Gespenst, »du wagst dich an Geister?«

Es fasste mit diesen Worten den Junker in die Arme. Es schien ihm, als senkten sich Dolche ins Fleisch, trug ihn über lange Gänge und Treppen hinweg und stürzte ihn des Turmes Höhe hinab. Noch dieselbe Nacht starb der Kühne. Am Morgen besah man des Turmes Fenster und sah sie vergittert wie vor, nur nicht emporgehoben war die gesunkene Platte der Kuppel. Und seitdem heißt es: Der Turm mit dem Geist im Harnisch.

So setzten die Bewohner des Waldes die Erzählung fort von Turm; so gaben ihre Enkel die weitere Kunde dem neuen Herrn des Waldes vom Turm.

Dieser, nicht weniger kühn und mutig, denn der männliche Junker, besah Turm und Kuppel und wollte Sieger werden am Turm, Sieger am Gespenst im Harnisch.

Leitern wurden verfertigt, Windewerk und Seil befestigt an die Kuppel, Ritter geladen zum nie gesehenen Kampf.

Der Kämpfer geharnischt, was Körper an ihm ist, gürtete Strick und Seil um Lenden und Brust und wurde zur Öffnung an der Kuppel gezogen. Die Ziehenden ließen nach am Seil, langsam kam der stattliche Ritter ins beschriebene Gemach, ohne Wunde und Verletzung. Ein Knall seines Pistols verkündet seine Ankunft dem Geist. Zur schwarzen Stunde der Mitternacht kam dieser. Ein bloßer Schein ging vor ihm her und Ketten rasselten hinter seinen Tritten.

Der Ritter: Erwarte weder Schuss noch Stich von mir. Stahl ist deine Brust, Stahl ist auch meine. Ich fürchte dich nicht.

Das Gespenst: Schwacher Sterblicher!

Der Ritter: So stark wie du, vielleicht noch stärker.

Das Gespenst: Wie verstehst du das?

Der Ritter: Wisse, sehr unwissender Geist, dass Männer, zu Hunderten an der Zahl, am Fuß des Turmes meiner harren! Ich bin … Komme ich mit Anbruch des Tages nicht, so zittere du und dein Anhang. Geistern deiner Art werden auch Menschen gefährlich!

Das Gespenst: Dieser Mut, dem Manne nur eigen, rettet dir das Leben. Was verlangst du von mir in dieser Feste?

Der Ritter: Antwort auf meine Fragen.

Der Ritter fragte und der Geist antwortete. Nach einigen Stunden öffnete sich die Pforte des Turmes und der Ritter trat als Sieger unter die seinen. Die Pforte verschloss sich mit schrecklichem Getöse.

»Es ist wirklich ein geharnischter Geist im Turm«, sagte der Ritter zu den Horchenden. Binnen eines Monats Zeit verließ er Turm und Wald. Die Zeit des Fluchs war um. Dann öffnete sich die Pforte der Stärke des Menschen und sicher ruhte dann der Mensch im Turm. Und nun seine Frage an mich, meine Freunde, so lang ich lebe.

Der Monat verfloss und offen stand die Pforte des Turmes am Morgen. Nicht mehr sahen Hirten und Köhler die Fenster des Turmes beleuchtet; nicht mehr hörten sie fürchterliches Gepolter im Turm. Keine Ritter im Harnisch und glänzend wie die Strahlen des Mondes rauschten mehr an ihren Hütten vorbei, und nicht mehr rasselten die Riegel von Stahl und quietschten rostige Schlösser. Nur Gewitterwolken sammelten sich wie zuvor über dem Turm und gossen ihr Feuer über die Kuppel.

Der Herr des Waldes starb und hinterließ der Geschichte

Aufschluss

Ich fragte den Geist, und er antwortete: »Fleisch und Blut sind mein Anteil wie der deine. Sterblich und verletzbar bin ich wie du, wenn dieser Harnisch meine Brust nicht stählt. Noch fünf andere meinesgleichen wohnen in diesem Turm. Mit jedem Jahr wechseln wir und andere treten an unsere Stelle. Wir sind Münzer. Zu diesem Geschäft schien unserem Vorfahren dieser Turm gebaut zu sein. Dazu gesellte sich noch der Glaube des Pöbels, dass es ein verwünschter Turm sei und von Geistern bewohnet werde, deren Rolle wir auch zu unserem Besten noch immer spielen. Und wisse, eben diese Vorfahren, waren Sprossen deiner Ahnen, trugen deinen Namen. Ha! Hättest du den nicht genannt, bei Gott, du hättest sterben müssen. Du bist der letzte deines Geschlechtes. Klugheit wird dich schweigen heißen, so lange du atmest. Zwar bist du in unserer Gewalt, doch fürchte nichts, fürchte jedoch alles, wenn je ein Wort, so lange du auf Erden wandelst, deiner Zunge entfährt, das diese Geschichte betrifft. Wir sind bereit, diesen Turm zu verlassen und verlassen ihn binnen einem Monat.«

Nun führte mich der Geharnischte in ein dunkles Gewölbe, erleuchtete solches. Ich sah mit Staunen eine vollständig eingerichtete Münze.

Er fuhr fort: »Du wirst gehört haben, dass die Hirten und Köhler oft um die Mitternachtszeit gewaffnete Gestalten gesehen haben. Unsere Brüder waren es. Als Gespenster, sicher vor Verdacht und Nachstellung, brachten sie die vor dem Wald uns zugesandten Lebensmittel in den Turm. Mit jedem Jahresviertel, eben unter dieser Firme geprägtes Geld in darauf wartende Hände und frisches Metall in die unsrigen. Wir beleuchteten oft die Fenster des Turmes, um den Glauben an Spukerei und Geister zu erhalten, der uns durch so viele Jahre so gut zustattenkam und dessen Stärke auszuforschen wir uns alle Mühe gaben. Oft sind wir mitten unter Köhlern und Hirten und tragen alles bei, die fürchterlichen Erzählungen vom Turm noch fürchterlicher zu machen, denn wir wissen, dass je unwissender der Geist des Menschen ist, er desto gieriger nach dem Wunderbaren greife und solches selbst erhöhe. So erfuhren wir durch unsere Kundschafter, dass sich oft Wetterwolken über dem Turm zusammenziehen. Bisher war dieses das Werk der Natur. Der Köhlerverstand machte es zum Wert der Gespenster und wir, damit es immer geschehe, zum Werk der Kunst. Die vergoldete Spitze an der Kuppel des Turmes ist ein Ableiter, der die Gewittermaterie an sich zieht, die Blitze einsaugt und in den Sumpf hinter dem Turm führt. Du bist der Zweite, der es je gewagt hat, in diesen Turm zu kommen. Dein Vorgänger wurde ein Opfer seines Vorwitzes. Sieh diesen Harnisch. Er ist voll verborgener Dolche, die mittelst der Beugung des Armes und der Brust hervorgestoßen werden. Unsere Sicherheit, auf den Fall eines Besuches mussten wir uns gefasst machen, forderte dieses grausame Mittel. Der tödlich Verwundete wurde hinabgeworfen, damit er, wenn ja noch Leben in ihm wäre, die Geistererscheinung ausbreiten und bestätigen könne. Dieses sicherte uns von einem anderen Besuche und machte den Turm und die Gegend furchtbar. Nun ist das Maß voll. Nach einem Monat sind Turm und Wald geräumt.  Nun folge mir, ich entlasse dich.«

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