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Fantômas – Kapitel 24

Hinter Schloss und Riegel

Nach der Voruntersuchung auf seine Identität und so weiter war Gurn in das Gefängnis von Sante verlegt worden. Zuerst schien der Gefangene große Schwierigkeiten zu haben, sich an die Strapazen der Haft zu gewöhnen. Er litt unter abwechselnden Paroxysmen von Wut und Verzweiflung, aber durch reine Charakterstärke kämpfte er diese nieder. Als Untersuchungshäftling hatte er Anspruch auf das Privileg einer Einzelzelle. In den ersten 48 Stunden hatte er sich seine Mahlzeiten von außen bringen lassen können. Seitdem hatte er jedoch kein Geld mehr, und er war gezwungen, sich mit der normalen Gefängniskost zu begnügen. Aber Gurn war nicht anspruchsvoll. Er war jener Mann, den Lady Beltham ausgesucht oder akzeptiert hatte, da ihr Geliebter oft den Nachweis einer überdurchschnittlichen Bildung und Intelligenz erbracht hatte. Doch nun wirkte er ziemlich gelassen in der Atmosphäre eines Gefängnisses.

Gurn ging schnell und allein im Hof herum, als eine atemlose Stimme in seinem Ohr erklang.

»Gütiger Gott, Gurn, Sie wissen, wie man marschiert! Ich wollte mich Ihnen für eine Weile anschließen, aber ich konnte nicht mit Ihnen mithalten.«

Gurn drehte sich um und sah den alten Siegenthal, den Leiter seines Bereiches, in dessen Zuständigkeit er speziell unterstellt war.

»Mein Gott«, keuchte der alte Kerl, »jeder könnte glauben, dass Sie in der Infanterie waren. Nun, ich auch, obwohl das weder gestern noch am Vortag war; aber wir marschierten nie so schnell wie Sie. Wir haben einen guten Marsch gemacht, wenn auch in Saint-Privat.«

Aus Mitleid mit dem anständigen alten Kerl verlangsamte Gurn sein Tempo. Er hatte die Geschichte der Schlacht von Saint-Privat schon ein Dutzend Mal gehört, aber er war durchaus bereit, Siegenthal wieder daran teilhaben zu lassen. Der Wärter jedoch wanderte zu einer anderen Stelle im Hof.

»Übrigens, ich habe gehört, dass Sie zum Sergeant in der Transvaal befördert wurden. Ist das so?« Als Gurn zustimmend nickte, fuhr er fort: »Ich habe mich nie über den Rang eines Korporals erhoben, aber auf jeden Fall habe ich immer ein ehrliches Leben geführt.« Ein plötzliches Mitgefühl für seinen Gefangenen ergriff den alten Mann. Er legte gütig eine Hand auf Gurns Schulter. »Ist es wirklich möglich, dass ein alter Soldat wie Sie, der ein so standhafter, seriöser und freundlicher Mann zu sein scheint, ein solches Verbrechen begangen haben kann?«

Gurn senkte seine Augen und antwortete nicht.

»Ich nehme an, da war eine Frau der Grund der Geschichte?«, sagte Siegenthal vorläufig. »Sie haben spontan gehandelt, in einem Anfall von Eifersucht, was?«

»Nein«, antwortete Gurn mit plötzlicher Deutlichkeit. »Ich kann es genauso gut zugeben, dass ich es aus Wut getan habe, weil ich Geld wollte – um des Raubes willen.«

»Es tut mir leid«, sagte der alte Wärter einfach. »Sie müssen ziemlich hart gewesen sein.«

»Nein, war ich nicht.«

Siegenthal starrte seinen Gefangenen an. Der Mann muss völlig gefühllos sein, wenn er so redet, dachte er. Dann schlug eine Uhr und der Wärter gab einen kurzen Befehl.

»Es ist Zeit, Gurn! Wir müssen zurückgehen.« Er führte den widerstandslosen Gefangenen die drei Treppen hinauf, die zu dem Bereich führten, in dem sich seine Zelle befand. »Übrigens«, bemerkte er, als sie gingen, »ich vergaß, Ihnen zu sagen, dass Sie und ich uns trennen müssen.«

»Oh?«, sagte Gurn. »Soll ich in ein anderes Gefängnis verlegt werden?«

»Nein, ich bin es, der geht. Ich wurde zum Chefwärter von Poissy ernannt. Ich gehe heute Abend in den Urlaub und übernehme meinen neuen Posten in einer Woche.«

Beide hielten vor der Tür von Zelle 127 an. »Gehen Sie hinein«, sagte Siegenthal. Als Gurn gehorchte, drehte er sich um und ging. Dann fuhr er schnell wieder herum und streckte seine Hand eilig aus, als hätte er etwa Angst, gesehen zu werden.

»Stell dir vor, Gurn«, sprach er, »zweifellos bist du ein Mörder und, wie du selbst gestanden hast, ein Dieb. Aber ich kann nicht vergessen, dass du Sergeant warst. Wenn du dich anständig verhalten hättest, hätte ich dir gehorchen müssen. Es tut mir leid für dich!«

Gurn war gerührt und murmelte ein Wort des Dankes.

»Ist schon gut, ist schon gut«, nuschelte Siegenthal und versuchte nicht, seine Gefühle zu verbergen. »Hoffen wir, dass alles gut wird.« Er ließ Gurn allein in dessen Zelle mit seinen Betrachtungen.

Zweimal dachte Gurn nach und verließ sich auf die Sympathie, von der er wusste, dass sie im Herzen des alten Wärters trotz der Anzahl der Kriminellen, die durch seine Hände gegangen waren, hervorgerufen worden war. Er war kurz davor gewesen, eine ernste und heikle Angelegenheit mit ihm zu besprechen; aber er hatte nicht wirklich gesprochen, da er von einem undefinierbaren Skrupel abgeschreckt wurde und halb vermutete, dass sein Antrag umsonst gestellt würde. Nun war er froh, dass er so vorsichtig gewesen war, denn selbst wenn der Wärter offen gewesen wäre, hätte sein bevorstehender Wechsel in ein anderes Gefängnis verhindert, dass die Idee zur Realität wurde.

Eine eintönige Stimme ertönte auf dem Gang.

»Nummer 127, Sie werden im Anwaltsbüro verlangt. Machen Sie sich bereit!« In der nächsten Minute wurde die Tür der Zelle geöffnet und ein vergnügt aussehender Wärter mit einem starken Gascogner-Akzent erschien. Gurn hatte ihn schon einmal bemerkt: Er war der zweite Wärter in dieser Abteilung, ein Mann namens Nibet. Zweifellos würde er an die Stelle von Siegenthal befördert werden, wenn der Oberwärter ging. Nibet blickte neugierig auf Gurn, eine gewisse Sympathie in seinen schnellen braunen Augen. »Bereit, Gurn?«

Gurn knurrte eine Antwort und zog seinen Mantel wieder an. Sein Anwalt war Maître Barberoux, einer der führenden Strafverteidiger der damaligen Zeit. Gurn hatte es für vernünftig gehalten, ihn für seine Verteidigung zu behalten, zumal es ihn persönlich nichts kosten würde. Aber er hatte keinen besonderen Wunsch, jetzt mit ihm zu sprechen. Er hatte ihm bereits alles gesagt, was er ihm sagen wollten und nicht die Absicht, den Fall als Sensation hochkommen zu lassen. Ganz im Gegenteil: Je schmeichelhafter der Fall war, desto besser wäre es seiner Meinung nach für seine Interessen, auch wenn Maître Barberoux zweifellos nicht in der gleichen Weise denken würde.

Aber er sagte nichts und ging nur vor Nibet entlang des Korridors zum Anwaltszimmer, so wie er es bereits kannte. Auf dem Weg dorthin kamen sie an einigen Maurern vorbei, die im Gefängnis arbeiteten. Diese Männer hielten an inne, um ihn beim Vorbeigehen zu beobachten, aber entgegen den Befürchtungen von Gurn schienen sie ihn nicht zu erkennen. Er hoffte, dass es bedeutete, dass der Mord bereits aufhörte, für die breite Öffentlichkeit ein Tagesgespräch zu sein.

Nibet drückte Gurn in den Raum der Anwälte und sagte respektvoll zu der Person, die sich darin befand: »Sie müssen nur läuten, Monsieur, wenn Sie fertig sind.« Er zog sich dann zurück und ließ Gurn zurück; nicht wie erwartet in Gegenwart seines Anwalts, sondern des Assistenten dieser Person, eines jungen Anwaltspraktikanten namens Roger de Seras, der auch ein unglaublich eitler Dandy war.

Roger de Seras begrüßte Gurn mit einem einnehmenden Lächeln und trat vor, als ob ihm die Hand geschüttelt werden sollte. Aber plötzlich fragte er sich, ob diese Handlung keine unangemessene Vertrautheit suggerieren könnte, und hob stattdessen seine Hand an den eigenen Kopf und kratzte ihn. Der junge Mann war noch neu in seinem Geschäft und wusste nicht so recht, ob es eine Umgangsform für einen Anwalt oder gar den Junior eines Anwalts war, einem Gefangenen die Hand zu schütteln, der offenkundig in einen Mord verwickelt war.

Gurn fühlte sich geneigt zu lachen, und war im Großen und Ganzen froh, dass es der Junior war, den er sehen musste. Die sinnlose Ausführlichkeit dieses sehr jungen Lizenziats könnte vielleicht amüsant sein.

Maître Roger de Seras begann mit einer höflichen, aber kurzen Begrüßung.

»Sie werden mich entschuldigen, wenn ich nur ein paar Minuten bleibe, aber ich bin sehr beschäftigt. Außerdem warten zwei Damen draußen in meiner Kutsche auf mich. Ich kann im Vertrauen sagen, dass sie Schauspielerinnen sind, alte Freunde von mir. Und, denken Sie mal, sehr ängstlich, Sie zu sehen! Das bedeutet, berühmt zu sein, Monsieur Gurn; nicht wahr?«

Gurn nickte, fühlte sich jedoch nicht übermäßig geschmeichelt.

Roger de Seras fuhr fort. »Nur um ihnen zu gefallen, habe ich eine Reihe von Anträgen an den Gouverneur des Gefängnisses gestellt, aber es gab nichts zu tun, mein lieber Junge. Dieses Biest eines Magistrats, Fuselier, besteht darauf, dass Sie in absoluter Abgeschiedenheit gehalten werden. Aber trotzdem habe ich Neuigkeiten für Sie. Ich weiß, was es heißt: Meine Freunde an den Gerichtshöfen nennen mich den rastlosen Paragraphen! Nicht schlecht, was?« Gurn lächelte und Roger de Seras wurde bestärkt. »Es hat mir nicht das Ende eines Höhenflugs beschert. Mein Führer vertritt Sie und ich kann jederzeit zu Ihnen kommen, wann immer ich will! Alle fragen mich, wie es Ihnen geht und wie Sie sind, und was Sie sagen und was Sie denken. Sie können sich selbst dazu beglückwünschen, dass Sie in Paris eine Sensation ausgelöst haben.«

Gurn fing an, sich von diesem ganzen Geschwätz zu langweilen.

»Ich muss gestehen, dass mich nicht im Geringsten interessiert, was die Leute über mich sagen. Gibt es in meinem Fall etwas Neues?«

»Absolut nichts, was mir bewusst ist«, antwortete Roger de Seras gelassen, ohne darüber nachzudenken, ob es etwas gab oder nicht. »Ich meine – Lady Beltham …«

»Ja?«, sagte Gurn.

Nun, ich kenne sie sehr gut, wissen Sie. Ich gehe schrecklich viel aus und habe sie oft getroffen: eine charmante Frau, Lady Beltham!«

Gurn wusste wirklich nicht, wie man den Idioten behandeln sollte. Er war gereizt und hätte mit ziemlicher Sicherheit etwas gesagt, das den geschwätzigen jungen Stümper an seine Stelle versetzt hätte, wenn sich dieser nicht plötzlich an etwas erinnert hätte, so wie er gerade dabei war, aufzustehen und zu gehen.

»Oh, übrigens«, sagte er lachend, »ich hätte fast das Wichtigste von allem vergessen. Einfach nur so, dieses Kerlchen Juve, der wunderbare Commissaire, von dem die Zeitungen schwärmen, war gestern Nachmittag bei Ihnen zu Hause, um eine weitere offizielle Suche durchzuführen!«

»Allein?«, fragte Gurn sehr besorgt.

»Ganz allein. Nun, was glauben Sie, was er gefunden hat? Der Ort wurde dutzende Male durchsucht, wissen Sie. Natürlich meine ich damit etwas Aufsehenerregendes. Ich wette mit Ihnen um tausend …«

»Ich wette nie«, blaffte Gurn. »Teilen Sie mir sofort mit, was es war.« Der junge Mann war stolz darauf, die Aufmerksamkeit des berüchtigten Mandanten seines Chefs erregt zu haben, wenn auch nur für einen Moment. Er hielt inne, wackelte mit dem Kopf und wog jedes Wort ab, um ihnen mehr Gewicht zu verleihen.

»Er hat eine Generalstabskarte in Ihrem Bücherregal gefunden, mein lieber Junge – eine Generalstabskarte, die ein wenig zerfetzt ist.«

»Oh! Und was dann?«, fragte Gurn stirnrunzelnd.

Der junge Anwalt bemerkte nicht den Gesichtsausdruck des Mörders.

»Nun, dann scheint es, dass Juve es für sehr wichtig hielt. Unter uns, meine Meinung ist, dass Juve versucht, furchtbar schlau zu sein und es schafft, uns zum Narren zu halten. Wie, frage ich Sie, kann die Entdeckung dieser Karte Ihren Fall oder die Entscheidung der Jury beeinflussen? Übrigens, Sie brauchen sich keine Sorgen um das Ergebnis zu machen. Ich habe eine erschreckende Menge Erfahrung in Strafsachen gemacht, und deshalb können Sie sicher sein, dass es Ihnen nicht schadet: mildernde Umstände, wissen Sie. Aber – oh, ja, es gibt noch eine Sache, die ich Ihnen sagen wollte. Bei der Verhandlung wird ein neuer Zeuge hinzugezogen. Lassen Sie mich sehen, wie heißt er? Dollon. Das ist es: der Steward Dollon.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Gurn. Er ließ seinen Kopf hängen und sein Blick nach unten gerichtet.

Ein Lichtschimmer dämmerte im Gehirn des jungen Lizenziats.

»Warten Sie, es gibt eine Verbindung«, sagte er. »Der Steward Dollon ist in der Anstellung einer Dame, die sich Baronne de Vibray nennt. Und die Baronne de Vibray ist der Vormund für die junge Dame, die am Tag oder besser gesagt in der Nacht bei Lady Beltham wohnte, wenn Sie – Sie – wissen schon. Diese junge Dame, Mademoiselle Therese Auvernois, wurde durch Monsieur Etienne Rambert bei Lady Beltham vermittelt. Monsieur Etienne Rambert ist der Vater des jungen Mannes, der im vergangenen Jahr die Marquise de Langrune ermordet hat. Ich sage Ihnen all diese Dinge, ohne zu versuchen, daraus Schlüsse zu ziehen, denn ich selbst habe nicht die geringste Ahnung, warum der Steward Dollon in unserem Fall überhaupt vorgeladen wurde.«

»Ich auch nicht«, sagte Gurn. Die Stirnrunzeln wurden tiefer.

Roger de Seras war auf der Suche nach seinen Handschuhen und fand sie in seiner Tasche.

»Nun, mein lieber Freund, ich muss Sie verlassen. Wir haben eine ganze halbe Stunde lang geplaudert, und diese Damen warten immer noch auf mich. Was um alles in der Welt werden sie zu mir sagen?«

Er war dabei, nach dem Wärter zu läuten, als Gurn plötzlich bei ihm stand.

»Sagen Sie es mir«, sagte er mit einem plötzlichen Hauch von Interesse, »wann kommt dieser Mann – wie heißt er? Dollon?«

Der junge Anwalt war kurz davor zu sagen, dass er es nicht wusste, als ihm eine brillante Idee in den Sinn kam.

»Mein Gott, wie schrecklich dumm von mir! Ich habe eine Kopie des Telegramms, das er dem Magistrat geschickt hat, in meiner Mappe hier.« Er öffnete sein Portefeuille und holte ein Blatt blaues Papier heraus. »Hier ist es.«

Gurn ergriff es von ihm und las: Verlasse Verrieres morgen Abend mit dem Zug um 7.20 Uhr, Ankunft in Paris 5 Uhr morgens …

Gurn schien damit hinreichend informiert zu sein: Er beachtete jedoch nicht den Rest der Botschaft. Der Mörder von Lord Beltham übergab das Dokument ohne ein Wort an den Anwalt zurück.

Wenige Minuten später hatte sich Maître Roger de Seras wieder seinen Freundinnen angeschlossen, und der Gefangene war wieder in seiner Zelle.

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