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Gold Band 3 – Kapitel 4.1

Friedrich Gerstäcker
Gold Band 3
Ein kalifornisches Lebensbild aus dem Jahre 1849
Kapitel 4.1

Alte Bekannte

Einen alten Schiffsbekannten von uns haben wir lange aus den Augen gelassen: den Doktor Rascher, der schon vor Hetsons in die Berge abgegangen war, seinen botanischen Forschungen obzuliegen. Später dann, wenn er in dem blumenreichen Land »geerntet, wo er nicht gesät«, wie er meinte, gedachte er mit der ihm befreundeten Familie in jenem Minenstädtchen, nachdem ihr Ziel lag, wieder zusammenzutreffen.

An ein mäßiges, einfaches Leben von Jugend auf gewöhnt, hatte der alte Mann auch nicht viel Bedürfnisse, und mit der wundervollen, ihm ganz neuen Flora um sich her, ließ er sich gern gefallen mit einbrechender Nacht entweder in dem einzelnen Zelte eines zufällig aufgefundenen Goldwäschers zu übernachten, oder auch wenn es eben nicht anders ging, unter einem Baum mitten im Walde auszulagern. Das Maultier, das er für seine Sammlungen, für seine Decken und sein Kochgeschirr mit sich führte, weidete dann das Gras in seiner Nähe ab, und am nächsten Morgen, wenn der Tau abgetrocknet war, zog er fröhlich weiter.

Die Goldwäscher, denen er hier und da begegnete, oder zu denen er selber kam, wunderten sich freilich einen Mann dort in den Bergen umherstreifen zu sehen, der weder Spitzhacke, noch Schaufel, noch Pfanne mit sich führte, und eben nur Pflanzen mit der Wurzel ausrupfte und in seine Blechbüchse oder dazu gehaltene Papiere legte. Der alte Mann hatte aber etwas so Anständiges und Freundliches in seinem ganzen Wesen, dass ihm niemand ein spöttisches Wort darüber zu sagen wagte; im Gegenteil gaben ihm selbst die Amerikaner häufig Stellen an, wo sie ihnen aufgefallene Blumen und Pflanzen gefunden hatten.

So war er etwa fünf bis sechs Tage in den Hügeln herumgestiegen, und mit der gemachten Ausbeute so zufrieden, dass er beschloss, seinen Kurs zum Paradiese zu halten. Dort gedachte er eine Zeit lang bei Hetsons zu bleiben, die Flora in der Nachbarschaft zu untersuchen, und dann seinen Stab weiter zu setzen. Wohin blieb sich ziemlich gleich, so er nur Neues fand für seinen Zweck.

So wenig schien er sich aber bis jetzt um irgendeine Richtung, der er folgte, bekümmert zu haben, dass er gar keine Ahnung hatte, ob er sich östlich, westlich, nördlich oder südlich vom sogenannten Paradies befand. Er musste deshalb also erst sehen, dass er irgendjemanden im Wald traf, der ihm die Richtung dorthin angeben konnte.

An einer ziemlich offenen Bergwand mit seinem Tier am Zügel langsam hinschreitend, entdeckte er da unten im Tal einen einzelnen Goldwäscher. Das fiel ihm jedoch nicht besonders auf, denn soviel hatte er schon vom kalifornischen Minenleben kennengelernt, dass sehr häufig Einzelne, mit der Stelle, an der sie bis dahin gearbeitet hatten, nicht recht zufrieden ihr Handwerkszeug und einige Provisionen auf die Achsel nahmen und aufs Geratewohl in die Berge hineinzogen, an anderen Stellen zu graben und sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Den gefunden, gingen sie dann zurück, holten ihr Zelt und anderes Geschirr nach und siedelten sich zeitweilig an der neuen Stelle an. Solches Umherstreifen, einen anderen Arbeitsplatz zu finden, nannten die Leute dann prospektieren.

Der Art Männer wussten aber auch gewöhnlich vortrefflich in der Nachbarschaft Bescheid, die sie vielleicht schon wochenlang durchzogen hatten. Doktor Rascher beschloss deshalb hier zu Tal zu steigen und sich bei dem Mann nach seinem verlorenen Paradies, wie er lachend vor sich hin murmelte, zu erkundigen.

Unterwegs, an dem schattigen Berghang, fand er freilich wieder manche Pflanze, die ihn aufhielt und fesselte. So war es denn ziemlich Mittag geworden, ehe er das eigentliche Tal selbst, und damit auch den einzelnen Goldwäscher erreichte, der ganz still und heimlich das kleine Bergwasser nach seinen Schätzen untersuchte. Doktor Rascher malte sich auch in seiner gemütlichen Weise schon ein Bild von dem Manne aus – ein abgehärteter Amerikaner, der hier zufällig den reichsten Boden gefunden hatte und das kostbare Metall in Masse aus der Erde wusch. Vielleicht war er schon jetzt in Verzweiflung, wie er, unbemerkt von bösen Menschen, das wertvolle Gewicht nach San Francisco schaffen solle, und brütete dort unten über seinem Schatz, den er wie ein Argus bewachte, ohne zu wagen, ihn zu verlassen. Möglich, dass der Unglückliche solcher Art in der Wildnis verschmachten musste.

Der Mann arbeitete, ihm den Rücken zugedreht. Auf dem weichen Boden und bei dem Rascheln und Schütteln seiner eigenen Maschine konnte er die Schritte des Nahenden nicht gut hören. Doktor Rascher war denn auch ganz geräuschlos an ihn hinangekommen und fürchtete jetzt nicht mit Unrecht, ihn durch einen plötzlichen Anruf zu erschrecken, wonach er dann vielleicht eine jedenfalls neben ihm liegende gespannte Büchse oder einen Revolver aufgreifen und in die Höhe springen würde. Mit einem leisen Anflug gutmütiger Neckerei freute er sich aber auch wieder auf diesen Moment. Da das Maultier ebenfalls ganz ruhig dicht hinter seinem Herrn hergegangen war, so hatten die beiden den Goldwäscher auf kaum fünf Schritt erreicht und ihn also förmlich überrumpelt, ohne dass er auch nur eine Ahnung von ihrer Nähe haben konnte.

Nun hatte er ihn, wie er ihn haben wollte, und rief mit ziemlich lauter Stimme: »Guten Morgen!«

Anstatt aber in einem panischen Schreck jäh empor zu fahren, wie es sich der Doktor gedacht hatte, blieb der Mann, ohne auch nur einmal den Kopf umzudrehen, ruhig sitzen,und antwortete bloß, als ob er irgendeinem Bekannten auf der Straße begegnet wäre, ebenfalls in deutscher Sprache: »Guten Morgen.«

»Nun, das nenne ich kaltblütig«, murmelte Doktor Rascher still in sich hinein und schritt jetzt an dem vollkommen dagegen gleichgültigen Burschen dicht vorbei, das Gesicht eines so merkwürdigen Philosophen zu betrachten. Der Goldwäscher sah auch dabei kaum von seiner Arbeit auf. Nur als das Maultier eben so dicht an ihm vorüberkam, drehte er den Kopf etwas zur Seite und fragte: »Schlägt der Racker?«

»Nein«, antwortete der Doktor, »es ist ein ganz gutes Tier.«

»So? Die Bestien sind sonst verwünscht flink mit den Hinterbeinen, und neulich hat mich einmal eins hierher getroffen, dass ich acht Tage nicht sitzen konnte.«

Er machte dabei, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, eine höchst bezeichnende Bewegung. Der Doktor konnte sich nicht helfen, er musste gerade hinaus lachen.

»Ja – Sie haben gut lachen«, sagte der Goldwäscher und arbeitete ruhig weiter.

Wie ihn Doktor Rascher aber betrachtete, kam ihm das Gesicht bekannt vor, obwohl es schwer war, in seinem jetzigen Zustand bestimmte Züge herauszufinden. Der Bursche hatte sich keinesfalls in den letzten fünf oder sechs Wochen rasiert und wahrscheinlich auch in derselben Zeit nicht gewaschen. Ebenso lange trug er allem Anschein nach das Hemd, in dem er arbeitete. Unter dem alten zerknitterten Strohhut, der ihm möglicherweise nachts zum Kopfkissen diente, schauten die langen struppigen blonden Haare sehnsüchtig nach einem Kamm hervor und spreizten sich auch hier und da aus einzelnen Öffnungen der Kopfbedeckung heraus.

Es war das echte, aber traurige Bild eines verwahrlosten Menschen, dem die Einwirkung von außen fehlte, sein eigenes Selbst in Ordnung zu halten, wie auch die Kraft, das selbst aus sich heraus zu tun, wozu ihn andere vielleicht gezwungen hätten. Ein Europäer, zu all den schlechten und eklen Eigenschaften eines Indianers herabgesunken, ohne eine Einzige seiner besseren dabei anzunehmen. Ein verlorenes Subjekt, nicht allein Kalifornien, sondern manchen anderen wilden Ländern – sowohl der amerikanischen Wildnis als auch dem australischen Busch – eigen, das sich nur eben in einer schmutzigen Vegetation am Leben hielt und doch dabei nach Gold grub.

»Sagen Sie einmal, lieber Freund«, nahm der Doktor Rascher endlich das Wort auf, »sind wir beiden nicht einmal irgendwo zusammengetroffen?«

»Nicht, dass ich wüsste, Herr Doktor«, antwortete der Miner.

»Ja, aber Ihr kennt mich doch?«

»Nu ja«, erwiderte der Mann, »warum soll ich Sie denn nicht kennen. Wir haben ja die ganze lange Seereise mitsammen gemacht.«

»Ja so«, sprach Rascher, »Ihr wart im Zwischendeck?«

»Ich war so dumm«, erwiderte jener mit merkwürdiger Freimütigkeit, »und bin in dem Marterkasten nach diesem verdammten Kalifornien herübergeliefert worden, Passage bezahlt und alles, und frei Speck und Erbsenbrühe.«

»Aber hier seid Ihr doch hoffentlich für jene Entbehrungen und Beschwerden reichlich entschädigt worden.«

»Wer? Ich? Ich möchte wissen, wo?«, brummte der Bursche verdrießlich in den Bart. »Nur soviel wollte ich, dass ich mir den neuen Hof in Hesselbach kaufen könnte, und jetzt rackere ich hier schon fünf Wochen in den Bergen herum, lebe wie ein Hund, arbeite wie ein Pferd und habe noch nicht einmal genug zusammen, bloß um die Grenzsteine zu bezahlen. Wenn ich nur die Zeitungsschreiber hier hätte, die ihre verfluchten Lügen in Deutschland ausgebreitet haben. Herr Gott von Meinungen …« Im verbissenen Grimm über seine verfehlte Bestimmung schüttelte er die Maschine mit solcher Kraft und Gewalt, als ob er eben eines jener unglücklichen herbeigewünschten Individuen am Kragen hätte und seine Wut jetzt an ihm auslassen wolle.

Der Doktor lächelte, und doch tat ihm der Mann leid, der hier mit einem ganzen Berg zertrümmerter Hoffnungen in der Wildnis saß und mit sich, Gott und der Welt grollte. Die Gesellschaft war aber auch nicht übermäßig angenehm, sich zu lange mit ihm einzulassen. Er versuchte deshalb das von ihm zu erfragen, was er zu wissen wünschte, um seinen Weg dann fortzusetzen.

»Seid Ihr hier in der Gegend bekannt, Freund?«, sagte er deshalb nach kurzer Pause.

»Ich? Ich sollt’s denken«, erwiderte der Mann. »Ich kenne hier herum jeden Fleck, wo nichts liegt. Sehen Sie da – dort – da drüben – da oben – all die Löcher habe ich ganz allein gegraben, und Platz genug ist da, dass eine Million hätte drinstecken können.«

»Nein, ich meine in den benachbarten Minen?«

»Was gehen mich die benachbarten Minen an«, knurrte aber der Deutsche. »Ich habe von Kalifornien schon mehr gesehen, als mir lieb ist.«

»So könnt Ihr mir also nicht sagen, wo das sogenannte Paradies liegt?«

»Sogenannte Paradies?«, wiederholte aber der Mann und sah den Frager erstaunt an, denn er mochte vielleicht denken, er wolle ihn zum Besten haben. »Na, wenn Sie hier in dem vermaledeiten Kalifornien ein Paradies suchen, da wünsche ich Ihnen viel Glück. Sollten Sie es aber wirklich finden, da bitte lassen Sie mich es wissen, Doktor. Sie brauchen ja nur der Botenfrau ein paar Zeilen mitzugeben. Paradies – ja, schönes Paradies, Eldorado und wie sie es noch sonst in den Büchern nannten. Dass es der Teufel hole, sobald ich nur erst einmal wieder draußen bin.«

Der Doktor sah bald, dass von dem Mann, der hartnäckig wie ein Maulwurf das ganze Tal unterminiert hatte, nichts zu erfragen war. Es interessierte ihn aber doch zu sehen, wie und auf welche Weise dieser griesgrämige Geselle hier eigentlich existiere.

Eine Wohnung, Zelt oder Hütte, konnte er nirgend entdecken, und doch befand sich dicht neben seinem Arbeitsplatz eine Feuerstelle, bei der ein paar Blechtöpfe und ein kleiner eiserner Kessel hingen.

»Wo wohnt Ihr denn eigentlich?«, fragte er endlich, »verlasst Ihr den Bach gar nicht, und bleibt Ihr Tag und Nacht hier?«

»Mein Schlafzimmer ist gleich hinter dem Baum«, antwortete der Deutsche aber, ohne von seinem Sitz aufzustehen. »wenn Sie es sich einmal ansehen wollen, es ist wirklich der Mühe wert. Nur noch nicht ordentlich eingerichtet.«

Dr. Rascher ging über den Bach auf einem schmalen, rechts und links abgegrabenen Damm, sah sich aber auch dort vergebens nach einem Zelt um und schaute ungewiss nach dem Mann zurück.

»Gleich hinter dem Baum, sag ich Ihnen ja«, rief aber dieser.

Der Doktor, der noch ein paar Schritte nach vorn machte, fand sich im nächsten Augenblick der Höhle dieses wild gewordenen deutschen Staatsbürgers gegenüber.

Der Platz selbst wäre seiner Aufmerksamkeit aber sogar jetzt noch vielleicht entgangen, denn der Eingang zu diesem eigentümlichen und jedenfalls sehr primitiven Schlafplatz bestand nur in einem roh in den Berg gehackten etwa drei Fuß hohen und ebenso breiten Loch, über das sogar von oben nieder noch einige, vielleicht absichtlich dort nicht fortgenommene Büsche hingen. Rechts und links davon waren aber zwei gespaltene helle Brettchen aufgesteckt, die das Auge rasch anzogen. Auf einem von diesen stand mit Kohle, aber höchst unorthographisch geschrieben: Hier liegen Selbstschüsse!

Und auf dem anderen: Verbotener Eingang!

Links davon war der Kleiderschrank: in die nämliche Kiefer wenigstens, deren Stamm den Eingang verdeckte, hatte der Mann einen Pflock eingeschlagen. An diesem hing ein früher einmal wohl erbsgelb gewesener Mantel mit unzähligen Kragen, während darunter ein arg verschossener, grünbaumwollener Regenschirm lebensmüde mit dem abgebrochenen Griff an der rauen Rinde lehnte.

»Und da wohnt Ihr wirklich, Freund?«, rief der Doktor, von solcher Einfachheit in der Tat überrascht.

»Allerdings«, sagte der Deutsche, indem er einen Augenblick mit Schaukeln innehielt, wieder frische Erde auf die Maschine zu schütten. »Wenn Sie einmal nähertreten wollen, so genieren Sie sich nicht. Das mit den Selbstschüssen ist nur so daran geschrieben, wenn ich einmal weg wäre und so ein verwünschter Indianer wollte hier herumspionieren.«

»Ich danke Euch«, sagte aber der Doktor, der nach dem, was er vom Eigentümer selbst da draußen gesehen hatte, gar keine besondere Lust verspürte, in dieses Loch hineinzukriechen. »Wenn Ihr aber nun hier, so ganz allein, einmal krank werdet.«

»Ach was«, sagte der Mann, »ich bin in meinem Leben nicht krank gewesen – nicht einmal seekrank.«

Doktor Rascher konnte sich noch immer nicht über den Burschen und sein Leben zufriedengeben und betrachtete sich bald diesen, bald seine »Schlafstelle«, indem er bedenklich dazu mit dem Kopf schüttelte. Da der Deutsche aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm nahm, hielt er es auch für besser, sich nicht länger aufzuhalten, sondern sobald als möglich andere Menschen aufzusuchen, die ihm über das Verlangte bessere Auskunft geben konnten.

»Könnt Ihr mir nicht wenigstens sagen«, wandte er sich deshalb noch einmal an ihn, »wo ich am nächsten zu anderen Goldwäschern oder zu irgendeinem Handelszelt komme?«

»Den Bach hinunter«, war die ganze Antwort, die er erhielt.

»Na dann lebt wohl, mein Bursche, und ich will Euch wünschen, dass Ihr fortan in Eurem Graben glücklicher seid, als bisher.«

»Könnt es gebrauchen«, antwortete der Mann, und begann wieder an seiner, jetzt aufs Neue gefüllten Maschine zu schaukeln.

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