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Des Teufels Abenteuer …

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Die Sage von den Hexen des Brockens – Teil 1

Die Sage von den Hexen des Brockens – Teil 1
und deren Entstehen in vorchristlicher Zeit durch die Verehrung des Melybogs und der Frau Holle
Historische bearbeitet von Ludwig Wilhelm Schrader

Vorrede

Mein Freund, der Archivarius Schrader zu Wittgenstein hat mir nachstehende Schrift zugeschickt. Ich habe dieselbe durchgelesen, und gefunden, dass sie für Geschichts- und Sprachforscher, die Harzbewohner und namentlich die Brockenbesucher von Interesse und respektive von Nutzen sein würde, wenn sie gedruckt erschiene, weshalb ich kein Bedenken trage, selbige drucken zu lassen.

Hasserode

Dr. Freytag

Ludwig Heinrich Christoph Hölty

Hexenlied

Die Schwalbe fliegt,
Der Frühling siegt,
Und spendet uns Blumen zum Kranze!
Bald huschen wir
Leis’ aus der Tür,Und fliegen zum prächtigen Tanze!

Ein schwarzer Bock,
Ein Besenstock,
Die Ofengabel, der Wocken,
Reißt uns geschwind,
Wie Blitz und Wind,
Durch sausende Lüfte zum Brocken!

Um Belzebub
Tanzt unser Trupp,
Und küsst ihm die dampfenden Hände;
Ein Geisterschwarm
Fasst uns beim Arm,
Und schwinget im Tanzen die Brände!

Und Belzebub
Verheißt dem Trupp
Der Tanzenden Gaben auf Gaben;
Sie sollen schön
In Seide gehn,
Und Töpfe voll Goldes sich graben.

Die Schwalbe fliegt,
Der Frühling siegt,
Und Blumen entblühn um die Wette!
Bald huschen wir
Leis’ aus der Tür,
Und lassen die Männer im Bette!

Kapitel 1

Der Eindruck, den die Umsicht vom brocken seinen Besuchern gewährt, ist von einer so erhabenen Art, wie ihn die übrigen Berge Deutschlands, wenn gleich höher, nicht darbieten. Dies hat daher wohl vorzüglich dazu beigetragen, dass er die Berühmtheit erhalten hat, von der die große Zahl seiner jährlichen Besucher ein Zeugnis gibt. Nicht weniger ist hierbei aber wohl die Sage von Einfluss gewesen, nach welcher der Teufel mit seinen Gefährten in der Nacht vor dem ersten Mai eine große Feierlichkeit auf ihm hält, bei der die sämtlichen Hexen erscheinen. Diese nehmen ihren Weg dahin durch die Luft, indem sie auf verschiedenen Tieren wie Gänse, Ziegenböcke usw., desgleichen auf Besen und Ofengabeln dahin reiten. Der ängstliche Landmann bekreuzt daher am Abend vor dieser Feierlichkeit die Türen seiner Ställe und glaubt auf diese Weise es bewirkt zu haben, dass sein Vieh, besonders das Jungvieh, zu solchen Gewaltritten, auf denen keine Erholung ist, nicht missbraucht werde. Selbst das Schlafgemach versieht der Aberglaube mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes, damit die Schlafenden nicht etwa gegen ihren Willen vom Teufel zu der Brockenfeierlichkeit abgeholt werden. Ja, gegen jeden Schabernack an lebendigen und leblosen Dingen, dessen man sich in dieser Nacht vom Teufel und seinen Gefährten zu gewärtigen hat, wird das Zeichen des Kreuzes in seiner heiligen Zahl Drei angewendet. Von zwei der größten Felsstücke auf dem Brocken führt das größte den Namen Hexenaltar, das zweite Teufelskanzel. Auf Letztgenannten soll der Böse seinen Gästen vorpredigen; auf dem Altar aber werden angeblich die Speisen des Mahls bereitet, welches die versammelte Gesellschaft der Unholde und ihre Begleiter verzehren. Das hierzu erforderliche Wasser liefert der benachbarte Hexenbrunnen. Den Schluss der Feierlichkeit macht ein Ball, auf dem der Teufel als Gastgeber mit jeder der Hexen bis zu deren Erschöpfung tanzt. Selbst diejenigen, die an diese Feierlichkeit nicht glauben, benutzen am Morgen des 1. Mai die Sage von ihr zu einem Scherz, indem sie diese als stattgefunden voraussetzen und sich bei Bekannten danach erkundigen, wie solche ihnen bekommen ist.

Kapitel 2

Diese Sage ist weit verbreitet, und in manchen, dem Brocken entfernt liegenden Orten wird diese am Abend vor dem 1. Mai stärker in das Gedächtnis zurückgerufen, als in den Ortschaften der Umgebung des Brockens. Sie ist von einer so sonderbaren Art, dass wohl bei jedermann das Verlangen vorhanden sein muss, dem wahren Ursprung derselben auf die Spur zu kommen. Wie aber überhaupt Sagen selten zur urkundlichen Gewissheit erhoben werden können, so stellen sich auch hinsichtlich der Sage von den Hexen des Brockens wenig Anzeichen dar, aus denen die Veranlassung dazu, ohne Anlass zu Zweifeln zu geben, gefolgert werden könnte. Mancher hält daher die ganze sage für eine reine Fabel, die lediglich im Gehirn des Aberglaubens entstanden ist. Allein solche Urteile werden in der Regel mit Unrecht von den Sagen gefällt und so der Stab über eine Quelle der Geschichte gebrochen, die, wenn sie mit Vor- und Umsicht benutzt wird, häufig sehr ersprießlich werden kann.

Ein solches Schicksal hat indes die Hexensage nicht allgemein gehabt. Man hat es vielmehr bereits mehrfach versucht, ihr Entstehen aus der Geschichte aufzuzeigen. Die allgemeine Meinung hierüber ist, dass sie zur Zeit Karls des Großen veranlasst sei. So behauptet zum Beispiel B. Petersen, dass es vor Karl dem Großen gar keine Hexen gegeben habe, sondern dass die sage davon erst zu seiner Zeit entstanden sei. Auch der Harzbote, Jahrgang 1833, gibt hierüber eine Mitteilung, welche die Zeit der Entstehung der Sage ebenfalls unter die Regierung Karls des Großen setzt. Als Kaiser Karl der Große, so wird berichtet, auch die Ostfalen überwältigt hatte, ließ er alles, was an das sächsische Heidentum erinnern konnte, zerstören, besonders auch die Opferfeste beseitigen. Da nahmen die noch immer geheimen Anhänger der alten Bräuche ihre Zuflucht in den Waldungen und Gebirgen des Harzes, namentlich zu dem damals schwer zugänglichen Gipfel des Brockens, um hier die alten feste zu feiern. Sobald aber Kaiser Karl hiervon Nachricht erhielt, ließ er zu den Zeiten der vornehmsten jener Feste die Pfade sorgfältig bewachen. Gewalt konnte hier nun den unterjochten Sachsen nicht helfen. Sie nahmen also ihre Zuflucht zur List. Sie verkleideten sich mit scheußlichen Larven, erschreckten durch solche Teufelsgestalten die abergläubischen Wachen, dass diese davon liefen und der Weg wieder frei wurde. Auf diese Weise also sollen sich die Heiden nicht nur den Zugang zum Brocken verschafft haben, sondern auch bei den Nichtheiden die Sage von den Hexen entstanden sein.

Kapitel 3

Bei Würdigung dieser Erklärung der Sage muss man aber zunächst berücksichtigen, dass die wachenden Personen dem Heidentum noch sehr nahe standen, daher mit den Gebräuchen desselben genau bekannt waren, überdies keine Hasen waren und dass es daher sehr unwahrscheinlich erscheint, es sei den Heiden gelungen, sie durch Larven zu erschrecken. Hierzu kommt nun noch, dass man bei Einführung des Christentums gar nicht so intolerant war und die Heiden mit Gewalt von ihren Bräuchen zu bringen suchte. Waren sie erst getauft, dann war es die Sache der Priester, ihnen die heidnischen Sitten abzugewöhnen. Und was für Priester hatten denn die alten deutschen? Man irrt sich ganz stark, wenn man annehmen wollte, dass dies lauter Bonifacii, Ludgeri usw. gewesen seien. Es gab auch Priester, die da tauften und sonstige christliche Gebräuche vornahmen, nebenher aber auch die Opfer der Heiden besorgten. Verlaufene Knechte suchten sich die Tonsur zu verschaffen und übten nach dem Verlangen der Laien den christlichen und heidnischen Gottesdienst aus. Selbst in Italien hat man Denkmale vorgefunden, auf denen sich die dii names und der Heilige Geist zugleich befanden. Man darf sich daher um so weniger wundern, wenn sich der heilige Bonifazius sich über die Vermischung des Heidentums mit der christlichen Religion in Deutschland so sehr beklagt und christliche Priester angetroffen hat, die den Götzen an Bäumen, an Bächen, auf Bergen usw. opferten. Ja, nachdem man auch dahin gekommen war, die Bäume, Berge, Bäche usw. für nicht heilige Orte zu erkennen, glaubten die Christen noch lange ihre Opfer in der Nähe einer Kirche oder zu Ehren eines christlichen Heiligen bringen zu dürfen. Noch im 11. Jahrhundert verehrte man in Deutschland Sonne, Mond und Sterne und glaubte bei einer Mondfinsternis dem Mond das von bösen Wesen geraubte Licht durch Geschrei wieder zu bewirken. Am Neujahrstag bereitete man für die Götzen einen besonderen Tisch mit Fackeln und Speisen und sang und tanzte auf den Straßen den Götzen zu Ehren. Mit einem Schwert umgürtet setzte man sich auf das Dach oder auf einer Ochsenhaut auf einen den Götzen geheiligten Scheideweg, um hier die Ereignisse des folgenden Jahres aus den von den Götzen gegebenen Zeichen zu erfahren. In der Neujahrsnacht backte man Brot, um aus dem Aufgehen desselben das Glück des folgenden Jahres zu erkennen. Vorzüglich aber war die Verehrung der Nornen Urd, Verdandi und Skuld im Gange. Von ihnen glaubte man, dass sie den Menschen zu allem bestimmen könnten, wozu sie wollten. Sie konnten dem Neugeborenen sogar die Fähigkeit geben, sich in einen Werwolf usw. zu verwandeln. Die Mütter waren es daher vor allem, die ihnen opferten, indem sie zu gewissen Zeiten einen Tisch mit Speisen und Trank besetzten und 3 Messer darauf legten, damit, wenn die Nornen erschienen, sie sich laben konnten. Gebete wurden nicht nur in der Kirche, sondern eben so oft auch an Brunnen, Steinen, Bäumen und auf Scheidewegen verrichtet. Nur erst mit der zeit wurden diese Orte in Marienborne, Margarethenhalle usw. verwandelt und an die Stelle eines heiligen Brunnens ein Kreuz aufgestellt. Die heidnischen Tanzbelustigungen dauern heute noch in den Tannentanzen, Pfingstbieren, Maientanzen, Kirchmessen usw. fort. Alle diese Belustigungen findet man in machen Gegenden Deutschlands in den älteren Zeiten, als heidnische Gebräuche verboten waren, und dennoch dauern sie fort.

Diese Lage des Christentums im 11. Jahrhundert erhebt es daher über allen Zweifel, dass man es im 8. und 9. Jahrhundert nicht so genau mit dem Heidentum genommen und die heidnischen Gebräuche durch Gewalt zu verhüten versucht hat.