Hörspiel-Tipp

Geisterstunde 6

Download-Tipp

Paraforce Band 51

Neueste Kommentare
Archive
Folgt uns auch auf

Das Geheimnis zweier Ozeane 14

Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Tiefsee-Exkursionen

Betrachtet man eine Reliefkarte des Atlantischen Ozeans mit der flachen, hellblauen Strandregion entlang den Küsten der drei Kontinente, dem breiten blauen Flachseebereich bis achthundert Meter Tiefe und den dunkelblauen Fleck der Tiefsee, dann fällt einem sofort das lange blaue Band der mittleren Tiefen auf. Dieses Band verläuft ungefähr durch die Mitte des Ozeans, fast parallel zu den Küsten Nord- und Südamerikas; es zieht sich von den nördlichen Grenzen des Atlantik, von Island, bis zu seinen südlichen Gewässern, die sich mit dem Antarktischen Ozean vereinigen, hin. Am Äquator ragt in dieses Band der dunkelblaue, längliche Fleck einer der größten Tiefen des Atlantik hinein. Dort liegt die berühmte Romanch-Tiefe. Das blaue Band zeigt den Verlauf einer riesigen unterseeischen Schwelle, des sogenannten Mittelatlantischen Rückens. Er steigt zwei- bis dreitausend Meter über dem ebenen, leicht abfallenden Tiefseeboden an, der sechstausend Meter unter der Oberfläche liegt.

Was stellt diese unterseeische Schwelle dar? Wie wirkt sie auf die Temperatur und den Salzgehalt der unteren Wasserschichten ein? Beeinflusst sie auch die Richtung der Meeresströmungen?

Auf diese und andere Fragen konnte die meereskundliche Forschung bisher nur wenig und nichts Bestimmtes antworten. Der Ozean verbarg eifersüchtig und hartnäckig seine Geheimnisse. Um Tiefe, Gestalt und Beschaffenheit des Meeresbodens, Wärme, Salz- und Gasgehalt des Wassers zu bestimmen und die Tierwelt zu erforschen, musste der Tiefseeforscher vom Deck eines Schiffes aus mit Lotmaschinen, Tiefseethermome tern, Wasserschöpfern, Netzen, Schlammröhren usw. mühsam hantieren.

Seit James Cook1 waren schon viele Tiefseeforschungen durchgeführt worden. Aber selbst zehntausend Lotungen würden für die ganze Fläche des Ozeans – zweiundachtzig Millionen Quadratkilometer – recht unerheblich sein. Im Durchschnitt würde das je eine Lotung auf achttausend Quadratkilometer ergeben. Ungeheure Weiten des Ozeans warten noch auf den Einsatz von Spezialexpeditionen.

Die Wissenschaftler des U-Bootes Pionier erforschten schon den fünften Tag mit äußerster Gründlichkeit denjenigen Teil des Mittelatlantischen Rückens, der sich bogenförmig von dem Sargassomeer bis zum Äquator ausdehnt. Das U-Boot kreuzte über der unterseeischen Bodenschwelle und an ihren westlichen und östlichen Hängen und strich manchmal hart über dem Meeresboden hin, in einer Tiefe bis zu sechstausend Metern. Mithilfe ihrer Ultraschall-Bildwerfer und der Infrarot-Aufklärer sahen die Teilnehmer der wissenschaftlichen Expedition viele Dinge, von denen die Ozeanografen bisher nur eine schwache oder unklare Vorstellung hatten.

In regelmäßigen Zeitabständen, alle sechs Stunden einmal, näherte sich das U-Boot dem Meeresboden oder einem Hang, und Professor Lordkipanidse verließ zusammen mit Schelawin und freiwilligen Helfern der Besatzung das Schiff. Der Ozeanograf versorgte sich für seine Forschungsarbeit mit Boden- und Wasserproben, machte Temperaturmessungen und studierte die Meeresströmungen; der Zoologe dagegen beobachtete das Leben und Treiben der Tiefseetiere und sammelte sie. Manchmal unternahmen die Exkursionsteilnehmer gemeinsame kleine Spaziergänge auf dem Meeresboden oder über die Hänge der unterseeischen Schwelle.

Nicht selten war der Meeresboden von langen und tiefen Einschnitten zerklüftet, doch fand sich die allgemein bestehende Auffassung von seiner ebenen Beschaffenheit durchaus bestätigt. Auf der unterseeischen Schwelle waren im Laufe von Jahrmillionen mächtige Ablagerungen aus den Überresten kleinster Lebewesen entstanden. Diese Ablagerungen hatten alle Grate und Schluchten geebnet und der Schwelle das Aussehen einer sanft gewellten Erhebung gegeben. Deshalb waren die Männer der Pionier sehr erstaunt, als die Ultraschall-Bildwerfer plötzlich eine kahle Landschaft, die an ein wild zerklüftetes Berggebiet erinnerte, auf den Bildschirm projizierten. Schelawin, den diese Entdeckung stark beeindruckte, bat den Kapitän, in der Nähe der neu entdeckten Berge eine Tiefseestation zu errichten.

Die beiden Wissenschaftler hatten unter der Schiffsbesatzung bereits ihre Anhänger. Für Meereskunde begeisterten sich Matwejew und Skworeschnja, die Schelawins eifrige Helfer und Schüler wurden; nicht minder leidenschaftliches Interesse zeigten für die Biologie und Zoologie des Meeres Marat, Pawlik und, zum allgemeinen Erstaunen, Gorelow.

Der Zoologe war ziemlich überrascht von der Vorliebe, die ausgerechnet Gorelow für die Meeresfauna und -flora zeigte. Als das U-Boot das Sargassomeer verlassen hatte und Lordkipanidse zusammen mit Marat und Pawlik vom U-Boot zur ersten Tiefsee-Exkursion starten wollte, trafen sie den Maschineningenieur, der von einer Außenkontrolle der Düsen zurückkehrte. Gorelow winkte dem Zoologen zu und stellte sich auf die Plattform, um in die Druckkammer zu gehen. Plötzlich fragte er den Gelehrten, ob es ihm gestattet sei, an der Exkursion teilzunehmen; er verfüge jetzt über viel freie Zeit, und es würde ihm großes Vergnügen bereiten, wenn er sich an einem so interessanten wissenschaftlichen Unternehmen beteiligen könnte.

Die Abneigung des Zoologen gegen Gorelow war tief verwurzelt; der Gelehrte beschränkte seinen Verkehr mit dem Maschineningenieur nur auf das rein Konventionelle, aber er hatte keinerlei Gründe, Gorelow jetzt die Teilnahme zu verweigern. Widerstrebend gab er seine Einwilligung.

Unterwegs zeigte dieser unverhohlen seine Begeisterung über die Eigenart der düsteren Landschaft mit den dazu kontrastierenden farbenprächtigen Fischen. Eifrig suchte er für den Zoologen seltene Tiefseebewohner, sammelte Bodenproben für den Ozeanografen, scherzte mit Marat und Pawlik und erfreute kurz vor Beendigung der Exkursion den Zoologen durch seine Geschicklichkeit, mit der er eine ganz neue Medusenart einfing. Der Zoologe hatte vorher schon zweimal versucht, diese Meduse zu fangen. Es war ihm aber bisher nicht gelungen, da sie sich immer beim ersten Anzeichen einer drohenden Gefahr tief in den Schlamm einwühlte. Der Wissenschaftler freute sich sehr über diese Beute und dankte Gorelow herzlich dafür.

Von diesem Tag an nahm der Ingenieur an allen Exkursionen Lordkipanidses teil. Aber nicht genug damit, er begann auch Bücher über die Zoologie und Biologie des Meeres zu lesen, verbrachte jede freie Stunde im Biologischen Laboratorium und zeigte reges Interesse für alles, was das Wissensgebiet des Zoologen betraf. Lordkipanidse, dem auch die zwischen Gorelow und Pawlik beginnende neue Freundschaft nicht entgangen war, dachte manchmal, er habe über Gorelow vielleicht doch zu voreilig geurteilt.

Man kann sich auch irren, meinte er. Soldaten sind harte Männer. Sie handeln nach einem anderen Maßstab. Für sie ist das Wichtigste die Sicherheit des U-Bootes, und ein Mensch, selbst ein Kind, kann ihnen manchmal weniger wichtig erscheinen. Das bringt schon ihr Beruf mit sich.

Nach einiger Zeit war Gorelow nicht nur geduldet, sondern er wurde außerdem zu einem gern gesehenen Teilnehmer der unterseeischen Exkursionen. Heute, da das U-Boot vor dem wild zerklüfteten Bergrücken Station gemacht hatte, sollte es sich herausstellen, dass Gorelows Anwesenheit sogar besonders wichtig war.

In bester Stimmung bereiteten sich die Taucher vor, das U-Boot zu verlassen. Schelawin hatte schon allen erzählt, von welch großer Bedeutung die heutige Expedition sei.

»Wir werden jetzt beweisen können«, sagte er freudig erregt beim Anlegen des Taucheranzuges, »dass auch auf dem Meeresgrunde die Kräfte der Erosion wirksam sind. Früher war man der Ansicht, der Meeresboden sei das Reich der Ablagerung und nicht der Zerstörung. Auf dem Grund des Meeres herrschen ewige Stille und Reglosigkeit. Die sehr langsamen Strömungen am Meeresboden seien ohne Wirkung, weil es dort ja auch keine Bewegung der Atmosphäre gebe. Seit Jahrmillionen riesele nur langsam und ununterbrochen ein feiner Regen aus den Überresten winzigster pflanzlicher und tierischer Organismen herab, die in den oberen Wasserschichten leben, und nur dieser Ablagerungsprozess sei für den Meeresboden charakteristisch.«

»Im Grunde genommen hat diese Ansicht schon etwas für sich«, bemerkte der Zoologe, mit der elektrischen Nadel den oberen Rand der schweren Schuhe hermetisch schließend. »Wir werden uns bald davon überzeugen können …«

Aber im gleichen Augenblick bereute er seine Worte, denn der Ozeanograf fauchte: »Schon gut, wir werden gleich den Meeresboden betreten. Und was werden wir dort sehen? Nichts anderes, als dass dort nicht allein Ablagerungsprozesse vorherrschen, sondern dass auch Kräfte der Zerstörung am Werke sind. Das haben wir bereits auf dem Bildschirm gesehen, davon werden wir uns auch noch mit eigenen Augen überzeugen. Jawohl!«

»Aber wie geschieht denn das, wenn es auf dem Grund des Meeres weder Winde noch Flüsse gibt?«, fragte Gorelow, während er seinen Sauerstoffvorrat überprüfte.

»Winde gibt es nicht, statt der Flüsse jedoch gibt es Strömungen!«, antwortete Schelawin unwirsch. »Es kommt nur auf ihre Stärke und Stetigkeit an. In diesem Zusammenhang möchte ich Sie daran erinnern, Genosse Gorelow, dass die Ozeanografie Gründe genug hat, anzunehmen, dass Tiefseeströmungen das Meeresbodenrelief beeinflussen.

Im Jahre 1883 stellte Bucanen fest, dass der Meeresboden zwischen den Kanarischen Inseln in einer Tiefe bis zu zweitausend Metern ganz schlammfrei ist, dagegen in zweitausend- fünfhundert Meter Tiefe sich überall Schlamm vorfindet. Hier gibt es, genau wie auf dem Festland, tiefe Schluchten und steile Felsen. Ähnliche Beobachtungen machte 1886 Admiral Makarow an Bord der Witjas in der La-Prouse-Straße. Was beweisen also diese und viele andere ähnliche Beobachtungen? Dass in bedeutenden Tiefen Meeresströmungen am Werk sind – nicht durch Winde verursacht, sondern stetig flutende, den Gezeiten vergleichbare.«

»Darf ich Sie unterbrechen, Genosse Schelawin«, sagte Skworeschnja, der in der Druckkammer seinen Rückenbehälter anlegte. »Für wie viel Stunden hast du die Taucheranzüge mit Sauerstoff versorgt?«, wandte er sich an Matwejew, zu dessen Pflichten es gehörte, die Taucheranzüge des U-Bootes in Ordnung zu halten.

»Wie immer, Andrej Wassiljewitsch, für sechs Stunden – sechs Patronen.«

»Mit komprimiertem also?”

»Jawohl!«

»Auswechseln! Jeden Taucheranzug mit sechs Patronen flüssigem Sauerstoff versehen! Aber schnell!«

Matwejew wunderte sich, stürzte aber davon.

Skworeschnja wurde sofort mit Fragen bestürmt.

»Warum das? Wozu brauchen wir einen so großen Vorrat?«

Skworeschnja winkte ab.

»Fragen Sie doch Iwan Stepanowitsch«, brummte er, auf Schelawin zeigend.

Schelawin blinzelte nur verlegen mit seinen hellen Augen. »Ich verstehe nicht … wieso soll ich das wissen?«

»Erlauben Sie mal, Iwan Stepanowitsch, Sie haben uns doch gerade so eindringlich vor den vielen Felsen, Gipfeln und Schluchten gewarnt! Da muss man sich sichern! In dieser unterseeischen Schweiz kann man sich doch leicht verirren. Nicht wahr?«

Schelawin blieb nichts weiter übrig, als mit dem Kopf zu nicken.

Kurze Zeit später traten alle Exkursionsteilnehmer auf die Plattform hinaus. Der Strahl des riesigen Scheinwerfers konnte kaum das Wasser durchdringen, das beim Stoppen des U-Bootes durch aufgewirbelten Schlamm trübe geworden war.

Die Schrauben traten in Tätigkeit, und die Taucher entfernten sich mit einem Zehntel der vollen Geschwindigkeit vom U-Boot. Bald war das verschlammte Wasser durchschwommen. Die kegelförmigen Lichtstrahlen der kleinen Stirnlaternen erhellten einige Dutzend Meter voraus die Nacht der Tiefsee.

Ab und zu ließ sich der Zoologe schnell zum Meeresboden gleiten, nahm etwas auf und steckte es triumphierend in seine große Exkursionstrommel – eine sich schlängelnde, zappelnde oder gallertartige Beute.

Etwas weiter entfernt leuchteten Gorelows, Marats und Pawliks Stirnlaternen. Schelawin war mit Skworeschnja und Matwejew vorausgeeilt; sie sahen von Weitem wie zerfließende gelbe Nebelflecke aus.

Die Stille wurde nur von gelegentlichen Ausrufen und Fragen unterbrochen.

Plötzlich rief Marat: »Eine Aszidie2, Arsen Dawidowitsch! Eine riesige weiße Aszidie! Zum ersten Mal sehe ich ein solches Prachtexemplar! Wollen Sie sie haben?«

»Wie sieht sie aus?«

»Sie ist unwahrscheinlich schön … sieht fast wie ein griechischer Krug aus und sitzt auf einem langen Stiel..

»Was sagst du da, Marat?«, rief der Zoologe erregt aus. »Wenn das eine Hippobitia calicoda ist, dann bekommst du sofort einen Kuss von mir!« Und er stürzte unter dem Gelächter der anderen auf Marat zu.

»Ein Königreich gäbe ich dafür, diesen Kuss zu sehen«, sagte Gorelow lachend. »Einen Kuss durch zwei Taucherhelme!«

»Notfalls bleibe ich ihn Marat schuldig«, scherzte der Zoologe. »Für eine Tiefsee-Aszidie, die man bisher nur im nördlichen Pazifik gefunden hat, täte mir auch das Reich des Schahs von Persien nicht leid … Tatsächlich!«, rief er, neben Marat niederkniend.

»Das ist sie, die Schöne! Im Namen der Wissenschaft spreche ich dir meinen Dank aus, Marat! Gib sie her! Aber vorsichtig – zusammen mit der Fußscheibe … sie ist sehr zerbrechlich …«

»Halt!«, hörte man in diesem Augenblick Gorelows dröhnenden Bass. »Ich halte etwas am Schwanz fest! Kommen Sie schnell, Arsen Dawidowitsch! Ich glaube, es ist eine Neuentdeckung. Hat sich in den Schlamm eingewühlt. Beeilen Sie sich …«

Der Zoologe jagte in die entgegengesetzte Richtung, wo ihm neue Entdeckerfreuden zu winken schienen.

So verstrichen schnell und angeregt zwei Stunden, bis sich plötzlich Skworeschnja meldete: »Wo seid ihr nur geblieben? Wir befinden uns schon auf dem Bergrücken. Seltsam sieht es hier aus! Kommt schnell alle her! Ich gebe jetzt die Richtung an.«

Eine halbe Stunde später waren alle auf einer hohen runden Felsplatte versammelt, die von Säulen aus einem unbekannten festen Gestein wie von Schildwachen umgeben war.

»Darf ich Sie darauf aufmerksam machen«, referierte Schelawin, »dass sich auf der Felsplatte kein Schlamm befindet. Die Platte ist glatt und sauber wie ein Tisch. Hier, 1560 Meter unter der Oberfläche des Ozeans, wird der Schlamm zweifellos von einer Strömung fortgeschwemmt. Natürlich ist das eine Strömung, die unseren Gezeiten vergleichbar, in regelmäßigem Wechsel und mit bedeutender Geschwindigkeit auftritt. Die Oberflächenströmungen sind in dieser Tiefe kaum bemerkbar und die Tiefseeströmungen zu schwach. Diese Gezeitenströme, wenn ich so sagen darf, furchen Schluchten und Täler aus und umspülen die Höhen und Felsen. Es ist sehr interessant, diese Landschaft zu untersuchen. Ich schlage vor, dass wir uns trennen und in verschiedenen Richtungen losgehen – nach Norden, Süden und Westen. Im Osten gibt es nichts Interessantes; wir sind von dort gekommen und haben auf dem Wege hierher nur ebenen Meeresboden gesehen.«

Schelawins Vorschlag wurde angenommen. Schelawin, Gorelow und Pawlik drangen westwärts in die Tiefe des Bergrückens, in das Labyrinth seiner Quertäler und Pässe vor. Der Zoologe und Matwejew schlugen die nördliche und Skworeschnja und Marat die südliche Richtung ein.

Lordkipanidse und Matwejew bogen rechts ein und verschwanden hinter einem Felsvorsprung. Skworeschnja und Marat stiegen einen steilen Hang hinauf und waren auch bald außer Sicht.

Schelawin schritt langsam die Ränder der Felsplatte entlang und schlug mit dem Beilrücken gegen die Säulen und Wände.

»Sehr interessant«, murmelte er in seinen Bart. »Hm … sehr interessant …«

»Was gibt’s hier Interessantes?«, fragte Gorelow.

»Das ist Granit, mein Lieber! Offenbar ist dieser Bergrücken in frühester Vorzeit durch den Ausbruch magmatischer3 Stoffe entstanden.«

Er steckte einen Granitbrocken in die Tasche und ging an einer glatten, matt schimmernden schwarzen Steinwand entlang.

Nach Westen öffnete sich ein breiter Durchgang.

»Ausgezeichnet!«, bemerkte Schelawin. »Das ist gerade das, was wir brauchen. Gehen wir jetzt durch diese Schlucht, so lange wie nur möglich. Aber passen Sie gut auf, hier kann man leicht abrutschen.«

Er betrat als Erster die Schlucht, die hier ungefähr dreißig Meter breit war. Rechts und links türmten sich schwarze Granitwände. Ab und zu schwammen über den Köpfen der Wanderer phosphoreszierende Tiefseefische, Krebse und Weichtiere. Auf dem kahlen Boden der Schlucht und auf kleinen Felsvorsprüngen saßen hier und dort Seeanemonen und krochen langsam Seesterne und Ophiuren mit verästelten, wie Spitzenornamente aussehenden Armen. Aber weder Holothurien und Seeigel noch andere Bewohner des Schlammbodens waren hier zu sehen.

Manchmal verengte sich die Schlucht, und die Granitwände an beiden Seiten hingen bedrohlich über den Köpfen der Wanderer. Dann wurde es unheimlich im düsteren, schwarzen Bergspalt. Die Schlucht fiel steil ab, an vielen Stellen war der Boden von großen Felstrümmern bedeckt, und man konnte nur mit Mühe über sie hinwegklettern. Tiefe Schründe wechselten mit breiten Senken ab, die Pawlik mit klopfendem Herzen überschritt. Immer seltener huschten die leuchtenden Meeresbewohner vorbei, immer düsterer und öder wurde die Schlucht.

Die drei Taucher sprachen nur wenig miteinander. Zuweilen fingen sie Gesprächsfetzen der anderen Exkursionsteilnehmer auf. Schelawin, der schnell voranschritt, warnte manchmal: »Achtung! Jetzt geht’s abwärts! Eine Biegung! Ein Hindernis auf dem Weg!« Alle zwei- bis dreihundert Meter blieb er stehen, prüfte mit einem Flügelrädchen das Vorhandensein von Strömungen, und dann ging es weiter. Voran Schelawin, ihm folgte Pawlik und hinter diesem Gorelow. Unterwegs kletterte Pawlik auf ein großes Felsstück, das den Weg versperrte, und sprang mit einem Satz hinunter. Der Felsbrocken schwankte, und gleich darauf hörte man einen erstickten Aufschrei Gorelows.

»Teufel noch mal!«

Pawlik drehte sich um. Vom Schluchtboden stieg trübes Wasser auf.

»Haben Sie etwas gesagt, Fjodor Michailowitsch?«, fragte er.

Als Antwort hörte er ein undeutliches Murmeln.

»Was ist mit Ihnen?«, fragte Pawlik besorgt weiter und kletterte zurück.

»Pawlik!«, ließ sich endlich Gorelow keuchend hören. »Komm her! Hilf mir!«

Der Junge erschrak. Er klammerte sich an die Unebenheiten eines Trümmerstücks und kletterte hinauf. Der große Stein, von dem er sich vorhin abgestoßen hatte, war verschwunden. Seine undeutlichen Konturen hoben sich weiter unten ab, und unter ihm schimmerte matt Metall.

»Ist was passiert? Kann ich euch helfen?«, hörte man Schelawins Stimme.

»Es ist nichts weiter«, antwortete Gorelow, schwer atmend, »mich hat nur ein herabgerollter Brocken eingeklemmt. Gleich wird mir Pawlik helfen. Pawlik, beeile dich!«

Pawlik stürzte herbei und stemmte sich gegen den Stein, der Gorelow an die Felswand gedrückt hatte. Mit vereinten Kräften wurde das schwere Felsstück zur Seite geschoben, und Gorelow erhob sich ächzend und stöhnend vom Meeresboden.

»Ein ganz schönes Steinchen«, sagte er. »Auf dem Erdboden ohne Taucheranzug wäre von mir nur ein nasser Fleck übrig geblieben. Vielen Dank, Pawlik. Wir wollen jetzt Iwan Stepanowitsch einholen!«

Schelawin war inzwischen weit vorgedrungen, denn der Strahl seiner Stirnlaterne war nicht mehr zu sehen. Anscheinend hatte sich Gorelow beim Fallen den Fuß etwas verstaucht, er hinkte und konnte nur langsam gehen; doch er beklagte sich nicht.

Die Schlucht öffnete sich nach rechts und links zu breiten und auch schmalen spaltähnlichen Durchgängen. Ganz überraschend sprang aus einem dieser Spalte eine riesige rote Krabbe auf hohen kräftigen Stelzbeinen hervor. Der gepanzerte Körper der Krabbe schaukelte auf den in den Gelenken eingeknickten Beinen wie eine Kinderwiege. Die schwarzen, gestielten Augen bewegten sich hin und her. Pawlik erstarrte vor Schreck, und im Nu war sein Bein unterhalb des Knies von einer der breiten, dicken Scheren der Krabbe wie von stählernen Zwingen zusammengepresst. Man hörte ein durchdringendes, metallisches Knirschen und Kratzen. Die Krabbe stemmte sich mit ihren acht Beinen gegen den Boden und zog mit einem Ruck Pawliks Bein zu sich heran. Der Junge schrie auf und stürzte.

Gorelow, der einige Schritte vorausgegangen war, drehte sich um und lief mit erhobener Hammeraxt auf die Krabbe zu. Ohne Pawliks Bein loszulassen, reckte sich die Krabbe noch höher auf ihren Stelzbeinen und schnellte gegen Gorelow die zweite Schere vor. Die Hammeraxt sauste nieder und trennte die Schere glatt vom Körper des Krusters. Erst jetzt ließ die Krabbe Pawlik los und verschwand blitzschnell in ihrem Felsspalt. Der ganze Vorfall spielte sich in kaum einer Minute ab, und hätte nicht die abgehackte Schere auf dem steinigen Grunde gelegen, würde Pawlik an einen Albtraum geglaubt haben.

»Welch Ungeheuer«, flüsterte er mit bleichen Lippen. »Sie hat mich zu Boden geworfen …«

»Kopf hoch, Pawlik!«, beruhigte ihn Gorelow. »Ich glaube, du bist mehr vor Schreck hingefallen als durch das Zupacken der Krabbe. Nun, wie geht es dir jetzt? Wir müssen uns beeilen.«

»Schauen Sie nur hin!«, schrie Pawlik angstvoll, sich an Gorelow schmiegend, und zeigte auf den Felsspalt, in den sich die Krabbe gerade zurückgezogen hatte.

Zwischen dem Trümmergestein vor dem Felsspalt sah Gorelow funkelnde Augen und zahlreiche drohend erhobene Scheren.

»Machen wir uns schnell aus dem Staube«, sagte Gorelow. »Hier scheint es noch eine Menge von diesen Viechern zu geben. Besser, wir gehen ihnen aus dem Wege.«

»Wo steckt ihr nur?«, mischte sich plötzlich Schelawins unwillige Stimme in ihr Gespräch. »Was für Krabben? Habt ihr noch nie welche gesehen? Kommt schnell zu mir! Ich hab eine großartige Entdeckung gemacht! Ein unwahrscheinlich reiches Goldvorkommen! Ich setze mich gleich mit dem Kapitän in Verbindung und bestelle Verstärkung hierher. Beeilt euch!«

»Aber Iwan Stepanowitsch«, rief Gorelow, »wo sind Sie denn jetzt?«

Eine Antwort kam aber nicht. Wahrscheinlich hatte Schelawin sein Funkgerät schon auf die Welle des U-Bootes eingestellt.

»Allerhand!«, entrüstete sich Gorelow. »Wo sollen wir ihn jetzt suchen?«

»Warten Sie einen Augenblick«, hörte man die Stimme des Zoologen. »Er spricht mit dem U-Boot und wird dann wieder mit Ihnen Verbindung aufnehmen.«

»Na schön«, sagte Gorelow. »Gehen wir langsam vorwärts, Pawlik.«

Beide setzten ihren Weg durch die Schlucht fort. Pawlik, der müde geworden war, konnte dem hinkenden Gorelow kaum folgen.

Plötzlich hörten sie vor sich und von rechts dumpfes Donnern: Ein grollendes Echo folgte und verklang schnell.

Gorelow und Pawlik blieben wie angewurzelt stehen.

»Was kann das gewesen sein?«, fragte Gorelow leise.

Voller Unruhe gingen sie weiter. Beide schwiegen, verlangsamten ihre Schritte und schauten besorgt auf die schwarzen Felswände, die sich bedrohlich über der Schlucht türmten. Der Boden war steinig und ohne Schlammdecke, aber das Wasser wurde immer trüber. Gold schimmernde Schlammwolken zogen wellenförmig durch die Schlucht. Es wurde noch dunkler. Die Wanderer tasteten sich nur mit Mühe vorwärts, in zwei bis drei Meter, Entfernung konnte man nichts mehr unterscheiden.

Gorelow blieb stehen. Pawlik drückte sich angstvoll an ihn.

»Warum schweigt Iwan Stepanowitsch?«, fragte Gorelow leise. »Er kann doch nicht immer noch mit dem U-Boot sprechen. Ich werde ihn anrufen. Unerhört, uns so lange in Ungewissheit zu lassen!«

Er drückte auf einen Knopf seines Steuergerätes und horchte. Schelawin meldete sich nicht. Gorelow rief den Zoologen an und teilte ihm mit, was vorgefallen war.

»Ich kann mir aus dem Ganzen keinen Reim machen«, meinte der nachdenklich. »Wir müssen mit dem U-Boot funken. Vielleicht spricht man von dort noch mit Schelawin.«

Von der Pionier meldete sich der Wachhabende Offizier, Oberleutnant Bogrow. Er teilte mit, er habe mit Schelawin vor knapp zehn Minuten gesprochen und stehe jetzt im Begriff, ihm wunschgemäß fünf Mann zu schicken. Als Bogrow jedoch von Lordkipanidse erfuhr, dass Schelawin seitdem keine Antwort mehr gegeben habe, befahl er, die Arbeiten sofort einzustellen. Alle Teilnehmer der Exkursion sollten sich an einer Stelle versammeln und gemeinsam den Ozeanografen suchen. Der Oberleutnant fügte hinzu, er wolle die fünf Mann sofort losschicken, und bat, ihn über die Suchaktion laufend zu unterrichten.

Bald zeigten sich in den Schlammwolken über der Schlucht zwei verschwommene orangefarbene Flecke. Sie senkten sich schnell herab, und eine Minute später standen neben Gorelow und Pawlik der Zoologe und Matwejew.

Obgleich der Forscher sehr beunruhigt war, mussten ihm Gorelow und Pawlik einige Male hintereinander das Aussehen, die Größe und die Farbe der Krabbe beschreiben.

»Schade, dass ich dieses Ungeheuer nicht selbst gesehen habe«, rief er aufgeregt. »Du sagst, es reichte dir bis zum Knie? Das wären ungefähr vierzig Zentimeter … Ganz schöne Biester … In den japanischen Gewässern lebt zwar die Riesenkrabbe; aber die Kraft und die Kühnheit der Krabbe, die euch angegriffen hat, ist außergewöhnlich. Übrigens sind Krabben sehr kluge Geschöpfe. Das Interessanteste aber ist, dass dem Angreifer so schnell seine Artgenossen zu Hilfe eilen wollten. Habt ihr sie wirklich gesehen? Oder schien es euch nur so?«

»Aber nein, Arsen Dawidowitsch, wir haben die anderen ganz deutlich gesehen!«, antwortete Pawlik.

Ober den Felswänden tauchten noch zwei orangefarbene Flecke auf, und bald gesellten sich Skworeschnja und Marat zu den in der Schlucht Versammelten. Kurz danach erschien auch der Suchtrupp vom U-Boot, geführt von Kommissar Sjomin. Sie brachten Spitzhacken, Schaufeln, Terenithpatronen und einen starken Scheinwerfer mit. Aus Gorelows Bericht ging hervor, dass Schelawin sich noch nicht allzu weit entfernt haben konnte. Zweifellos befand er sich in der Schlucht oder in einer ihrer seitlichen Abzweigungen westlich des Sammelpunktes.

Der Kommissar gab Anweisung, dass zehn Mann die benachbarten Schluchtabzweigungen absuchen sollten. Er selbst wollte die Schlucht entlanggehen. Pawlik blieb zurück, um den Scheinwerfer und das Peilgerät zu bedienen.

Bald war der Suchtrupp von der Dunkelheit verschluckt.

Show 3 footnotes

  1. James Cook, berühmter englischer Weltumsegler, lebte 1728 – 1779
  2. Seescheide, ein festsitzendes Manteltier.
  3. Magma (griech.) – heißer, gasdurchtränkter Silikatschmelzfluss des Erdinnern, tritt in Vulkangebieten als Lava an die Erdoberfläche.