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Weird Tales – Das Grab

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Die Chroniken von Kull

Ich mag diese sogenannten modern short stories, Kurzgeschichten als eine literarische Gattung, deren Ursprung Anfang des 20. Jahrhunderts zu suchen ist. Sie entstanden innerhalb der angloamerikanischen Literatur wie zum Beispiel von Edgar Allan Poe oder William Faulkner und übten nach dem Zweiten Weltkrieg auch auf die deutsche Literatur einen maßgeblichen Einfluss aus. Es entstanden bedeutende Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Ilse Aichinger, Elisabeth Langgässer, Alfred Andersch, Marie Luise Kaschnitz und Siegfried Lenz, um nur einige zu nennen. Obwohl ein Teil der Bedeutung dieser literarischen Gattung ab Mitte der 1960er Jahre verloren ging, ist es um so erfreulicher, dass besonders im Segment der Klein- und Selbstverlage das Interesse an der Veröffentlichung von Kurzgeschichtensammlungen nach wie vor sehr hoch ist und auch weniger bekannte Autoren weitab vom Mainstream eine Chance erhalten, ihre Werke veröffentlichen zu können.

Das Buch

Jörg Kleudgen, Eric Hantsch (Hrsg.)
Edition CL
Die Chroniken von Kull

Kurzgeschichtensammlung, Hardcover, Privatdruck, Neustadt-Niederottendorf, April 2014, 290 Seiten, Cover und Illustrationen von Bernd Jans, Grafiken der Kopf- und Fußzeile von Jörg Kleudgen

Staub und Blut! Die Welt geht unter in Staub und Blut! Der Mann, der sich wie ein Cowboy kleidete, betrachtete die Öde, die ihn umgab, so weit das Auge reichte. Er war wortwörtlich in die Wüste geschickt worden, und der Mann, den er jagte, hatte einen immer noch bemerkenswerten Vorsprung.

Wo liegt das geheimnisvolle Kull? Jene Stadt mit ihrem Dom, den vielen Bibliotheken und der sagenhaften Universität. Geheimnisvolle Dinge sollen hinter ihren Mauern geschehen und seltsame Wesen durch ihre Gassen schleichen. Nur mit gesenkter Stimme wagen die Menschen darüber sprechen.
Wo liegt Kull? Jenseits von Raum und Zeit, in einem Traumland oder ging es vor Äonen unter?

Mit Die Chroniken von Kull werden zwölf unheimliche und phantastische Erzählungen von Jörg Kleudgen aus den 1990er Jahren wieder zugänglich gemacht. Texte, wie Der Leser/Die Leiche im Herbststurm, Das Grauen aus der Schachtel, Staub oder Im Zeitstrom versunken, die der Autor für diese Sammlung überarbeitet und ergänzt hat. Daneben findet sich auch die bisher noch nicht publizierte und titelgebende Novelle Die Chroniken von Kull. Abgerundet wird der Band mit Illustrationen von Bernd Jans.

Wo liegt Kull? Jene Stadt, zwischen Untergang und Auferstehung, Wahrheit und Fiktion, Traum und Wirklichkeit.
Der Weg dorthin ist verschlungen und gefährlich. Wer wird ihn bestreiten?

Etwas über den Autor Jörg Kleudgen

Als die Geschichten dieses Bandes entstanden, lebte der damals etwa 25-jährige Autor in Koblenz, wo Rhein und Mosel zusammenfließen. Da ihm der Zugang zum Kunststudium verwehrt geblieben war, hatte er sich der Architektur zugewandt und war auf der Suche nach seiner künstlerischen Identität als Musiker, Grafiker und Autor.
Erste herausgeberische Erfahrungen hatte er bereits Mitte bis Ende der 1980er Jahre mit einem Rollenspiel-Magazin namens Leviathan gemacht. Dort war auch seine erste Schauergeschichte Im hohen Alter erschienen. Nach absolviertem Militärdienst und Studienbeginn erfolgte 1990 die Gründung des Gothic-Magazins für Musik und phantastische Literatur, der Band The House Of Usher und die Fortführung der von Bernd Jans für die Veröffentlichung der R’Lyeh-Anthologie (darin veröffentlicht: Der Inquisitor des Westens) gegründeten Goblin-Press.
Der Prozess seiner Suche nach einer eigenen Ausdrucksform gipfelte 1999 in der Sammlung Cosmogenisis, die begleitend zum gleichnamigen Album seiner Band erschien.

Etwas über den Herausgeber Eric Hantsch

In Dresden geboren und im unweit der Sächsischen Schweiz gelegenen und idyllischen Örtchen Neustadt-Niederottendorf wohnend widmete sich Eric Hantsch schon frühzeitig der phantastischen Literatur, welche ihn seit dato nicht mehr losgelassen hat. Besonders die Cthulhu-Geistergeschichten von H.P. Lovecraft haben es ihm angetan. Aus dieser Affinität heraus entstand im September 2008 das Phantastik-Magazin Cthulhu-Libria. Der Zweck von Cthulhu-Libria besteht darin, über Neues aus der Welt der cthuloiden und lovecraft ‘schen Literatur zu berichten und Ankündigungen verschiedener Verlage aktuell zu halten.
Wer Eric auf dem einen oder anderen Con begegnet, sollte darauf gefasst sein, sich mit dem »Cthulhuvirus« zu infizieren.

Leseprobe aus Die Chroniken von Kull

Als ich in das Haus zurückkehrte, in dem ich meine Kindheit verbracht hatte, befand sich die alte und ehrwürdige Stadt Kull bereits im Niedergang. Es war jedoch in der Zeit vor dem Großen Feuer, sodass ein matter Abglanz einstiger Größe noch immer in den engen Gassen zu erahnen war, die von den Häusern der Alchimisten, Magier und anderen Gelehrten sowie ihrer Dienerschaft bewohnt wurden. In jenen Tagen galt die Universität, die eine der ältesten des Landes war und sich auf römische Wurzeln berief, noch als ein Ort, an dem man Wissenschaften studieren konnte, die einem an allen anderen Lehrstühlen der Welt vorenthalten blieben. Die mächtigen Domherren hielten ihre Hände schützend über die Professoren, auch wenn deren Ansichten sich nicht immer mit ihrer eigenen Weltanschauung deckten.

Das Haus lag etwa einen Kilometer von der Stadt entfernt, inmitten sanft geschwungener Hügel, deren Eintönigkeit nur von dornigen Schlehenhecken durchbrochen wurde. Es war ein alter Bau, dem ich seit jeher mit gemischten Gefühlen gegenüberstand.

Ich erinnere mich noch recht genau an den Tag, da sich unsere Familie hier zum letzten Mal getroffen hatte. Es war die Begräbnisfeier der Großtante gewesen, bei der ich als Waisenkind aufgewachsen war. Nach langem Leiden war die große alte Dame aus unserer Welt geschieden, und ich konnte es immer noch nicht begreifen.

Mit einem Mal war ich der Letzte unseres Hauses. Und dass ich einen Nachkommen zeugen würde, war in Ermangelung einer Partnerin schwer vorstellbar.

Als ich selber noch ein Kind gewesen war, hatte ich oft in der weitläufigen Wildnis hinter dem Haus gespielt. Der Großonkel hatte es mir untersagt, doch dieses Verbot machte es für mich nur noch reizvoller, die von Brennnesseln und Karden überwucherten alten Mauern einer namenlosen Ruine zu erforschen und mir dabei Mythen und phantastische Geschichten auszudenken, in denen ich als mutiger Held agierte.

Ein solcher war ich in meinem realen Leben bislang nicht geworden.

Es war Herbst, als ich erneut in das Haus meiner Großtante einzog.

Ihre ursprünglichen Wohnräume wollte ich unberührt lassen. Es war mir, als hauste immer noch der Geist der Toten in den hohen Zimmern mit ihren von rubinroter Seidentapete überzogenen Wänden, den klauenfüßigen, manieristischen Möbeln und spinnenverwobenen Kerzenhaltern.

Daher hatte ich mein altes Kinderzimmer im ersten Stock herrichten lassen, eines von insgesamt vier Zimmern, von denen drei der umfassenden Bibliothek vorbehalten waren. Es waren staubige und düstere Räume, in die aufgrund der Tatsache, dass das Haus von uralten Eschen umstanden war, nur am späten Abend ein Sonnenstrahl fiel. Als ich eine Tür nach der anderen aufstieß und die Fenster von den schweren, samtenen Vorhängen befreite, kam dies dem Öffnen eines ägyptischen Pharaonengrabes gleich.

Im Nachlass befand sich ein umfangreicher Bestand an alten Schriften, die den Lebensinhalt meiner Großtante gebildet hatten. Es fiel mir schwer, den tatsächlichen Wert der Quartbände, Broschüren und Folianten abzuschätzen. Manche von ihnen mochten viele Menschenleben alt sein. Von ihrem Inhalt verstand ich nicht viel.

Allerdings kam ich in den ersten Tagen nicht dazu, mich näher damit zu befassen, und allzu bald fühlte ich, nun in dem stummen alten Haus lebend, wie sich Schwermut meiner bemächtigte.

Es vergingen einige Wochen, bis ich meinen ersten Besuch erhielt und es an der Tür läutete.

Ich öffnete und stand einer korpulenten, älteren Dame gegenüber. »Habe ich doch richtig gesehen, dass Licht hinter den Fenster brannte!«, stellte sie fest. »Ich war mit Ihrer Großtante befreundet …«

Es wollte mir nicht gelingen, ihren Redefluss zu unterbrechen. Obwohl ich sie auf der Türschwelle stehen ließ, hatte ich doch bald alles über sie erfahren. Dass ihr eigenes kleines Haus etwa hundert Meter entfernt an einem kleinen Bachlauf lag etwa. Natürlich kannte ich es noch aus meiner Kindheit, in der ich so manche Stunde an dem Gewässer gespielt hatte.

Sie redete und redete, bis ich mich schließlich genötigt sah, sie ins Haus zu bitten und ihr einen Tee anzubieten.

»Aber nein, machen Sie sich bloß nicht zu viele Umstände!«, lehnte sie jedoch ab und machte endlich Anstalten zu gehen. »Es ist spät geworden. Bald dämmert es, und ich hin ungern im Dunkeln unterwegs.«

Damit schien alles gesagt. Ich sah ihr noch lange hinterher, bis sie schließlich hinter den Schwarzdornbüschen verschwand.

Bald war das Einrichten meiner Wohnräume soweit abgeschlossen, dass ich einen ersten Blick in die Bücher werfen konnte, die meine Großtante gesammelt hatte.

Zwei Dinge überraschten mich. Zum einen die Tatsache, dass Werke aus der ganzen Welt und in verschiedenen Sprachen zusammengetragen worden waren. Und zum anderen die Thematik, denn jedes einzelne Buch, die vollgekritzelten Kladden und die speckigen Almanache waren zusammengefasst ein Versuch, eine subjektive Darstellung der Geschichte Kulls zu Papier zu bringen.

Eines Mittags kehrte ich in einem nahegelegenen Gasthof ein. Ich hatte beschlossen, meine Arbeit an diesem Nachmittag ruhen zu lassen und einen Spaziergang durch die sanft geschwungenen Hügel und finsteren Wälder zu machen, die meine Kindheit so sehr geprägt hatten.

Die deftige Mahlzeit bestand aus geräucherten Speck, Bohnen und Kartoffeln, und sie schien dem rauen Wetter angemessen. Der Weg hierher war von heftigen Regenschauern begleitet gewesen. Außer mir befand sich nur ein weiterer Gast in dem rustikalen Schankraum, in dem ein mächtiger Kachelofen wohlige Wärme spendete. Der Mann schien gleich mir nicht an einem Gespräch interessiert zu sein, und so aßen wir schweigend, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, während draußen der Sturm tobte. Der Wind trieb nasses Laub durch die engen Gassen, und die Rinnsteine hatten sich in kleine Bachläufe verwandelt.

Bevor ich den Rückweg antrat, bestellte ich einen Tee, dessen wohltuend anregende Wirkung einsetzte, als ich meine Schritte über das grobe Kopfsteinpflaster lenkte.

Es ging steil bergab. Aber nur ein kurzes Stück, dann wand sich der Fußweg in Richtung eines großen flachen Sees. In all den Jahren meiner Abwesenheit hatte sich kaum etwas verändert, ich wählte eine Abzweigung, die mich entlang der Stadtmauer um den Hügel herumführen musste, auf dem die Stadt einst erbaut worden war. Durch die in regelmäßigen Abständen eingelassenen Schießscharten konnte ich immer wieder einen Blick auf das umgebende Land werfen, das eine unbeschreibliche Ruhe und Ausgeglichenheit ausstrahlte.

Als ich nach Hause zurückkehrte, dämmerte es bereits. Stundenlang war ich durch die Gegend gestreift und nun verspürte ich Hunger.

Ich beschloss, mich am nächsten Tag an eine Katalogisierung der Bücher in der Bibliothek zu machen. Heute war es einfach schon zu spät für dieses mühselige Unterfangen.

Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung von Herausgeber Eric Hantsch

(wb)