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Das Implantat

Daniel H. Wilson
Das Implantat
Originaltitel: amped (2012)

TPB mit Klappbroschur, Knaur Verlag München, April 2014, 364 Seiten, 14,99 Euro, ISBN: 9783426513484, Übersetzung: Markus Bennemann, Titelbild: Bilderdienst
www.knaur.de

Daniel H. Wilson wurde am 6. März 1978 in Tulsa, Oklahoma geboren. Schon als Kind versuchte er, seinen Computer zum Sprechen zu bringen, und verliebte sich in das Androidenmädchen einer Fernsehserie. Nach der High School studierte er neben Informatik alles, was mit künstlicher Intelligenz zusammenhängt, bevor er 2005 am Institut für Robotertechnik in Pittsburgh den Doktortitel für Robotik erwarb. Neben Artikeln für das Popular Mechanics Magazine veröffentlicht er sehr erfolgreich Anleitungen, wie man einen Roboteraufstand überlebt. Daniel H. Wilson lebt heute in Portland, Oregon, in den USA. www.danielhwilson.blogspot.com

Lehrer Owen Gray musste als Jugendlicher einen schweren epileptischen Anfall überstehen. Sein Vater war ein führender Neurowissenschaftler und konnte ihm mit einem Implantat aushelfen, welches weitere Anfälle verhindern soll. Damit war er einer der ersten Menschen mit einem Implantat.

Seitdem hat sich die Welt weiter entwickelt und viele Menschen tragen inzwischen Implantate. Diese Menschen werden in den Vereinigten Staaten diskriminierend »Amps« (vom englischen amplify für Verstärken), genannt. Es sind nicht nur kranke Menschen, sondern auch normale, die sich körperlich oder geistig verstärken wollen. Andererseits sind die Implantate mit ihrer modernen Technik in der Lage, eine Vielzahl von Leiden zu besiegen. Direkt an das Gehirn angeschlossen sind sie in der Lage, geistig und körperlich behinderte Menschen zu einem normalen Leben zu verhelfen. In der unterschiedlichsten Kombination mit künstlichen Prothesen wird das vorhandene Potenzial künstlich verstärkt und ein normales Leben wird möglich.

Wie üblich benutzt man neue Mittel nicht nur für den gedachten Zweck, sondern auch für andere. So werden Schüler damit ausgestattet, denen Lernen nicht nur leichter fällt, sondern sie auch intelligenter macht. Andere Menschen mit künstlichen Prothesen können nicht nur wieder ihren Körper richtig benutzen, sondern werden dadurch noch leistungsfähiger. Die dadurch entstandenen Supermenschen sind den »Normalos« suspekt, und man versucht die Minderheit, die zudem noch über viel Geld verfügt, da die Implantate sehr teuer sind, in ihre Schranken zu verweisen. Die Gesetzgebung verhindert jedoch eine Ausgrenzung der »Amps«. Dies führt unweigerlich zu seelischer Grausamkeit, wenn die Betroffenen von den anderen ausgegrenzt werden. Als die fünfzehnjährige Samantha dem Druck der Ausgrenzung nicht mehr widerstehen kann, nimmt sie sich das Leben. Owen Gray, der Ich-Erzähler des Romans, wird direkt mit dem Ereignis in Verbindung gebracht, als er ihren Tod nicht verhindern kann. Dabei ist er selbst als Träger eines Implantats ein Betroffener. Erst später erfährt er, dass sein Implantat zu weitaus größeren Leistungen fähig ist.

Die Hauptmasse der Menschen sind die Normalen, und so ist es nicht verwunderlich, wenn sie, durch Medien und Politik beeinflusst, hauptsächlich durch Dogmat Vaughn sich dazu anstiften lassen, gewalttätige Auseinandersetzungen auszuführen. Die Amps flüchten in Refugien, wo sie unter ihresgleichen sind. Extremistische Organisationen auf beiden Seiten sorgen dafür, dass die Spirale der Gewalt sich unaufhaltsam weiterdreht. Owen Gray flüchtet sich bald in eine solche Gemeinschaft. Hier erfährt Owen, dass sein Implantat etwas ganz Besonderes darstellt. Schnell wird er zu einem gesuchten Mann der Regierung und der Organisation von Dogmat Vaughn. In seinem Versteck in einem Wohnwagenpark der »Amps«, erfährt er von Jim, dem Ex-Kollegen seines Vaters, was es mit seinem Implantat auf sich hat.

Der Autor erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Owen Gray. Dadurch verläuft die Handlung geradlinig und ohne Wechsel der Erzählperspektive oder der Zeit. Hinzu kommt, dass Daniel H. Wilson auf die innovativen stilistischen Experimente seines gelungenen Romans Robocalypse verzichtete. Dafür spielt er mit der Paranoia der Amerikaner, begründet auf den Attentaten vom 11. September. Dabei vergessen die Amerikaner meist, dass dieser Angriff auf die Zivilbevölkerung ihres Landes eine Entsprechung im Zweiten Weltkrieg hat, als die Zivilbevölkerung in Darmstadt angegriffen und die Stadt am gleichen Tag, nur Jahrzehnte vorher, in Schutt und Asche gelegt wurde.

Das emotionale Klima zwischen Amps und Nicht-Amps wird durch Propaganda und einen Bombenanschlag angefacht. Bei Wilson ist die USA gleich nach wenigen Wochen ein hysterisches Land, in der so etwas Ähnliches wie die Diskriminierung von Schwarzen in den USA zum Tragen kommt. Die Erzählweise von Daniel H. Wilson sorgt dafür, dass der Leser immer direkt am Geschehen ist und der Handlung somit ohne Mühe folgen kann.

Im Vergleich zu seinem Erstlingswerk bleibt Das Implantat inhaltlich ein wenig zu oberflächlich. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit einer neuen ungeliebten Minderheit stellte ich mir etwas ausgeweiteter vor. Mehr inhaltliche Auseinandersetzung. Das Buch wirft Fragen auf, die nicht sehr einfach zu klären und zu beantworten sind. Sind wir in unserem modernen Zeitalter, wo vor Datenspeicherung und Geräten wie Google Glass oder Whats App gewarnt wird, nur wenig davon entfernt, uns beliebig verbessern (verändern, beeinflussen) zu können? Ist diese technische Evolution eine Weiterführung der Darwinschen Evolutionstheorie? Leider kratzt das Thema nur an der Oberfläche. Das Grundthema ist nicht neu, besitzt einen besonderen Reiz und bezieht seine Spannung aus der Auseinandersetzung zweier Gesellschaften. Das Szenario einseitig und isoliert dargestellt, bleibt auf die USA beschränkt, kann aber in dieser Weise durchaus auf andere Länder und Kulturen übertragen werden. Letztlich ist es ein einfach gehaltener Roman, dessen Spannung gesteigert werden könnte.

(es)