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Dark Empire

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Die einsame Waldfee

Die einsame Waldfee

Vor gar nicht all zu langer Zeit lebte tief im Wald die kleine Fee Briana. Sie fühlte sich schrecklich einsam und verlassen, weil sie glaubte, dass niemand außer ihrem Volk von ihrer Existenz wusste. Und sie wusste genau, dass es nicht nur Feen und Elfen in der ganzen großen Welt gab.

Irgendwer hatte ihr einmal erzählt, dass es außer den Feen noch Menschen und Tiere auf dem großen Erdenball lebten. Wie gern hätte sie all diese Wesen einmal gesehen. Am liebsten jedoch hätte sie sich mit einem Menschenkind befreundet. Aber wie sollte das geschehen, wenn ihr Volk sich dermaßen zurückzog, dass niemand zu ihnen vorrücken konnte.

Außerdem schienen sie den Menschen nicht gerade wohl gesonnen sein. Viele der Elfen sagten, man solle sich vor den Menschen in Acht nehmen. Sie seien nicht nur eigenartigere Charaktere, sondern auch sehr groß, von ihrer Statur her. Wenn sie könnten, würden sie so ein mickriges Feenkind wie Briana einfach mit ihrer riesigen Pranke zerdrücken.

Aber da hatte die kleine Fee sich geschüttelt. Das konnte sie sich dann doch nicht vorstellen. Kein Mensch würde ein kleines Wesen, wie sie es war, einfach so in der Hand zerdrücken. Nein, so böse konnte niemand sein. In ihrer Welt gab es Bösartigkeit nicht. Sie kannte nur friedliche Kreaturen. Dass irgendjemand, irgendwo auf der Welt, jemanden ein Leid zufügen konnte, war etwas derartig Unglaubliches für sie, dass es weit über ihren eh schon nicht gerade schmalen Horizont hinaus ging.

Eines Tages – es war ein sonniger Sonntagnachmittag im Feenreich – ging Briana wieder einmal, wie so oft zum Waldrand und wartete. Irgendwann würde ihrer Meinung nach sicherlich jemand vorbeikommen. Am schönsten wäre es natürlich, wenn es sich bei diesem Jemand um einen Menschen handeln würde.

Briana war unendlich gespannt darauf, endlich einmal jemanden von der anderen Welt zu sehen. Sie lechzte geradezu danach und konnte kaum den nächsten Sonntag abwarten, an dem sie sich wieder in den Waldrand stellen und abwarten würde, wer da so vorbeikam.

Doch es kam niemand. Im Wald war es still und friedlich. Einzig das Zwitschern der Vögel und vereinzelte Rufe der vielen verschiedenen Tiere war zu hören. Von einem Menschen aber, war keine Spur.

Die kleine Fee wollte gerade traurig wieder heimgehen, als sie ein Geräusch hörte. Ihr Herz schlug Purzelbäume. Sie horchte auf! Was konnte das nur gewesen sein? Aufgeregt blieb sie stehen und lauschte in den tiefen, dunklen Wald hinein. Die Bäume und Sträucher standen an dieser Stelle des Forstes, teilweise so dicht, dass sie kaum noch die Strahlen der Sonne hindurchließen. Deshalb war es hier auch tagsüber so dunkel wie an einem trüben Tag.

Briana aber hatte keine Angst. Im Gegenteil! Sie war mutiger, als jemals zu vor und rief: »Hallo! Ist da jemand?«

Schweigen war die Antwort.

Die kleine Waldfee horchte angestrengt in den Wald hinein. Doch sie hörte nichts anderes als die üblichen vertrauten Naturgeräusche.

Traurig ging Briana wieder ihres Weges. Als sie gerade jegliche Hoffnung aufgeben und wieder nach Hause zurückkehren wollte, vernahm sie ein leises Knacken im Gebüsch.

Briana erschrak fürchterlich. Das war etwas, was sie überhaupt nicht erwartet hatte. Vielmehr hatte sie sich damit abgefunden, ohne einen Menschen zu treffen wieder heimkehren zu müssen. Doch jetzt schöpfte sie wieder alle Hoffnung.

Da war etwas. Ohne Zweifel! Briana blieb fast das Herz stehen, vor Aufregung. Trotz allem nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte noch einmal: »Ist da jemand?«

Dieses Mal war kein Schweigen die Antwort, sondern ein zaghaftes Hüsteln.

»Hallo!«, rief Briana. »Wer ist denn da?«

»Ich!«

»Wer ist ich?«, wollte die kleine Elfe wissen.

»Na, ich!«

»Wo bist du? Ich kann dich nicht sehen!«

Plötzlich kam eine fremde Gestalt, die Brianas Meinung nach vom Aussehen her durchaus ein Mensch hätte sein können, aus dem Gebüsch gekrochen. Wie ein solcher ungefähr aussah, wusste sie von ihrer Großmutter. Diese hatte einmal vor sehr langer Zeit einen gesehen.

»Hier bin ich doch«, sagte das fremde Wesen.

»Bist du ein Mensch?«, fragte Briana dann auch zaghaft.

»Klar, was soll ich sonst sein?«, gab das Wesen statt zu antworten zurück. »Du stellst aber komische Fragen.«

»Das sind keine komischen Fragen«, verteidigte Briana sich. »Wie soll ich wissen, ob du ein Mensch bist, wenn ich noch nie jemanden von deiner Art gesehen habe?«

Das Wesen war erstaunt und fragte: »Was, du hast noch nie einen Menschen gesehen?«

»Nein!«

»Himmel, wo bin ich denn hier gelandet?«, entgegnete das fremde Wesen und blickte sich um.

»Du bist hier im Elfenreich«, antwortete Briana.

»Im …?« Die Gestalt konnte es kaum aussprechen, was die kleine Elfe gerade gesagt hatte. Vor lauter Verblüffung musste sie sich erst einmal setzen. So ließ sie sich auf den weichen Waldboden nieder und stützte verzweifelt den Kopf in beide Hände.

»Ich bin doch einfach nur spazieren gegangen«, sagte sie schließlich. »So weit wollte ich gar nicht … Aber dann musste ich darüber nachdenken, was mein Freund zu mir gesagt hat, und bin einfach weiter. Immer weiter!«

»Darf ich fragen, was dein Freund zu dir gesagt hat?«, wollte Briana wissen.

»Sicher!«

»Er hat zu mir gesagt, ich könnte mich zum Teufel scheren …!«

Briana war entsetzt und hielt sich die Hände vor ihr hübsches Gesichtchen.

Die Menschengestalt sagte erschrocken: »Oh! Habe ich etwas Falsches gesagt?«

Briana nahm langsam die Hände vom Gesicht und sagte: »Das, was dein Freund zu dir gesagt hat, ist böse!«

»Ja!«

»Er hat gesagt, dass du dich zum … scheren sollst!«

»Warum sprichst du es nicht aus? Er hat Teufel gesagt!«

»Diesen Ausdruck gibt es in unserem Wortschatz nicht.«

»Sorry, aber ich habe dich noch gar nicht danach gefragt, wer du bist«, meinte das fremde Wesen. »Wenn ich doch so betrachte, siehst du aus wie die Elfe aus dem Märchenbuch, dass mir meine Oma immer vorgelesen hat, als ich klein war.«

»In eurer Welt gibt es uns in Büchern?«

»Ja!«, antwortete das Wesen. »Und du glaubst gar nicht in wie vielen.«

Brianas Gesicht erhellte sich: »Dann glauben die Menschen ja doch an uns.«

»Nun ja! – Da muss ich dich wohl enttäuschen. Die meisten halten euch für Fabelwesen. Mehr nicht!«

Die kleine Waldfee schluckte: »Fabelwesen?«

»Ja, die meisten Menschen glauben nicht wirklich an euch. Sie denken, ihr seid eine Erfindung dieser schöngeistigen Schreiberlinge. – Übrigens, wie heißt du eigentlich?«

»Ich heiße Briana«, antwortete die Elfe. »Und du?«

»Mein Name ist Silvia!«

»Sil-vi-a«. Briana sprach den Namen betont langsam aus, als würde sie ihn sich auf der Zunge zergehen lassen. »Ihr Menschen habt aber schöne melodische Namen.«

»Ach, so berauschend ist Silvia auch nicht«, entgegnete das Wesen. »Briana ist viel interessanter.«

Die kleine Elfe lächelte: »Meine Schwester heißt Briane, sehr abwechslungsreich, was? Briana und Brian …«

»Lustig!«, sagte Silvia. »Klingt, als wäret ihr Zwillinge!«

»Nein, wir sind keine Zwillinge!«, entgegnete Briana. »Im Gegenteil! Wir sind völlig verschieden.«

***

Es war ein seltsamer Moment, den die kleine Waldfee an diesem stillen, sonnigen Sonntagnachmittag erlebte. Er war so seltsam, dass er ihr geradezu unwirklich, ja geradezu trügerisch vorkam. Alles war so eigenartig, so fremd. Sie konnte es noch immer nicht glauben, dass sie tatsächlich hier mit einem Menschenkind beisammensaß und plauderte. Sie hatte es sich immer gewünscht. Ja! Sie hatte nie geglaubt, dass es wirklich einmal dazu kommen würde, dass sie tatsächlich einen echten Menschen treffen würde. Und doch war es geschehen. Und sie wollte diesen Augenblick auskosten. Sie wollte nicht gleich wieder heimkehren. Sie wollte wissen, was es noch alles in der großen, weiten Welt gab. Denn sie hatte sich nie wirklich vorstellen können, dass es auf dem riesigen Erdball nur ihr kleines Elfenvolk gab. Und trotz ihrer Familie, die aus Mutter, Vater und einer Schwester bestand, und den anderen aus dem Volk war sie sich immer ein wenig einsam vorgekommen. Dabei wollte sie etwas erleben. Sie wollte raus aus der Enge des Waldes und etwas von der Welt sehen. Sollte sie jetzt etwa die Chance haben?

»Es ist schön, dass ich dich heute getroffen habe, Silvia«, fuhr sie die Unterhaltung schließlich fort.

Silvia, die noch immer auf dem weichen, sonnendurchtränkten Waldboden saß, sagte: »Schön! Ja«

Doch obwohl Silvia ihr in gewisser Weise Recht gab, glaubte sie, einen kleinen Unterton herauszuhören.

»Du findest es nicht schön?«

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich davon halten soll!«, sagte Silvia. »Es ist alles so seltsam.«

»Was ist seltsam?«

»Dass wir uns hier getroffen haben, ist seltsam«, antwortete Silvia. »Das kann es doch gar nicht geben. Es gibt keine Elfen.«

Briana stellte traurig fest: »Du glaubst nicht an uns!«

»Ich weiß es nicht, es ist unnormal«, meinte Silvia. »Ihr gehört ins Märchenbuch und nicht in den Wald.«

Briana stockte. Aus ihren zauberhaften, blauen Augen löste sich eine Träne. Sie schluchzte.

Silvia hielt inne. Ihr war durchaus bewusst, dass sie irgendetwas Falsches gesagt haben musste.

»Was ist los?«

»Du weißt, was du gerade gesagt hast, oder?«

»Ich habe gesagt, dass ihr ins Märchenbuch gehört, ja!«

»Aber, das stimmt doch nicht«, sagte Briana. »Ich stehe doch hier leibhaftig vor dir.«

»Ja!«, sagte Silvia. »Dem ist wohl so!«

»Also, weißt du, was du gesagt hast.«

»Es tut mir leid!«, entgegnete Silvia. »Ich rede manchmal Blödsinn! – Du stehst wirklich leibhaftig vor mir und ich kann gar nicht verstehen, warum die Menschen nicht an euch glauben!«

»Das sagst du jetzt nicht nur, um mich zu trösten?«

»Nein!«

Brianas Tränen versiegten. Zufrieden setzte sie sich neben Silvia auf den Waldboden.

»Und nun?«, fragte sie und zupfte sich ihr weißes Sommerkleid glatt. Ihre zarten, durchscheinenden, pergamentartigen Flügel flatterten im lauen Sommerwind und ihre blonden, glatten Haare glänzten schimmernd wie Seide.

»Ich kann nicht bleiben«, sagte Silvia. »Aber, ich verspreche dir, dass ich wieder kommen werde.«

»Wirklich?«

»Ja«, sagte Silvia. »Du interessierst mich! Und ich möchte gern dein Volk kennen lernen.«

»Du willst bei uns leben?«

»Nicht direkt, aber ich möchte euch kennen lernen.«

»Und ich möchte euch Menschen kennen lernen.«

»Ich komme in genau einem Jahr wieder«, sagte Silvia. »Bis dahin solltest du dir Gedanken machen, ob du für einige Zeit wirklich in unserer Welt leben möchtest und ich in deiner!«

»Und dann?«

»Dann sollen unsere Wünsche in Erfüllung gehen!«

»Also werde ich dann in die Welt der Menschen gehen und du in unsere …«

»Genau!«

»Klingt spannend!«

»Das wird es ganz sicher auch sein«, sagte Silvia. »Also, abgemacht?«

»Klar!«

Die Waldfee und das Menschenkind reichten sich die Hände. Dann meinte Silvia: »Ich muss jetzt gehen!«

»Schade!«

»Es muss sein! – Aber wir sehen uns ja in einem Jahr wieder.«

»Ja!«

Dann erhob Silvia sich, und auch die kleine Waldfee verließ ihren bequemen Platz auf dem Waldboden. Erneut lockerten sich ein paar Tränen, aus ihren Augen.

»Sei nicht traurig«, entgegnete Silvia. »Wir sehen uns ja in einem Jahr wieder!«

»Ich freue mich!«

»Das kannst du auch!«

»Ich kann es kaum erwarten.«

Dann verabschiedeten sich die beiden, zu Freunde gewordene, eigentlich so fremde Wesen voneinander und die kleine Waldfee machte sich wieder auf den Weg nach Hause. Aber nicht ohne den Gedanken, an das bevorstehende größte Abenteuer ihres Lebens, weiterzuspinnen. Den anstehenden Ausflug ins Menschenreich … Und plötzlich war sie gar nicht mehr einsam.

(sk)

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