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Paraforce Band 38

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Der Mann mit dem gelben Koffer

Ei­nes schö­nen Ta­ges er­schien ein un­schein­ba­rer Mann, ge­klei­det in ei­nen höchst lang­wei­li­gen An­zug in der Stadt. Au­ßer ei­nem gro­ßen gel­ben Kof­fer trug er nichts bei sich. Zu groß für eine Ak­ten­ta­sche, zu klein als Rei­se­ge­päck. Sein schüt­te­res Haar um­gab den blan­ken Schä­del gleich ei­nem Kranz aus stau­bi­gem Stroh. Auf der Nase des Man­nes saß eine di­cke, schwar­ze Horn­bril­le, die längst schon aus der Mode ge­kom­men war. Der Mund war so schmal­lip­pig, dass es stän­dig aus­sah, als wür­de er sich ge­wal­tig an­stren­gen, ganz gleich, was er ge­ra­de tat.

Der Mann zog in ei­nen der schö­nen, neu­en Wohn­blocks. Teu­er wa­ren die Woh­nun­gen in die­sen Ge­bäu­den. Viel zu teu­er für arme Men­schen, aber der frem­de Mann ver­füg­te schein­bar über ge­nü­gend Geld. Sie wur­den üb­li­cher­wei­se von Men­schen be­wohnt, die et­was zu sa­gen hat­ten – meist un­nüt­zes Zeug und dreis­te Lü­gen, aber sie hat­ten die Nase vorn.

Nie­mand wuss­te, wer die­ser Mann ei­gent­lich war, wo­her er kam, was und wo er ar­bei­te­te. Je­der An­woh­ner be­geg­ne­te ihm mit et­was Miss­trau­en, denn wenn man über ei­nen Men­schen nichts wuss­te, hat­te die­ser Mensch auf je­den Fall et­was zu ver­ber­gen. Nicht zu ver­ges­sen, dass sich der Mann mit dem gel­ben Kof­fer freund­lich ge­gen­über je­dem ver­hielt. Ver­däch­tig zu­vor­kom­mend.

Kein Zwei­fel, da muss­te et­was im Ar­gen lie­gen.

Und dann die­ser Kof­fer, mit dem er tag­ein, tag­aus durch die Ge­gend wan­der­te. Man sah ihn nie­mals ohne. Ein­em Schwätz­chen wich er oft­mals ge­konnt höf­lich aus. Die neu­es­ten Ge­schich­ten aus der Nach­bar­schaft in­te­res­sier­ten ihn nicht.

Sol­che Leu­te hat­ten doch Dreck am Ste­cken. Ganz be­stimmt. Man muss­te nur lan­ge ge­nug da­nach su­chen, dann fand man die Fle­cken auf der wei­ßen Wes­te auch.

So ent­schloss sich nach ei­ni­gen Wo­chen des Ab­war­tens und Be­obach­tens ein Haus­meis­ter dazu, der Sa­che end­lich auf den Grund zu ge­hen. Ihm war der Mann mit dem gel­ben Kof­fer von An­fang an ein Dorn im Auge ge­we­sen. Seit­dem die­ser ei­gen­ar­ti­ge Kerl in die lee­re Woh­nung ne­ben­an ge­zo­gen war, fiel es Gun­nar schwer nachts ein­schla­fen zu kön­nen. Nicht, dass es zu laut ge­we­sen wäre. Ganz im Ge­gen­teil.

 

Kein Laut drang aus der Nach­bar­woh­nung. Nie. Al­les war still, wenn sich der Mann mit dem gel­ben Kof­fer zu­hau­se auf­hielt. Eine un­heim­li­che Fried­hofs­stil­le. Ge­ra­de das mach­te ihn ver­däch­tig. Lei­se­tre­ter wa­ren die Schlimms­ten von al­len. Die Schlimms­ten.

Als Haus­meis­ter ob­lag es Gun­nar, für Ord­nung zu sor­gen. Das war er sei­nen Vor­ge­setz­ten und den Mie­tern schul­dig. Al­lein hier woh­nen zu dür­fen zähl­te schon zu den we­ni­gen Glücks­grif­fen in sei­nem Le­ben. Da war es ja wohl Eh­ren­sa­che, zwie­lich­ti­ge Be­woh­ner ganz ge­nau un­ter die Lupe zu neh­men. Sein Block war sau­ber und an­stän­dig. Ver­kapp­te Per­ver­se hat­ten da nichts zu su­chen.

»Der Typ ist mir so­ was von un­heim­lich«, sag­te Gun­nar ei­nes Mor­gens beim Früh­stück zu San­dra, sei­ner Le­bens­ge­fähr­tin. Zu­erst wuss­te die jun­ge Frau nicht so recht, was sie mit die­ser Be­mer­kung an­fan­gen soll­te. Ent­spre­chend däm­lich schau­te sie auch drein.

»San­dra, Mensch! Merkst du das denn nicht? Der Kerl hat was zu ver­ber­gen.«

»Wer?«, frag­te sie, ein Bröt­chen mit Erd­beer­mar­me­la­de kau­end.

Nichts klin­gel­te un­ter der ge­lock­ten, Was­serstoff ge­bleich­ten Mäh­ne. Be­vor sie sich aber gänz­lich der Un­wis­sen­heit er­gab und ih­ren Freund dazu er­mun­ter­te, sie auf­zu­zie­hen, füg­te San­dra mit un­ver­fäng­li­chen Wor­ten rasch hin­zu: »Kann schon sein.«

Gun­nar gab sich da­mit zu­frie­den. Ihm gin­gen ganz an­de­re Ge­dan­ken durch den Kopf. Er nipp­te be­däch­tig an sei­nem Kaf­fee und schau­te aus dem Fens­ter. Ge­ra­de recht­zei­tig, wie er feststell­te, denn der neue Mie­ter ver­ließ just in die­sem Au­gen­blick das Ge­bäu­de und ging den as­phal­tier­ten, säu­ber­lich ge­feg­ten und von jed­we­dem Un­kraut be­frei­ten Weg zur Stra­ße ent­lang. In sei­ner Rech­ten trug er den gel­ben Kof­fer. Fast nie sah man den Kerl ohne die­ses Ding.

Was er wohl da­rin ver­steck­te?

Hek­tisch tipp­te der Haus­meis­ter ge­gen die Fens­ter­schei­be: »Da, schau doch, da ist er wie­der. Schau dir nur die­sen stei­fen Gang an. Im­mer ei­nen Fuß vor den an­de­ren. Ei­nen vor den an­de­ren. Und dann die­ser Blick. Starr ge­ra­de­aus als gäbe es links und rechts nichts zu se­hen. Komm schon, San­dra, das ist doch rich­tig be­droh­lich.«

»Ach«, ent­geg­ne­te die vor sich hin­kau­en­de Blon­di­ne, »den meinst du. Der ist doch harm­los.«

»Harm­los? Der soll harm­los sein? So wie der sich auf­führt? War ja klar, dass du wie­der mal kei­ne Ah­nung hast.«

»Wie­so Ah­nung? Das ist wirk­lich ein ganz net­ter Kerl. Hat sich ges­tern mit der al­ten Frau Dem­mer aus dem Drit­ten un­ter­hal­ten. Weißt doch, die Alte, um die sich kei­ner küm­mert. Hat ihr so­gar da­bei ge­hol­fen, die Ein­käu­fe hoch­zu­tra­gen.«

Mit weit ge­öff­ne­tem Mund schau­te Gun­nar sei­ne Freun­din an. In sei­nen Au­gen stand blan­kes Ent­set­zen ge­schrie­ben.

»Er … er …«, keuch­te der Haus­meis­ter. »Er hat es ge­wagt und die alte Dem­mer be­läs­tigt?«

Das letz­te Wort schrie er fast um so die Ab­scheu­lich­keit, das Grau­en der be­gan­ge­nen Tat selbst noch ein­mal deut­lich hö­ren zu kön­nen.

San­dra glotz­te ihn an und schüt­tel­te ih­ren Kopf: »Nicht be­läs­tigt. Geh­ol­fen hat er der al­ten Frau. Geh­ol­fen.«

»Sag mal, ist in dei­nem Vo­gel­hirn noch ein Rest von Vers­tand? Gott, San­dra! Wie naiv kann man denn sein? Was der da ge­tan hat, gilt schon bei­na­he als se­xu­el­le Be­läs­ti­gung. Na klar, zu­erst trägt er ihr die Ein­käu­fe nach oben, spi­o­niert sie aus und dann, mit­ten in der Nacht, bricht er in ihre Woh­nung ein und … und … ich will mir das gar nicht aus­ma­len.«

Als Ant­wort er­hielt Gun­nar ein Schul­ter­zu­cken. Sei­ne San­dra ge­hör­te eben nicht zu den Ge­schei­tes­ten, das muss­te er hin­neh­men. Für sie stell­te der Mann mit dem gel­ben Kof­fer ei­nen ein­fa­chen, ru­hi­gen Mie­ter dar. Gun­nar hin­ge­gen wuss­te, wann ein Bra­ten gamm­lig und faul stank.

Er kon­zen­trier­te sich wie­der auf den ge­fähr­li­chen Kof­fer­trä­ger und be­obach­te­te ihn mit Ar­gus­au­gen. Ohne weg­zu­se­hen mur­mel­te er: »Ich wüss­te zu ger­ne, wo der her­kommt und was der über­haupt ar­bei­tet. Das ist doch nicht nor­mal.«

»Kannst ihn ja fra­gen.«

Wü­tend schlug Gun­nar mit der fla­chen Hand so hef­tig auf den Tisch, dass Tel­ler und Tas­sen sich laut­hals be­schwer­ten, Kaf­fee auf die Tisch­de­cke schwapp­te und zwei Löf­fel in die Tie­fe stürz­ten.

»Ja, bist du denn wahn­sin­nig?«, pol­ter­te er los. »Du bist kom­plett be­scheu­ert, oder? Wenn der kri­mi­nell ist und ich un­ter­hal­te mich mit dem … was glaubst du, wo ich da rein­ge­zo­gen wer­de? Dann ist es aus mit dem schö­nen Le­ben hier, dann kön­nen wir ins Getto zie­hen. Ja, ja. Denk mal nach, San­dra. Denk ein­fach mal nach. Ist so leicht wie Haa­re fär­ben!«

Aber­mals zuck­te sie le­dig­lich mit den Schul­tern. Sich auf ei­nen Streit ein­zu­las­sen, brach­te nichts. Wenn sich Gun­nar in et­was fest­ge­bis­sen hat­te, dann blieb er stur. Vor al­lem bei Din­gen, die ihn nichts an­gin­gen. Oder wenn sei­ne Fantasie be­gann, ein Ei­gen­le­ben zu füh­ren.

Wie­der wand­te sich der Haus­meis­ter dem Fens­ter zu. Drau­ßen war nie­mand mehr zu se­hen. Der Mann mit dem gel­ben Kof­fer hat­te sich aus dem Staub ge­macht. Wie üb­lich. So war das im­mer mit den Kri­mi­nel­len. Nur eine Se­kun­de ließ man sie aus den Au­gen, schon lös­ten sie sich auf als sei­en sie nichts wei­ter als klei­ne Rauch­wölk­chen.

 

Na­tür­lich wuss­te Gun­nar, dass der ge­tarn­te Ver­bre­cher nicht ein­fach ver­schwun­den, son­dern ganz nor­mal sei­nes We­ges ge­gan­gen war. Trotz­dem, man konn­te ver­rückt wer­den. Wie­so mein­te es das Schick­sal mit zwie­lich­ti­gen Ge­stal­ten im­mer gut?

Aber ja doch, da­mit es die or­dent­li­chen Leu­te nicht ganz so leicht hat­ten. Lor­bee­ren woll­ten ver­dient wer­den, die la­gen nicht auf der Stra­ße he­rum. Aber är­ger­lich war es doch, den Mann mit dem gel­ben Kof­fer aus den Au­gen ver­lo­ren zu ha­ben.

»Ver­damm­te Schei­ße. Nur we­gen dir hab ich das jetzt ver­passt«, fluch­te er, schau­te da­bei aber nicht zu San­dra. Lie­ber wach­sam blei­ben, viel­leicht mach­te der mys­te­ri­ö­se Nach­bar ja kehrt, weil er noch et­was ver­ges­sen hat­te.

»Was ver­passt?«

»Na, den Kerl da, wie er auf den Bür­ger­steig tritt und dann wei­ter­geht. Ich woll­te doch se­hen, wel­che Rich­tung er heu­te ein­schlägt.«

San­dra ver­stand Gun­nars Prob­le­me nicht. Es war doch egal, wo­hin der Mann mit dem gel­ben Kof­fer ging. Er ver­hielt sich vor­bild­lich, war lei­se und zahl­te pünkt­lich die Mie­te. Nichts war an sei­nem Ver­hal­ten aus­zu­set­zen. Wenn alle Mie­ter so wä­ren wie er, gäbe es kei­ne Schwie­rig­kei­ten.

Sie zuck­te zum drit­ten Mal mit den Schul­tern – eine Ges­te, die Gun­nar ir­gend­wann in den Wahn­sinn trei­ben wür­de, des­sen war er sich si­cher – und mein­te bei­läu­fig zwi­schen zwei Schluck Kaf­fee: »Er wird zur Ar­beit ge­hen, wie vie­le an­de­re Leu­te das auch tun. Du ver­rennst dich da in et­was. Lass ihn doch ein­fach in Ruhe.«

Be­scheu­er­te Kuh, dach­te Gun­nar, sprach es je­doch nicht aus. Statt des­sen wid­me­te er sich mür­risch sei­nem Früh­stück. Sei­ne Chan­ce hat­te er ver­passt, jetzt muss­te bis mor­gen ge­war­tet wer­den. Bis da­hin konn­te weiß Gott was pas­sie­ren. Von Ver­ge­wal­ti­gung über Raub­mord, bis hin zu ei­nem gi­gan­ti­schen Ge­met­zel an Un­schul­di­gen war da al­les mög­lich. Und wenn es sich um ei­nen Auf­trags­kil­ler han­del­te, der in dem gel­ben Kof­fer sein aus­ei­nan­der ge­bau­tes Ge­wehr mit sich trug? Was, wenn er jetzt ge­ra­de auf dem Weg war, ei­nen ho­hen Ge­ne­ral oder wich­ti­gen Staats­mann zu tö­ten?

Dann trug sei­ne Freun­din die al­lei­ni­ge Schuld da­ran und wür­de es nicht ein­mal be­grei­fen. Wei­ber! Im­mer nur mit Wei­ber­kram be­schäf­tigt und mit Wei­ber­ge­dan­ken. Kein Wun­der, dass sie un­fä­hig wa­ren die Welt zu ret­ten. Man­che Din­ge soll­ten in Män­ner­hand blei­ben, da­von ging Gun­nar nicht ab. Die­ses Ge­wäsch von Gleich­be­rech­ti­gung konn­ten die in den Talk­shows ja ru­hig be­re­den, Haupt­sa­che er blieb da­von im wah­ren Le­ben ver­schont. Wer sich für Ge­schich­te in­te­res­sier­te, der wuss­te um die Un­er­setz­bar­keit der Män­ner. Ohne sie … aber nein, da­rü­ber woll­te er jetzt nicht nach­den­ken. Viel wich­ti­ger war es, sich um den Mord­bren­ner von ne­ben­an zu küm­mern.

Es muss­te doch mög­lich sein, et­was über ihn he­raus­zu­fin­den. Nur durf­te der Mann mit dem gel­ben Kof­fer nichts da­von mer­ken. Mei­ne Güte, dach­te Gun­nar, wenn der he­raus­fin­det, dass ich et­was über ihn he­raus­fin­den will, ist es aus mit mir. Dann kommt er und schlach­tet mich ab. San­dra ver­mut­lich auch, aber was in­te­res­siert mich das. Ich wäre dann tot. Tot!

So­weit durf­te es nicht kom­men. Er muss­te sei­nem Nach­barn das Hand­werk le­gen. Je frü­her, des­to bes­ser.

Still und ru­hig zu sein war im Grun­de eine fei­ne Sa­che. Es gab ge­nü­gend Mie­ter, die ei­nem mit ih­rem Krach den letz­ten Nerv rau­ben konn­ten. Fei­er­ten Par­tys bis spät in die Nacht hi­nein, lie­ßen ihre Bäl­ger über­all um­her­sprin­gen oder hör­ten bei vol­ler Laut­stär­ke klas­si­sche Mu­sik. Bah! Doch das wa­ren trotz al­lem an­stän­di­ge Leu­te. Kei­ne Kan­ni­ba­len wie der merk­wür­di­ge Fremd­ling von ne­ben­an.


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