Heftroman der

Woche

Neueste Kommentare
Archive
Folgt uns auch auf

Der Märkische Eulenspiegel 3

Der Märkische Eulenspiegel
Seltsame und kurzweilige Geschichten von Hans Clauert in Trebbin
Niedergeschrieben von Oskar Ludwig Bernhard Wolff
Leipzig, 1847
Überarbeitete Ausgabe

Hans Clauert, Schlosser aus Trebbin

Wie Hans Clauert nach Ungarn zog, dort aber keine Arbeit fand und eines Grafen Büchsenmeister wurde; wie er ferner dort starb und wieder lebendig wurde

Mit solchen Lebensmitteln und den oben erwähnten fünf Groschen zog Hans Clauert hin und her auf seinem Handwerk, um Arbeit zu suchen. So kam er bis ins Land Ungarn, und weil er ein guter Büchsenmeister war, so wurde er als solcher dort von einem jungen Grafen auf- und angenommen. Diesem diente er denn auch eine Zeitlang und vertrieb ihm mit lächerlichen und kurzweiligen Scherzen die Zeit. Deshalb wurde er sehr lieb gehalten und erhielt neben seiner Besoldung noch manches schöne Trinkgeld. Davon bewahrte er jedoch sehr wenig auf, weil ihn lose Gesellen, mit denen er sich gern einließ, gewöhnlich um dasselbe brachten. Es ist aber im Land Ungarn der Brauch, dass die Edelleute, welche unter den Grafen stehen, diesen auch dienen müssen und dass dieselben, so oft sie zu Hause gewesen sind und wieder zum Hof kommen, den Herren oder ihren Frauen ein Geschenk mitbringen, sollten es auch nur einige Kapaunen sein, deren sie besonders viele haben.

Oben erwähnter Graf hatte noch seine Mutter, welche die Herrschaft führte. Diese sprach einstmals scherzweise zu Clauert: »Hans, du siehst, dass unsere anderen Hofdiener uns fortwährend Geschenke bringen, und du hast uns bisher noch nichts gebracht; hättest du dies getan, so würden wir uns gegen dich auch gnädiger zu erzeigen wissen.«

Da erwiderte Clauert: »Gnädige Frau, so mir das Glück etwas bescheren wird, so will ich Eure Gnaden auch nicht vergessen«, und dachte sofort auf Mittel und Wege, wie er der Gräfin ein Geschenk bringen könnte, damit er auch vielleicht mit Gnaden überhäuft werden möchte, wie die anderen Hofdiener.

Gewöhnlich aber pflegen jene Grafen ihre Diener, die in ihrem Land bei ihnen zu bleiben Lust haben, mit etlichen Untertanen zu begaben.

Clauert ging nun eines Abends hin in den Meierhof der Gräfin, der nicht weit von jenem Schloss liegt, und sagte zu der Meierin, die Gräfin hätte befohlen, sie solle alle Gänse und Kapaunen abschlachten und abbrühen, welche er des anderen Tages früh zum Hof bringen sollte. Es ist nämlich in jenem Land Sitte, dass man sowohl die Gänse als auch die Hühner abbrüht und die Federn wegschüttet.

Da die Meierin wusste, dass Clauert bei dem Grafen ein angenehmer Diener war, so schenkte sie ihm leicht Glauben; sie würgte die Gänse und Kapaunen ab und reinigte sie von den Federn, wie er befohlen hatte.

Als es nun Tag werden wollte, hing Clauert die vierundfünfzig Kapaunen und die sechsunddreißig Gänse an zwei Stangen, ließ sie von vier Bauern vor sich hertragen, ging dann zu der Gräfin und sprach: »Gnädige Frau, ob ich gleich bisher nicht viel gehabt habe, was ich Euer Gnaden hätte schenken können, so habe ich doch jetzt die hier gegenwärtigen Kapaunen und Gänse herbeizuschaffen vermocht, die ich Euer Gnaden verehren will.«

Die Gräfin dankte ihm herzlich dafür und versprach es mit Gnaden zu erkennen und zu vergelten. Ehe es aber Abend wurde, kam die Meierin und fragte die alte Gräfin, warum sie denn den Meierhof so wüst gemacht und alle Gänse und Kapaunen habe schlachten lassen, da sie doch solche bei ihren Untertanen wohl hätte bekommen können.

Darüber erschrak die Gräfin und fragte, aus welchem Grund sie dies getan hätte.

Die Meierin berichtete Clauerts Befehl, welchem sie hätte nachkommen müssen. Deswegen wurde die Gräfin Clauert so feind, dass sie ihn nicht wieder vor ihr Angesicht wollte kommen lassen. Darüber wurde keiner so betrübt als der junge Graf, da er nun seinen liebsten Diener nicht mehr vor seine Mutter bringen durfte. Da gab ihm Clauert den Rat, er solle einen Sarg machen lassen. In diesen legte sich Clauert, als ob er tot wäre, und der Graf befahl ihn dann mit Fackeln in die Kirche zu tragen und ließ zum Leichenzug läuten.

Als die Mutter fragte, wer gestorben sei, erwiderte der Graf: »Mein lieber Clauert ist tot.«

Die Gräfin wollte ihn zum letzten Mal noch sehen und ging deshalb mit ihrem Sohn, dem Grafen, in die Kirche hinab.

Als sie zum Sarg kamen, in welchem Clauert lag und zugedeckt war, sagte der Graf zu seiner Mutter: »Ach liebe Frau Mutter! Ich bitte Euch um des Himmelswillen, wollet doch diesem armen Clauert seine Missetat, sofern er Euch etwa beleidigt hat, hier in dieser Welt verzeihen!«

Die Gräfin glaubte, er wäre tot und sagte: »Ob er gleich heftig wider uns gesündigt hat, so verzeihen wir ihm doch hiermit sein Vergehen.«

Als nun Clauert diese tröstlichen Worte hörte, sprang er aus dem Sarg heraus, fiel vor der Gräfin nieder und dankte ihr aufs Untertänigste für die ihm erwiesene Gnade. Da erschrak die Gräfin und hätte gern mit ihrem Sohn und mit Clauert gezürnt; aber sie meinte, es könnte für sie nicht rühmlich sein, ihr Wort zu brechen. So blieb Clauert an diesem Hof, bis Pest und Ofen von den Türken belagert und jener Graf gefangen wurde, wo dann Hans Clauert keinen Herrn mehr hatte und deshalb seinem Handwerk nachziehen musste.