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Deutsche Märchen und Sagen 180

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

238. Die roten Zwerge zu Gysephem

Zu Gysephem in der Ecke ist es nicht pleusch (richtig), und man hat oft von Spuken dort gehört. So hatte ein Mädchen auf dem dortigen Meierhof Lamstaps abends noch spät für sich genäht und war, nachdem sie die Haustür gut verschlossen hatte, ruhig zu Bett gegangen. Plötzlich hörte der Bauer ein Geräusch im Haus und sah von seiner Schlafkammer aus, dass alle Fenster im Erdgeschoss hell erleuchtet waren. Er rief der Magd zu, sie habe wohl die Tür nicht richtig zugemacht, und jetzt könne sie auch mal nachsehen, was unten sei, denn es gehe nicht mit rechten Dingen zu. Das Mädchen stand auf, ging die Treppe hinunter und fand, was es war. Denn es saßen wohl tausend rote Zwerge um die Tische, die dort aufgestellt waren, und amüsierten sich köstlich beim Essen und Trinken. Darüber erschrak die Magd so sehr, dass sie ohnmächtig zu Boden sank. Als sie nicht mehr aufstand, ging der Bauer selbst hinunter und fand dasselbe vor.

Etwas später sollte die Frau im Kindbett liegen, aber sie musste zwei ganze Tage in den Wehen liegen und konnte das Kind nicht zur Welt bringen. Als die Hebamme einmal an den Herd ging, um etwas heißes Wasser zu holen, fiel ihr plötzlich der Tisch, der neben dem Herd an der Wand stand, auf den Kopf. Als sie sich bückte, um unter dem Tisch hervorzukommen, sah sie einen der roten Zwerge in einer Ecke des Kamins sitzen. Da dachte sie gleich, der Zwerg müsse schuld sein, dass die Frau nicht gebären konnte. Sie ließ den Pfarrer Jeppen kommen, einen berühmten Banner, und der beschwor den Zwerg, dass er weichen müsse. In derselben Stunde gebar die Frau einen schönen Knaben, aber kaum war dies geschehen, da hörte man im ganzen Hof ein so großes Getöse, dass man glaubte, alles stürze zusammen.