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Die Mumien von Palermo

Die Mumien von Palermo

Aufrecht hängen die Toten an den Wänden.

Ihre Münder sind zu einem stummen Schrei erstarrt, unter ihnen stapeln sich die verschlossenen Särge. Ein stetiger Wind weht durch die weiten Hallen der Tuffsteinhöhlen, bricht sich an den Wänden und erzeugt ein Heulen und Pfeifen, das jedem unbeteiligten Betrachter der gespenstischen Szenerie einen eiskalten Schauer über den Rücken jagt.

Was sich wie der Beginn eines Schauerromans liest, ist in der sizilianischen Metropole Palermo seit Jahrhunderten grausige Realität. Eine Realität, die im Jahr 1534 ihren Anfang nahm, als die Kapuzinermönche, ein eigenständiger Zweig des Franziskanerordens, nach ihrer Ansiedlung auf Sizilien auf dem ihnen zugewiesenen Stück Land ihr erstes Kloster errichteten. Dieses kleine Stück Land in der heutigen Altstadt von Palermo galt damals als der schlechteste Boden der ganzen Gemeinde. Kein Wunder, denn die Kapuziner hatten kein Geld, um Land zu kaufen, und waren auf Almosen und Spenden angewiesen. Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später, im Jahre des Herrn 1597, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, ein größeres Grabgewölbe auszuheben, da der alte Raum für die wachsende Zahl der verstorbenen Brüder nicht mehr ausreichte. Die Wahl fiel auf die alten Höhlen hinter dem Hochaltar. Zwei Jahre später, 1599, war der neue unterirdische Friedhof fertiggestellt. Als die Ordensbrüder hinabstiegen, um die mehr als drei Dutzend Leichen aus der alten Gruft in die neue umzubetten, stellten sie fest, dass viele von ihnen nicht verwest, sondern regelrecht mumifiziert waren.

Der Anblick der gut erhaltenen Körper war nicht nur für die Mönche, sondern auch für die Bevölkerung ein Schock. Die Menschen hielten es für ein Zeichen des Himmels. Der damalige Abt beschloss, die Toten als Zeichen der eigenen Vergänglichkeit auszustellen.

 

*

 

Die erste Mumie, die in den Katakomben ausgestellt wurde, war die des Mönchs Frate Silvestro da Gubbio, aufgebahrt in einem einfachen braunen Gewand, mit einer Kopfbedeckung und einem einfachen Schild, auf dem das Datum seines Todes, der 16. Oktober 1599, vermerkt ist. Dank des heutigen Standes der Wissenschaft wissen wir heute, dass der Leichnam aus drei Gründen nicht verweste. Der erste Grund war das Mikroklima in der Gruft, das durch den Luftzug herrschte, der zweite die konstante Luftfeuchtigkeit und der dritte der flüssigkeitsabsorbierende Tuffstein, aus dem die Höhlen bestanden.

Fast zwei Jahrhunderte lang wurden in den Katakomben ausschließlich die verstorbenen Mönche des Kapuzinerklosters bestattet, bis sich die Nachricht von den mumifizierten Leichen in fast ganz Europa verbreitete und man sich für die Mumifizierung interessierte.

Die Mönche sträubten sich lange, doch schließlich unterlag ihr geistliches Weltbild mit seinen Lehren jenen weltlichen Lastern, die auch heute noch fast die gesamte Menschheit beherrschen.

Gier und Geld!

Ab 1783 wurde jeder aufgenommen, der einen Platz in den Kapuzinerklostern wollte und vor allem bezahlen konnte. Da der Mönchsorden die Kosten für den gesamten Mumifizierungsprozess hoch ansetzte, kamen nur Menschen der Elite in den Genuss. Dementsprechend liest sich die Liste wie das Who is Who der damaligen High Society. Namen wie Ayala, ein tunesischer Königssohn, oder Filippo Pennino, ein damals sehr bekannter Bildhauer, finden sich ebenso wie der berühmte Schriftsteller Don Vincenzo Agati oder Monsignore Franco D’Agostini, Bischof des byzantinischen Ritus. Die Bestattung der Toten wurde zum Statussymbol, bis die Mumifizierung 1881 verboten wurde. Ein Grund dafür dürfte auch die unüberschaubar gewordene Zahl der bestatteten Toten gewesen sein. Nach alten Berichten sollen es über 8500 Mumien gewesen sein, die sich bis dahin in der Gruft angesammelt hatten. Beide Zahlen sind allerdings nicht mehr hundertprozentig nachprüfbar, da die Gruft im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker diente und am 11. März 1943 bei einem amerikanischen Bombenangriff eine unbekannte Anzahl von Mumien zerstört wurde, ebenso wie 1966, als ein Brand ebenfalls eine im Nachhinein nicht mehr genau zu beziffernde Anzahl von Mumien vernichtete.

Dennoch gab es 1920 eine Ausnahme, die der Legende der Mumien von Palermo zu neuem Ruhm verhalf, der bis in unsere aufgeklärte Zeit anhält.

Diese Ausnahme ist ein kleines Mädchen namens Rosalia, besser bekannt als die schönste Mumie der Welt.

 

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Rosalia Lombardo, Tochter des bekannten und einflussreichen Generals Mario Lombardo, wurde am 13. Dezember 1918 in Palermo geboren und starb wenige Tage vor ihrem zweiten Geburtstag, am 6. Dezember 1920, an der Spanischen Grippe, die nach heutigen Schätzungen in dieser Zeit (1918-1920) 20 bis 50 Millionen Menschenleben forderte. Der General, fast wahnsinnig vor Trauer und Schmerz über den Tod seiner geliebten Tochter, bekniete die Kapuzinermönche so lange, bis sie ihm trotz des Mumifizierungsverbots erlaubten, seine Tochter in den Katakomben ihrer Krypta beizusetzen. Zusätzlich beauftragte Lombardo den damals schon berühmten Chemiker Alfredo Salafia, seine Tochter so zu mumifizieren, dass sie nicht wie eine Tote aussah, sondern wie ein schlafender Mensch.

Salafia, der schon einige andere Verstorbene mit einer von ihm erfundenen Methode täuschend echt präpariert hatte, schuf mit der kleinen Rosalia sein Meisterstück. Die schlafende Schönheit Siziliens oder die schönste Mumie der Welt, wie sie auch genannt wird, versetzt noch heute jeden Betrachter in Erstaunen. Mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod ist noch jedes einzelne ihrer dunkelblonden Haare zu erkennen, ihr Gesicht ist nahezu makellos und es sieht tatsächlich so aus, als hätte sie sich nur kurz zum Schlafen hingelegt. Für die Wissenschaft ist sie damit zur bedeutendsten Mumie der Welt geworden.

Doch nicht nur das: Wer sich die Zeit nahm, morgens nach Sonnenaufgang bis zu drei Stunden an ihrem offenen Sarg zu verweilen, konnte sehen, wie sie in dieser Zeit scheinbar ganz langsam die Augen öffnete. Einer der Grabwächter, der dies beobachtete, verlor daraufhin den Verstand. Diese Ereignisse schlugen ein wie eine Bombe. Was war das, ein Zeichen des Himmels, Hexerei oder nur eine Sinnestäuschung?

 

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Vor weniger als zwanzig Jahren gelang es Dario Piombino-Mascali, dem Kurator des Kapuzinerklosters, durch einen Zufall, das Geheimnis der schönsten Mumie der Welt zu lüften. Im Jahr 2009, 75 Jahre nach dem Tod von Alfredo Salafia, gelang es Dario, das Geheimnis der unvergänglichen Schönheit von Rosalia zu lüften. In den Unterlagen Salafias, die von einer entfernten Verwandten aufbewahrt wurden, fand sich ein handgeschriebenes Rezept für seine Art der Einbalsamierung.

Es handelte sich um eine Mischung aus Formalin, Glycerin, Zinksulfat, Äther, Alkohol und Salicylsäure. Das Zinksulfat sorgte dafür, dass alle inneren Organe erhalten blieben, das in Äther gelöste Paraffin konservierte das Gesicht so natürlich wie möglich, und das Glyzerin sorgte dafür, dass der Körper nicht austrocknete.

Im Jahr 2012 war es wieder ein Zufall, der das Rätsel löste, warum Rosalia immer morgens stundenlang die Augen zu öffnen schien.

Es begann damit, dass Rosalias Leichnam durch das Blitzlichtgewitter von Hunderten von Touristen, die täglich durch das Grab gingen und sie fotografierten, langsam Verwesungserscheinungen zeigte, obwohl das wegen der Verwesung streng verboten war. Dario entschied, dass Rosalias Mumie nicht mehr ausgestellt, sondern in einem speziellen Glassarg beigesetzt werden sollte, der durch seine Versiegelung die Mumie vor Umwelteinflüssen schützte. Mit der Umbettung in den Sarg verschwand auch das Phänomen der sich öffnenden Augen. Nach zahlreichen Versuchen stellte sich heraus, dass es sich nur um eine optische Täuschung handelte.

Sie entstand durch das Licht der aufgehenden Sonne, das morgens in einem bestimmten Winkel durch die Seitenfenster in die Katakomben fiel und durch das Spiel von Licht und Schatten den Eindruck erweckte, Rosalia, deren Augen nie ganz geschlossen waren, würde sie ganz öffnen. Das funktionierte allerdings nur in der Position, die Rosalia zuvor eingenommen hatte. Eine Abweichung von nur wenigen Millimetern, wie sie beim Umlagern in den Sarg auftrat, zerstörte das Zusammenspiel von Licht und Schatten und damit den Vorgang des Augenöffnens. Dario Piombino-Mascali, dem 2017 die Ehrenbürgerschaft Palermos verliehen wurde, sah das Ganze mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Lachend, weil nun die Touristenströme aufhören, Rosalia ständig zu fotografieren und wilde Geschichten in die Welt zu tragen, weinend, weil er es war, der den Mythos von Palermos schönster Mumie zerstört hat.

Quellenhinweis:

(gsch)