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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel XXV

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

XXV. D’Artagnan findet einen Plan

Athos kannte d’Artagnan vielleicht besser, als dieser sich selbst kannte. Er wusste, dass man in einen abenteuerlichen Geist, wie ihn der Gascogner besaß, nur einen Gedanken fallen lassen darf, wie man in einen reichen, kräftigen Boden nur ein Samenkorn fallen lässt. Er sah also ruhig zu, als sein Freund die Achseln zuckte, setzte seinen Weg fort und plauderte über Raoul, ein Gespräch, das er, wie man sich erinnern wird, zu einer andern Zeit gänzlich unberücksichtigt gelassen hatte.

Bei Einbruch der Nacht gelangte man nach Tirsk. Die vier Freunde schienen völlig gleichgültig gegen die Vorsichtsmaßregeln, die man nahm, um sich der Person des Königs zu versichern. Sie zogen sich in ein Privathaus zurück, und da sie jeden Augenblick für sich selbst zu fürchten hatten, so richteten sie sich in einem einzigen Zimmer ein, wobei sie für einen Ausgang im Falle eines Angriffes besorgt waren. Die Bedienten wurden auf verschiedenen Posten verteilt. Grimaud schlief vor der Tür auf einem Bund Stroh.

D’Artagnan war nachdenkend und schien für einen Augenblick seine gewöhnliche Gesprächigkeit verloren zu haben. Er sagte kein Wort, pfiff unablässig und ging zwischen seinem Bette und dem Kreuzstock hin und her. Porthos, der nie etwas anderes sah als die äußeren Dinge, sprach zu ihm wie gewöhnlich. D’Artagnan antwortete äußerst einsilbig. Athos und Aramis schauten sich lächelnd an.

Der Tag war ermüdend gewesen und mit Ausnahme von Porthos, dessen Schlummer so unbeugsam war, als sein Appetit, schliefen die Freunde dennoch schlecht.

Am andern Morgen war d’Artagnan zuerst auf den Beinen. Er hatte bereits den Stall und die Pferde untersucht und die nötigen Befehle für den Tag gegeben, als Aramis und Athos nicht einmal aufgestanden waren, und Porthos noch schnarchte.

Um acht Uhr morgens setzte man sich in derselben Ordnung in Marsch, wie am Tage zuvor. Nur ließ d’Artagnan seine Freunde allein reiten und suchte die mit Groslow bei dem erwähnten Mittagsmahle angeknüpfte Bekanntschaft weiter fortzuspinnen.

Durch die Lobeserhebungen des Gascogners in seinem Innern ungemein geschmeichelt, empfing ihn Groslow mit einem freundlichen Lächeln.

»In der Tat, Monsieur«, sagte d’Artagnan zu ihm, »ich bin glücklich, einen Mann zu finden, mit dem ich mich in meiner eigenen Sprache unterhalten kann. Monsieur du Vallon, mein Freund, ist von äußerst schwermütigem Charakter, so dass man oft keine vier Worte den ganzen Tag aus ihm herausbringen kann; was unsere zwei Gefangenen betrifft, so begreift Ihr, dass sie keine große Lust haben, sich in ein Gespräch einzulassen.«

»Es sind wütende Royalisten«, versetzte Groslow.

»Deshalb grollen sie uns auch so sehr, dass wir den Stuart gefangen genommen haben, dem Ihr hoffentlich ganz hübsch den Prozess machen werdet?«

»Gott verdamme mich«, erwiderte Groslow, »wir führen ihn aus diesem Grunde nach London.«

»Und ich denke, Ihr werdet ihn nicht aus dem Gesichte verlieren.«

»Den Teufel! Ich glaube Wohl. Ihr seht«, fügte der Offizier lachend bei, »er hat eine wahrhaft königliche Eskorte.«

»Oh! Bei Tag ist keine Gefahr, dass er entkommen könnte, aber bei Nacht …«

»Bei Nacht werden die Vorsichtsmaßregeln verdoppelt.«

»Auf welche Art lasst Ihr ihn bewachen?«

»Acht Mann bleiben beständig in seinem Zimmer.«

»Teufel!«, rief d’Artagnan, »er ist gut bewacht, aber neben diesen acht Mann stellt Ihr ohne Zweifel auch außen eine Wache auf? Man kann nicht behutsam genug bei einem solchen Gefangenen sein.«

»Oh! Nein. Bedenkt doch, was können zwei unbewaffnete Menschen gegen acht bewaffnete Männer machen?«

»Wie, zwei Menschen?«

»Ja, der König und sein Kammerdiener.«

»Man hat also dem Kammerdiener bei ihm zu bleiben erlaubt?«

»Ja. Stuart hat um diese Vergünstigung gebeten, und der Oberste Harrison willigte ein. Unter dem Vorwand, dass er ein König ist, scheint er sich weder allein ankleiden noch auskleiden zu können.«

»In der Tat«, sagte d’Artagnan, entschlossen in Beziehung auf den englischen Offizier das Lobsystem fortzusetzen, das ihn so gut unterstützt hatte, »je mehr ich höre, desto mehr muss ich über die leichte und zierliche Weise staunen, mit der Ihr französisch sprecht. Ihr habt drei Jahre in Paris gewohnt? Wohl, ich könnte mich mein ganzes Leben in London aufhalten, und würde es, das bin ich fest überzeugt, nicht zu dem Grade dringen, den Ihr erreicht habt. Was machtet Ihr denn in Paris?«

»Mein Vater, ein Handelsmann, schickte mich zu seinem Korrespondenten, der seinerseits seinen Sohn zu meinem Vater geschickt hatte: Ein solcher Austausch ist gebräuchlich unter Handelsleuten.«

»Hat es Euch in Paris gefallen, Monsieur?«

»Ja. Aber Ihr hättet eine Revolution nach Art der unsern sehr nötig, nicht gegen Euern König, der noch ein Kind ist, sondern gegen den spitzbübischen Italiener, den Geliebten Eurer Königin.«

»Ah! Ich bin ganz Eurer Meinung, Monsieur, und es wäre bald getan, wenn wir nur zwölf Offiziere, wie Ihr seid, vorurteilsfreie, wachsame, unbestechliche Leute hätten. Ah! Wir wären bald mit dem Mazarin fertig und würden ihm einen kurzen Prozess machen, wie Ihr ihn Eurem König macht.«

»Aber ich glaubte, Ihr stündet in seinem Dienst«, versetzte der Offizier, »und er hätte Euch an den General Cromwell abgeschickt?«

»Das heißt, ich bin im Dienst des Königs, und als ich erfuhr, dass er jemand nach England schicken würde, bewarb ich mich um diese Sendung, so groß war mein Verlangen, den Mann von Genie kennen zu lernen, der gegenwärtig in den drei Königreichen befiehlt. Ihr habt auch gesehen, wie wir, als er uns den Vorschlag machte, zur Ehre von Alt-England das Schwert zu ziehen, mit allem Eifer diesen Vorschlag ergriffen.«

»Ja, ich weiß, Ihr habt an der Seite von Monsieur Mordaunt angegriffen.«

»Zu seiner Rechten und zu seiner Linken, Monsieur. Teufel! Abermals ein braver, vortrefflicher junger Mann! Wie hat er seinen Monsieur Oheim niedergestreckt! Habt Ihr es gesehen?«

»Kennt Ihr ihn?«, fragte der Offizier.

»Allerdings; ich kann sogar sagen, wir stehen in genauer Verbindung miteinander. Monsieur du Vallon und ich sind mit ihm von Frankreich herübergekommen.«

»Es scheint, Ihr habt ihn lange in Boulogne warten lassen.«

»Was wollt Ihr«, entgegnete d’Artagnan, »es ging mir wie Euch: Ich hatte einen König zu bewachen.«

»Ah! Ah!«, rief Groslow, »welchen König?«

»Den unseren, bei Gott! Den kleinen König Ludwig XIV.«

Bei diesen Worten nahm d’Artagnan den Hut ab, der Engländer tat aus Höflichkeit dasselbe.

»Und wie lange habt Ihr ihn bewacht?«

»Drei Nächte und, meiner Treu, ich werde mich dieser drei Nächte stets mit Vergnügen erinnern.«

»Der junge König ist also sehr liebenswürdig?«

»Der König? Er schlief mit geschlossenen Fäusten.«

»Was wollt Ihr also damit sagen?«

»Ich will damit sagen, dass meine Freunde, die Offiziere bei den Garden und Musketieren, mir Gesellschaft leisteten und dass wir unsere Nächte mit Spielen und Trinken hinbrachten.«

»Ah! Ja, das ist wahr«, versetzte der Engländer mit einem Seufzer, »Ihr seid lustige Kameraden, Ihr Franzosen.«

»Spielt Ihr nicht auch, wenn Ihr auf der Wache seid?«

»Nie«, sprach der Engländer.

»Dann müsst Ihr viel Langeweile haben, und ich beklage Euch.«

»Ich sehe allerdings mit einem gewissen Schrecken die Reihe an mich kommen. Es währt verdammt lang, wenn man eine ganze Nacht wachen muss.«

»Ja. wenn man allein oder mit albernen Soldaten wacht; wacht man aber mit einem lustigen Gesellen und lässt das Gold und die Würfel über den Tisch rollen, so geht die Nacht wie ein Traum vorüber. Ihr liebt also das Spiel nicht?«

»Im Gegenteil.«

»Lanzknecht, zum Beispiel?«

»Ich liebe es, zum Närrisch werden, und spielte es beinahe jeden Abend in Frankreich.«

»Und seitdem Ihr in England seid?«

»Habe ich weder einen Würfelbecher noch eine Karte in der Hand gehabt.«

»Ich beklage Euch«, sprach d’Artagnan mit einer Miene tiefen Mitleids.

»Hört!«, versetzte der Engländer. »Ihr könntet etwas tun.«

»Was?«

»Morgen bin ich auf der Wache.«

»Bei Stuart?«

»Ja, bringt die Nacht bei mir zu.«

»Unmöglich.«

»Unmöglich?«

»Nein unmöglich.«

»Warum?«

»Jede Nacht mache ich eine Partie mit Monsieur du Vallon; zuweilen gehen wir nicht zu Bett … so spielten wir diesen Morgen noch, als es bereits Tag war.«

»Nun?«

»Er würde sich zu sehr langweilen, wenn ich nicht die Partie mit ihm machte.«

»Ist er ein guter Spieler?«

»Ich habe ihn zweitausend Pistolen verlieren und dabei lachen sehen, dass die Tränen kamen.«

»Bringt ihn mit.«

»Wie kann ich dies?« Unsere Gefangenen?«

»Ah! Teufel, das ist wahr«, sprach der Offizier. »Doch lasst sie durch Eure Lakaien bewachen.«

»Ja, damit sie fliehen!«, versetzte d’Artagnan. »Ich werde mich wohl hüten.«

»Es sind also Leute von Stande, dass Euch so viel daran gelegen ist?«

»Teufel! Der eine ist ein reicher Monsieur aus der Touraine, der andere ein Malteser Ritter von vornehmem Haus. Wir haben ihr Lösegeld zu 2000 Pfund Sterling für jeden bei der Ankunft in Frankreich festgesetzt und wollen Leute, von denen unsere Lakaien wissen, dass es Millionäre sind, nicht einen Augenblick verlassen. Wir durchsuchten sie, als wir sie gefangen nahmen, wohl ein wenig, und ich gestehe Euch sogar, dass wir, nämlich Monsieur du Vallon und ich, uns jede Nacht um ihre Börse befehden, aber sie können uns irgendeinen Edelstein, irgendeinen wertvollen Diamant verborgen haben, und wir sind wie die Geizigen, die nie von ihrem Schatz weichen; wir bewachen unsere Leute unablässig, und wenn ich schlafe, ist Monsieur du Vallon auf den Beinen.«

»Ah! Ah!«, rief Groslow.

»Ihr begreift also nun, was mich nötigt, Eure höfliche Einladung auszuschlagen, die ich umso mehr zu schätzen weiß, als es im höchsten Maße langweilig ist, immer mit derselben Person zu spielen; die Wechselfälle gleichen sich immer aus, und am Ende des Monats findet man, dass man weder Nutzen noch Schaden gehabt hat.«

»Ah!«, entgegnete Groslow mit einem Seufzer, »es gibt etwas noch Langweiligeres – gar nicht zu spielen.«

»Ich begreife das.«

»Aber sprecht, sind Eure Gefangenen gefährliche Menschen?«

»In welcher Beziehung?«

»Sind sie fähig, ein keckes Wagnis zu unternehmen?«

D’Artagnan brach in ein Gelächter aus. »Mein Jesus!«, rief er, »der eine zittert vor Fieberfrost, denn er kann sich nicht an Euer reizendes Land gewöhnen; der andere ist ein Malteser Ritter, so schüchtern, wie ein junges Mädchen, und zu größerer Sicherheit haben wir ihnen sogar ihre Schnappmesser und Taschenscheren weggenommen.«

»Gut, so bringt sie mit«, sagte Groslow.

»Wie Ihr wollt?«

»Ja, ich habe acht Mann, vier bewachen Eure Gefangenen, vier bewachen den König.«

»So lässt sich die Sache allerdings machen«, versetzte d’Artagnan, »obwohl ich Euch dadurch sehr beschwerlich fallen muss.«

»Bah! Kommt immerhin, Ihr sollt sehen, wie ich das ordne.«

»Oh! Darüber beunruhige ich mich nicht; einem Mann, wie Ihr seid, überlasse ich mich mit geschlossenen Augen.«

Diese Schmeichelei hatte bei dem Offizier jenes kleine Lachen der Zufriedenheit zur Folge, das die Leute zu Freunden desjenigen macht, welcher es hervorruft, denn es ist ein Erguss der geschmeichelten Eitelkeit.

»Aber wenn ich bedenke«, sprach d’Artagnan, »was hindert uns, schon diesen Abend zu beginnen?«

»Was?«

»Unsere Partie.«

»Nichts in der Welt«, erwiderte Groslow.

»In der Tat, kommt diesen Abend zu uns, und morgen geben wir Euch Euren Besuch zurück. Wenn Euch etwas an unseren Leuten belästigt, die, wie Ihr wisst, wütende Royalisten sind, nun, es soll nichts gesagt sein, und wir haben immerhin eine schöne Nacht zugebracht.«

»Vortrefflich! Diesen Abend bei Euch, morgen bei Stuart, übermorgen bei mir.«

»Und die anderen Tage in London. Ei, Gottes Tod!«, rief d’Artagnan, »Ihr seht, man kann überall ein lustiges Leben führen.«

»Ja, wenn man Franzosen findet, und zwar Franzosen, wie Ihr seid«, erwiderte Groslow.

»Und wie Monsieur du Vallon; Ihr werdet sehen, das ist ein Bursche! Ein wütender Frondeur, ein Mensch, der Mazarin um ein Haar totgeschlagen hätte; man verwendet ihn nur, weil man ihn fürchtet.«

»Ja«, sprach Groslow, »er sieht gut aus und behagt mir ganz und gar, obwohl ich ihn noch nicht kenne.«

»Kennt Ihr ihn erst, so wird es noch ganz anders sein. Ah! Halt, er ruft mich. Wir stehen in so vertrauter, in so enger Verbindung miteinander, dass er meiner gar nicht entbehren kann. Ihr entschuldigt mich?«

»Gewiss.«

»Diesen Abend also?«

»Bei Euch.«

»Bei mir.«

Die zwei Männer begrüßten sich gegenseitig und d’Artagnan kam zu seinen Gefährten zurück.

»Was, Teufels, hattet Ihr mit diesem Bulldog zu verhandeln?«, fragte Porthos.

»Mein Lieber, sprecht nicht in diesem Ton von Monsieur Groslow, er ist einer meiner vertrautesten Freunde.«

»Einer Eurer Freunde!«, rief Porthos, »dieser Bauernschinder?«

»Still, mein lieber Porthos. Ja, gut, es ist wahr, Monsieur Groslow ist etwas lebhaft, aber ich habe im Grunde gute Eigenschaften bei ihm entdeckt: Er ist dumm und stolz.«

Porthos riss seine Augen voll Verwunderung auf; Athos und Aramis schauten sich lächelnd an; sie kannten d’Artagnan und wussten, dass er nichts absichtslos tat.

»Aber, Ihr sollt ihn selbst beurteilen«, sagte d’Artagnan.

»Wie dies?«

»Ich stelle Euch diesen Abend vor; er kommt, um mit uns zu spielen.«

»Oh! Oh!«, rief Porthos, dessen Augen sich bei diesem Wort entflammten, »er ist reich?«

»Er ist der Sohn eines der bedeutendsten Kaufleute in London.«

»Und er kennt das Lanzknecht?«

»Er betet es an.«

»Die Bassette?«

»Das ist seine Leidenschaft.«

»Das Biridi?«

»Er ist bis zum Wahnsinn in dasselbe verliebt.«

»Gut«, sprach Porthos, »wir werden eine angenehme Nacht zubringen.«

»Eine umso angenehmere, als sie uns eine noch viel bessere Nacht verspricht.«

»Wieso?«

»Wir geben ihm diesen Abend eine Spielpartie, er gibt uns morgen eine.«

»Wo dies?«

»Ich werde es Euch sagen. Wir haben uns jetzt nur damit zu beschäftigen, dass wir die Ehre, welche uns Monsieur Groslow erzeigt, würdig aufnehmen. Wir halten diesen Abend in Derby an: Mousqueton reitet voraus, findet sich eine einzige Flasche Wein in der ganzen Stadt, so kauft er sie. Es wäre auch nicht übel, wenn er Vorkehrungen zu einem guten Abendbrot träfe, woran Ihr nicht teilnehmt, Athos, weil Ihr das Fieber habt, und Ihr, Aramis, ebenfalls nicht, weil Ihr Malteser Ritter seid und die Späße von Kriegsknechten Euch nicht gefallen und Euch erröten machen. Hört Ihr wohl?«

»Ja«, erwiderte Porthos, »aber der Teufel soll mich holen, wenn ich es begreife.«

»Porthos, mein Freund, Ihr wisst, dass ich von väterlicher Seite von den Propheten und von mütterlicher von den Sibyllen abstamme, dass ich nur in Gleichnissen und Rätseln spreche: Wer Ohren hat zu hören, der höre, wer Augen hat, zu sehen, der sehe, ich kann für den Augenblick nicht mehr sagen.«

»Handelt nach Eurem Belieben, mein Freund«, sprach Athos, »ich bin überzeugt, was Ihr tut, ist wohl getan.«

»Und Ihr, Aramis, seid Ihr derselben Ansicht?«

»Ganz und gar, mein lieber d’Artagnan.«

»Gut«, versetzte d’Artagnan, »das sind die wahren Gläubigen, und es ist ein Vergnügen, Wunder für sie zu versuchen; sie sind nicht wie der ungläubige Porthos, der stets sehen und berühren will, um zu glauben.«

»Ich bin allerdings sehr ungläubig«, sagte Porthos mit schlauer Miene.

D’Artagnan gab ihm einen Schlag auf die Schulter, und da man eben zu der Frühstücksstation gelangte, so wurde das Gespräch hier unterbrochen.

Gegen fünf Uhr abends ließ man, wie dies verabredet war, Mousqueton vorausreiten. Mousqueton sprach nicht Englisch, seitdem er aber in England war, hatte er bemerkt, dass Grimaud durch seine Gewohnheit, nur durch Gebärden zu sprechen, das Wort vollständig ersetzte. Er fing also an, die Gebärde bei Grimaud zu studieren, und durch die Vortrefflichkeit des Lehrers erlangte er in wenigen Stunden eine gewisse Gewandtheit. Blaisois begleitete ihn.

Als die vier Freunde durch die Hauptstraße von Derby ritten, gewahrten sie Blaisois, der auf der Schwelle eines Hauses von schönem Aussehen stand; hier war ein Quartier für sie bereit.

Den ganzen Tag hatten sie sich aus Furcht, Verdacht zu erregen, dem König nicht genähert, und statt an der Tafel des Obersten Harrison zu speisen, wie sie dies den Tag zuvor getan hatten, speisten sie unter sich zu Mittag.

Zur bestimmten Stunde erschien Groslow. D’Artagnan empfing ihn, als ob er einen zwanzigjährigen Freund empfangen würde. Porthos maß ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, und lächelte, als er erkannte, dass derselbe trotz des merkwürdigen Schlages, den er dem Bruder von Parry versetzt hatte, kein Mann von seiner Stärke war. Athos und Aramis taten, was in ihren Kräften lag, um den Ekel zu verbergen, den ihnen diese rohe, plumpe Natur einflößte.

Groslow schien mit dem Empfang zufrieden.

Athos und Aramis verhielten sich ihren Rollen gemäß. Um Mitternacht zogen sie sich in ihr Zimmer zurück, dessen Tür man unter dem Vorwand der Bewachung offen ließ. D’Artagnan begleitete sie überdies und ließ Porthos im Kampf mit Groslow zurück.

Porthos gewann fünfzig Pistolen von Groslow und fand, als dieser sich entfernt hatte, seine Gesellschaft wäre angenehmer, als er anfangs geglaubt hatte.

Groslow gedachte sich am anderen Tag bei d’Artagnan für den Verlust zu entschädigen, den er bei Porthos erlitten hatte, und erinnerte den Gascogner, als er ihn verließ, an das Rendezvous am Abend.

Wir sagen am Abend, denn die Spieler trennten sich erst um vier Uhr morgens.

Der Tag ging wie gewöhnlich vorüber; d’Artagnan ritt vom Kapitän Groslow zum Obersten Harrison und vom Obersten Harrison zu seinen Freunden. Für jeden, der ihn nicht kannte, schien d’Artagnan in seiner gewöhnlichen Gemütsverfassung zu sein, für seine Freunde, nämlich für Athos und Aramis, war seine Heiterkeit Fieber.

»Was kann er machinieren?«, fragte Aramis.

»Wir wollen warten«, antwortete Athos.

Porthos sprach nichts, er zählte nur mit einer Miene der Zufriedenheit in seinem Sack, eine nach der anderen, die fünfzig Pistolen, die er Groslow abgewonnen hatte.

Als man abends in Ryston ankam, versammelte d’Artagnan seine Freunde. Sein Gesicht hatte den Character sorgloser Heiterkeit verloren, den es den ganzen Tag hindurch als Maske trug. Athos drückte Aramis die Hand und sagte: »Der Augenblick naht.«

»Ja«, sprach d’Artagnan, der es gehört hatte, »ja, der Augenblick naht; diese Nacht, Messieurs, retten wir den König.«

Athos bebte, seine Augen entflammten sich.

»D’Artagnan«, sagte er zweifelnd, nachdem er gehofft hatte, »nicht wahr, es ist kein Scherz? Es würde mir zu sehr weh tun.«

»Es ist seltsam von Euch, Athos, dass Ihr an mir zweifelt«, sprach d’Artagnan. »Wann und wo habt Ihr mich mit dem Herzen eines Freundes und dem Leben eines Königs scherzen sehen? Ich habe Euch gesagt und wiederhole es, dass wir heute Nacht Karl I. das Leben retten. Ihr habt es mir überlassen, das Mittel zu suchen, … es ist gefunden.«

Porthos schaute d’Artagnan mit einem Ausdruck tiefer Bewunderung an. Aramis lächelte wie ein Hoffender. Athos war bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern.

»Sprecht«, sagte Athos.

Porthos sperrte die Augen weit auf; Aramis hing sich gleichsam an die Lippen von d’Artagnan.

»Wir sind eingeladen, die Nacht bei Monsieur Groslow zuzubringen, Ihr wisst dies?«

»Ja«, erwiderte Porthos, »er hat uns das Versprechen abgenommen, ihm Revanche zu geben.«

»Wohl. Aber wisst Ihr, wo er uns Revanche geben wird?«

»Nein.«

»Beim König.«

»Beim König!«, rief Athos.

»Ja, Messieurs, bei dem König. Monsieur Groslow hat diesen Abend die Wache bei Seiner Majestät, und um sich dabei etwas zu zerstreuen, ladet er uns ein, ihm Gesellschaft zu leisten.«

»Alle vier?«, sprach Athos.

»Gewiss, bei Gott! Alle vier; verlassen wir denn unsere Gefangenen?«

»Ah! Ah!«, rief Aramis.

»Lasst hören«, sagte Athos zitternd.

»Wir begeben uns also zu Groslow, wir mit unseren Degen, Ihr mit Euren Dolchen; wir vier überwältigen diese acht Dummköpfe und ihren einfältigen Anführer. Monsieur Porthos, was sagt Ihr dazu?«

»Ich sage, es ist leicht«, erwiderte Porthos.

»Wir kleiden den König als Groslow; Mousqueton, Grimaud und Blaisois halten unsere Pferde an der Wendung der ersten Straße, wir schwingen uns auf und vor Tag sind wir zwanzig Stunden von hier. Nun, wie ist das angesponnen, Athos?«

Athos legte d’Artagnan seine Hände auf die Schultern, schaute ihn mit seinem ruhigen, sanften Lächeln an und sprach: »Ich erkläre, Freund, dass es kein Geschöpf unter dem Himmel gibt, das Euch an Edelsinn und Mut nahe kommt; während wir Euch für gleichgültig gegen alle unsere Schmerzen halten, die Ihr, ohne ein Verbrechen zu begehen, ganz wohl nicht teilen konntet, findet Ihr allein von uns das, was wir vergebens suchten. Ich wiederhole dir also, d’Artagnan, du bist der Beste von uns, und ich segne und liebe dich, mein teurer Sohn.«

»Dass ich es nicht gefunden habe!«, sagte Porthos und schlug sich dabei vor die Stirn; »es ist doch ganz einfach.«

»Doch wenn ich recht begriffen habe, werden wir alles töten, nicht wahr?«, fragte Aramis.

Athos bebte und wurde sehr bleich.

»Gottes Tod!«, rief d’Artagnan, »es wird wohl sein müssen. Ich habe lange nachgedacht, um ein Mittel zu finden, dies zu vermeiden, aber ich gestehe, dass ich keines finden konnte.«

»Es handelt sich nicht darum, mit der Lage der Dinge zu feilschen«, versetzte Aramis. »Wie gehen wir zu Werke?«

»Ich habe einen doppelten Plan entworfen«, sagte d’Artagnan.

»Lasst den ersten hören«, versetzte Aramis.

»Sind wir alle vier vereinigt, so stoßt Ihr auf mein Signal, dieses Signal ist das Wort Endlich, jeder einen Dolch in das Herz des Soldaten, der ihm zunächst steht, wir unsererseits tun dasselbe. Dann sind einmal vier Mann tot; die Partie wird also gleich, denn wir finden uns vier gegen fünf; diese fünf ergeben sich und wir knebeln sie, oder sie verteidigen sich und man tötet sie. Sollte zufällig unser Bewirter seine Ansicht ändern und bei seiner Partie nur Porthos und mich zulassen, so muss man bei Gott zu den großen Mitteln greifen und doppelt schlagen, das wird ein wenig lang und stürmisch werden; Ihr haltet Euch außen mit Dolchen und eilt auf den Lärm herbei.«

»Aber, wenn man Euch selbst schlüge?«, sprach Athos.

»Unmöglich«, erwiderte d’Artagnan; »diese Biertrinker sind zu plump und ungeschickt; übrigens schlagt Ihr an die Gurgel, Porthos, das tötet ebenso schnell und hindert die Leute zu schreien.«

»Sehr gut«, sprach Porthos, »das wird eine hübsche kleine Würgerei geben.«

»Grässlich! Grässlich!« rief Athos.

»Bah, mein empfindsamer Monsieur«, versetzte d’Artagnan, »Ihr habt wohl anderes in einer Schlacht getan. Findet Ihr übrigens, mein Freund«, fuhr er fort, »dass das Leben des Königs nichts wert ist, was es kosten soll, so ist nichts gesagt, und ich lasse Monsieur Groslow melden, ich wäre krank.«

»Nein«, sprach Athos, »ich habe unrecht, mein Freund, und Ihr habt recht; vergebt mir.«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und es erschien ein Soldat.

»Der Monsieur Kapitän Groslow,« sagte er in schlechtem Französisch, »lässt Monsieur d’Artagnan und Monsieur du Vallon benachrichtigen, dass er sie erwartet.«

»Wo?«

»In dem Zimmer des englischen Nebukadnezars«, antwortete der Soldat, ein eingefleischter Puritaner.

»Es ist gut«, erwiderte in vortrefflichem Englisch Athos, dem bei dieser Beleidigung der königlichen Majestät die Röte in das Gesicht gestiegen war. »Es ist gut, sagt dem Kapitän Groslow, wir kommen.«

Als der Puritaner weggegangen war, wurde den Lakaien Befehl gegeben, acht Pferde zu satteln und, ohne dass einer sich von dem anderen trennen oder absteigen würde, an der Ecke einer Straße zu warten, welche ungefähr zwanzig Schritte von dem Haus lag, wo der König einquartiert war.