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Die Gespenster – Dritter Teil – 39. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Dritter Teil

Neununddreißigste Erzählung

Der Geist des gebliebenen Divisionsgenerals Marceau treibt die Schildwachen bei Koblenz zurück

Die Leiche des im Jahre 1796 im Gefecht bei Altenkirchen gebliebenen französischen Divisionsgenerals Marceau wurde nach Koblenz gebracht und daselbst zwei Tage auf dem Paradebett öffentlich aufgestellt. Hierauf beerdigte man sie neben der Stadt feierlich in der sogenannten Brunnenstube. Dieser Berg liegt der Festung Ehrenbreitstein gerade gegenüber; nur der Rhein trennt sie voneinander.

Kaum waren vierzehn Tage vergangen, so verbreitete sich überall die Sage, dass der General auf der Brunnenstube spuke. Man wollte ihn nämlich in der Chasseuruniform – dieses war im Leben seine gewöhnliche Tracht – mit bloßem Säbel nachts zwischen zwölf und ein Uhr an dem Rheinufer deutlich erblickt haben. Wirklich wurden auch selbst die Schildwachen, welche in dieser Gegend standen, zu verschiedenen Malen von ihm zurückgedrängt. Der denkende Teil der Einwohner von Koblenz ahnte zwar Betrügerei, aber keiner hatte doch das Herz, die Sache gründlich zu untersuchen.

Endlich fand sich ein Student, der keck und waghalsig genug war, es ganz allein mit dem Geist dieses im Leben so tapferen Generals aufnehmen zu wollen. Er ging deswegen in einer mondhellen Nacht um elf Uhr, nach seiner Meinung mit gehöriger Vorsicht, ganz allein zu der Gegend, wo das Gespenst sich oft schon hatte sehen lassen. Seine Vorkehrungen vor etwaigen Widerwärtigkeiten bestanden einzig darin, dass er sich mit Säbel und Pistolen bewaffnet und mit seinen Kameraden die Verabredung getroffen hatte, dass falls er nicht nach einigen Stunden wieder bei ihnen sein sollte, man zu seiner Hilfe herbeieilen möchte. Seine Freunde wurden besorgt für ihn, als sie seiner bis morgens um zwei Uhr vergebens gewartet hatten. Sie harrten seiner noch eine Stunde und er kam immer noch nicht. Nun gingen sie, um ihm Wort zu halten und ihn aufzusuchen; aber sie fanden ihn nirgends.

Des Morgens, da es tagte, begegneten sie endlich einem Boten aus dem benachbarten Dorf Metternich, der an sie abgeschickt war. Auf ihre Frage, ob er nicht irgendwo auf dem Feld einen jungen Herrn gesehen habe, erhielten sie die Antwort, dass ein junger Herr, wahrscheinlich der nämliche, nach welchem sie sich erkundigten, zu Metternich, wie es schien, an einem hitzigen Fieber krank läge. Sie möchten ihn nur dort abholen lassen. Sie taten dies, indem sie selbst mit hineilten, ungesäumt und höchst neugierig, was der Geist mit ihm vorgenommen haben müsse.

Nachdem der übel angelaufene Geisterbanner sich einigermaßen von seinem heftigen Schrecken erholt hatte und gänzlich zur Besinnung zurückgekehrt war, erzählte er ihnen Folgendes:

»Ich war kaum eine Viertelstunde am Rheinufer, so erschien mir der Geist in der bekannten französischen Chasseuruniform. Ich stellte mich ihm entschlossen mit bloßem Säbel und gespannter Pistole entgegen. Der Geist ließ sich aber dadurch nicht im Geringsten schrecken, sondern ging gerade auf mich zu. Er war ungefähr noch sechs Schritte von mir, als es mir auf einmal kalt überlief. Mir wurde unbeschreiblich sonderbar und bange zu Mute. Unwillkürlich fielen mir Säbel und Pistole aus den Händen und eilte aus allen Kräften nach Metternich. Ich wollte mich zu verschiedenen Malen nach dem Gespenst umsehen, um zu erfahren, ob es mich noch verfolge; aber es war mir unmöglich. Und wenn ich gleich auch jetzt noch fest überzeugt bin, dass die Erscheinung kein wirklich spukender Geist war, so war ich doch herzlich froh, als ich ganz ermattet das Dorf erreicht und wieder meinesgleichen um mich hatte.«

Dieses schlecht bestandene Abenteuer wurde bald allgemein bekannt und belacht, und doch bezeigte niemand Lust, es ernstlicher mit dem Geist aufzunehmen.

Endlich beschloss der französische Stadtkommandant, die Sache genauer zu untersuchen. Er selbst in eigener Person wollte, nachdem er überall Wachen aufgestellt haben würde, auf den Geist losgehen. Alles war gehörig und ganz im Stillen vorbereitet und ein jeder stand auf seinem Posten. Kaum ertönte von Koblenz her der Glockenschlag zwölf, so erschien auch schon der Geist des Verewigten. Der Kommandant, ein Soldat, dem das Herz am rechten Fleck sitzt, ging auf ihn los; zu gleicher Zeit befahl er den in einiger Entfernung aufgestellten Soldaten, anzurücken. Sie umringten den Geist, der aber erschrecklich um sich focht, bis endlich ein beherzter Grenadier von hinten auf ihn zusprang, ihn wütend packte und festhielt, bis ihm seine Kameraden, denen er hocherfreut zurief, dass der Geist Fleisch und Bein habe, zu Hilfe kamen.

Man fing den fleischernen Geist lebendig ein, entwaffnete ihn, führte ihn gefangen nach Koblenz und wies ihm einstweilen in der Hauptwache ein Plätzchen auf der Pritsche an. Des anderen Tages gestand er im Verhör, dass er ein Schiffer wäre und die Rolle des Geistes Marceaus zu spielen übernommen habe, um seine Handelsgefährten zu sichern, die, während dass er zu spuken pflegte, ungestört über den Rhein gefahren wären, um der blockierten Festung Ehrenbreitstein Lebensmittel zu bringen, welche ihnen immer teuer bezahlt worden wären.