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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel XIII

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

XIII. Die Unterredung

D’Artagnan lag an diesem Morgen in dem Zimmer von Porthos. Es war eine Gewohnheit, welche die zwei Freunde seit den Unruhen angenommen hatten. Unter ihrem Kopfkissen war ihr Degen und auf dem Tisch, im Bereich ihrer Hand, befanden sich ihre Pistolen.

D’Artagnan schlief noch und träumte, der Himmel bedecke sich mit einer großen, gelben Wolke. Aus dieser Wolke ströme ein Goldregen herab und er halte seinen Hut unter eine Traufe.

Porthos träumte, sein Kutschenschlag sei nicht breit genug für das Wappen, das er darauf malen ließ.

Sie wurden um sieben Uhr von einem Diener ohne Livree geweckt, der d’Artagnan einen Brief brachte.

»Von wem?«, fragte der Gascogner.

»Von der Königin«, antwortete der Diener.

»Wie?«, rief Porthos, sich in seinem Bett erhebend, »was enthält er denn?«

D’Artagnan bat den Diener, in ein angrenzendes Zimmer zu gehen, sprang, sobald die Tür wieder geschlossen war, aus seinem Bett und las rasch, während ihn Porthos mit weit aufgesperrten Augen und ohne dass er eine Frage an ihn zu richten wagte, anschaute.

»Freund Porthos«, sprach d’Artagnan, ihm den Brief reichend, »hier finden sich diesmal dein Barontitel und mein Kapitänspatent. Nimm, lies und urteile!«

Porthos streckte die Hand aus, nahm den Brief und las folgende Worte von einer zitternden Hand.

»Die Königin will Monsieur d’Artagnan sprechen… Er folge dem Überbringer.«

»Nun?«, sagte Porthos.

»Nun?«, sprach d’Artagnan.

»Ich sehe nichts Besonderes darin.«

»Aber ich sehe darin viel Außerordentliches«, versetzte d’Artagnan. »Wenn man mich ruft, so geschieht es, weil die Angelegenheiten in großer Verwirrung sind. Bedenke ein wenig, was für eine Aufregung in dem Geist der Königin herrschen muss, dass nach zwanzig Jahren das Andenken an mich wieder auf die Oberfläche kommt.«

»Das ist richtig«, sprach Porthos.

»Schleife deinen Degen, Baron, lade deine Pistolen, gib den Pferden Haber, ich stehe dir dafür, dass vor morgen Neues sich ereignen wird.«

»Könnte es nicht eine Falle sein, die man uns stellt, um sich unserer zu entledigen?«, versetzte Porthos, stets den Ärger befürchtend, den seine zukünftige Größe einem anderen verursachen müsste.

»Wenn es eine Falle ist«, sprach d’Artagnan, »sei unbesorgt, ich werde sie riechen. Ist Mazarin ein Italiener, so bin ich ein Gascogner.«

Und d’Artagnan kleidete sich blitzgeschwinde an.

Während Porthos, der immer noch im Bett lag, ihm seinen Mantel zuhäkelte, klopfte man zum zweiten Mal an die Tür.

»Herein«, sprach d’Artagnan.

Ein zweiter Diener trat ein. »Von Seiner Eminenz, dem Monsieur Kardinal Mazarin«, sagte er.

D’Artagnan schaute Porthos an.

»Die Sache wird verwickelt«, sagte Porthos, »wo anfangen?«

»Das kommt vortrefflich!«, versetzte d’Artagnan. »Seine Eminenz bestellt mich in einer halben Stunde.«

»Gut.«

»Mein Freund«, sprach d’Artagnan, sich zu dem Bedienten umwendend, »sagt Seiner Eminenz, in einer halben Stunde sei ich zu seinem Befehl.«

Der Diener verbeugte sich und ging ab.

»Es ist ein Glück, dass er den anderen nicht gesehen hat«, sagte d’Artagnan.

»Du glaubst also, es lassen dich beide wegen derselben Sache holen?«

»Ich glaube nicht, ich bin überzeugt.«

»Vorwärts, vorwärts, d’Artagnan, geschwind! Bedenke, dass die Königin dich erwartet, und nach der Königin der Kardinal, und nach dem Kardinal ich.«

D’Artagnan rief den Bedienten von Anna von Österreich herein und sagte zu ihm:

»Ich bin bereit, mein Freund, führt mich.«

Der Diener führte ihn durch die Rue des Petits-Champs und ließ ihn, sich links wendend, durch die kleine Tür des Gartens eintreten, der zu der Rue de Richelieu ging. Dann erreichte man eine geheime Treppe und d’Artagnan wurde in das Betzimmer eingeführt.

Eine gewisse Gemütsbewegung, von der er sich keine Rechenschaft geben konnte, machte das Herz des Leutnants schlagen. Er besaß nicht mehr das Vertrauen der Jugend, und die Erfahrung hatte ihn den ganzen Ernst der Ereignisse gelehrt. Er wusste, was die Erhabenheit der Fürsten und die Majestät der Könige ist. Er hatte sich daran gewöhnt, seine Mittelmäßigkeit hinter die Illustration des Vermögens und der Geburt zu reihen. Früher hätte er sich Anna von Österreich wie ein junger Mensch gegenübergestellt, der eine Frau begrüßt; nun war es etwas anderes, und er begab sich zu ihr wie ein demütiger Soldat zu einem berühmten Heerführer.

Ein leises Geräusch unterbrach die Stille des Betzimmers. D’Artagnan bebte, sah eine weiße Hand den Vorhang heben und erkannte an ihrer Form und Schönheit die königliche Hand, die man ihm eines Tags zu küssen gegeben hatte.

Die Königin trat ein.

»Ihr seid es, Monsieur d’Artagnan!« sprach sie, auf den Offizier einen Blick voll einnehmender Schwermut heftend, »Ihr seid es, und ich erkenne Euch wieder. Schaut mich ebenfalls an; ich bin die Königin, erkennt Ihr mich?«

»Nein, Madame«, antwortete d’Artagnan.

»Aber wisst Ihr denn nicht mehr«, fuhr Anna von Österreich mit einem liebreichen Tone fort, den sie, wenn sie wollte, ihrer Stimme zu verleihen vermochte, »wisst Ihr denn nicht mehr, dass die Königin eines Tags eines jungen und ergebenen Kavaliers bedurfte, dass sie diesen Kavalier fand, und obwohl er sich von ihr vergessen glauben konnte, einen Platz für ihn im Grunde ihres Herzens bewahrte?«

»Nein, Madame, ich weiß es nicht«, sprach der Musketier.

»Desto schlimmer, Monsieur«, sagte Anna von Österreich, »desto schlimmer, wenigstens für die Königin, denn die Königin bedarf heute desselben Mutes und derselben Ergebenheit.«

»Wie!«, rief d’Artagnan, »die Königin, umgeben von so treuen Dienern, von so vielen Räten, von Männern, so groß durch ihr Verdienst oder ihre Stellung, lässt sich herab, ihre Augen auf einen unbekannten Soldaten zu werfen!«

Anna begriff diesen Vorwurf; sie war dadurch mehr gerührt als gereizt. So viel Verleugnung, so viel Uneigennützigkeit vonseiten des gascognischen Edelmannes hatte sie wiederholt gedemütigt. Sie hatte sich an Edelmut übertreffen lassen.

»Alles, was Ihr mir da von meiner Umgebung sagt, ist vielleicht wahr«, sprach die Königin, »aber ich habe nur zu Euch allein Zutrauen. Ich weiß, dass Ihr dem Monsieur Kardinal angehört: Gehört aber auch mir an, und ich übernehme es, Euer Glück zu machen. Lasst hören: Werdet Ihr für mich heute tun, was einst für die Königin jener Edelmann getan hat, den Ihr nicht kennt?«

»Ich werde alles tun, was mir Eure Majestät befiehlt«, sprach d’Artagnan.

Die Königin dachte einen Augenblick nach und sagte sodann, die umsichtige Haltung des Musketiers wahrnehmend: »Ihr liebt vielleicht die Ruhe?«

»Ich weiß nicht, denn ich habe nie geruht, Madame.«

»Habt Ihr Freunde?«

»Ich habe drei; zwei von ihnen haben Paris verlassen, und es ist mir nicht bekannt, wohin sie gegangen sind. Ein Einziger bleibt mir, aber dieser ist einer von denen, welche, wie ich glaube, den Kavalier kennen, von dem Eure Majestät mit mir zu sprechen mir die Ehre erwiesen hat.«

»Es ist gut«, sagte die Königin, »Ihr und Euer Freund seid so viel wert, als ein Heer.«

»Was soll ich tun, Madame?«

»Kommt in fünf Stunden zurück und ich werde es Euch sagen. Aber sprecht mit keiner lebendigen Seele von dem Rendezvous, das ich Euch gebe.«

»Nein, Madame.«

»Schwört bei Christus.«

»Madame, ich habe nie mein Wort gebrochen; wenn ich Nein sage, so bleibt es bei dem Nein!«

Obwohl erstaunt über diese Sprache, an welche sie ihre Höflinge nicht gewöhnt hatten, zog doch die Königin ein gutes Vorzeichen für den Eifer daraus, mit welchem sie d’Artagnan bei der Ausführung ihres Vorhabens unterstützen würde. Es war eines von den Kunststücken des Gascogner, seine Scharfsinnigkeit unter dem Anschein einer rauen Rechtschaffenheit zu verbergen.

»Hat mir die Königin für den Augenblick nichts anderes mehr zu befehlen?«

»Nein, Monsieur«, antwortete Anna von Österreich, »und Ihr könnt Euch bis zu dem Augenblick, den ich Euch genannt habe, zurückziehen.«

D’Artagnan verbeugte sich und trat ab.

»Teufel, sagte er, als er vor der Tür war, »es scheint, man bedarf hier meiner sehr.«

Dann, nachdem die halbe Stunde abgelaufen war, ging er durch die Gallerte und klopfte an die Tür des Kardinals.

Bernouin führte ihn ein.

»Ich unterziehe mich Euren Befehlen, Monseigneur«, sprach der Gascogner.

Seiner Gewohnheit gemäß warf d’Artagnan einen raschen Blick um sich her und gewahrte auf dem Schreibtisch einen versiegelten Brief. Er lag auf der Seite der Überschrift, sodass man unmöglich sehen konnte, an wen er adressiert war.

»Ihr kommt von der Königin?«, sprach Mazarin, d’Artagnan fest anschauend.

»Ich, Monseigneur? Wer hat Euch das gesagt?«

»Niemand, aber ich weiß es.«

»Es tut mir unendlich leid, Monseigneur, sagen zu müssen, dass Ihr Euch täuscht«, antwortete frecher Weise der Gascogner, gestählt durch das Versprechen, das er Anna von Österreich geleistet hatte.

»Ich habe selbst das Vorzimmer geöffnet und Euch vom Ende der Galerie herkommen sehen.«

»Ich wurde über die geheime Treppe eingeführt.«

»Wie dies?«

»Ich weiß es nicht, es wird wohl ein Missverständnis gewesen sein.«

Mazarin war es bekannt, dass man d’Artagnan nicht dazu brachte, das zu sagen, was er verbergen wollte. Er verzichtete auch für den Augenblick darauf, das Geheimnis des Gascogner zu enthüllen.

»Sprechen wir von meinen Angelegenheiten«, sagte der Kardinal, »da Ihr mir die Eurigen nicht mitteilen wollt.«

D’Artagnan verbeugte sich.

»Liebt Ihr das Reisen?«, fragte der Kardinal.

«Ich habe mein Leben auf der Landstraße zugebracht.«

»Sollte Euch etwas in Paris zurückhalten?«

»Nichts würde mich in Paris zurückhalten, als ein höherer Befehl.«

»Gut. Hier ist ein Brief, der an seine Adresse überbracht werden muss.«

»An seine Adresse, Monseigneur? Es ist keine darauf.«

Auf der dem Siegel entgegengesetzten Seite war keine Schrift zu finden.

»Der Brief hat einen doppelten Umschlag«, versetzte Mazarin.

»Ich begreife … ich soll den ersten zerreißen, wenn ich an Ort und Stelle angelangt bin.«

»Vortrefflich. Steckt den Brief ein und geht. Ihr habt einen Freund, Monsieur du Vallon, ich liebe ihn sehr. Nehmt ihn mit Euch.«

»Teufel!«, sprach d’Artagnan zu sich selbst, »er weiß, dass wir seine Unterredung gestern gehört haben und will uns von Paris entfernen.«

»Solltet Ihr zögern?«, fragte Mazarin.

»Nein, Monseigneur, ich reise auf der Stelle, nur wünsche ich eines.«

»Was? Sprecht!«

»Dass sich Eure Eminenz zu der Königin begeben möge.«

»Wann?«

»Sogleich.«

»Zu welchem Behuf?«

»Um ihr nur folgende Worte zu sagen: Ich schicke Monsieur d’Artagnan irgendwohin und lasse ihn sogleich reisen.«

»Seht Ihr«, sprach Mazarin. »Ihr seid bei der Königin gewesen.«

»Ich hatte die Ehre, Eurer Eminenz zu sagen, es habe möglicherweise ein Missverständnis stattgefunden.«

»Was soll dies bedeuten?«, fragte Mazarin.

»Dürfte ich es wagen, Eurer Eminenz, meine Bitte zu wiederholen?«

»Es ist gut, ich gehe, erwartet mich hier.«

Mazarin schaute aufmerksam umher, ob kein Schlüssel an den Schränken zurückgeblieben wäre, und entfernte sich.

Es verliefen zehn Minuten, während welcher d’Artagnan sich im höchsten Maße anstrengte, um durch den ersten Umschlag zu lesen, was auf dem zweiten geschrieben stand, aber es gelang ihm nicht.

Mazarin kehrte bleich und mit äußerst sorgenvoller Miene zurück. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. D’Artagnan schaute ihn forschend an, wie er den Brief angeschaut hatte, aber die Umhüllung seines Gesichtes war beinahe ebenso undurchdringlich wie der Umschlag des Briefes.

»Ei, ei«, sagte der« Gascogner, »er sieht sehr ärgerlich aus. Sollte er gegen mich aufgebracht sein? Er sinnt nach, etwa um mich in die Bastille zu schicken? Alles schön und gut, Monseigneur! Bei dem ersten Wort, das Ihr sprecht, erdrossle ich Euch und werde Frondeur. Man trügt mich im Triumph umher, wie Monsieur Broussel, und Athos ruft mich zum französischen Brutus aus. Das wäre drollig!«

Der Gascogner ersah mit seiner stets galoppierenden Einbildungskraft bereits den ganzen Vorteil, den er aus der Lage der Dinge ziehen konnte.

Aber Mazarin gab keinen Befehl dieser Art, sondern fing im Gegenteil an, d’Artagnan eine Samtpfote zu machen.

»Ihr habt recht«, sagte er zu ihm, »mein lieber Monsieur d’Artagnan, Ihr könnt noch nicht reisen; ich bitte, gebt mir diese Depesche zurück.«

D’Artagnan gehorchte. Mazarin versicherte sich, dass das Siegel unberührt war.

»Ich werde Eurer diesen Abend bedürfen, kommt in zwei Stunden zurück.«

»In zwei Stunden, Monseigneur, habe ich ein Rendezvous, bei dem ich nicht fehlen darf.«

»Das kümmere Euch nicht«, versetzte Mazarin, »es ist dasselbe.«

Gut, dachte d’Artagnan, ich vermutete es.

»Kommt also um fünf Uhr zurück und bringt mir den lieben Monsieur du Vallon mit. Nur lasst ihn im Vorzimmer, ich will mit Euch allein sprechen.«

D’Artagnan verbeugte sich. Während dieser Verbeugung sagte er zu sich selbst: »Beide denselben Befehl, beide zur selben Stunde, beide im Palais-Royal … ich errate! Ah! Das ist ein Geheimnis, wofür mir Monsieur von Gondy hunderttausend Livres bezahlen würde.«

»Ihr überlegt?«, sagte Mazarin unruhig.

»Ja, ich fragte mich, ob wir bewaffnet sein sollten oder nicht.«

»Bis unter die Zähne bewaffnet.«

»Gut, Monseigneur, es wird so sein.«

D’Artagnan grüßte, entfernte sich und lief nach Hause, um seinem Freund die schmeichelhaften Versprechungen von Mazarin zu wiederholen, welche Porthos eine unglaubliche Behändigkeit verliehen.