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Der Hexer 37

Robert Craven (Wolfgang Hohlbein)
Der Hexer, Band 30
Buch der tausend Tode

Horror, Grusel, Heftroman, Bastei, Bergisch-Gladbach, 27. Mai 1986, 64 Seiten, 1,70 DM, Titelbild: V. Poyser

Die Kammer war fensterlos und gerade groß genug für einen Tisch, einen Stuhl und ein durchbrochenes Gitterbecken, in dem glühende Kohlen düsterrotes Licht und stickige Hitze verbreiteten. Seit Tagen, vielleicht Wochen schon hatte niemand mehr diesen Raum betreten. Trotzdem brannte das Feuer nicht herunter, wurde die Glut nicht schwächer – und trotzdem war Bewegung in der winzigen Zelle. Es waren die Seiten des gewaltigen Buches auf dem Tisch, die sich bewegten, die sich langsam, aber beständig umblätterten.

Fast, als lebe es.

Leseprobe

Die Welt des Hexers

Die Drachenburg, Necrons Festung in den Weiten der Mojave-Wüste, wird der Schauplatz eines Kampfes, der seit Jahren währt und nun seinen Abschluss findet.

Robert Craven, Sitting Bull und Shadow, die El-o-hym – sie sind Necrons Gefangene; seiner Willkür auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Necron, den man auch den Alten vom Berge nennt, macht Robert ein letztes Angebot: entweder vergisst er seinen Kampf und tritt in die Dienste der GROSSEN ALTEN, oder er wird sterben.

Trotz der Versuchung, ihrer aller Leben zu retten, lehnt Robert ab. Wutentbrannt lässt Necron ihn daraufhin in das Verlies werfen. Und dort, trotz der verschlossenen Türen, kommt Priscylla zu ihm, seine geliebte Priscylla, wegen der Robert all die Schrecken auf sich nahm. Er fragt nicht nach dem Wie und Warum, sondern gibt sich ihr hin.

Priscylla scheint von ihrem Wahnsinn geheilt – und sie hat von Necron während der langen Gefangenschaft offensichtlich einige nützliche Tricks gelernt, denn als der Alte vom Berge plötzlich in die Zelle stürmt, verschwindet sie auf geheimnisvolle Weise.

Necron ist außer sich vor Wut – Shannon, der sein Schüler war, bevor er sich gegen Necron wandte, und den er zur Strafe in einen magischen Schlaf versetzte, ist entkommen. Jemand muss ihn befreit haben.

Inzwischen kommt draußen, vor den Mauern der Drachenburg, eine neue Gefahr für Necron heran: ein Heer der Tempelritter. Jean Balestrano, der oberste Ordensherr, hat von Necrons Verrat erfahren und endlich erkannt, wer wirklich hinter dem Alten vom Berge steht: die GROßEN ALTEN, die blasphemischen Götter der Vorzeit. Balestrano sieht nur ein Mittel, um Necron zu stoppen: vier seiner Master aus dem inneren Zirkel des Ordens; Männer, deren Geisteskraft gewaltig ist.

Doch nicht stark genug, diese Aufgabe zu bewältigen! Darum geht Balestrano einen Pakt ein, der ihn selbst mit Schrecken erfüllt Er verbündet sich mit Baphomet, einem niederen Dämon der Hölle. Er soll die Kraft der Master vereinen und die Drachenburg dem Erdboden gleich machen.

Doch für einen hohen Preis – die Master sind schon dem Tode geweiht, ohne es selbst zu wissen, und das Böse ergreift bereits jetzt langsam Besitz von ihrem Geist. Und obwohl Necron das Nahen der Templerarmee bemerkt, kann ihn die Gefahr nicht schrecken. Denn er besitzt das NECRONOMICON, das Buch der tausend Tode …

 

*

 

Über der Wüste wurde es Tag. Und wie immer in diesem Teil der Welt, der vielleicht zu den menschenfeindlichsten und gefährlichsten überhaupt zählte, ging die Sonne mit ungeheurer Pracht auf. Der Horizont war in flammendes Rot getaucht, und die Kälte der Nacht wich bereits jetzt einem ersten, warmen Hauch, der bald zu stickiger Hitze und nicht viel später zu unerträglicher Glut werden würde. Manchmal brachte der Wind Geräusche mit sich: das Rascheln des Sandes, ein leises Klirren, der schwer zu beschreibende Laut sorgsam eingefetteten Leders, das über hartes Lavagestein schleifte, Fetzen einer gemurmelten Unterhaltung. Und dann war da die Festung: ein Koloss wie eine zornig geballte Lavafaust vor dem flammendroten Himmel.

Jean Balestrano hob die linke Hand über das Gesicht, um sich vor dem Sonnenlicht zu schützen, und blickte konzentriert zum schwarzen Schatten der Drachenburg hinauf. Obwohl es noch längst nicht vollends hell geworden war, konnte er jede noch so winzige Einzelheit dort oben erkennen, denn die Luft war hier über der Wüste von geradezu fantastischer Klarheit. Und der Weg war auch nicht mehr weit: keine halbe Meile mehr, die ihn und seine Begleiter von Necrons Burg trennten.

Dort oben rührte sich nichts. Balestrano wusste genau, dass misstrauische Augen jede noch so winzige Bewegung hier unten verfolgten, aber zu sehen war nichts. Nur die vier gigantischen steinernen Drachen, denen Necrons Burg ihren Namen verdankte und die mit ihren Leibern die vier Ecktürme und mit ihren wie zum Sprung geöffneten riesigen Schwingen die Mauern der Burg bildeten, schienen auf ihn herabzustarren. Balestrano wusste, wie unsinnig dieser Gedanke war – aber für einen Moment glaubte er wirklich, den Blick ihrer gigantischen, aus schwarzem Granit gemeißelten Augen zu spüren.

Er schüttelte den Gedanken ab, drehte sich herum und wollte zur Treppe gehen, die von der Mauer des kleinen Kastells hinab in seinen winzigen Innenhof führte. Aber er machte nur einen einzigen Schritt, blieb wieder stehen und blickte zu der hochgewachsenen, in strahlendes Weiß und blutfarbenes Rot gekleideten Gestalt hinüber, die im Schatten des Turmes stand.

»Bruder Botho?«, fragte er.

Der deutsche Herzog nickte. »Ja. Verzeih, wenn ich dich gestört habe.«

»Das hast du nicht«, sagte Balestrano. »Wie lange stehst du schon hier?«

»Nicht sehr lange«, antwortete von Schmid, der den unausgesprochenen Tadel in Balestranos Worten sehr wohl gehört hatte. Er trat mit zwei, drei raschen Schritten an die Mauer neben Balestrano, stützte sich schwer mit den Unterarmen darauf und blickte einen Moment zum Schatten der Drachenburg empor.

»Ich bringe eine Nachricht«, sagte er, ohne Balestrano dabei anzusehen. »Aber als ich dich hier stehen sah, wollte ich nicht stören. Vielleicht ist es das letzte Mal. Der Morgen vor der Schlacht …« Er seufzte. »Mein Gott, warum muss er immer so schön sein?«

Bruder Balestrano, der Ordensherr der Templer, antwortete nicht. Was hätte er auch sagen sollen? Es war ein ausnehmend schöner Morgen, voller Ruhe und Frieden und einer schwer in Worte zu fassenden Sanftheit, und trotzdem hatte der Tod bereits seine hässliche Klaue nach dem kommenden Tag ausgestreckt. Er lauerte in den Schatten, verbarg sich in den leise flüsternden Stimmen, die der Wind herantrug, und wartete dort oben, in den finsteren Gewölben der Burg. Vielleicht würde keiner von ihnen den nächsten Sonnenaufgang erleben. Bruder von Schmid und die drei anderen Master mit Sicherheit nicht. Er fragte sich, ob die vier wohl ahnen mochten, welches Schicksal ihnen bevorstand.

»Welche Nachricht?«, fragte er, als von Schmid auch nach einer geraumen Weile keinerlei Anstalten machte, von sich aus zu reden.

»Er reagiert«, antwortete der grauhaarige Herzog.

»Necron?«

Von Schmid nickte. »Die Späher melden, dass an die hundert Männer auf dem Wege hierher sind.« Er deutete zur Burg hinauf. »Es muss einen zweiten Ausgang aus diesem Rattennest geben. Sie versuchen uns in den Rücken zu fallen.« Er lachte. Es klang wie ein Schrei. »Was befiehlst du, Bruder Jean? Greifen wir sie an, oder soll sich Bruder André allein um sie kümmern?«

Jean Balestrano zögerte. »Was … sagt Bruder Rupert?«, fragte er schließlich.

Von Schmid zuckte mit den Achseln. »Er sagt, dass es kein Problem ist, mit diesen Männern fertig zu werden. Wir sind fünfmal so viel wie sie, und jeder von uns ist fünfmal so viel wert wie einer von ihnen. Andererseits ist Necron kein Narr. Wenn er hundert seiner Krieger praktisch opfert, wird er einen Grund haben. Und wenn Bruder André sie vernichtet …«

»Weiß Necron, mit wem er es zu tun hat«, führte Balestrano den Satz zu Ende, als der Deutsche nicht weitersprach. »Ich verstehe.« Er seufzte. »Wie lange dauert es noch, bis die Männer uns gefährlich werden können?«

»Eine Stunde«, antwortete von Schmid nach kurzem Überlegen. »Kaum länger.«

Balestrano schwieg einen Moment, dann schüttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er schließlich. »Wir werden es schwer genug haben, die Burg zu stürmen, selbst mit dem Vorteil der Überraschung auf unserer Seite. Gib Befehl, dass hundert der unseren hinuntergehen und diese Krieger aufhalten.«

»Nur hundert?«

Balestrano nickte. »Hast du nicht selbst gesagt, jeder wäre fünfmal so viel wert wie einer von Necrons Kriegern? Hundert sind genug. Sie sollen sie stellen und vertreiben, aber nicht verfolgen. Es reicht, wenn sie sie in die Flucht schlagen. Und ich will kein sinnloses Blutvergießen.«

Botho von Schmid schien widersprechen zu wollen. Für einen Moment flammte Trotz in seinem Blick auf, dann purer Zorn: sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, die Balestrano schaudern ließ. Aber dann schien er sich im allerletzten Moment zu besinnen, wem er gegenüberstand, und statt aufzufahren nickte er demütig, legte die Hand auf das Schwert an seiner Seite und entfernte sich mit raschen Schritten.

Jean Balestrano verzichtete darauf, ihm zu folgen. Er blieb hinter den Zinnen des kleinen Kastells stehen und blickte weiter starr zur Drachenburg hinauf. Die Sonne stieg jetzt rasch über den Horizont, und das Licht wurde heller.

Aber Necrons Burg blieb, was sie war: ein düsterer, unheilverkündender Schatten. Wie ein Loch in der Wirklichkeit.

Jean Balestrano fror mit einem Male. Und er hatte Angst.

Entsetzliche Angst.