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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – 7. – 10. Bändchen – Kapitel IX

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Siebentes bis zehntes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

IX. Der Turm Saint-Jacques-la-Boucherie

Um drei Viertel auf sechs Uhr hatte Monsieur von Gondy alle seine Gänge gemacht und war in den erzbischöflichen Palast zurückgekehrt.

Um sechs Uhr meldete man den Pfarrer von Saint-Mery.

Der Koadjutor sah lebhaft in das Vorzimmer und bemerkte, dass ihm ein anderer Mann folgte.

»Lasst ihn eintreten«, sprach er.

Der Pfarrer trat ein und Planchet mit ihm.

»Monseigneur«, sagte der Pfarrer von Saint-Mery, »hier ist die Person, von der ich mit Euch zu sprechen die Ehre gehabt habe.«

Planchet grüßte mit der Miene eines Menschen, welcher gute Häuser besucht hat.

»Seid Ihr geneigt, der Sache des Volkes zu dienen?«, fragte Gondy.

»Ich glaube wohl«, antwortete Planchet, »ich nenne mich von ganzer Seele Frondeur. Ich bin, so wie Ihr mich seht, zum Strang verurteilt.«

»Aus welchem Anlass?«

»Ich habe den Händen der Sergenten von Mazarin einen edlen Monsieur entrissen, den sie zu der Bastille zurückführten, wo er seit fünf Jahren saß.«

»Er heißt?«

»Ah! Monseigneur kennt ihn wohl: den Grafen von Rochefort.«

»In der Tat, ja«, versetzte der Koadjutor, »ich habe von dieser Geschichte sprechen hören. Ihr brachtet das ganze Quartier in Aufruhr, wie man mir erzählte.«

»So ungefähr«, sagte Planchet mit selbstzufriedener Miene.

»Und Ihr seid Eures Standes?«

»Zuckerbäcker in der Rue des Lombards.«

»Erklärt mir, wie es kommt, dass Ihr bei einem so friedlichen Gewerbe so kriegerische Neigungen habt?«

»Wie kommt es, dass mich Monseigneur, der der Kirche angehört, in Reitertracht, den Degen an der Seite und die Sporen an den Stiefeln empfängt?«

»Meiner Treu, nicht schlecht geantwortet«, sagte Gondy lachend, »aber Ihr wisst, dass ich trotz meines Nebenschlages stets kriegerische Neigungen gehabt habe.«

»Wohl, Monseigneur, ehe ich Konditor wurde, war ich drei Jahre Sergent im Regiment Piemont, und ehe ich drei Jahre Sergent im Regiment Piemont wurde, hatte ich achtzehn Monate als Lakai bei Monsieur d’Artagnan gedient.«

»Bei dem Leutnant der Musketiere?«, fragte Gondy.

»Bei demselben.«

»Aber man sagt, er sei ein wütender Mazariner?«

»Er hat recht!«

»Was wollt Ihr damit sagen?«

»Nichts, Monseigneur; Monsieur d’Artagnan ist im Dienst; Monsieur d’Artagnan folgt seinem Beruf, wenn er Mazarin verteidigt, der ihn bezahlt, wie wir Bürger dem unsrigen folgen, wenn wir Mazarin angreifen, der uns bestiehlt.

»Ihr seid ein gescheiter Bursche, mein Freund. Kann man auf Euch zählen?«

»Ich glaubte, der Monsieur Pfarrer hätte sich für mich verbürgt?«

»Allerdings, aber ich wünschte, diese Versicherung aus Eurem Munde zu vernehmen.«

»Ihr könnt auf mich zählen, Monseigneur, vorausgesetzt, dass es sich um eine Umwälzung durch die ganze Stadt handelt.«

»Gerade darum handelt es sich. Wie viel Mann glaubt Ihr diese Nacht zusammenbringen zu können?«

Zweihundert Musketen und fünfhundert Hellebarden.«

»Wäret Ihr geneigt, dem Grafen von Rochefort zu gehorchen?«

Ich würde ihm bis in die Hölle folgen, und das will nicht wenig sagen, denn ich halte ihn für fähig, in dieselbe hinabzusteigen.«

»Bravo!«

»An welchem Zeichen wird man morgen die Freunde von den Feinden unterscheiden können?«

»Jeder Frondeur mag einen Strohknoten an seinem Hut befestigen.«

»Gut; gebt den Befehl. Die Parole.«

»Braucht Ihr Geld?«

»Geld kann in keiner Sache schaden, Monseigneur; hat man keines, so wird man sich ohne dasselbe durchhelfen, hat man, so werden die Dinge nur rascher und besser gehen.«

Gondy ging an eine Kasse und zog einen Sack daraus hervor.

»Hier sind fünfhundert Pistolen«, sprach er, »und geht die Angelegenheit gut, so zählt morgen auf dieselbe Summe.«

»Ich werde getreulich über dieses Geld Rechenschaft ablegen«, sagte Planchet und nahm den Sack unter den Arm.

»Es ist gut, ich empfehle Euch den Kardinal.«

»Seid unbesorgt, er ist in guten Händen.«

Planchet ging ab, der Pfarrer blieb ein wenig zurück und sagte: »Seid Ihr zufrieden, Monseigneur?«

»Ja, dieser Mensch hat das Aussehen eines entschlossenen Burschen.«

»Er wird mehr tun, als er versprochen hat.«

»Dann ist es vortrefflich.«

Der Pfarrer folgte Planchet, der ihn auf der Treppe erwartete. Zehn Minuten danach meldete man den Pfarrer von Saint-Sulpice.

Sobald die Tür des Kabinetts von Gondy geöffnet wurde, stürzte ein Mann herein; es war der Graf von Rochefort.

»Ihr seid es, mein lieber Graf?«, sagte von Gondy, ihm die Hand reichend.

»Ihr seid also endlich entschlossen?«, versetzte Rochefort.

»Ich bin es immer gewesen«, erwiderte Gondy.

»Sprechen wir nicht weiter hierüber, Ihr sagt es und ich glaube Euch. Wir geben Mazarin einen Ball?«

»Ich hoffe es.«

»Wann soll der Tanz beginnen?«

»Die Einladungen sind für diese Nacht gemacht«, sprach der Koadjutor, »aber die Geiger werden erst morgen früh zu spielen anfangen.«

»Ihr könnt auf mich und auf fünfzig Mann zählen, die mir der Chevalier d’Humières versprochen hat, falls ich derselben bedürfen sollte.«

»Auf fünfzig Soldaten?«

»Er macht Rekruten und leiht sie mir. Ist das Fest vorüber und es fehlen einige davon, so werde ich sie ersetzen.«

»Gut, mein lieber Rochefort, aber das ist noch nicht alles.«

»Was gibt es sonst noch?«, fragte Rochefort lächelnd.

»Was habt Ihr mit Monsieur von Beaufort gemacht?«

»Er ist in der Provinz Vendome, wo er wartet, bis ich ihm schreibe, er möge zurückkommen.«

»Schreibt ihm, es ist Zeit.«

»Ihr seid also Eurer Angelegenheit gewiss?«

»Ja, aber er muss eilen, denn kaum wird das Volk zur Empörung gebracht sein, so haben wir zehn Prinzen für einen, welche sich an die Spitze stellen wollen. Zögert er, so findet er den Platz besetzt.«

»Kann ich ihm den Rat in Eurem Auftrag geben?«

»Allerdings.«

»Darf ich ihm sagen, er könne auf Euch zählen?«

»Gewiss.«

»Und Ihr werdet ihm jede Gewalt überlassen?«

»Für den Krieg, ja; was die Politik betrifft …«

»Ihr wisst, dass das nicht seine Stärke ist.«

»Er wird mich nach Belieben um einen Kardinalshut unterhandeln lassen.«

»Ist Euch hieran gelegen?«

»Da man mich zwingt, einen Hut von einer Form zu tragen, die mir nicht gefällt, so verlange ich wenigstens, dass dieser Hut rot sei.«

»Wir wollen nicht über Geschmack und Falben streiten«, versetzte Rochefort lachend. »Ich stehe für seine Einwilligung.«

»Und Ihr schreibt ihm noch diesen Abend?«

»Ich tue etwas Besseres, ich schicke ihm einen Boten.«

»In wieviel Tagen kann er hier sein?«

»In fünf.«

»Er mag kommen und wird eine Veränderung finden.«

»Ich wünsche es.«

»Ich bürge Euch dafür.«

»Also?«

»Sammelt Eure fünfzig Mann und haltet Euch bereit.«

»Gibt es ein Vereinigungszeichen?«

»Ein Strohknoten am Hut.«

»Schön. Gott befohlen, Monseigneur.«

»Adieu, mein lieber Rochefort.«

»Ah! Monsieur Mazarin«, sagte Rochefort, den Pfarrer, welcher nicht Gelegenheit gefunden hatte, bei dem ganzen Gespräch ein Wort anzubringen, mit sich fortziehend, »Ihr werdet sehen, ob ich zu einem Mann der Tätigkeit zu alt bin.«

Es war halb zehn Uhr, der Koadjutor bedurfte einer halben Stunde, um sich von dem erzbischöflichen Palast zu dem Turm Saint-Jacques-la-Boucherie zu begeben.

Der Koadjutor bemerkte ein Licht an einem der höchsten Fenster des Turmes.

»Gut«, sagte er, »unser Bettler ist an seinem Posten.«

Er klopfte, man öffnete ihm. Der Vikar selbst harrte seiner und führte ihn voranleuchtend bis oben in den Turm. Hier angelangt, zeigte er ihm eine kleine Tür, setzte das Licht in eine Ecke der Mauer, damit es der Koadjutor bei seinem Abgang finden könnte, und stieg wieder hinab.

Der Koadjutor klopfte, obwohl der Schlüssel in der Tür steckte.

»Herein«, rief eine Stimme, in welcher der Koadjutor die des Bettlers erkannte.

Von Gondy trat ein. Es war der Weihwassergeber des Vorhofes von Saint-Eustache.

Er wartete auf einem ärmlichen Bett liegend.

Als er den Koadjutor eintreten sah, stand er auf.

Es schlug zehn Uhr.

»Nun«, fragte von Gondy, »hast du mir Wort gehalten?«

»Nicht ganz.«

»Wieso?«

»Ihr habt fünfhundert Mann von mir gefordert, nicht wahr?«

»Ja.«

»Nun, ich werde zweitausend für Euch haben.«

»Du prahlst nicht?«

»Wollt Ihr einen Beweis?«

»Ja.«

Es waren drei Lichter angezündet, jedes derselben brannte vor einem Fenster; das eine von diesen Fenstern ging zu der Cité, das andere zu dem Palais-Royal, das dritte zu der Rue Saint-Denis.

Der Bettler ging schweigend zu jedem von diesen Lichtern und blies eines nach dem anderen aus.

Der Koadjutor befand sich in der Finsternis. Das Zimmer wurde nur durch einen unsicheren Strahl des Mondes beleuchtet, welcher durch schwarze Wolken hinzog, deren Enden er mit Silber befranste.

»Was hast du gemacht?«, fragte der Koadjutor.

»Ich habe das Zeichen gegeben.«

»Welches?«

»Das zu den Barrikaden.«

»Ah! Ah!«

»Wenn Ihr von hier weggeht, werdet Ihr meine Leute bei der Arbeit sehen. Nehmt Euch in Acht, dass Ihr Euch nicht an einer Kette stoßt oder in ein Loch fallt und ein Bein brecht.«

»Gut. Hier ist deine Summe, dieselbe, welche du bereits empfangen hast. Bedenke nun, dass du ein Anführer bist und gehe nicht trinken.«

»Ich habe seit zwanzig Jahren nur Wasser getrunken.«

Der Mann nahm den Sack aus den Händen des Koadjutors, welcher bald den Lärm hörte, den die in dem Gold wühlenden Finger des Bettlers machten.

»Ah! Ah!«, sagte der Koadjutor, »Du bist geizig, mein Freund.«

Der Bettler warf den Sack zurück und stieß einen Seufzer aus.

»Werde ich denn immer derselbe sein?«, fragte er, »wird es mir denn nie gelingen, den alten Menschen abzustreifen? Oh Elend, oh Eitelkeit!«

»Du nimmst es doch?«

»Ja, aber ich gelobe vor Euch, das, was mir davon übrig bleibt, zu frommen Werken zu verwenden.«

Sein Gesicht war bleich und zusammengezogen, wie das eines Menschen, der einen inneren Kampf ausgestanden hat.

»Seltsamer Mensch!«, murmelte Gondy.

Und er nahm seinen Hut, um zu gehen, aber sich umwendend erblickte er den Bettler zwischen der Tür und ihm.

Sein erster Gedanke war, dieser Mensch wolle ihm etwas Schlimmes zufügen.

Bald sah er ihn aber im Gegenteil die Hände falten und auf die Knie fallen.

»Monseigneur«, sagte der Bettler, »ehe Ihr mich verlasst, gebt mir Euren Segen, ich bitte Euch.«

»Monseigneur!«, rief Gondy, »mein Freund, du hältst mich für einen anderen.«

»Nein, Monseigneur, ich halte Euch für den, der Ihr seid, für den Monsieur Koadjutor; ich habe Euch mit dem ersten Blick erkannt.«

Gondy lächelte und erwiderte: »Und du willst meinen Segen?«

»Ja, ich bedarf desselben.«

Der Bettler sprach diese Worte mit einem Ton so großer Demut, so tiefer Reue, dass Gondy seine Hand über ihn ausstreckte und ihm seinen Segen mit aller Salbung gab, welcher er fähig war.

»Nun besteht Gemeinschaft unter uns«, sagte der Koadjutor, »ich habe dich gesegnet und du bist mir geheiligt, wie ich es meinerseits für dich bin. Sprich, hast du ein Verbrechen begangen, das die menschliche Gerechtigkeit verfolgt und wobei ich Dich beschützen kann?«

Der Bettler schüttelte den Kopf.

»Das Verbrechen, welches ich begangen habe, Monseigneur, ist nicht Sache der menschlichen Gerechtigkeit, und Ihr könnt mich nur davon befreien, wenn Ihr mich oft segnet, wie Ihr es soeben getan habt.«

»Sei offenherzig«, versetzte der Koadjutor, »du hast nicht dein ganzes Leben das Gewerbe getrieben, das du gegenwärtig treibst.«

»Nein, Monseigneur, ich treibe es erst seit zehn Jahren.«

»Wo warst du vorher?«

»In der Bastille.«

»Und ehe du in die Bastille kamst?«

»Ich werde es Euch an dem Tage sagen, Monseigneur, wo Ihr mich Beichte hören wollt.«

»Es ist gut. Erinnere dich, dass ich zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht, in der du dich bei mir einfindest, bereit bin, dir die Absolution zu geben.«

»Ich danke«, sagte der Bettler mit dumpfem Ton, »aber ich bin noch nicht bereit, sie zu empfangen.«

»Wohl denn. Gott befohlen.«

»Gott befohlen«, sprach der Bettler, die Tür öffnend und sich vor dem Prälaten verbeugend.

Der Koadjutor nahm das Licht, stieg die Treppe hinab und verließ den Turm träumerisch.