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Der Detektiv – Der Kammerdiener des Maharadschas – 5. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Der Kammerdiener des Maharadschas

5. Kapitel

Ein alter Bekannter

Unsere Jagdgesellschaft bestand aus Hauptmann Randall, einem Leutnant Dagbore, uns beiden und vier eingeborenen Soldaten. Wir brachen um halb sechs am folgenden Nachmittag auf – hoch zu Ross. Das heißt, die Pferde waren nur Bergponys. Nach zweistündigem Marsch erreichten wir ein Dorf, in dessen Rasthaus wir die Nacht zubringen wollten.

Randall und der Leutnant waren in alles eingeweiht. Nachdem wir im Rasthaus zu Abend gegessen hatten, wollten Randall und wir beide angeblich noch eine kleine Pirsch unternehmen. Wir wanderten nach Osten zu, bis wir die Hauptverkehrsstraße Gwalior – Agra vor uns hatten. Inzwischen waren wir – Randall und ich – von Harst dahin belehrt worden, dass er den Fürsten gebeten hatte, den Kammerdiener Armstrong nachmittags irgendwie unauffällig bis zehn Uhr abends aus dem Palast zu entfernen und uns persönlich von hier mit einem Kraftwagen und einem durchaus verschwiegenen Chauffeur abzuholen.

Das Auto erschien denn auch sehr bald. Der Fürst saß, ganz gut unkenntlich gemacht, neben dem Fahrer, einem Hindu. Es war ein geschlossener Wagen, den der Maharadscha sonst nicht mehr benutzte.

Wir beide stiegen nach kurzem Abschied von Randall ein.

In dem Auto lag alles bereit, was Harst an Verkleidungsstücken erbeten hatte. Wir maskierten uns während der Fahrt und kamen an einer entlegenen Seitenpforte der Parkmauer gegen halb zehn abends an, wurden nun als würdige Brahmanen vom Fürsten auf Schleichwegen in den Palast gebracht und lernten so eine Eigentümlichkeit altindischer Bauten abermals kennen, nämlich geradezu genial angelegte Geheimtüren und schmale Gänge zwischen doppelten Zimmerwänden. So befanden wir uns plötzlich in des Fürsten Schlafgemach, das als letztes der Flucht der Privaträume in einer Linie mit dem Billardzimmer und der Bibliothek lag.

Harst hatte offenbar seinen Feldzugsplan bereits vollständig fertig. Im Billardzimmer standen zwei Ottomanen, von denen die eine als neueres Möbelstück auf Füßen stand und uns genügend Raum bot, um darunter zu kriechen.

Harst lag so, dass er am leichtesten wieder hervor konnte; ich an der Wand. Lüfteten wir die Decke ein wenig, so konnten wir die Tür zur Bibliothek genau beobachten – besser die Türöffnung mit dem Vorhang. Die getäfelte Türfüllung war sehr breit, entsprechend der für die Ewigkeit berechneten Dicke der Mauern, und bestand aus einem dunkel gebeizten Holz, das über und über mit Schnitzereien bedeckt war.

Der Maharadscha hatte, ganz wie Harst dies erbeten, seinen Hausminister (ich finde keine passendere Bezeichnung für diesen Posten, der den eines Schlossvogts eines Zeremonienmeisters und eines Schatullenverwalters in sich schloss) durch einen Diener zu sich befohlen, saß nun mit dem braunen Herrn in der Bibliothek und unterhielt sich mit ihm in der Landessprache.

Es war nun kurz nach zehn Uhr geworden. Unser Versteck gestattete uns eine leise Unterhaltung. Harst benutzte die Gelegenheit, mir zuzuflüstern, dass er auf den Ausgang dieses Abenteuers sehr gespannt sei.

»Ich weiß tatsächlich noch immer nicht, weshalb dieser Edward Armstrong auf so raffinierte Weise sich hier als Kammerdiener eingeschmuggelt hat«, fügte er hinzu. »Wir werden vielleicht mehrere Abende hier zubringen müssen. Ich könnte den Menschen sofort entlarven. Aber dann würde mir Warbatty entgehen, der ohne Zweifel auch hier wieder der eigentliche Macher ist.

Ich konnte nicht anders. Ich ließ ein zweifelndes Hm – stimmt das alles auch? hören. »Du hast so oft schon so getan, als wüsstest du nichts. Und dann stellte sich nachher heraus, dass du mir die Hauptsachen wieder vorenthalten hattest. Zum Beispiel kommt mir die Bestimmtheit, mit der du jetzt von einer Beteiligung Warbattys an diesem Streich sprichst, stark verdächtig vor. Woher diese Bestimmtheit?«

»Aufgrund der Tagebuchaufzeichnungen Wrihgtons. In diesen findet sich nämlich noch folgender Satz über den Kaufmann und Käferfreund, der um die Zeit von Wrihgtons Ermordung hier in Gwalior weilte: Ich wünschte, ich besäße eine solche Geschicklichkeit im Präparieren der Käfer mit meinen zehn Fingern wie dieser Howard Galver mit seinen neun!

Genügt dir dies, lieber Schraut? Neun Finger! Und unserem Cecil fehlt der linke Zeigefinger!«

»Allerdings! Jetzt erkläre auch ich: Warbatty …«

»Still!«, unterbrach Harst mich da. »Armstrong hat soeben die Bibliothek betreten und meldet sich bei dem Maharadscha zurück.«

Der Fürst hatte die Angewohnheit, sehr laut zu sprechen.

»Ich brauche sie nicht mehr, Edward. Sie werden auch müde sein. Wie sieht es in Dholpur aus?«, sagte er vertraulich. (Dholpur liegt nördlich von Gwalior im Gebirge. Der Maharadscha besitzt dort ein Schloss, in dem er während der heißen Jahreszeit wohnt).

Die Antwort Armstrongs war nicht zu verstehen.

Zehn Minuten später verabschiedete sich der Hausminister. Kaum war er gegangen, als wir den Fürsten fragen hörten: »Wie – noch nicht im Bett, Edward?«

Mithin war Armstrong abermals nebenan eingetreten. Die beiden, Herr und Diener, gebrauchten die englische Sprache.

Des Kammerdieners Erwiderung entging uns. Dann wieder der Maharadscha.

»Ah – gewiss bin ich einverstanden! Der Herr suchte deine Bekanntschaft in Dholpur? Ob er denn wirklich mehr kann als jener Wellerley, der unverrichteter Sache von hier abziehen musste?«

Harst kniff mich in den Arm. Das hieß: Achtung!

Nach ein paar Sekunden abermals des Fürsten Stimme.

»Gut – ich bin bereit, diesen Herrn Hawkins sofort zu empfangen. Hole ihn aus dem Hotel Prince of Wales mit dem Auto ab. Ihr könnt in einer halben Stunde wieder hier sein.«

Eine Weile verging. Dann betrat der Fürst das Billardzimmer.

»Master Harst«, rief er leise, »bitte, kommen Sie hervor. Armstrong hat den Palast im Auto soeben verlassen.«

Wir standen dann zwischen den beiden Billards, an diese gelehnt. Harst erklärte dem Maharadscha: »Hoheit, ich weiß so ziemlich Bescheid, was sich jetzt ereignen wird. Armstrong hat Ihnen vorgelogen, er habe in Dholpur heute zufällig die Bekanntschaft eines Touristen – nicht wahr – Touristen …?«

»Ja, so ist es.«

»… gemacht, der sich erbot, die rätselhafte Erscheinung hier zu entlarven. Er wird in Kurzem mit diesem angeblichen Hawkins hier eintreffen. Ich bitte Sie, ganz so zu tun, als glaubten Sie an die Absicht dieses Menschen, Sie von diesem Gespenst zu befreien. Ich rate Ihnen aber, Hoheit, bei der Unterredung mit Hawkins sehr auf ihn zu achten. Stecken Sie eine Pistole zu sich und feuern Sie, sobald der Mensch auch nur eine verdächtige Bewegung macht.«

»Weshalb diese …«

»Hoheit, Hawkins ist kein anderer als jener große Verbrecher Warbatty! Er hat es auf Sie abgesehen. Was er beabsichtigt, wird sich zeigen.«

Der Maharadscha, der zunächst etwas um seine Sicherheit besorgt war, beruhigte sich jedoch schnell, als Harst ihm mitteilte, wir würden während des Besuches Hawkins hinter dem Türvorhang stehen.

Wir mussten abermals unter die Ottomane. Die Minuten reckten sich jetzt fast zu Stunden. Ich fieberte förmlich vor Ungeduld. Harst schwieg, sprach nicht ein Wort.

Dann endlich nebenan ein kurzes Anklopfen, das Herein des Fürsten.

Im Billardzimmer war es nun dunkel. Harst schob sich schnell über den Teppich auf die Tür zu. Der Vorhang war unten etwas umgeschlagen, sodass man ganz deutlich verstand, was in der Bibliothek gesprochen wurde.

»Schade«, meinte der Fürst. »Also plötzlich abgereist ist dieser Hawkins …«

»Ja. Ich bin selbst sehr enttäuscht, Hoheit. Er hat für mich keinerlei Nachricht zurückgelassen. Nur für Eure Hoheit diesen Brief.«

Schweigen. Wir vernahmen das Reißen von Papier. Der Maharadscha öffnete also den Brief.

Dann: »Wirklich eine sehr merkwürdige Nachricht dieses Hawkins! Einfach unverständlich! Oder begreifen Sie, Edward, was dies bedeuten soll?« Der Fürst las laut vor:

Ich war überzeugt, Hoheit würden ein sehr gutes hypnotisches Medium abgegeben und dann sehr freigebig sein. Besondere Umstände zwingen mich jedoch, Gwalior schleunigst wieder zu verlassen, nachdem ein alter Bekannter von mir hier aufgetaucht ist, der mir bewiesen hat, dass die Fieberluft des Landes Eurer Hoheit mir nicht zuträglich ist. Hawkins.

Harst war plötzlich mit einem Satz in der Bibliothek, sprang auf Edward Armstrong zu, packte ihn beim Kragen und rief: »Schraut – binde ihm mit dem Taschentuch die Hände.«

Der Kammerdiener war so überrascht, dass er keinerlei Widerstand leistete. Er stand nun mit verbissener Miene da und stierte zu Boden.

»Hoheit«, begann Harst, indem er den an den Fürsten gerichteten Brief schnell überflog, »Sie sehen in diesem Armstrong hier einen der vielen Helfershelfer Cecil Warbattys, die dieser im Augenblick der Gefahr rücksichtslos preisgibt. Der alte Bekannte in diesem Schreiben bin ich. Warbatty hat also gewusst, dass ich mich hier im Palast befinde, hat mich ständig beobachtet, die Täuschung mit dem Jagdausflug durchschaut und ist geflohen. Wir wissen jetzt, was er plante. Er wollte sich bei Ihnen als Detektiv einführen, wollte die Unterredung mit Ihnen dazu benutzen, Sie zu hypnotisieren. Er ist Arzt. Er versteht alles. Da nun nicht jeder Mensch für Hypnose empfänglich ist, sollte Ihr Nervensystem erst durch die Geistererscheinungen recht stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Deshalb musste Wrihgton sterben, deshalb musste Armstrong dessen Nachfolger werden. Hauptmann Randall erzählte mir, dass Sie aus Vorsicht Ihre sämtlichen Kleinodien und Familienschätze in den Gewölben des Palastes in einer absolut sicheren Stahlkammer aufbewahren. Selbst ein Warbatty konnte mit den gewöhnlichen Mitteln der Herren Einbrecher und Gauner nicht an diese Schätze heran. Er konnte es nur, wenn er Sie hypnotisierte und Ihnen den Befehl gab, Sie in die Stahlkammer zu führen. Sie hätten diesen Befehl fraglos befolgt. Die Erscheinungen des toten Wrihgton haben Sie für die Beeinflussung durch einen fremden Willen sehr empfänglich gemacht. Ihr unruhiger Blick, Ihre überlaute Sprache, gewisse unwillkürliche überhastete Bewegungen bewiesen mir schon gestern, dass Sie mehr durch diesen Geist gelitten haben, als Sie zugeben wollen. Kurz: Warbatty hoffte hier vielleicht unermessliche Schätze zu erringen! Das ist es! Und Armstrong ist sein Helfershelfer!«

Er wandte sich dem bleichen Kammerdiener zu. »Gestehen Sie ein, den toten Wrihgton hier gemimt zu haben? Geben Sie zu, dass alles sich verhält, wie ich es soeben Seiner Hoheit auseinandersetzte?«

Armstrong richtete sich auf. »Hoheit«, rief er, den Gekränkten nicht schlecht spielend, »Hoheit, ich bin unschuldig! Ich …«

»Schweigen Sie!«, unterbrach Harst ihn kalt. Er ging auf den Vorhang zu, schlug ihn hoch, schaltete im Billardzimmer das Licht ein, stand nun im Türrahmen, deutete auf den Boden. »Hier lag der feine Kreidestaub. Hier an dieser Seite der Türfüllung erschienen die Spuren eines, der eine in dieser Täfelung verborgene Tür dazu benutzt hat, als Geist schnell aufzutauchen und wieder zu verschwinden.«

Der Fürst eilte zu Harst hin. »Ich weiß nichts von einer solchen Tür, Master Harst. Freilich, der Palast enthält so zahlreiche … Ah … wirklich!«

Harst hatte den Verschluss gefunden, hatte eine schmale, niedrige Tür nach innen aufgestoßen. Ein enger Gang lief hier zu einer steilen Treppe, die dann als Fortsetzung einen zweiten Gang hatte, der vor einer anderen Geheimtür endete und diese mündete in dem Zimmer des Kammerdieners.

Der Fürst und Harst hatten dies festgestellt, kamen nun in die Bibliothek zurück, wo ich inzwischen Armstrong bewacht hatte.

Armstrong gab das Leugnen gegenüber dieser ihn so schwer belastenden Entdeckung auf. Er sah auch ein, dass Warbatty ihn heimtückisch verraten hatte. Warbatty hätte ihn ja warnen und ihm zu schleuniger Flucht raten können. Nichts davon: Er war allein geflüchtet, hatte sogar in seiner prahlerisch-zynischen Art noch dem Fürsten den Brief geschrieben, der ja eigentlich mehr für Harst bestimmt war.

Wir erfuhren nun von Armstrong, dass Warbatty als Kaufmann Howard Galver sich vor etwa sieben Monaten an Wrihgton wirklich herangemacht und diesen dann auch ermordet hatte. In derselben Nacht hatte er auch die Angaben über Armstrong in Wrihgtons Tagebuch nachgetragen. Wrihgton hatte ihm von diesen Aufzeichnungen erzählt und Warbatty war sofort auf den Gedanken gekommen, sie für seine Zwecke auszunutzen.

Weiter räumte Armstrong ein, bereits in London vor etwa einem Jahr Warbattys Bekanntschaft gemacht zu haben, wo dieser mit ihm vereinbart hatte, ihn für einen lohnenden Streich zu benutzen. Genaueres konnte Armstrong über Warbatty nicht angeben. Er war von Haus aus Kellner und Diener, zuletzt jedoch Taschendieb in London gewesen. Er hieß mit richtigem Namen Parker. Die Zeugnisse auf dem Namen Armstrong, die er nachher dem Fürsten vorgelegt hatte, waren von Warbatty beschafft worden. Dieser wollte in der Tat die Stahlkammer ausplündern und auch insofern stimmte Harsts Vermutung vollständig, als der Geist Wrihgtons lediglich des Fürsten widerstandsfähige Nerven hatte lahmlegen sollen.

Der Maharadscha behielt uns als Gäste bei sich. Er ließ sofort drei Zimmer für uns herrichten. Als wir in unseren Gemächern dann allein waren und noch vor dem Schlafengehen eine Zigarette rauchten, meinte Harst: »Ich weiß nicht recht, ob ich mich über diesen halben Fehlschlag hier ärgern soll. Warbatty hat diesen Streich so schlau vorbereitet, dass man geradezu staunend vor der verbrecherischen Vielseitigkeit dieses Menschen dasteht, der doch aller Wahrscheinlichkeit nach zu jenen Unglücklichen gehört, bei denen eine bestimmte Erkrankung des Gehirns eine überreiche Fantasie zugleich mit einem unwiderstehlichen Hang zum Verbrechen erzeugt hat. Wenn ich dann noch daran denke, dass selbst in diesem rücksichtslosen Mörder gute Triebe wie Anhänglichkeit an seine Familie und eine gewisse Großmut mir gegenüber schlummern, so …« Er vollendete den Satz nicht, fuhr vielmehr nach einer Weile fort:

»Jedenfalls muss ich herausbringen, wer Warbatty eigentlich ist. Dass er Arzt ist, hat er selbst zugegeben. Und ein Arzt ohne linken Zeigefinger muss zu finden sein, selbst wenn er am Nordpol seine Praxis haben sollte. Ich weiß auch schon, wie ich es anfange, die Schleier von Warbattys Persönlichkeit zu lüften. Vielleicht werden wir schon in den nächsten Tagen …« Er gähnte, stand auf. »Na, wir werden ja sehen, mein Alter. Gute Nacht!«

Was uns dieses Schleierlüften eintrug, will ich im nächsten Band schildern, dessen erstes Abenteuer ich betiteln werde:

Das Löschblatt von Amritsar

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