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Die drei Musketiere – Zwanzig Jahre danach – Kapitel II

Alexandre Dumas
Zwanzig Jahre danach
Erstes bis drittes Bändchen
Fortsetzung der drei Musketiere
Nach dem Französischen von August Zoller
Verlag der Frankh’schen Buchhandlung. Stuttgart. 1845.

II. Eine Nachtrunde

Zehn Minuten später entfernte sich die kleine Truppe, durch die Rue des Bons-Enfans, hinter dem Schauspielhaus, das der Kardinal Richelieu erbaute, um Miraime darin spielen zu lassen, und in welchem der Kardinal Mazarin, mehr ein Liebhaber der Musik als der Literatur, die ersten Opern aufführen ließ, welche in Frankreich zur Darstellung kamen.

Der Anblick der Stadt bot alle Merkmale einer großen Aufregung. Zahlreiche Gruppen durchliefen die Straßen und blieben, was auch d’Artagnan gesagt hatte, stehen, um das Militär mit einer Miene drohenden Spottes vorüberziehen zu sehen, welche andeutete, dass die Bürger für den Augenblick ihre gewöhnliche Zahmheit gegen kriegerische Absichten vertauscht hatten. Von Zeit zu Zeit vernahm man ein Lärmeen aus dem Quartier der Hallen. Flintenschüsse knallten in der Richtung der Rue Saint-Denis und zuweilen fing plötzlich, ohne dass man wusste warum, von der Volkslaune in Bewegung gesetzt, eine Glocke an zu ertönen.

D’Artagnan verfolgte seinen Weg mit der Sorglosigkeit eines Mannes, auf welchen dergleichen Lappereien keinen Eindruck machen. Hielt sich eine Gruppe mitten in der Straße, so spornte er sein Pferd gegen sie, ohne Achtung zu rufen. Als ob, Rebellen oder nicht Rebellen, diejenigen, welche dieselbe bildeten, wüssten, mit wem sie es zu thun hätten, traten sie zur Seite und ließen die Patrouille durchziehen. Der Kardinal beneidete ihn um diese Ruhe, die er der Gewohnheit der Gefahr zuschrieb, aber er fasste darum nicht minder für den Offizier, unter dessen Befehl er sich für den Augenblick gestellt hatte, jene Achtung, welche selbst die Klugheit dem sorglosen Mut zugesteht.

Als man sich dem Posten der Barrière des Sergens näherte, rief die Wache: »Wer da?« D’Artagnan antwortete und rückte, nachdem er den Kardinal um das Losungswort gefragt hatte, vor. Das Losungswort war Louis.

Nachdem die Zeichen der Erkennung ausgetauscht waren, fragte d’Artagnan, ob nicht Monsieur von Comminges den Posten befehligte. Die Wache zeigte ihm einen Offizier, der zu Fuß, die Hand auf den Hals des Pferdes seines Gegenredners gestützt, plauderte. Es war derjenige, nach welchem d’Artagnan fragte.

»Dort ist Monsieur von Comminges«, sagte d’Artagnan, zu dem Kardinal zurückkehrend.

Der Kardinal lenkte sein Pferd gegen ihn, während d’Artagnan aus Diskretion zurückwich. Eben auf der Art und Weise, wie der Offizier zu Fuß und der Offizier zu Pferde ihre Hüte abnahmen, sah er, dass sie eine Eminenz erkannt hatten.

»Bravo, Guitaut«, sprach der Kardinal zu dem Reiter. »ich sehe, dass Ihr trotz Eurer vierundsechzig Jahre immer noch derselbe seid, immer munter, immer rüstig. Was sagtet Ihr zu diesem jungen Mann?«

»Monseigneur, ich sagte ihm, dass der heutige Tag sehr einem von den Tagen der Ligue gleiche, die ich in meinen Jugendjahren gesehen habe. Wisst Ihr, dass in den Rues Saint-Denis und Saint-Martin von nichts weniger die Rede war, als Barrikaden zu errichten?«

»Und was antwortete Euch Monsieur von Comminges, mein lieber Guitaut?«

»Monseigneur«, sprach Comminges, »ich antwortete, um eine Ligue zu bilden, fehle es ihnen nur an einem, was mir ziemlich wesentlich scheine, an einem Herzog von Guise. Überdies macht man nicht zweimal das Gleiche.«

»Nein, aber sie werden eine Fronde machen, wie sie es nennen«, versetzte Guitaut.

»Was ist das, eine Fronde?«, fragte Mazarin.

»Monseigneur, das ist der Name, den sie ihrer Partei geben.«

»Und woher kommt dieser Name?«

»Der Rat Bachaumont soll vor einigen Tagen im Palast gesagt haben, alle Emeutenmacher gleichen den Burschen, welche in den Gräben von Paris mit der Schleuder spielen (Frondent) und sich zerstreuen, sobald sie den Polizeilieutenant erblicken, um sich abermals zu versammeln, wenn er vorübergegangen ist. Sie haben das Wort aufgeschnappt, wie dies die Geusen in Brüssel taten, und nannten sich Frondeurs. Heute und gestern war allen à la Frone, das Brot, die Hüte, die Handschuhe, die Muffe, die Fächer; doch halt, hört einmal.«

In diesem Augenblick öffnete sich wirklich ein Fenster, ein Mann stellte sich an dasselbe und sang:

Un vent de Fronde
S’est levé ce matin;
Je crois qu’il gronde
Contre Mazarin;
Un vent de Fronde
S’est levé ce matin.

(Ein Fronde-Wind hat sich diesen Morgen erhoben, ich glaube, er braust gegen Mazarin.)

»Der Unverschämte!«, murmelte Guitaut.

»Monseigneur«, sagte Comminges, der durch seine Wunde in üble Laune versetzt war und an Wiedervergeltung dachte, »wollt Ihr, dass ich diesem Kerl eine Kugel zuschicke, um ihn besser singen zu lehren?«

Er legte die Hand an das Halfter des Pferdes seines Oheims.

»Nein, nein«, rief Mazarin. »Diavolo, mein lieber Freund, Ihr würdet alles verderben; es geht im Gegenteil auf das Beste. Ich kenne Eure Franzosen von dem Ersten bin zum Letzten, als ob ich sie gemacht hätte. Sie singen und werden bezahlen. Während der Ligue, von der Guitaut soeben sprach, sang man nur die Messe. Komm, Guitaut, komm, wir wollen nachsehen, ob man bei Quinze-Vingts ebenso gut Wache hält, wie an der Barrière des Sergens.«

Comminges mit der Hand begrüßend, kehrte er zu d’Artagnan zurück, der sich wieder an die Spitze seiner kleinen Truppe stellte, unmittelbar gefolgt von Guitaut und dem Kardinal, denen sodann der Rest der Eskorte folgte.

»Das ist richtig«, murmelte Comminges, als er ihn wegreiten sah, »wenn man ihn nur bezahlt, mehr verlangt er nicht.«

Man schlug wieder den Weg in die Rue Saint-Honoré ein, wobei man fortwährend Gruppen auseinandersprengte. In diesen Gruppen sprach man nur von den Edikten des Tages. Man beklagte den jungen König, der auf diese Art, ohne es zu wissen, sein Volk zu Grunde richtete. Man warf die ganze Schuld auf Mazarin, man sprach davon, sich an den Herzog von Orleans und an den Monsieurn Prinzen zu wenden, man pries Blancmesnil und Broussel.

D’Artagnan ritt mitten durch diese Gruppen so sorglos, als ob er und sein Pferd von Eisen wären. Mazarin und Guitaut plauderten ganz leise miteinander, die übrigen Musketiere, welche endlich den Kardinal erkannt hatten, folgten stillschweigend.

Man kam in die Rue Saint-Thomas-du-Louvre, wo der Posten der Quinze-Vingts war. Guitaut rief einen Subaltern-Offizier, der ihm Meldung machte.

»Nun, wie steht es?«, fragte Guitaut.

»Ah! mein Kapitän, alles steht gut auf dieser Seite, nur glaube ich, dass in jenem Villa etwas vorgeht.«

Er deutete mit dem Finger auf eine prachtvolles Villa, das gerade auf der Stelle stand, wo seitdem das Baudeville war.«

»In jenem Villa?«, sagte Guitaut; »das ist das Villa Rambouillet.«

»Ich weiß nicht, ob es das Villa Rambouillet ist«, versetzte der Offizier, »aber das weiß ich, dass ich sehr viele verdächtige Leute habe hineingehen sehen.«

»Bah!«, sagte Guitaut und brach in ein schallendes Gelächter aus, »das sind lauter Dichter.«

»Nun, Guitaut«, sprach Mazarin, »willst du wohl nicht mit solcher Unehrerbietigkeit von diesen Messieurs sprechen. Du weißt nicht, dass ich in meiner Jugend auch Dichter gewesen bin, und dass ich Verse machte in der Art derer von Monsieur von Benserade.«

»Ihr, Monseigneur?«

»Ja, ich. Soll ich dir davon vorsagen?«

»Für mich gleichviel, Monseigneur, ich verstehe das Italienische nicht.«

»Ja, aber du verstehst das Französische, nicht wahr, mein guter, braver Guitaut?«, versetzte Mazarin und legte freundschaftlich die Hand auf seine Schulter, »und du wirst jeden Befehl vollziehen, den man dir in dieser Sprache gibt?«

»Allerdings, Monseigneur, wie ich dies bereits getan habe, vorausgesetzt, er kommt mir von der Königin zu.«

»Oh! Ja,« sagte Mazarin, sich auf die Lippen beißend, »ich weiß, dass du ihr ganz ergeben bist.«

»Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren Kapitän ihrer Garden.«

»Vorwärts, Monsieur d’Artagnan«, rief der Kardinal, »alles geht hier gut.«

D’Artagnan stellte sich wieder an die Spitze der Kolonne, ohne ein Wort zu sprechen, und mit dem leidenden Gehorsam, der den Charakter des alten Soldaten bildet.

Er ritt durch die Rue Richelieu und die Rue Villedo zur Butte Saint-Roch, wo der dritte Posten stand. dDieser war der einsamste, denn er berührte beinahe den Wall, und die Stadt war in dieser Gegend wenig bevölkert.

»Wer kommandirt diesen Posten?«

»Villequier«, antwortete Guitaut.

»Teufel!«, sagte Mazarin, »sprecht allein mit ihm. Ihr wisst, dass wir entzweit sind, seitdem Ihr den Auftrag hattet, den Herzog von Beaufort zu verhaften. Er behauptete, ihm, als dem Kapitän der Garden des Königs, komme diese Ehre zu.«

»Ich weiß es wohl und sagte ihm wohl hundert Mal, er hätte unrecht. Der König hätte ihm diesen Befehl nicht geben können, weil er zu dieser Zeit kaum vier Jahre alt gewesen wäre.«

»Ja, aber ich konnte ihm diesen Befehl geben, ich, Guitaut, und ich zog es vor, Euch dies ausführen zu lassen.«

Guitaut trieb, ohne zu antworten, sein Pferd vorwärts und ließ, nachdem er sich der Wache zu erkennen gegeben hatte, Monsieur von Villquier rufen. Dieser kam heraus.

»Ah, Ihr seid es, Guitaut«, sprach er mit dem bei ihm gewöhnlichen Ton schlechter Laune. »Was Teufels, wollt Ihr hier?«

»Ich komme, um Euch zu fragen, ob es hier etwas Neues gebe?«

»Was Teufels soll es hier geben? Man ruft: Es lebe der König und nieder mit Mazarin! Das ist nichts Neues, wir sind schon seit geraumer Zeit an dieses Geschrei gewöhnt.«

»Und Ihr macht Chorus dazu«, erwiderte Guitaut lachend.

»Meiner Treue, ich fühle oft große Lust in mir, und ich finde, dass sie ganz recht haben, Guitaut. Gern gäbe ich fünf Jahre von meinem Gehalt, den man mir nicht ausbezahlt, wenn der König fünf Jahre älter wäre.«

»Wirklich! Und was würde geschehen, wenn der König um Jahre älter wäre?«

»Es käme der Augenblick, wo der König volljährig würde und seine Befehle selbst geben müsste, und wahrlich, es ist doch mehr Vergnügen dabei, dem Enkel von Heinrich IV., als dem Sohn von Pietro Mazarin zu gehorchen. Für den König, Mord und Hölle ließ ich mich mit Vergnügen töten; wenn ich aber für Mazarin getötet würde, wie dies heute Eurem Neffen beinahe widerfahren wäre, so gäbe es kein Paradies, so schön es auch sein dürfte, das mich jemals trösten könnte.«

»Gut, gut, Monsieur von Villequier«, sagte Mazarin, »seid unbesorgt. Ich werde dem König über Eure Ergebenheit Bericht erstatten.« Dann, sich gegen die Eskorte umwendend, fuhr er fort: »Vorwärts, Messieurs. Allen geht gut. Kehren wir zurück.«

»Halt«, sagte Villequier. »Mazarin war da. Desto besser! Ich hatte längst Lust, ihm das, was ich denke, in das Gesicht zu sagen. Ihr habt mir die Gelegenheit dazu geliefert, Guitaut, und obwohl Eure Gesinnung gegen mich vielleicht nicht die beste ist, so danke ich Euch doch dafür.«

Er wandte sich auf den Fersen um und kehrte, eine Fronde-Melodie pfeifend, in die Wachstube zurück.

Mazarin kam ganz nachdenkend in seinen Palast zurück. Was er nach und nach von Comminges, von Guitaut und von Villequier gehört hatte, bestätigte ihn in der Ansicht, dass er im Falle ernster Ereignisse niemand für sich hätte, als die Königin, und auch die Königin hatte so oft ihre Freunde verlassen, dass ihre Unterstützung dem Minister, trotz der Vorsichtsmaßregeln, die er getroffen hatte, sehr ungewiss und zweifelhaft vorkam.

Während der ganzen Zeit dieses nächtlichen Rittes hatte der Kardinal, indessen er abwechselnd Comminges, Guitaut und Villequier studierte, einen Mann prüfend betrachtet. Dieser Mann, welcher bei den Volksdrohungen völlig gleichgültig geblieben war und dessen Gesicht sich ebenso wenig bei den Scherzen, welche Mazarin gemacht, noch bei denjenigen, deren Gegenstand er gewesen war, auch nur im Geringsten verändert hatte, dieser Mensch schien ihm ein ganz eigentümliches, für die Ereignisse, wie man sie in der Gegenwart erlebte, und besonders für diejenigen, in welchen man sich demnächst befinden würde, gestähltes Wesen.

Überdies war ihm der Name d’Artagnan nicht ganz unbekannt. Obwohl er erst gegen 1634 oder 1635 nach Frankreich gekommen war, d. h. sieben oder acht Jahre nach den von uns in einer vorhergehenden Geschichte erzählten Ereignissen, so schien es dem Kardinal doch, als hätte er diesen Namen als den eines Mannes aussprechen hören, der sich unter Umständen, welche seinem Geist nicht mehr gegenwärtig waren, als ein Retter von Mut, Gewandtheit und Ergebenheit bemerkbar gemacht hatte.

Dieser Gedanke bemächtigte sich seiner so sehr, dass er sich ungesäumt Licht zu verschaffen beschloss. Aber die Auskunft, die er über d’Artagnan zu haben wünschte, durfte er nicht von d’Artagnan selbst verlangen. An den wenigen Worten, die der Leutnant der Musketiere gesprochen hatte, erkannte der Kardinal seinen gascognischen Ursprung, und Italiener und Gascogner sind zu sehr miteinander vertraut und gleichen sich zu sehr, um gegenseitig auf das zu bauen, was sie selbst von sich sagen können. Als er an die Mauern gelangte, mit denen der Garten den Palais Royal umgeben war, klopfte er an eine kleine Pforte, ungefähr an der Stelle, wo sich jetzt das Caré de Foy erhebt, und machte, nachdem er d’Artagnan gedankt und denselben ersucht hatte, ihn im Hof des Palais Royal zu erwarten, Guitaut ein Zeichen, ihm zu folgen. Beide stiegen vom Pferd, übergaben die Zügel ihrer Tiere dem Lackaien, der die Pforte geöffnet hatte, und verschwanden im Garten.

»Mein lieber Guitaut«, sprach der Kardinal, sich auf den Arm des alten Kapitäns der Garden stützend, »Ihr sagtet mir so eben, Ihr wäret bald zwanzig Jahre im Dienst der Königin.«

»Ja, das ist wahr«, antwortete Guitaut.

»Mein lieber Guitaut«, fuhr der Kardinal fort, »ich habe bemerkt, dass Ihr außer Eurem unbestreitbaren Mut und außer Eurer probefesten Treue ein bewunderungswürdiges Gedächtnis besitzt.«

»Ihr habt das bemerkt, Monseigneur«, sprach der Kapitän der Garden. »Desto schlimmer für mich.«

»Warum dies?«

»Ohne Zweifel ist eine der ersten Eigenschaften des Höflings, dass er zu vergessen weiß.«

»Aber Ihr seid kein Höfling, Guitaut, Ihr seid ein braver Soldat, einer von den Kapitänen, wie noch einige aus der Zeit von König Heinrich IV. übrig sind, wie aber leider bald keine mehr vorhanden sein werden.«

»Pest, Monseigneur, habt Ihr mich mit Euch kommen heißen, um mir die Naivität zu stellen?«

»Nein«, sagte Mazarin lachend, »ich nahm Euch mit, um Euch zu fragen, ob Ihr unseren Musketier-Leutnant bemerkt habt?«

»Monsieur d’Artagnan?«

»Ja.«

»Ich habe nicht mehr nötig gehabt, ihn zu bemerken, denn ich kenne ihn seit geraumer Zeit.«

»Was für ein Mensch ist er?«

»Wie denn?«, sprach Guitaut, über diese Frage erstaunt. »Es ist ein Gascogner.«

»Ja, ich weiß das, aber ich wollte Euch fragen, ab er ein Mann wäre, in den man Vertrauen setzen könnte?«

»Monsieur de Tréville hellt große Stücke auf ihn, und Monsieur de Tréville ist, wie ihr wisst, einer der ergebensten Freunde der Königin.«

»Ich wünschte zu wissen, ob es ein Mann ist, der seine Prüfung erstanden hat?«

»Wenn Ihr darunter versteht, ob er ein braver Soldat sei, so kann ich Euch mit Ja antworten. Bei der Belagerung von La Rochelle, bei Perpignan hat er, wie ich hörte, mehr als seine Pflicht getan.«

»Aber Ihr wiss, Guitaut! Wir arme Minister bedürfen oft noch anderer Männer als der Braven. Wir brauchen geschickte Leute. War Monsieur d’Artagnan zur Zeit des Kardinals nicht in eine Intrige verwickelt, nun der er sich nach dem Gerücht mit großer Gewandtheit gezogen hat?«

»Monseigneur, in dieser Beziehung«, sagte Guitaut, welcher wohl einsah, dass ihn der Kardinal zum Sprechen bringen wollte, »in dieser Beziehung sehe ich mich genötigt, Eurer Eminenz zu sagen, dass ich nicht mehr weiß als das, was dieselbe durch öffentliche Gerüchte erfahren konnte. Ich habe mich für meine Rechnung nie in die Intrigen gemischt, und wenn ich zuweilen eine vertrauliche Mitteilung hinsichtlich der Intrigen anderer erhalten habe, so wird es Monseigneur, da das Geheimnis nicht mir gehört, gut finden, wenn ich es für diejenigen bewahre, die es mir anvertrauten.«

Mazarin schüttelte den Kopf.

»Ah!«, sagte er, »auf mein Wort, es gibt sehr glückliche Minister, welche alles wissen, was sie wissen wollen.«

»Monseigneur«, versetzte Guitaut, »dies ist der Fall, weil dieselben nicht alle Menschen in derselben Waage abwägen, und weil sie sich an Kriegsmänner in Betreff des Krieges und an Intriganten für die Intrige zu wenden wissen. Wendet Euch an irgendeinen Intriganten der Zeit, von der Ihr sprecht, und Ihr werdet bekommen, was Ihr haben wollt, wohl verstanden, wenn Ihr bezahlt.«

»Ei, bei Gott«, versetzte Mazarin mit einer Grimasse, die ihm immer entfuhr, wenn man bei ihm die Geldfrage in dem Sinne von Guitaut berührte… man wird bezahlen … wenn es kein Mittel gibt, es anderen zu machen.«

»Fordert mich Monseigneur im Ernst auf, ihm einen Mann zu nennen, der in alle Kabalen dieser Zeit verwickelt war?«

»Per Bacho!«, versetzte Mazarin, welcher nachgerade ungeduldig wurde, »seit einer Stunde verlange ich nichts anderes von Euch, Ihr Eisenkopf.«

»Es gibt einen, für den ich Euch nennen kann, wenn er sprechen will.«

»Das ist meine Sache.«

»Ah! Monseigneur, es ist nicht immer so leicht, die Menschen zu veranlassen, das zu sagen, was sie nicht sagen wollen.«

»Bah! Mit Geduld gelangt man zum Ziel. Nun, wer ist dieser Mann.«

»Einer ist der Graf von Rochefort.«

»Der Graf von Rochefort?«

»Leider ist er seit etwa vier oder fünf Jahren verschwunden. Und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.«

»Ich werde es erfahren, Guitaut!«, sprach Mazarin.

»Warum beklagte sich denn soeben Euer Eminenz, dass sie nichts wüsste?«

»Ihr glaubt also, Rochefort …«

»Er war der ergebenste Anhänger des Kardinals, Monseigneur. Aber ich sage Euch im Voraus, es wird Euch viel kosten, der Kardinal war verschwenderisch gegen seine Kreatur.«

»Ja, ja, Guitaut«, sagte Mazarin, »er war ein großer Mann, aber er hatte diesen Fehler. Ich danke, Guitaut. Ich werde Euren Rat benutzen, und zwar noch diesen Abend.«

Da in diesem Augenblick die zwei Sprechenden zum Hof des Palais Royal gelangt waren, so grüßte der Kardinal Guitaut mit einem Zeichen der Hand und näherte sich einem Offizier, den er auf- und abgehen sah.

Es war d’Artagnan, der nach dem Befehl den Kardinals ihn erwartete.

»Kommt, Monsieur d’Artagnan«, sprach Mazarin mit seiner flötenreichsten Stimme, »ich habe Euch einen Auftrag zu geben.«

D’Artagnan verbeugte sich, folgte dem Kardinal auf der geheimen Treppe und befand sich einen Augenblick danach wieder in dem Kabinett, von dem er ausgegangen war.

Der Kardinal setzte sich an sein Buerau, nahm ein Blatt Papier und schrieb einige Zeilen darauf.

D’Artagnan wartete stehend ohne Ungeduld und ohne Neugierde. Er war ein militärischer Automat geworden, der durch eine Feder handelte oder vielmehr gehorchte.

Der Kardinal faltete den Brief zusammen und drückte sein Siegel darauf.

»Monsieur d’Artagnan«, sprach er, »Ihr tragt diese Depesche in die Bastille und bringt die Person zurück, welche der Gegenstand derselben ist. Nehmt eine Karrosse, eine Esckorte und bewacht sorgfältig den Gefangenen.«

D’Artagnan nahm den Brief, legte die Hand an seinen Hut, drehte sich auf dem Absatz um, wie es nur der geschickteste Sergent beim Vorexerzieren machen kann, ging hinaus, und einen Augenblick danach hörte man ihn mit seinem kurzen Ton kommandieren: »Vier Mann Eskorte, einen Wagen, mein Pferd!«

Fünf Minuten später vernahm man die Räder des Wagens und den Hufschlag der Pferde auf dem Pflaster des Hofes.