Ausschreibung

Einsendeschluss 31.05.2021

Dark Empire

Lese-Tipp

Der Fackelzug

Archive
Folgt uns auch auf

Eine Räuberfamilie – Zwölftes Kapitel

Emilie Heinrichs
Eine Räuberfamilie
Erzählung der Neuzeit nach wahren Tatsachen
Verlag von A. Sacco Nachfolger, Berlin, 1867
Zwölftes Kapitel

Der Überfall

Kehren wir noch einmal in den Palast Cantonelli zurück, wo zur Mitternacht das Notwendigste gepackt war, um die Reise nach Avellino anzutreten.

Marco war zweimal im Hotel gewesen, um sich nach der Rückkehr des Barons zu erkundigen, der um diese Zeit ja erst eben bei Pompeji angelangt war.

Da die Marchesa Arabella erklärte, nicht ohne Fidelio reisen zu wollen, so musste Pasquale Rapo seine ganze Überredungskunst aufbieten, den jungen, ihm bereits verhassten Deutschen zum Mitreisen zu bewegen, und wenn es zuletzt nicht anders ginge, Gewalt anzuwenden.

Das war nun das letzte und auch das gefährlichste Mittel und durfte nur im aller äußersten Fall angewandt werden.

»Sie reisen mit, mein Herr?«, hatte Fibelio ihn kalt gefragt.

»Sicherlich, mein Freund!«

»Und Sie glauben, ich würde mit dem Mörder meines Bruders reisen?«, fragte Fidelio mit flammenden Augen, »nimmermehr. Sparen Sie Ihre Überredungskünste. Selbst das Leben dieses unglücklichen Greises könnte mich nicht dazu bewegen.«

Rapo stampfte leicht mit dem Fuß auf und schien nicht übel Lust zu haben, den verwegenen, widerspenstigen Knaben zu züchtigen. Doch bezwang er sich und sagte mit etwas spöttischer Miene: »Auch nicht das Leben Ihres Bruders, Signor?«

Agnes-Fidelio erbebte. Was wollte der Entsetzliche damit sagen?

»Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass von dieser Reise Leben und Freiheit Ihres Bruders abhängen könnte, was dann? Werden Sie auch dann sich nicht dazu bewegen lassen, Signor?«

»Ihre List nützt nichts«, versetzte Agnes-Fidelio, »ich weiß, dass von meiner Mitreise für meinen unglücklichen Bruder nichts abhängen kann.«

»Sie irren sich, Signor!«, sagte Rapp, »es ist so, wie ich sage. Ihr Bruder befindet sich augenblicklich in Bisaccia unter der Pflege meiner Familie.«

Agnes-Fidelio trat einen Schritt zurück und blickte ihn mit durchbohrendem Ausdruck an.

»Mein Bruder«, sagte sie hierauf langsam, »wurde von Ihnen, Signor Rapo, vielleicht tödlich verwundet und fiel sogleich in Räuberhände, welche bereits darauf gewartet zu haben schienen. Und jetzt sagen Sie mir, mein Bruder befinde sich in Bisaccia, unter der Pflege Ihrer Familie. Soll ich es aussprechen, Signor, wofür ich diese Familie danach halten muss?«

»Ah, sprechen Sie es immerhin aus, Signor Tedesco!«, rief Rapo mit funkelnden Augen, indem er einen Schritt näher trat.

»Für eine Räuberfamilie!«, antwortete Agnes-Fidelio mit fester Stimme.

Rapo erblasste und seine Lippen zitterten vor innerer Wut.

Er war allein mit dem Knaben, drinnen wachte der Kammerdiener bei dem schlummernden Marchese, während die Signorina Arabella sich in ihre Gemächer zurückgezogen hatte. Was hinderte ihn, den kecken Fremdling mit einem Stoß stumm zu machen?

Aber dann, und dieser Gedanke brachte ihn fast zur Raserei, durfte er an die Reise, welche dem Crocco bereits signalisiert war, nicht mehr denken. Allein wagte die Marchesa sich mit dem wahnsinnigen Greis nicht hinaus. Und ohne Arabella, welche die Kostbarkeiten und die Kassette mit sich führte, hatte die Reise keinen Zweck. Er musste sie auf dieser Reise unauflöslich an sich ketten. Das war sein Plan, der nicht misslingen durfte.

Und nun wollte es dieser Knabe wagen, seinen Plan zu zerstören? Das heischte Rache, nur der Tod konnte solche Kühnheit sühnen. Aber noch war die Stunde nicht gekommen, noch musste dieser Verhasste ihm nützen, seinen finsteren Plänen dienen. Es kam also darauf an, sich zu beherrschen.

Es gelang ihm mit einer gewaltigen Anstrengung. Er lächelte und sagte dann im ruhigsten Ton: »Ich rechne Ihrer Jugend diese Beleidigung, welche, von anderen Lippen ausgesprochen, Blut kosten würde, nicht an, mein lieber Signor! Vergessen wir das ausgesprochene Wort und hören Sie mich an. Ich sandte einen Diener dieses Palastes nach Bisaccia im Namen der Signorina Marchesa, um meine Schwester holen zu lassen. Er kehrte allein zurück mit einem Brief. Lesen Sie ihn, Signor Fidelio!«

Er zog einen Brief aus der Tasche und überreichte ihn dem jungen Mann, der ihn zögernd ergriff und ebenso zögernd öffnete.

Der Brief war von Seraphine Rapo geschrieben und teilte dem Bruder mit, wie Michel Rapo einen Deutschen aus Räuberhänden errettet und diesen ihr zur Pflege übergeben hatte. Zum Unglück höre sie, dass er, der geliebte Bruder Pasquale, den armen Tedesco verwundet hätte, und wolle sie nun wieder gut machen, was er an demselben verschuldet habe.

»Ich verstehe die Sprache nicht, Signor!«, sprach Agnes-Fidelio kalt.

»So mag Ihr Freund, der Kammerdiener, denselben übersetzen«, erwiderte der Student, »und falls Sie noch Misstrauen hegen sollten, fragen Sie den Diener Marco, ob derselbe nicht den Brief von meiner Schwester aus Bisaccia mitgebracht hat?«

Agnes-Fidelio zögerte einen Augenblick, dann schritt sie rasch durch das anstoßende Gemach in das Krankenzimmer, wo der Kammerdiener neben seinem schlummernden Herrn saß und eifrig den Rosenkranz betete.

»Übersetzt mir diesen Brief, mein Freund!«, bat sie flüsternd.

Der Kammerdiener blickte sie erstaunt an und gehorchte.

Es war so, wie Pasquale Rapo gesagt hatte, und mit glühenden Wangen und klopfendem Herzen kehrte sie zu dem spöttisch lächelnden Studenten zurück, der sie wie ein Sieger erwartete.

»Nun?«, fragte er, als sie ihm mit zitternder Hand den Brief hinreichte.

»Ich reise mit, Signor!«, war ihre einzige Antwort, worauf sie sich ins Krankenzimmer zurück begab und einige Zeilen an den Baron schrieb, um ihn über ihr rätselhaftes Tun zu beruhigen.

Pasquale Rapo aber ließ sich mit triumphierender Miene bei der Marchesa melden, welche ihn mit einem fragenden Blick empfing.

»Signor Fidelio begleitet den Herrn Marchese!«, sagte er lächelnd.

»Ohne seines Vaters Erlaubnis?«, fragte die Marchesa erstaunt. »Sie sind ein Zauberer, Signor Rapo!«

»O, könnte ich Sie bezaubern, meine angebetete Arabella!«, rief Rapo, die Arme ausbreitend, »bezaubern, dass Sie nur Ruhe und Glück hier an diesem Herzen fänden!«

»Lassen wir die Leidenschaft vorerst ganz aus dem Spiel, Signor!«, erwiderte Arabella kalt. »Sie haben die erste Bedingung erfüllt, hören Sie nun meine zweite. Sie dürfen weder auf der Reise noch in Avellino, und vollends nicht bei Ihrer Familie in Bisaccia irgendwelche Ansprüche auf mich erheben. Mit einem Wort: jede Neigung aus dem Spiel lassen. Noch bin ich Ihre Verlobte nicht, eine Überrumpelung ist noch kein wirklich dauernder Sieg. Können Sie diese Bedingung erfüllen, Signor Rapo?«

Dieser biss sich auf die Lippen und blickte finster vor sich nieder. Doch bald war er wieder gefasst. Schmeichelnd küsste er ihr die Hand und sagte mit einem Seufzer der Resignation: »Sie sind die Beherrscherin meines Willens. Ich unterwerfe mich allen Bedingungen, Signorina Marchesa, welche Sie mir stellen; mögen Sie daran meine Treue, meine unwandelbare Liebe erkennen.«

Sie drückte ihm zufrieden lächelnd die Hand und versetzte: »So ist es gut, mein Freund! Treffen wir also unsere Vorbereitungen zur Reise. Wann gedenken Sie zu reisen?«

»Wir haben noch eine Stunde bis Mitternacht. Können Signorina bis dahin mit Hilfe Ihrer Diener gepackt haben?«

»Es wird schwer halten, indessen nehmen wir nur erst das Notwendigste mit. Wir können uns, falls es uns dort zusagen sollte, mehr nachsenden lassen.«

»Ganz recht, Signorina!«, bemerkte Pasquale, »und die Kostbarkeiten des Herrn Marchese? Wir dürfen hier dergleichen nicht zurücklassen. Soll ich Ihnen den Kammerdiener senden?«

»Tun Sie das, er mag mir die Schlüssel aushändigen.«

 

*

 

Es war eine halbe Stunde nach Mitternacht, als sich zwei Reisekutschen vom Palast Cantonelli entfernten und die Straße nach Avellino einschlugen.

In der ersten Kutsche saß der alte Marchese mit Fidelio an seiner Seite, ihnen gegenüber Arabella und Pasquale Rapo. In der zweiten Kutsche befanden sich der Kammerdiener mit der Kammerzofe und zwei Dienern, sämtlich gut bewaffnet.

Der alte Marchese schlummerte, in Kissen eingehüllt, ruhig an Fidelios Seite weiter. Der Mond erhellte die einsame Landstraße, deren Stille nur durch das Rauschen der Bäume unterbrochen wurde.

Die Signorina Marchesa und Pasquale Rapo sprachen kein Wort, ein jeder hing seinen Gedanken nach.

So waren ungefähr zwei Stunden vergangen, der Mond wurde schon bleicher und bereitete sich vor, dem leuchtenden Tagesgestirn den rosigen Weg zu bereiten.

Ein dunkler, unheimlicher Hohlweg nahm die Reisenden nun auf. Zu beiden Seiten waren Hügel mit Gebüsch und Bäumen.

Der Kutscher hielt die Pferde an und fragte mit lauter Stimme, ob es nicht geratener sei, umzukehren und auf freier Landstraße den Tag zu erwarten.

Doch bevor er noch eine Antwort erhalten, sprangen von beiden Seiten dunkle Gestalten mit blitzenden Waffen und dem lauten Ruf »San Gennaro!« hervor, warfen sich vor die Pferde, rissen im Nu den Kutscher herunter und öffneten den Wagenschlag.

Seltsamer Weise schien man es nur auf den ersten Wagen abgesehen zu haben, der zweite kehrte ungehindert um und jagte im gestreckten Galopp auf der Landstraße zurück.

Pasquale Rapo war der Erste aus dem Wagen. Er schoss sein Terzerol in die Luft, worauf von allen Seiten blinde Schüsse fielen. Ein furchtbares »Hallo« entstand nun, der wahnsinnige Marchese erwachte und schaute mit einem wirren Blick umher, dann schrie er nach Leonardi, wurde aber sogleich wieder ruhig, als Agnes-Fidelio, welche das Treiben des Studenten bei diesem Überfall mit kalten Blut beobachtete, ihm tröstend zusprach.

Arabella war starr vor Schrecken. Als einer der wüsten Gesellen, Crocco selber, sie mit seinen Armen umschlingen und hohnlachend herauszerren wollte, schrie sie in Todesangst nach Hilfe und sank ohnmächtig zurück.

»Still«, flüsterte Rapo, »lass diese in Ruhe, Crocco. Ich überliefere dir die Kostbarkeiten und jene beiden überflüssigen Personen. Du kannst mit ihnen machen, was du willst, am liebsten, wenn du sie ganz stumm machst. Sie sind uns im Wege.«

»Gut, dann werden sie weggeräumt«, antwortete der Räuber und lächelte dabei. »Heraus mit Euch, dass wir ein Ende machen, hallo, ein Alter und ein Knabe, na, sterben muss man doch einmal, der eine früher, der andere später.«

Agnes-Fidelio verstand keine Silbe von dem, was gesprochen wurde, doch sah sie nur zu gut, wie freundschaftlich der Student von Bisaccia mit den Räubern verkehrte und ihre Mordgier zügelte. Sie war nun vollständig überzeugt, dass er zu ihnen gehöre und diesen Überfall selber herbeigeführt habe.

Zu langen Gedanken hatte sie indessen keine Zeit. Crocco fasste sie mit roher Faust und zerrte erst sie, dann den Marchese, der wieder in ein herzzerreißendes Jammern ausbrach, heraus.

»Schont den wahnsinnigen Greis«, rief sie mit starker, flehender Stimme, »was nützt sein Leben Euch, was sein Tod? Habt Erbarmen, wenn Ihr Menschen seid!«

»Sie müssen die Sprache des Landes reden, Signor Fidelio! Signor Crocco versteht Ihre Barbarensprache nicht.«

»Mörder! Verräter!«, schrie Agnes-Fidelio, mit dem einen Arm den Greis umschlingend, während sie die Rechte drohend gegen den Studenten ausstreckte. »Gott wird dich finden und strafen, nicht ewig gibt er es zu, dass du die Menschen täuschst und dann hinterrücks verrätst und mordest. Lieber sterben mit diesem Greis, dessen Blut tausendfach über dich komme, als Gnade von dir Ungeheuer zu erstehen. Du bist teuflischer als diese Räuber.«

»Stoßt den verräterischen Tedesco nieder!«, schrie Rapo, schäumend vor Wut, »oder halt, lasst mir selber die Arbeit.«

Er riss ein Stilett unter seinem Rock hervor und stürzte sich auf Agnes-Fidelio, welche ihn furchtlos erwartete. Fester umschlang sie den stöhnenden Greis und bot ihre Brust dem Stoß dar.

»Nur zu, feiger Mörder, elender Lügner!«, sprach sie mit fester Stimme, »noch einmal wiederhole ich es hier: Du gehörst zu einer Räuberfamilie.«

Rapo zückte den Stahl, da erhob sich der Greis in seiner vollen Größe, sein Antlitz leuchtete geisterhaft, es schien, als kehre in dieser fürchterlichen Minute ein Strahl des Lichts in den umnachteten Geist zurück, als begriffe er, dass es sich um ein teures Leben handele.

»Willst du morden?«, rief er mit feierlicher Stimme, »tue es nicht, mein Sohn! Gott ist gerecht, er sendet die Rachegeister, welche dich quälen Tag und Nacht und dich endlich aufs Blutgerüst schleppen. Und sie war so rein und unschuldig, wie das Kindlein, das sie mit dem blonden Haar erwürgte, sie schlugen ihr doch das schöne Haupt herunter. Morde nicht, Unglücklicher, das Gerüst wird schon für dich zurechtgezimmert.«

Pasquale Rapo ließ den erhobenen Arm mit dem Stilett unwillkürlich sinken und ein Schauer rieselte ihm durch den Körper.

»Bist du eine Memme geworden, Pasquale?«, höhnte Crocco, »komm, mach ein Ende. Du musst uns die Kostbarkeiten und das Geld zeigen. Die Zeit verstreicht; wir hätten die anderen nicht entwischen lassen sollen, die können uns mittlerweile die Sbirren auf den Hals schicken.«

In dem Augenblick, als Rapo wütend zustoßen wollte, streckte der Greis den Arm vor, der Stoß traf ihn mit voller Wucht und stöhnend sank er nieder.

»Nun fahre auch du zur Hölle, Hund«, knirschte er dann und zückte aufs Neue den blutigen Stahl auf die Brust des Knaben, der nicht mit den Wimpern zuckte.

Da erscholl ein Geräusch wie von Pferdehufen. Fidelio horchte. Nahte vielleicht Rettung?

Auch Rapo ließ den Arm sinken, während Crocco Flüche vor sich hin murmelte.

Im Mondenschein zeigte sich eine seltsame Gestalt zu Ross, ein schönes Weib, halb in Frauen, halb in Räuber-Kleidung. Auf dem Kalabreser wehte eine blutrote Feder, um ihre schlanke Taille trug sie einen breiten, gestickten Gürtel, worin die kostbarsten Waffen blitzten.

»Zia Maria!«, schrien die Räuber und warfen jubelnd ihre Hüte in die Luft.

Es war Croccos Geliebte, welche eine unbeschränkte Gewalt über die ganze Bande ausübte, und die Einzige war, die den blutdürstigen Räuber zu zügeln verstand.

Auch Pasquale Rapo stand unter ihrem Zauberbann. Das bewies die freudige Überraschung, mit welcher er, den blutigen Stahl in der Hand, auf sie zueilte, um sie zu begrüßen.

»Sieh, Pasquale, mein Getreuer, bist du mit bei der Arbeit?«, fragte Zia Maria lachend, »was macht mein wilder Crocco, der liebe Mann? Doch tritt zur Seite, sonst müsste mein Ross über dich wegsetzen. Schau mich nicht so verliebt an, Söhnchen, der teuere Crocco möchte sonst nach deinem Blut begierig werden; er ist darin unersättlich, wenn er erst gekostet hat, ein echter Löwe!«

Pasquale trat auf die Seite. Zia Maria sprengte in den Hohlweg hinein und hielt im nächsten Augenblick vor Crocco, der lächelnd zu ihr hinaufschaute und sich den schwarzen Bart strich.

»Wo ist die schöne Signorina Marchesa, welche der Pasquale sich erobert«, flüsterte sie, sich zu ihm herabneigend.

»Im Wagen, Liebchen!«, versetzte Crocco, »solche Püppchen fallen bei einem harten Wort schon in Ohnmacht.«

»Ich will sie sehen«, sprach Zia Maria, sich vom Pferd schwingend. »Man nennt sie in ganz Neapel die Königin der Schönheit. Ob es wahr ist?«

Rasch trat sie auf den Wagen und schaute hinein. Der Mondstrahl fiel gerade auf Arabellas Antlitz, das bleich und mit geschlossenen Augen in dieser Beleuchtung genau einer schönen Leiche glich.

»Sie ist tot!«, sagte sie gleichgültig, »ganz hübsch, doch keine Königin, was meinst du, Crocco, wenn ich im Palast dieser Signorina Marchesa gethront hätte. Wie würde man mich nennen?«

»Eine Göttin!«, tönte es hinter ihr, und lachend gab sie Pasquale Rapo einen Schlag.

»Ja, himmlische Zia Maria!«, rief Letzterer, »du bist die Königin aller Briganten und das sagt tausendmal mehr, als in Neapel Königin der Schönheit zu sein.«

»Was willst du mit der toten Braut, Pasquale?«, fragte die Brigantine, auf Arabella deutend.

»Sie ist nicht tot«, versetzte der Student, »der Schrecken hat ihr nur die Besinnung ein wenig geraubt. Lass sie schlummern. In meinen Armen soll sie bald, wenn meine Freunde verschwunden sind, zum neuen Leben erwachen. Hier haben wir jedoch noch ein Stückchen Arbeit zu vollenden, worin du uns unterbrachst. Diese Schwätzer und Horcher müssen stumm gemacht werden. Ist der Kutscher auf die Seite gebracht?«

»Er liegt gebunden unter den Bäumen«, versetzte ein Räuber, »soll ich ihn kalt machen?«

»Nein, er muss uns nach Bisaccia fahren; aber dieser vorlaute Bursche hier, zum Teufel, wo sind sie denn geblieben?«

»Was gibt es?«, fragte Crocco, welcher mithilfe einiger Räuber mehrere Koffer und Kisten losgeschnitten hatte. »Was verlierst du dort die Zeit mit unnützem Geschwätz, anstatt zu handeln? Stoß die Hunde nieder und dann zeige uns die rechten Koffer. Wir laden uns noch die Sbirren auf den Hals.«

»Die beiden Halunken sind fort!«, schrie Rapo außer sich. »Tausend Scudi, wer sie mir wieder schafft. Lass alles liegen, Crocco! An diesen Menschen liegt unsere Sicherheit.«

»Hilfe! Hilfe!«, tönte es plötzlich aus dem Wagen.

»So, nun hast du dir deine Signorina aus dem Schlaf geschrien«, brummte Crocco, »wiege sie nur wieder ein; doch zeige mir erst den kostbarsten Koffer. Ich lass die Beute nicht im Stich.«

Pasquale Rapo war in Wut und Verzweiflung. Der Plan war so schlau zurechtgelegt. Alles war wie am Schnürchen gegangen, bis Zia Maria so zur Unzeit in die Szene trat und den Erfolg zu vernichten drohte. Er schlug sich wild vor die Stirn und verwünschte sein eigenes Zaudern. Der Marchese musste sterben, um Arabellas und ihres Erbes ganz sicher zu sein; auch der kecke Deutsche, der hinter den Schleier geschaut hatte. Er befahl deshalb den Banditen, die beiden Entflohenen unter allen Umständen herbeizuschaffen. Dann trat er rasch zu Crocco und half ihm den Koffer, der nur Gold und Juwelen enthielt, abschneiden. Die anderen befestigten beide, so gut es gehen wollte, wieder mit den vorhandenen Stricken auf dem Wagen.

Zia Maria hatte sich indessen bei Arabellas Hilferuf in den Wagen begeben und sich ihr mit einer komischen Grandezza als Briganten-Königin vorgestellt.

»Ich freue mich, die Bekanntschaft einer so vornehmen und schönen Dame zu machen«, sagte Zia Maria geziert, »und auch du, Signorina, magst dich glücklich schätzen, des großen und gefürchteten Croccos Geliebte, Zia Maria, kennen zu lernen. Mein wilder Brigantenhauptmann würde wenig Umstände mit dir machen, doch habe ich für dich gebeten, und du bist im Grunde meine Gefangene.«

Arabella, starr vor Schrecken, rang nach Worten. Sie fühlte, dass es geraten sein würde, sich die Freundschaft der Banditenbraut gefallen zu lassen, unter deren Schutz sie vielleicht am sichersten war.

»Ja, die Heilige Jungfrau sei gepriesen« sagte sie mit Anstrengung, »dass sie dich zu meinem Schutz hierher sandte. Doch sage mir nun zuerst, was aus meiner Begleitung geworden ist.«

»Der Signor ist wohl dein Verlobter oder Gemahl, schöne Signorina?«, unterbrach sie Zia Maria, »das ist ein Teufel an Mut und Verwegenheit. Er hat dich wie ein Löwe verteidigt. Wäre der Crocco nicht dabei gewesen, wir hätten ihn nicht überwältigt.«

»Er ist gefangen?«, rief Arabella, die Hände ringend.

»Tröste dich, Signorina!«, erwiderte die Brigantin, »wir Räuber sind niemals grausam gegen denjenigen, der sein Leben wie ein Held verteidigt. Er muss nur dem Crocco die Beute übergeben, dann könnt Ihr Eure Reise ungehindert fortsetzen. Crocco wollte dich eigentlich als Geisel behalten, aber der Signor hat sein Wort gegeben, ein hohes Lösegeld zu senden, und nun bist du frei. Das hast du mir und deinem Liebsten zu danken.«

Also zum zweiten Mal musste sie ihm ihr Leben verdanken?

»Und mein Oheim mit dem jungen Signor?«

»Wahrscheinlich im Kampf getötet«, war Zia Marias Antwort. »Dein Signor konnte unmöglich alle beschützen.«

Arabella verhüllte ihr Antlitz und weinte. Ihr Herz wollte zerspringen vor Schmerz und Jammer. Sie kam sich in dieser entsetzlichen Gesellschaft selber fast wie eine Gefährtin dieses Weibes vor.

Und draußen lag der unglückliche Oheim in seinem Blut, er, der sie wie ein zärtlicher Vater geliebt, und neben ihm der schöne deutsche Knabe, sein Bruder, dessen Unglück sie indirekt auch verschuldet.

Alle tot, tot, und mit ihm, der Leonardi verwundet den Briganten überliefert, der sie zu dieser nächtlichen Reise fast gezwungen hatte, der ihr trotz des zweideutigen Lobes der Brigantine in einem unheimlichen Licht erschien. Mit ihm sollte sie die Reise fortsetzen?

Da blickte er plötzlich in den Wagen hinein, mit einem traurigen Blick die Marchesa grüßend.

Zia Maria sprang leichtfüßig hinaus und schweigend bestieg Rapo den Wagen, sich der Signorina gegenüber setzend.

Der Kutscher war indessen von seinen Banden befreit worden und saß zitternd auf dem Bock.

»Nach Bisaccia!«, tönte Croccos Ruf, und fort stürmten die Pferde, dass die Funken stoben.

Im Osten leuchtete der junge Tag. Crocco ließ einen schrillen Pfiff ertönen, zwei, drei Mal. Dann bestieg er eine Anhöhe, um die Gegend zu überblicken, und kehrte eilig zurück.

»Die Sbirren kommen!«, rief er den fünf von Pasquale Rapo ausgesandten Räubern zu, die auf seinen Pfiff in diesem Augenblick erschienen. »Rasch diesen Koffer und dann vorwärts den bekannten schmalen Pfad!«

Nach zwei Minuten war keiner der Räuber auf dem Platz mehr zu sehen. Man vernahm nur noch den schwachen Hufschlag von Zia Marias Ross.