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Die Sternkammer – Band 2 – Kapitel 2

William Harrison Ainsworth
Die Sternkammer – Band 2
Ein historischer Roman
Christian Ernst Kollmann Verlag, Leipzig, 1854

Zweites Kapitel

Wie das Versprechen aufgehoben wurde.

Es war ein großer Garten, ehemals schön angelegt und angepflanzt, aber nun traurig vernachlässigt. Der breite Weg auf der Terrasse war mit Unkraut überwachsen. Die steinernen Stufen und die zierlich ausgehauenen Treppenpfeiler waren an einigen Stellen zerbrochen und mit Moos bedeckt. Der ehemals so glatt geschorene Rasenplatz hatte die Sichel vergessen. Die zierlich angelegten Beete waren so überwachsen, dass man ihre ursprüngliche Gestalt nicht mehr unterscheiden konnte. Die Irrgänge waren gänzlich verwachsen und die langen grünen Alleen nicht beschnitten.

Aber Jocelyn beachtete alle diese Vernachlässigung nicht, so vollständig wurde seine Aufmerksamkeit von dem schönen Mädchen in Anspruch genommen. Selbst das Geräusch der Maibelustigungen, die, auf kurze Zeit von Hugo Calveley unterbrochen, mit größerer Lebhaftigkeit wieder begonnen hatten. Das Läuten der Kirchenglocken, das Rufen der Menge und die Töne der Musik erreichten kaum sein Ohr. Zum ersten Mal hatte er jene köstlichen Empfindungen, welche die neugeborene Liebe in der Brust erregt. Die Bezauberung wirkte so rasch und mächtig auf ihn, dass er, ehe er es gewahr wurde, bereits davon überwältigt war. Es schien, als habe er bis zu diesen Augenblick nie eigentlich gelebt, wenigstens nie den Segen begriffen, den das Dasein in Vereinigung mit einen Wesen gewährt, welches imstande ist, das Entzücken zu erwecken, welches er nun empfand. Eine neue Welt, voll Liebe, Hoffnung und Sonnenschein, deren einzige Bewohner er und Aveline waren, schien plötzlich für ihn geöffnet zu sein. Bisher war sein Leben von jeder großen Gemütsbewegung frei gewesen. Das einzige Gefühl, welches ihn in der letzten Zeit durchdrungen hatte, war das des erlittenen schweren Unrechts, vereint mit dem Durst nach Rache. Kein zärtlicherer Einfluss hatte seine fast raue Natur gemildert und seine Brust blieb öde wie die Wüste. Nun war der Felsen getroffen und das lebendige Wasser strömte reichlich hervor. Nicht als wäre in Norfolk und selbst in dem entfernten Teil der Grafschaft, wo er sein Leben zugebracht hatte, die weibliche Schönheit selten gewesen. Nirgend in der Tat ist die Blüte der Liebenswürdigkeit dichter ausgesät, wie in diesem begünstigten Teil unserer Insel. Aber allen jungen Damen, die er bisher gesehen hatte, war es nicht gelungen, ihn zu rühren. Und wenn irgendein Pfeil auf seine Brust gezielt worden wäre, so war er weit vom Ziel niedergefallen. Jocelyn Mounchensey war keine von jenen höchst empfänglichen Naturen, die rasch einen Eindruck empfangen und ihn noch rascher wieder verlieren. Auch würde er sich nicht leicht durch die Lockungen haben fangen lassen, welche die ränkevollen Mitglieder des weiblichen Geschlechts zuweilen anwenden. Erfüllt von dem altertümlichen Geist der Ritterschaft, der noch einigen Einfluss auf das Zeitalter übte, in welchem er lebte, war er bereit und fähig, der erhabenen Schönheit seiner Geliebten – vorausgesetzt, dass er eine solche hatte – glühende Huldigung darzubringen und ihre Überlegenheit gegen alle, welche dieselbe bezweifelten, zu behaupten, aber gänzlich unfähig, an einem niedrigeren Altar seine Verehrung darzubringen. Bei seinem freien Herzen fühlte er daher bei dieser Begegnung mit der Tochter des Puritaners, dass er in ihr einen Gegenstand gefunden hatte, den er längst gesucht und dem er sich mit Herz und Seele widmen könne – ein Mädchen, deren Schönheit unvergleichlich war und deren geistige Eigenschaften ihren persönlichen Reizen entsprachen.

Auch war es keine Täuschung, woran er litt. Aveline Calveley war ganz so, wie seine Fantasie sie ihm vorstellte. Reinheit des Herzens, Milde der Gemütsart, geistige Anlagen gaben sich so deutlich in ihrem sprechenden Gesicht kund, wie die innersten Tiefen einer Quelle durch das klare Wasser zu sehen sind. Ihr Herz hatte gleich dem seinen noch keinen Eindruck empfangen. Liebe zu ihren Vater hatte es allein beherrscht, obwohl alle mächtige Kundgebung der kindlichen Zärtlichkeit durch das gewohnte strenge Wesen ihres Vaters gehemmt wurde. Von einer Verwandten in Cheshire er zogen, die beim Tod ihrer Mutter, der in ihrer frühen Kindheit erfolgte, die Sorge für sie übernommen, hatte sie ihren Vater erst in späteren Jahren kennen gelernt, als sie sich bei ihm aufhielt. Obwohl von Natur zur Andacht geneigt, konnte sie sich nicht mit seinen düsteren religiösen Ansichten und mit seiner strengen Lebensweise versöhnen. Obwohl sie nicht den Wunsch hegte, an den Eitelkeiten des Lebens teilzunehmen, wollte sie sich nicht überreden lassen, dass Heiterkeit mit Rechtschaffenheit unverträglich sei. Auch konnte aller Spott, den sie hörte, sie nicht veranlassen, diejenigen zu hassen, welche in religiösen Ansichten von ihr abwichen. Dennoch stieß sie keine Klage aus. Völlig gehorsam dem Willen ihres Vaters, fügte sie sich, soweit sie konnte, der von ihm vorgeschriebenen Lebensregel. Mit seiner beharrlichen Ansicht bekannt, stritt sie selten oder nie mit ihm, selbst wenn sie dachte, dass das Recht auf ihrer Seite sei, indem sie es für besser hielt, durch Unterwürfigkeit den Frieden zu erhalten, als durch Streit Zorn zu erregen. Die Verhandlung über die Maispiele war eine Ausnahme von ihrem gewöhnlichen Benehmen und bildete eines von den wenigen Beispielen, wo sie gewagt hatte, ihre Ansicht gegen ihren Vater zu behaupten.

In der letzten Zeit empfand sie seinetwegen große Unruhe. Sehr verändert, schien er sich mit einem düsteren und schrecklichen Gedanken zu beschäftigen, der sich teilweise durch zornige Ausrufungen und leise gemurmelte Drohungen zu erkennen gab. Er schien sich als ein vom Himmel auserwähltes Werkzeug der Rache gegen den Druck zu betrachten und sie fürchtete, er würde in dieser unheilvollen Stimmung eine schreckliche Handlung begehen. In dieser Ansicht wurde sie durch die Lebhaftigkeit bestärkt, womit er Jocelyns unbesonnenes Versprechen annahm, und sie beschloss, den jungen Mann zu warnen.

Wenn wir, um des Lesers Neugierde zu befriedigen, genötigt sind, den Zustand von Avelines Herzen in Beziehung auf Jocelyn zu untersuchen, so müssen wir aufrichtig gestehen, dass keine so glühende Flamme darin entzündet war, wie in der Brust des jungen Mannes brannte. Dass eine solche Flamme sich erheben konnte, war sehr möglich, ja wahrscheinlich, da die Funken der Liebe da waren und es an Brennstoff durchaus nicht fehlte. Diese Funken durften nur sanft angefacht und nicht achtlos ausgelöscht werden.

Die beiden jungen Personen sprachen wenig, als sie langsam über die Terrasse dahingingen. Beide fühlten sich verlegen – Jocelyn wünschte seine Gefühle auszusprechen, wurde aber von Schüchternheit zurückgehalten – Aveline zitterte, es möchte mehr gesagt werden, als sie zu hören wünschte oder was sie mit Recht beantworten könne. So gingen sie schweigend weiter, aber es war ein Schweigen, beredter als Worte, da jedes verstand, was das andere fühlte. Wie viel sie würden gesagt haben, wurde durch die Unmöglichkeit, irgendetwas zu sagen, kund gegeben.

Endlich blieb Jocelyn stehen, pflückte eine Blume und sagte, indem er sie ihr anbot: »Mein erstes Anerbieten wurde zurückgewiesen. Möge dieses glücklicher sein.«

»Gebt mir ein Versprechen, und ich will die Blume annehmen«, versetzte sie.

»Gern«, rief Jocelyn ihre Hand ergreifend und sie zärtlich ansehend. »Sehr gern.«

»Ihr seid zu bereit mit Euren Versprechungen«, versetzte sie mit traurigem und zugleich lieblichem Lächeln. »Was ich wünsche, ist, dass Ihr Euer hastiges Versprechen, welches Ihr meinem Vater gegeben habt, zurücknehmen und mir helfen werdet, ihn von dem Unternehmen abzubringen, wozu er Euch bestimmen wollte.«

Als diese Worte ausgesprochen wurden, trat der Puritaner hinter der Hecke hervor, die ihn in den Stand gesetzt, sich ihm unbemerkt zu nähern und ihre kurze Unterredung zu belauschen.

»Halt!«, rief er in feierlichem Ton, indem er Jocelyn mit großem Ernst ansah. »Jenes Versprechen ist geheiligt. Es wurde im Namen Eures Vaters abgelegt und muss erfüllt werden. Meine Absicht ist unveränderlich.«

Der Einfluss des Enthusiasten auf Jocelyn wäre unwiderstehlich gewesen, hätte sich nicht Aveline eingemischt.

»Lasst Euch nicht von ihm beherrschen«, sagte sie leise zu dem jungen Mann und fügte dann zu ihrem Vater gewendet hinzu: »Mir zuliebe gebt ihm sein Versprechen zurück.«

»Wenn er es fordert, soll es geschehen«, versetzte der Puritaner, den jungen Mann fest ansehend, als wollte er seine Seele durchschauen. »Zaudert Ihr?«, rief er in Tönen der tiefsten Kränkung, als er sah, dass Jocelyn schwankend wurde.

»Ihr könnt seine Wünsche nicht missverstehen, Vater«, sagte Aveline.

»Lass ihn selber reden«, rief Hugo Calveley zornig. »Jocelyn Mounchensey!«, fuhr er fort, indem er seine Arme über die Brust faltete und den jungen Mann starr ansah, »Sohn meines alten Freundes! Sohn dessen, der in meinen Armen starb! Sohn dessen, den ich der Erde übergab! Wenn du etwas von dem wahren Geist deines Vaters hast, so wirst du bei einem Versprechen bleiben, welches du freiwillig abgelegt und welches, wie du es ausgesprochen, alle Heiligkeit und Kraft eines vor dem Himmel abgelegten Gelübdes hat, wo es aufgezeichnet und gebilligt worden von dem, der uns vorangegangen ist.«

Sehr bewegt von dieser Anrede, hätte Jocelyn wahrscheinlich eingewilligt, aber Aveline fiel ein: »Nicht so, Vater«, rief sie. »Die Geister der Gerechten – und diesen gehört der Freund an, den Ihr erwähnt – würden nie den Plan billigen, wozu Ihr, infolge eines unbesonnenen Versprechens, diesen jungen Mann verbindlich machen wollt. Sprecht ihn davon frei, ich bitte Euch.«

Ihre Energie erschütterte selbst die Festigkeit des Puritaners.

»Es sei, wie du willst, Tochter«, sagte er nach einer Pause von einigen Augenblicken, während welcher er erwartete, dass Jocelyn reden werde. Als aber der junge Mann nichts sagte, erklärte er sein Schweigen richtig. »Es sei, wie du willst, da er es auch so will. Ich gebe ihm sein Versprechen zurück. Aber lass mich ihn nicht wiedersehen.«

»Mein Herr, ich bitte Euch!«, rief Jocelyn.

Aber er wurde von dem Puritaner unterbrochen, der sich verächtlich von ihm wendete und zu seiner Tochter sagte: »Lass ihn sogleich sich entfernen!«

Aveline gab dem jungen Mann ein Zeichen zu gehen. Als er aber bewegungslos stehen blieb, fasste sie seine Hand und führte ihn eine Strecke auf der Terrasse weiter. Dann ließ sie ihn los und sagte ihm Lebewohl!

»Warum habt Ihr dies getan?«, fragte Jocelyn vorwurfsvoll.

»Befragt mich nicht, sondern haltet Euch überzeugt, dass ich zu Eurem Besten gehandelt habe«, entgegnete sie. »O Jocelyn!«, fuhr sie dringend fort, »sollte sich eine Gelegenheit finden, meinem Vater zu dienen, so versäumt sie nicht.«

»Gewiss nicht«, versetzte der junge Mann. »Werden wir uns nicht wiedersehen?«, fragte er in sehr ängstlichem Ton.

»Vielleicht«, antwortete sie. »Aber Ihr müsst gehen. Mein Vater wird ungeduldig werden. Noch einmal, lebt wohl!«

Hierauf trennten sie sich. Der junge Mann entfernte sich kummervoll, während ihre Fußtritte sich nach der entgegengesetzten Richtung entfernten. Mittlerweile wurden die Maispiele auf dem Rasenplatz mit zunehmender Heiterkeit und ohne das geringste Hindernis fortgesetzt. Mehr als einmal hatten die Tänzer ihre Runde gemacht und Gillian und Dick Taverner in ihrer Mitte. Mehr als einmal hatte der kühne Lehrling, der nun verzweifelt in seine schöne Tänzerin verliebt war, einen Kuss von ihren Lippen zu stehlen gewagt. Mehr als einmal hatte er ihr Worte der Liebe ins Ohr geflüstert, obwohl er noch keine zärtliche Antwort erhalten hatte.

Einmal hatte er ihre Hand genommen, sie aber nicht wieder losgelassen. Vergebens forderten andere junge Burschen sie zum Tanz auf. Dick weigerte sich, seinen Preis auszuliefern. Sie frühstückten miteinander in einer kleinen Laube, die aus grünen Zweigen gebildet war. Es war ein entzückender Ort und recht für Liebende geeignet. Dicks Appetit, der noch vor einer Stunde sehr heftig gewesen, war nun gänzlich verschwunden. Er konnte nichts essen. Er lebte nur von der Liebe. Als sie sich aber bewegen ließ, von einem schäumenden Becher, mit Bier gefüllt, zu nippen, schlang er das übrige Getränk mit Entzücken hinunter. Als dies geschehen war, setzten sie ihre Belustigungen fort und begannen wieder zu tanzen. Die Glocken tönten hell, die Versammlung jubelte und die Musikanten spielten. Ein seltsamer Kontrast gegen das, was im Garten des Puritaners vorging.

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