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Jimmys letzter Coup

Jimmys letzter Coup
Ein Abenteuer in Burma
von Kapitän Arthur von Riha
Aus: Das Kriminal Magazin Band 1, 1929

Hohlrollend stauten sich in der Passatdünung die ockerfarbenen Wassermassen, die aus dem Delta des Irawady weit in die offene See hinausgepresst wurden. Aus nebelhafter Ferne schien das flache Gestade Burmas von der Kimm her immer näher zu rücken, bis mit der einsetzenden Flut die Istria den Rangoonarm der machtvoll verästelten Strommündung hinauf zu dampfen begann. Während der zweistündigen Flussfahrt nahm das schon von See aus sichtbare Wahrzeichen der heiligen Buddhastadt, die weltberühmte Shwedagon Pagode, immer imposantere Dimensionen an. Wie eine goldene Riesenglocke lagerte ihr mächtiger Kuppelbau auf überragender Hügelkappe, und im Zittern der tropischen Mittagsschwüle gleißten die von ihr entstrahlten Reflexe im zuckenden Blinkspiel eines Fanals. Eines Leuchtturmes des Heils für die aus der ganzen buddhistischen Welt, aus beiden Indien, Siam, China, Japan und Korea tagtäglich heranströmenden Pilgerscharen, die fromm erschauernd diesem kolossalen Reliquienschrein nahen, um die hier geborgenen Haare Buddhas andachtsvoll zu verehren. Bis auf die letzte Deckplatte war die Istria mit Steerage-Passagieren besetzt, chinesischen Kulis, koreanischen Pilgern und japanischen Freudenmädchen, und auf all diesen mongolischen Gesichtern lag der Abglanz gläubiger Rührung, als der Passat durch die zweitausend Silberglocken der Pagode strich und mystisch klingende Tonfetzen herüberwehte.

»Verdammter Neger-Jazz«, knurrte Craking-Joe, der mit seinem Gefährten an der Reeling des Oberdecks lehnte. Beide jung, athletisch, brutales Kinn, harter Kaugummi-Mund, brandneue Tropenanzüge, wie frisch aus des Dressmakers Shop, U.S.A. Der Fassaden-Jim warf einen kritischen Blick auf das Goldgeflimmer der Pagode. »Glänzt wie neu«, meinte er abwägend. »Kunststück«, rief der von der Kommandobrücke herabkommende Hafenpilot. »Wird alle zwanzig Jahre frisch vergoldet. Boys, mit dem Gold könnte unsereiner sein Handwerk an den Nagel hängen! Patina verträgt sich nicht mit der gesegneten Tropensonne. Würde wie eine verschimmelte Riesengurke aussehen in dem klaren Licht. Aber das Geglitzer kommt nicht vom Gold allein. Auf dem närrischen Dach da oben sind an die zehntausend Edelsteine inkrustiert, alle Farben, Sorten und Größen. Ehrensache für jeden bessergestellten Pilgrim, sich durch eine solche Spende ein paar Stufen auf der Himmelsleiter zu kaufen.«

Die beiden New Yorker horchten auf. Die Geschäfte waren in der letzten Zeit mehr als miserabel gegangen. Denn die Pinkerton-Leute hatten es sich in ihren Kopf gesetzt, anständige Hotel-Creeper nicht in Ruhe arbeiten zulassen. Über die ganze Union waren die beiden gehetzt worden nach dem letzten Fang im Waldorf-Astoria, und ein gewaltiger Aufwand an Geld und Intelligenz war nötig gewesen, um die hartnäckige Meute von den Hacken abzuschütteln. Nach all den Finten und Gegenfinten hatten sie geglaubt, in Frisko Luft bekommen zu haben und nach Hongkong hinüber entwischt zu sein, da hatte sie hier das Warnungstelegramm eines heimatlichen Geschäftsfreundes aus ihrer falschen Sicherheit aufgeschreckt. Ein neuer Schlag war dringend erforderlich, um ihre Reisekasse zu ergänzen, sonst konnten sie London nicht erreichen, das Paradies, in welchem es sich so hübsch untertauchen ließ.

»Handlicher Diamanten-Claim«, flüsterte Jim, nachdem der Pilot gegangen war.

Der andere zuckte die Achsel und wälzte die Zigarre in den entgegengesetzten Mundwinkel. Abschätzend musterte er die Umgebung der Pagode. Da drängten sich die Tempel, Priesterwohnungen, Kapellen und Schreine, die zahllosen Buddhas und Götterstatuen mit ihren wuchtigen Formen, eine ganze Stadt für sich, aus deren Mitte die Hauptpagode ragte. »Hinkommen!«, summierte er lakonisch seine Eindrücke auf. Der Beruf des Fassadenkletterers erfordert vielseitige Kenntnisse, etwas Astronomie ist auch darunter.

»Mondaufgang ist heute erst um zwei Uhr nachts«, entgegnete Jim kurz.

Da ergab sich Joe. Er sah, dass sein Kamerad entschlossen war, dem einladenden Diamantenfeld einen Besuch abzustatten. Die Ankunftsformalitäten waren erledigt, es war Zeit, an Land zu gehen. Die beiden Gefährten bestiegen mit ihrem Gepäck einen der wartenden Wagen und rasselten dem gewählten Hotel zu. Heiter umbrandete sie das lebhafte Straßenleben Rangoons, das einen so auffälligen Gegensatz zu der bedrückten Humorlosigkeit Vorderindiens bietet. Den Malayo-Mongolen Burmas sind die hemmenden Schranken des Kastenwesens unbekannt, welches die Hindus in rund dreitausend einander gehässig belauernde Kategorien zersplittert. Hier mengt sich vornehm und gering, arm und reich im fröhlichen Gewühl, welches durch das der Öffentlichkeit Vorderindiens fehlende Ewigweibliche wohltuend belebt wird. Die erstaunt in diese fremde Welt blickenden Amerikaner traf aus schönen schwarzen Augen manch verheißungsvoll neckischer Blick, der unter sorgfältig gepflegtem, blumengeziertem Haarbau hervorflammte.

Joe und Jim hatten jedoch nicht viel Sinn für die Lockungen dieser Flaneusen, die an ihnen vorübertänzelten, und deren zartschlanke Finger mit der Kunstfertigkeit der spanischen Fächersprache ihre übergroßen Cheroots bewegten, schwarzbraune Giftpfosten, an die sich der stärkste europäische Raucher nur unter allen Begleiterscheinungen der Seekrankheit gewöhnen kann, während die Burmanin jeden Standes daheim und auf der Straße ununterbrochen mit großtürkischer Behaglichkeit daran pafft. Der Wagen musste stoppen, um die feierliche Eskorte eines der als weiß bekannten hellgrauen heiligen Elefanten vorüberzulassen, und durch diese Verzögerung wurde es später Nachmittag, bis die beiden Abenteurer ihr Hotel erreichten. Ohne sich nach Abladung ihres Gepäcks weiter aufzuhalten, ließen sie sich nach dem Dalhousie-Park fahren, der am Fuß des die Pagode tragenden Hügels liegt. Englische Gartenkunst hat hier oasengleich einem Seeumkränzende Gestrüpp eine Anlage geschaffen, deren dichtes Buschwerk Jim wohlgefällig musternd als geeignete Operationsbasis für seinen Raubzug erkor. Rasch, ohne Dämmerung, fielen die schwarzen Schatten der Tropennacht hernieder, und nachdem die beiden Gefährten ihr Diner im Hotel eingenommen hatten, verbrachten sie bei Porter und Abendpfeife einige einsilbige Stunden, bis Jim sich mit einem lässigen Dehnen seines muskulösen Körpers aus dem bequemen Sessel erhob.

»Zeit zur Arbeit«, ermunterte er einen zögernden Kameraden, der nur widerwillig seinem Beispiel folgte. Zwar waren Vorahnungen nicht die Sache des hauptsächlich animalisch empfindenden Cracking-Joe, aber diesmal hatte er das unangenehme Gefühl, dass das bevorstehende Geschäft über ihre Kräfte ging. Wirre Leseerinnerungen an indische Yogawunder durchkreuzten sein Hirn, und es wollte ihm nicht einleuchten, dass die Edelsteine noch auf der Kuppel waren, wenn ihr Abholen eine so einfache Sache war, wie Jim sie sich vorstellte. Dieser dagegen fühlte sich in bester Form. Das Besteigen der Pagode war für den an die heimatlichen Wolkenkratzergewöhnten Fassadenläufer tatsächlich nur ein Kinderspiel, und um das Heranpirschen machte er sich im Dunkel der Nacht keine Sorge. In einem kleinen Päckchen trug er sein Hoteltrikot unter dem Arm, als er mit Joe zu dem Dalhousie-Park spazierte. Ein an die Tempelstadt grenzendes Gebüsch diente ihm als Garderobe, wo er sich schnell entkleidete und das schwarze Trikot überzog, das, vom Scheitel bis zur Sohle reichend, nur zwei schmale Schlitze für die Augen frei ließ. Und während der mit zwei Brownings bewaffnete Joe als Deckreserve im Gebüsch zurückblieb, schlich sich der tollkühne Abenteurer langsam, schrittweise, mit angehaltenem Atem jede Deckung benutzend, an das ersehnte Ziel seiner Wünsche heran. Mitternacht war vorüber, und in der wie ausgestorben daliegenden Pagodenstadt lag die ganze Einwohnerschaft anscheinend im tiefsten Schlaf.

Nachdem Jim den Fuß der Pagode erreicht hatte, brachten ihn ein paar Dutzend gewandter Klimmzüge auf die Kuppe des ungefügen Bauwerks hinauf. Sich niederkauernd rang Jim mit tiefen Atemzügen nach Herrschaft über seinen wild hämmernden Puls, nicht allein erregt durch die bisherige Anspannung aller Muskeln und Nerven, sondern noch mehr durch das Bild, welches sich seinen gierigen Blicken bot. Wie ein Knospenbeet in Edens Garten lag die köstlichste aller Juwelensammlungen da. Im matten Schein der Sterne blinkten und funkelten die verführerischen Steine, wie wenn sie geheimnisvoll aufgespeichertes Licht ins dunkle Violett der Nacht entstrahlten. Wissend schienen sie zu locken und zu winken, wie seit Menschengedenken sie und ihresgleichen gelockt und gewinkt haben, um hochschlagende Frauenherzen auf verderbenbringender Bahn vorwärts zu drängen, bis eisenfeste Männer zu ungeahnten Taten gespornt, Königreiche gründeten oder zerschlugen.

Aber Jim sah nur den vetterlichen Dämon dieser gleißenden Pracht, das Gold, welches er hierfür tauschen konnte, und wie ein hungrig einbrechender Wolf machte er sich an seine Beute. Für ihn war Zeit im wahrsten Sinne Geld, denn die Spanne bis zum Aufgang des Mondes war nur kurz. Mit einer eigenartigen, aus seinem Patentbesteck vorsorglich ausgewählten Brechzange hob er als ersten einen taubeneigroßen Rubin heraus, der wie eine Soloerdbeere prangend den kennerischen Feinschmecker zum Genuss zu laden schien. Und dann, wie vom Rausch des Erraffens gepackt, ließ er wahllos Stück auf Stück folgen. Er hatte einen Schurzsack vor sich hängen, gleich einem Sämann, der über das frische Feld schreitet, um den fruchtbringenden Samen zu streuen. Aber Jim säte nicht, er erntete. Wie auf Nadeln stehend beobachtete mittlerweile Joe durch den Feldstecher die schattengleichen Bewegungen seines Genossen, immer stärker beunruhigt, die Sache könnte schief gehen. Seiner Ungeduld dehnte sich die Zeit ins endlose. Immer häufiger zog er in nervöser Hast die Uhr mit dem leuchtenden Zifferblatt. Mit Bangen sah er die Stunde des Mondaufganges näher und näher rücken, ohne dass der in seine Arbeit verbissene Jim sich darum zu kümmern schien. Mehr als einmal war Joe daran, den Warnungspfiff ertönen zu lassen, nur die Furcht vor einer Alarmierung der schlafenden Tempelstadt hielt ihn zurück. Aber um zwei blieb ihm keine andere Wahl. Schon führte er die Signalpfeife an den Mund. Da schnitt ein grässlicher Schrei durch die brütende Stille der Nacht, schrill, wie von einem Menschen in ärgster Todesangst. Mit zitternden Händen hob Joe das Glas an die Augen, erbebend sah er, dass Jim verschwunden war. Joe war kein Feigling. Auf vertrautem, heimatlichem Boden würde er den Kameraden nie im Stich gelassen haben. Jedoch hier, vor dieser fremden, mit mystischem Wunderschleier verhüllten Welt, scheute er zurück. Und als plötzlich die leuchtende Scheibe des Nachtgestirns hinter der Hügelkulisse empor fuhr — nicht der anheimelnd bleiche Geselle, der Freund der lyrischen Schwärmer und der Diebe, sondern der tropische Vollmond, riesengroß und blutig rot, ein auf azurschwarzem Hintergrund kreisrund lodernder Feuerbrand, da fuhr dem Zagenden das abergläubische Entsetzen primitivster Urinstinkte in die knickenden Knie. Mit gesträubten Haaren gab er Fersengeld. Der Hohn waltender Gerechtigkeit trieb ihn auf den Weg, zu welchem seine verwegenen Diebereien genug Bessere gezwungen hatten. Der zivilisierte Mensch in seiner Not rennt zur Polizei. Und was daheim kein hundertpferdiger Motor vermocht hätte, der panische Schreck ließ es hier als Selbstverständlichkeit erscheinen. Impulsiv war das Ziel dieses Marathonrekords die Polizeistation. Deren Lage kannte er. Die Strategie seines Handwerks verlangte in jeder fremden Stadt als allererstes die Feststellung des gegnerischen Hauptquartiers. Atemlos, fiebernd brachte er dem Beamten vom Dienst seine Kunde vor.

Inspektor Rowland erblasste in kaltem Zorn. Ist doch die Schonung religiöser Eingeborenenkulte ein wesentlicher Faktor der britischen Kolonialpolitik. Dieser freche Einbruch in das höchste Heiligtum des Landes, dessen Betreten jedem Nichtbuddhisten, selbst dem Kaiser von Indien versagt ist, das war der Auftakt zu einem Skandal, der ihn und seine Kollegen hinwegfegen musste wie Trümmer eines von der Sturmflut zerschmetterten Wracks. Nicht nur, weil bei dem Fremden erschöpfende Kenntnis des Woher und Wohin oberste Pflicht der Kolonialpolizei, sondern weil außerdem seit ein paar Stunden bereits durch ein Telegramm aus Hongkong die Identität der beiden New Yorker bekannt war. Man hatte das Auffällige einer nächtlichen Verhaftung vermeiden wollen, da es sich um Angehörige der weißen Rasse handelte, deren Prestige durch den Weltkrieg mehr als genug ins Wackeln gekommen ist. In solchen Fällen, insbesondere bei nicht der eigenen Jurisdiktion unterliegenden, auswärtigen Verfolgungen, zog man die zwangsweise Einschiffung auf einem heimfahrenden Dampfer unter Eskorte eines Detektivs vor. Am liebsten hätte Rowland den Amerikaner hinausgeworfen und weiter nichts mit ihm zu tun gehabt. Aber das ging leider nicht an. Der Bursche würde mit seinem Geschrei die ganze Stadt erfüllen und das amerikanische Konsulat mobilisieren. Schon sah das geistige Auge des Inspektors transatlantische Headlines im Klafterdruck: Amerikaner sucht vergebens Hilfe bei britischer Polizei! und Britischer Inspektor weigert sich, Amerikaner vor Martertod zu retten! Und weiß der Böse, auf was sonst noch Reporterfantasie verfallen konnte. Dabei war er im Grunde machtlos; die Pagode war polizeilich exterritorial. Dort herrschte der Pongyi, der große Ruhm, der gefürchtete Abt. »Verdammtes Pack«, fuhr er den verstörten Joe an. »Kommt daher und glaubt, die vermaledeite Pagode sei ein Kirschenbaum, von dem man nur zu pflücken braucht! So gescheit, wie Ihr seid, sind die Bonzen auch. Ob Ihr Spießgeselle noch zu retten ist, weiß ich nicht. Es existiert da irgendein psychologischer Trick zum Schutz der närrischen Dachgarnitur.«

»Erbarmen, Herr«, stammelte Joe gebrochen. Alle Smartness war von ihm abgeblasen. Nur ein Häuflein unglücklichen Menschentums saß auf der Bank. »Helfen Sie Jim! Er ist ein guter Bursche.«

Der Inspektor griff nach dem Telefon, um seinen Chef aus dem Schutz des Moskitonetzes zu scheuchen. Die Unterhaltung mit dem aus dem besten Schlaf Geklingelten war alles eher wie gemäßigt. Und dann legte er sich ins Zeug. Rasch ging er die Liste der Punditen durch. Das sind die in dichtem Netze über ganz Indien und seine Grenzländer ausgebreiteten geheimen Eingeborenendetektive, die festeste Stütze für Regierung und Polizei. Denn mit europäischen Detektiven ist da nichts zu holen. Auf tausend Eingeborene kommt ein Weißer. Jede Bewegung eines solchen wird naturgemäß zum Ereignis. Und welcher, auch der eisgraueste Anglo-Inder kennt all die zahllosen Idiome und lernt je in der Psyche des Rassen- und Kastengewimmels aus? Alle Klassen dieses Völkergemenges sind unter den Punditen vertreten.

»Sie haben Glück«, sagte Rowland zu Joe. »Einer der Oberbonzen ist Pundit.«

Nachdem Jims erste Gier befriedigt war, begriff er, dass zum Einsammeln der ganzen Juwelenpracht Tage nötig waren, er daher die kurze, verfügbare Zeit bestens ausnützen musste. Bedächtig wählte er nun die größten und schönsten Steine, was seinem nachtgewohnten Einschleicherauge keine Schwierigkeit bereitete. Sorgfältig Stück für Stück aushebend, näherte er sich so der Kuppelspitze. Dort, etwa zwei Meter entfernt, fesselten seine Aufmerksamkeit zwei nebeneinander stehende Steine, grünglitzernde herrliche Stücke, die er für Smaragde hielt. Aber, was war das? Die Smaragde waren plötzlich rot. Jim fuhr sich über die Augen, die beiden Steine schillerten wieder grün. Steine. Nein, lebende, tückisch blinzelnde Gebilde, die in einem platten, plumpen Kopfe saßen, der in schuppig gleißendes Gekringel überging. Jims Herz schlag stockte, seine Kehle umschnürte ekelndes Grauen, eisige Schauer rannen aus zusammengepressten Hüften die Rückenwirbel hinauf. Entsetzt starrte er in die bösartigen Augen, die sich bald zu weiten, bald zu verengen schienen. Rotgrün blitzten und zuckten feine Flammenstrahlen aus ihnen hervor und bohrten sich in seinen festgehaltenen Blick. Wie Schreckgespenster stiegen in seiner Erinnerung fiebrig schnell wechselnde Bilder über die einst gehörte oder gelesene Bannmacht des Schlangenblickes auf. Er wollte sich sachte zurückziehen, um das Reptil nicht zum Angriff zu reizen. Aber sein verstörtes Nervensystem setzte die Willenswellen in ihr Gegenteil um. Statt nach rückwärts machte er ein, zwei Halbschritte gegen das Scheusal hin, der autosuggestiven Kraft seiner Furchtgespinste unterliegend. Verzweifelt rang er nach Willensfreiheit, während sich sein Fuß zum dritten Schritt erhob. Jäh aufwallend gewann sein Selbsterhaltungstrieb die Oberhand. Den Browning herausreißend, berauschte er sich an dem Verlangen, einen vernichtenden Schuss zwischen diese Satansaugen hineinzuschmettern.

Vom Angriffswillen vorgetrieben, setzte er den erhobenen Fuß kraftvoll nieder. Da wich plötzlich unter ihm der Boden, die betretene Platte überschlug sich, und mit einem gellenden Aufschrei sauste er auf steil schräger Rutsche in die Tiefe hinab. Mit den Füßen voran platschte er in einen schlammigen Tümpel, dessen modrig stinkendes Wasser über seinem Kopf zusammenschlug. Noch halb betäubt von der rasenden Niederfahrt auftauchend, gewann er mannhaft seine Geistesgegenwart wieder. Ein rascher Rundblick belehrte ihn, dass er in einem Teich schwamm, der den Boden eines weiten Kellergewölbes bedeckte. Eine von der Deckenmitte herabhängende mächtige Ampel beleuchtete düster den Raum, von welchem Jim nicht mit Unrecht annahm, dass er sich unterhalb der Pagode befand.

By Jove, wie auf der Wasserrutschbahn in Coney Island, dachte er mit wiederkehrendem Humor und schob sich mit ein paar kräftigen Stößen gegen den Rand des Gewölbes hin. Bald Grund berührend, stieg er den trichterförmigen Boden hinan, bis ihm schließlich das Wasser bloß an die Knie reichte, als er sich atemholend gegen das Gemäuer lehnte. Aber, hallo! War er nicht allein in diesem Gelass? In der Mitte des Teiches begann ein kleiner Kreis zu wirbeln, der ringförmige Wellen entsandte. Eine niedrige Kuppe streckte sich zögernd über die Wasserfläche, um zusehends emporzuwachsen, bis sie in immer breiter werdender, stumpfkegeliger Form eine Höhe von anderthalb Metern erreichte und dann jäh in zwei Hälften auseinanderklaffend ein furchtbares Gebiss entblößte. Nachdem sich dieser scheußliche Rachen zur äußersten Weite geöffnet hatte, klappte er mit einem furchtbaren, Nerven durchknirschenden Knacken wieder zusammen, als könnte das Ungetüm nicht genug Luft ins Maul bekommen. Und dann folgte dem sich neigenden Kopf ein monströser gepanzerter Leib, der schräg wie ein treibender Baumstamm halb aus dem Wasser ragte. Kurze Beine begannen zutreten, während der geschmeidige Riesenschwanz das Wasser peitschte. Jim hatte am Mississippi Alligatoren gesehen, aber das waren harmlose Babys im Vergleich zu dieser gigantischen Echse, die mindestens sieben Meter in der Länge maß. Der Koloss drehte sich langsam im Kreis, und seine kleinen blutdürstigen Augen spähten sichtlich nachdem Eindringling aus, den sie in seinem schwarzen Trikot noch nicht zu sehen vermochten. Aber schnuppernd hatte die Bestie das Opfer bald gewittert. Platt an die Wand gedrückt, sah der erbebende Abenteurer mit sinkenden Lebensgeistern, wie sich der ungefüge Kopf in seine Richtung kehrte. Plötzlich versank die Riesenechse, ein gewaltiges Rauschen ging durch die Gewässer, brandend schlug eine Flutwelle gegen Jims Leib, und bevor er begriffen hatte, was geschehen war, fühlte er sein linkes Bein in einer mächtigen Quetschzange erfasst. Gleichzeitig begann die Raubbestie mit dem wuchtig schlagenden Schwanz Gegendampf zu geben, um die Beute in das tiefere Wasser zu ziehen. An einem offenen Kampf ist dem Mugger, dem menschenfressenden Krokodil, selten gelegen. Er zieht es vor, unter Wasser den erreichbaren Teil seines Opfers zu erfassen und es an diesem in die Tiefe zu zerren. Dort braucht er es nur einige Minuten untergetaucht zu halten, um sich gemächlich an die Mahlzeit machen zu können.

In der blitzschnellen Erkenntnis höchster Todesnot verstand Jim. Mit übermenschlicher Anstrengung stemmte er den freien Fuß gegen die verderbliche Zugkraft an, während seine Faust automatisch in den Schurzsack fuhr. Aber seine Gedanken begannen wie ein Windrad zu wirbeln, als ihn die fürchterliche Erinnerung überkam, dass der Browning beim Absturz in den Tümpel fortgeschnellt worden war. Statt der rettenden Waffe erfasste seine bebende Hand nur einen der geraubten Steine, einen großen, konisch geschliffenen Goldopal. Da gleichzeitig sein niedergehender Blick dem tückischen Auge der nach oben gewandten Kopfseite der Bestie begegnete, stieß er in instinktiver Abwehr die Spitze des Juwels in dieses hinein. An der empfindlichsten Stelle getroffen, japste das Ungeheuer nach Luft. Die Beute fahren lassend, überschlug es sich, rasend vor Pein, nach rückwärts. Stürmisch brandete und wogte das Gewässer, bis das Scheusal seine Qual ausgetobt hatte. Aber die Lust zu einem zweiten Angriff war dem Mugger vergangen. Feig glotzte er von der entgegengesetzten Seite des Teiches mit dem unverletzten Auge herüber. Jedoch Jim sah gar nicht zurück. Zusammengebrochen saß er mit stumpfer Miene da. Er starrte auf den Stein in seiner Hand und stammelte mit spasmodisch zuckenden Lippen immer wieder: »Augen – Augen!«

So fand ihn der Pundit und führte ihn dem Pongyi, dem Vater des Ruhmes vor. »Buddha hat ihn gerichtet. Er ziehe seines Weges«, entschied der Herr der Pagode. Und als die Istria den Rangoonarm abwärts dampfte, spazierte auf ihrem Oberdeck ein Detektiv-Sergeant umher. In seiner Tasche befand sich der Schlüssel zu der Reservekabine, in welcher Cracking-Joe leidvoll den auf der Bettstelle kauernden Gefährten betrachtete. Dieser hielt ein Glasstück in der Hand, welches ihm ein mitleidiger Steward geschenkt hatte.

»Augen –Augen«, murmelte er in eintöniger Wiederkehr. Und nickte blödsinnig lächelnd dazu. Hoch oben aber, auf der Kuppe der Pagode, glänzte der aus purem Gold gedrehte Schlangenleib. Im wippenden Sonnenglast funkelten die als Augen eingesetzten Alexandrite bald grün, bald rot. Mit höhnischem Blinzeln schienen sie dem Kurs des Dampfers zu folgen, bis dieser, immer kleiner geworden, jenseits der Kimm verschwand. Triumphierend strich durch das zweitausendfache Silberglockenspiel der stetig wehende Passat.