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Paraforce Band 38

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Der Detektiv – Der Einsiedler vom Dschebel Schamschan – 3. Kapitel

Walter Kabel
Der Detektiv
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Harald Harst gegen Cecil Warbatty
Des berühmten Liebhaberdetektivs Abenteuer im Orient
Der Einsiedler vom Dschebel Schamschan

3. Kapitel

Der Schuss unter den Tisch

Sechs Stunden darauf lief unser Kutter in dieselbe Bucht ein, in der die Westerland noch immer vor Anker lag. Unsere Ankunft rief einen wahren Freudentaumel hervor, zumal sich auch Oberlehrer Schlicht wieder eingefunden hatte, den die Neger wohl aus Angst vor einer Strafexpedition freigegeben hatten.

Inzwischen hatten wir uns von Hilde Held bereits erzählen lassen, was sich am vergangenen Abend in dem Negerdorf abgespielt hatte. Als die Ausflügler es auf dem Rückweg zum Dampfer erreichten, waren alle noch auf dem Beratungsplatz stehen geblieben und hatten dem Treiben der schwarzen Hochzeitsgesellschaft zugeschaut. Hilde Held und Schlicht waren dann von dem Dorfältesten (sie standen etwas abseits von den Übrigen) aufgefordert worden, das neue Heim des heute vermählten Paares in Augenschein zu nehmen. Der Alte hatte dabei so getan, als ob dies eine hohe Auszeichnung für die beiden Touristen wäre, da die geschmückte Hütte eigentlich von niemandem betreten werden dürfe; das bringe Unglück.

Der alte Neger winkte dann einen jüngeren Schwarzen herbei, und dieser führte Hilde und Schlicht zur Westseite des Dorfes, schlug dort den Mattenvorhang einer großen Bienenkorbbehausung zur Seite und stieß die beiden Ahnungslosen mit brutaler Kraft in die Hütte hinein, wo beide sogleich im Dunkeln Decken über den Kopf bekamen und gebunden wurden. Der Dorfälteste aber hatte den anderen Touristen, die sich nach Hilde und Schlicht bald umgesehen hatten, erklärt, sie seien zu der Hochzeitsstätte gegangen und wollten wohl noch länger dem Fest zuschauen. Hilde wurde eine Stunde später von einem Kamelreiter in den Sattel genommen und weggebracht. Den Oberlehrer hatte man zu dem Begräbnisplatz des Dorfes getragen und dort an eine Palme gebunden. Nachher ließen die Schwarzen ihn frei, als sie mit Sack und Pack, Kind und Kegel in aller Stille flüchteten und ihren bisherigen Wohnsitz aus Furcht vor den Folgen ihrer Mithilfe bei dem Mädchenraub aufgaben.

Dies berichtete uns Hilde. Und ihre Schilderung wurde nun noch durch Doktor Schlichts Angaben ergänzt. Erwähnen muss ich noch, dass Hilde einige Brocken arabisch verstand und während des nächtlichen Rittes gehört hatte, dass ihre Entführer, von denen sie im Ganzen respektvoll, wenn auch streng behandelt worden war, mehrfach von dem Einsiedler Schamschan sprachen, an den sie verkauft werden sollte.

Die Westerland verließ abends die Bucht. Der Maschinenschaden war ausgebessert. Kapitän Störmer hatte Warbatty im Vorschiff in eine Kammer eingeschlossen, nachdem er dessen Stricke gegen stählerne Hand- und Fußfesseln ausgetauscht hatte. Harst überzeugte sich persönlich, dass Warbatty nicht entweichen könne. Es schien dies tatsächlich unmöglich.

Nach dem Abendessen hatte Störmer uns in seine behagliche Kajüte zu einem Glas Sekt eingeladen; Harst, Hilde Held, Schlicht und mich.

Nun war es der Oberlehrer, der auf meines Freundes außerordentliche Begabung zu sprechen kam.

»Ich habe in den Zeitungen Ihren Namen so häufig in Verbindung mit der Aufdeckung rätselhafter Verbrechen gefunden«, meinte er. »Es wäre für mich interessant, zu erfahren, wie Sie zum Beispiel gemerkt haben, dass Müller kein anderer als Warbatty war und dass …«

Harst hatte sich schon liebenswürdig verbeugt.

»Also, ein kleines Privatkolleg«, gab er lächelnd von sich. »Sehr gern! Nur ich werde mich knapp fassen. Warbatty ist klein; ihm fehlt der linke Zeigefinger. Ich beargwöhne daher jeden, der seine linke Hand so oder so zu verbergen sucht. Hier an Bord taten es zwei: Müller und der Handschuh tragende Hasting. Ob beide absichtlich die Linke nicht sehen ließen, musste sofort nachgeprüft werden. Bei James Hasting war dies sehr leicht. Ich beobachtete bei Tisch, dass er auch im Handschuh den linken Zeigefinger ganz normal bewegte. Wäre dieser Finger nur ausgestopft gewesen, hätte er ihn nicht so natürlich bewegen können. Hasting war mithin harmlos. Dann der Zahnarzt. Ich horchte Sie, Fräulein Held, ganz unauffällig aus. So erfuhr ich, dass Müller sich Ihrer Touristengesellschaft erst vor wenigen Tagen in Kairo angeschlossen hatte, dass er, als er sich dann angeblich den Unterarm gebrochen, sich jede Hilfeleistung verbeten hatte und allein nach Kairo schleunigst zurückgekehrt war, um sich dort von einem Arzt einen Verband anlegen zu lassen. Kein Arzt wird nun heutzutage einen Gipsverband so ungeschickt herstellen, dass auch die ganze Hand von den Gazebinden verdeckt wird. Der Verband sah eben zu sehr nach Schwindel aus, zu sehr lediglich nach einer Schutzhülle für eine vierfingrige Hand. Da nun der Tag, an dem Warbatty sich in Kairo als Landsmann Müller an Ihren Kreis herangemacht hatte, mit der Zeit seines Entweichens aus Suez übereinstimmte, wo ich ihm abermals einen Riesenbetrug vereitelt hatte, war es wirklich nicht schwer auf den Gedanken zu kommen, dieser geriebene Verbrecher habe den Armbruch nur vorgetäuscht, um vorläufig seine Hand verbergen zu können. Als Sie, Fräulein Held, mir dann noch zu sagen wussten, der Zahnarzt Müller habe hellgelbe, viel zu weite Zwirnhandschuhe getragen, als Sie ihn kennen lernten, und diese auch nie in Ihrer Gegenwart abgelegt habe, da war ich meiner Sache ganz sicher. Warbatty ist mein Todfeind; ich bin nun sein rücksichtslosester und gefährlichster Gegner; ich schone ihn nicht mehr. Er hat so viele Menschenleben auf dem Gewissen, dass man alle Bedenken zurückdrängen und ihn kaltblütig niederschießen muss, falls er nur Miene macht, sich zur Wehr zu setzen. Das hätte ich jetzt fraglos getan. Dies über mein Verhältnis zu ihm. Als ich ihn hier erkannt hatte, war ich natürlich dauernd auf meiner Hut vor einem Anschlag, denn dass Warbatty auch mich und Schraut unter unserer jetzigen Maske durchschaut hatte, bewiesen mir Kleinigkeiten, die ich hier nicht aufzählen will. Dass er sich zum Beispiel als tadelloser Skatspieler gerade einen solchen Skatstümper wie den guten Schraut aussuchte, war schon vielsagend genug für mich.«

Harst schwieg und rauchte schnell ein paar Züge seiner Zigarette.

Da rief Hilde leise: »Mein Gott, welch ein Leben führen Sie, Herr Harst! Es muss doch geradezu nervenzerstörend wirken, dauernd von Gefahren umlauert zu sein!«

»Oh«, meinte Harald scherzend, »ich bin eine viel größere Gefahr für gewisse Leute als diese für mich! Und ich könnte ohne diesen ständigen Nervenkitzel gar nicht mehr existieren. Schraut auch nicht. Nicht wahr, lieber Kerl?«

»Na, für meinen Geschmack könnte der Nervenkitzel etwas schwächer sein«, erklärte ich ehrlich.

Harst prostete mir zu und sagte: »Er tut nur so, als ob er unseren Beruf nicht genau so liebt wie ich. Er ist nur entsprechend seiner Korpulenz etwas bequemer.«

Die anderen lachten. Die Stimmung war recht vergnügt. Harst fuhr dann fort: »Nun zu den Ereignissen in der Bucht. Müller und Schraut besuchten das Negerdorf. Schraut erzählte mir nachher, dass Müller sich mit einem arabischen Händler abgesondert und von diesem einen Dolch gekauft habe. Er beschrieb mir den Dolch. Und sofort tauchte in mir die Erinnerung an eine Orientreise auf, die mich bis an den Fuß des Himalaya-Gebirges und auch nach Aden führte, wo ich mich vier Tage als Gast eines englischen Majors der dortigen Festungsbesatzung aufhielt. Major Robertson kannte Arabien und Nordafrika besser als London. Er war nebenbei Gelehrter und wusste von Geheimnissen, die nie an die Öffentlichkeit dringen. Wir waren Freunde von Berlin her, wo er ein Jahr bei der englischen Botschaft gewesen war. Eines Abends zeigte er mir einen Dolch, dessen Griff mit Türkisen in Form einer Schlange verziert und oben mit einem Petschaft versehen war, dessen Gravierung aus scheinbar planlos eingekerbten Punkten, Strichen und kleinen Kreisen bestand. Er erzählte mir eine sehr abenteuerliche Geschichte, wie er in den Besitz der prachtvollen Waffe gelangt war, erzählte mir von einem arabischen Geheimbund, dessen Führer gegenüber den anderen Mitgliedern diesen Dolch als Erkennungszeichen benutzen. Er drückte auf einen der Rubine. Die Petschaftplatte sprang auf, und unter dieser lag ein kleines, zusammengefaltetes Stückchen Pergament, auf dem ganz ähnliche Zeichen wie auf dem Petschaft zu sehen waren. ›Dieses Pergament ist noch wichtiger als der Dolch. Der Geheimbund, eine weitverzweigte Bande von Dieben, Betrügern, Sklavenhändlern und nebenbei auch politischen Unruhestiftern, hat drei oberste Führer und zweiundzwanzig Unteranführer. Nur die drei besitzen Dolche mit der beweglichen Petschaftplatte. Wenn diese Bande wüsste, dass einer dieser Dolche in meinem Besitz ist, könnte ich getrost mein Testament machen.‹ So sprach Robertson damals. Als Schraut mir den Dolch beschrieb, wusste ich sofort Bescheid. Niemals würde der arabische Händler diese Waffe verkauft haben. Nein, hier konnte es sich nur darum handeln, dass der Händler und Warbatty-Müller sich über einen gemeinsamen gewinnbringenden Streich geeinigt hatten und dass der Araber Warbatty den Dolch leihweise als Ausweis gegenüber einem anderen Mitglied des Bundes überlassen hatte. Dann waren Fräulein Held und Doktor Schlicht im Negerdorf angeblich freiwillig zurückgeblieben. Bester Herr Oberlehrer, Sie dürfen jetzt nicht gekränkt sein, wenn ich sage, dass Sie ein viel zu vorsichtiger Herr sind, um allein für eine Dame unter einigen zweihundert Schwarzen den Beschützer zu spielen. Niemals hätten Sie diese Verantwortung übernommen, Fräulein Held vor der teilweise berauschten schwarzen Bande zu beschirmen. Als ich mir dies klar gemacht hatte, brachte ich Ihr beider Verbleiben im Dorf sofort mit Warbatty, dem Araber und dem Dolch in Verbindung, was ja gewiss recht nahe lag, wenn man Verständnis für weibliche Schönheit besitzt, die hier sehr leicht den Händler und Warbatty zu einer Entführung hätte reizen können. Sie sehen, meine Herrschaften, all diese Kombinationen entbehren jedes Anscheins von …«

Er schwieg plötzlich.

Ich muss hier Folgendes einschalten: Harst saß so, dass eines der beiden runden Fenster der Kajüte, das offen und nicht verhängt war, ihm gegenüber lag. Ich hatte neben Harst einen Korbsessel inne. Vor uns stand der Tisch. Dahinter saßen auf einem Korbsofa Hilde Held und Schlicht, während Kapitän Störmer wieder an der linken Schmalseite seinen Platz hatte. Auf dem Tisch standen Gläser, Aschbecher, zwei Likörflaschen und ein hoher, silberner Sektkühler in Gestalt eines Wurzelstockes einer Eiche.

Harst hatte also soeben mitten im Satz mit Sprechen aufgehört, bückte sich nun und rief:

»Kapitän, entschuldigen Sie, ich habe, fürchte ich, mit meiner Zigarette in Ihren schönen Perser ein Loch gebrannt. Donnerwetter, wo ist denn nur die Zigarette!« Er verschwand ganz unter dem Tisch, der mit einer langen Decke, einem golddurchwirkten Kaschmirgewebe, belegt war.

»Aha, endlich habe ich sie!«, hörten wir nun seine Stimme.

Und dann — wir alle schnellten entsetzt hoch — dann zwei Schüsse kurz hintereinander.

Dann draußen vor dem offenen, runden Kajütfenster ein gellender Schrei.

Harst tauchte wieder auf. In der Rechten hielt er den Revolver.

»Entschuldigen Sie«, sagte er sehr ernst, »hier ging es soeben um mein Leben. Während ich die letzten Sätze vorhin sprach, bemerkte ich dort vor dem Fenster einen hellen Fleck — ein Gesicht, dann ein mattes Blinken — einen Revolver. Da ließ ich meine Zigarette schnell fallen, suchte sie zum Schein, hob die Tischdecke vorsichtig an und zielte auf den Kopf draußen. Doch Warbatty hatte mich durchschaut, feuerte zuerst, schoss vorbei …«

Er fasste sich in die Schläfenhaare, nahm dort einen kleinen Haarbüschel weg, hob ihn hoch: »Sie sehen: Ein Zentimeter weiter nach links, und die Kugel hätte mich erledigt für alle Zeit. Leider habe auch ich vorbeigeschossen. Hätte ich getroffen, würde Warbatty nicht mehr diesen Schrei haben ausstoßen können. Er suchte mich und Sie durch den Schrei zu täuschen, wollte den Eindruck hervorrufen, dass er schwer verletzt ins Meer gefallen sei, denn die Fenster liegen ja außenbords.«

Gleich darauf stellten wir fest, dass Warbattys Zelle leer war. Störmer ließ den Dampfer von oben bis unten durchsuchen. Alle Herren unter den Passagieren beteiligten sich hierbei. Harst und ich selbstverständlich auch. Warbatty blieb verschwunden.

Harst meinte dann, man solle doch mal die vorhandenen Korkwesten und Rettungsringe durchzählen.

Es fehlte eine Korkweste und ein Ring.

»Dann schwimmt Warbatty jetzt im Roten Meer«, sagte Harst.

Störmer wollte die Westerland wenden und zurückdampfen, um den Verbrecher zu suchen. Harst jedoch machte auf das Aussichtslose dieses Unternehmens aufmerksam. Bei Nacht würden selbst Scheinwerfer wenig nutzen, fügte er hinzu.

Der Kapitän sah das ein. So setzte die Westerland denn ihre Fahrt unaufhaltsam fort.

Gegen Mitternacht standen wir beide neben Störmer auf der Kommandobrücke. Ein zauberhaft schöner Sternenhimmel spannte sich über dem durch seine Siedeglut so verrufenen Roten Meer aus. Die Sterne schienen sehr tief zu hängen wie elektrische Birnen an unsichtbaren Schnüren. Das Kreuz des Südens strahlte in unvergleichlicher Pracht.

Harst war still und nachdenklich, sagte dann unvermittelt: »Dieser Warbatty wird uns in Aden wieder begegnen, davon bin ich überzeugt. Wenn der arabische Händler Selim Mustafa ihm den Dolch geliehen hat, den ich jetzt besitze, dann wird er ihm auch einen Namen genannt haben, den in Aden jedes Kind kennt, den des Einsiedlers vom Dschebel Schamschan, eines Derwisches, der als Wundertäter berühmt und der, wie Major Robertson behauptete, das oberste Haupt jenes Geheimbundes nebenbei noch ist. Selim Mustafa hat während des Kamelrittes, wie Hilde Held hörte, den Einsiedler vom Schamschan wiederholt erwähnt.«

Störmer schüttelte ärgerlich den Kopf. »Zum Teufel, bester Herr Harst, ich würde diesen Halunken nicht weiter verfolgen«, meinte er halb ärgerlich. »Fräulein Held hat ganz recht: Ihr Beruf würde selbst mir zu nervenbeunruhigend sein!«

»Geschmackssache!«, erwiderte Harst achselzuckend. »Ich habe hier an Bord noch jemand, der mich interessiert und dem ich in Aden etwas auf die Finger sehen will. Bei einer solchen lockenden Fülle von Geheimnissen ist es schwer, auf Warbatty zu verzichten.«

»Noch jemand?«, fragte Störmer verwundert. »Ja habe ich denn auf der Westerland diesmal nur fragwürdiges Gesindel?«

Harst erwiderte nichts, begann nach einer Weile über Mädchenhändler und ihre verschiedenen Methoden zu sprechen, ihre lebende Ware heimlich und heimtückisch nach dem Orient zu verschachern. Als ich ihn nachher bat, mir zu sagen, wer denn derjenige sei, den er hier noch beargwöhne, bekam ich wieder das bekannte ironisch-vorwurfsvolle Aber Max Schraut! zu hören.

»Weißt du denn wirklich nicht, wen ich für wert halte, dass ein Harst ihm auf die Finger sieht?«, fügte er hinzu.

»James Hasting«, meinte ich unsicher.

»Vielleicht!«

Am übernächsten Morgen warf die Westerland im Handelshafen von Aden Anker. Wir waren jedoch bereits vier Stunden früher in aller Heimlichkeit noch während der Dunkelheit auf einen plumpen Fischkutter übergestiegen, der uns dann gegen gute Bezahlung zu der Conquest Bay südwestlich des Dschebel Schamschan brachte, wo wir erst mittags landeten.

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